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Bring me to the garden where we'd go
Skadi & Liam
Szenen-Informationen
Charaktere Gast
Datum 20 April 1822
Ort auf der Sphinx
Tageszeit später Abend bis nachts
Crewmitglied der Sphinx
für 250 Gold gesucht
dabei seit Apr 2016
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#11
Sie hatte Ziele. Immer wieder hallten diese Worte durch ihren Kopf. Skadi war sich unsicher, ob sie zu euphorisch geklungen hatte oder Liam etwas in ihr sah, das sie zu gut vor sich selbst versteckt hielt. Zwar hatte sie die eigenen Worte gehört, als sie über ihre Lippen geflossen waren - doch diese Reaktion verwirrte sie innerlich irgendwie. Wieso wurde sie nur so sehr nervös, sobald sie die dunklen Augen auf die Miene des Älteren heftete und dabei den stillen Wunsch verspürte, dass ihr Ziel doch weniger die Jagd nach Legenden denn... etwas anderem sein sollte. Das das plötzliche Pochen gegen ihre Brust, irgendetwas mit der aufkeimenden Hitze zu tun hatte, die ihren Körper vom Zentrum aus durchfuhr und den Blick erst aufmerksam, dann verträumt auf die braunen Augen ihres Gegenüber heftete. "Ein ziemlich Gutes.", bestätigte sie leise. Ihre innere Skadi fluchte innerlich über die unbedachten Worte, die sie unter einem sanften Schmunzeln ausgesprochen hatte. Was glaubte sie eigentlich was das hier war? Moment... was war das hier gerade?
Unweigerlich verschwand die warm gelaufene Wange an Liams Schulter zurück, ohne das verlegene Lächeln verbergen zu können, das sich kurz an ihre Mundwinkel heftete. Dieser Kerl brachte sie gerade irgendwie vollkommen durcheinander - und das sie selbst daran Schuld trug, registrierte sie nicht einmal. Entgegnete dem Druck seiner Fingerkuppen mit einem tiefenentspannten Ein- und Ausatmen und sah erst wieder auf, als eine sehr seltsame Frage durch den Raum waberte. "Ich glaube Drachen stehen eher auf Gold und Lämmer." Zumindest war es immer das, wonach es ihnen in den Geschichten gelüstete oder? "Oder Musik..."
In Skadis Blick interpretierte er, dass er richtig gelegen hatte. So marginal und kindisch dieses Ziel auch klang – sie wäre nicht die einzige gewesen, die sich danach sehnte, die Welt mit all ihren Geheimnissen zu sehen. Und jetzt, wo sie frei war, standen ihr jegliche Türen dafür offen. Es war ein Ziel, welches man unmöglich erreichen konnte, doch mit jeder Entdeckung, jedem Abenteuer fühlte man sich ihm näher denn je. Es gab keine Erfüllung. Also auch keinen Moment, der einem den Boden unter den Füßen wegriss und einen halb schwebend, halb fallend im Leben zurückließ. Ob es wirklich das war, was sie mit ihrem Leben nun anfangen wollte, musste sie ganz für sich allein entscheiden. Aber allein die Idee war ein Schritt in die richtige Richtung. Ein Schritt zurück zu einem Sinn, der mehr beinhaltete, als den Tag irgendwie herumzubringen. Der Lockenschopf wandte den Kopf herum, als Skadis Wange zurück an seine Schulter wanderte, sie kurz dabei beobachtete, wie sie offenbar angetan von diesem Gedanken unscheinbar in sich hinein lächelte. Da hatte sie Stoff für ihre Träume und für ihre Zukunft, wenn sie denn so wollte. Die Berührung ihrer Hände kam ihm inzwischen schon so selbstverständlich vor, dass ihm gar nicht in den Sinn kam, sie aufzulösen. Stattdessen schob er abwesend Papier und Stift von seinem Schoß, während er die Frage aussprach, die ihm just in diesem Moment in den Sinn gekommen war. Nichts weltbewegendes, nichts von großer Bedeutung, sondern einfach eine Albernheit, über die er sich manchmal gerne Gedanken machte.
„Stimmt. Musik.“, entgegnete er und seine Augenbrauen schoben sich kurz nachdenklich zusammen. „Und Jungfrauen.“ Er sprach es aus, als würde er selbst nicht verstehen, wie die Leute auf solche Ideen kamen, um sie in ihre Legenden einzubauen. „Dann kann ich euch ja vielleicht doch irgendwann mal den Hintern retten.“, verkündete er schließlich stolz mit einem schiefen Grinsen. „Also… Mit ersterem. Bei der Jungfrauen-Sache ist das Schiff glaube ich schon ausgelaufen.“, konkretisierte er mit zusammengekniffenen Augen und lachte.
Es war gut, dass Liam nichts von dem mitbekam, was Skadi gerade selbst nicht so recht einzuordnen wusste. Schnell stopfte sie es deshalb in eine weitere Schublade und schob das Holz quietschend in die Öffnung zurück. Hier und da presste sie noch die überstehenden Emotionen hinein... und schwups war der Schrank zumindest optisch aufgeräumt und sauber.
Somit wandte sie sich wieder entspannter der Situation zu und genoss einfach die Nähe und Wärme, die er mit ihr teilte. Ließ langsam den Daumen über den weichen Handrücken gleiten und betete bei seinen Worten bereits die nun mehr freie Hand auf die Innenseite seines Oberarms. Zeichnete abwesend kleine Male und Kreise darauf.
"Willst du dich jetzt darüber beschweren?", erwiderte sie glucksend und knuffte ihm mit dem Ellenbogen in die Seite. "Aber mal ehrlich... diesen Drachen tanze ich noch um den Verstand. Wirst du schon sehen... ich bin eine meisterhafte Tanzpartnerin." Gespielt stolz reckte sie ihr Kinn in die Höhe. Schüttelte sich die dunklen Haarsträhnen dabei auf dem Gesicht und konnte dann doch nicht anders als in Liams Lachen einzusteigen. "Aber ich wäre dir sehr dankbar für eine Rettung."
Ungläubig zog sich seine Stirn in Falten. „Sehe ich gerade so aus, als würde ich mich über irgendetwas beschweren wollen?“, entgegnete er und schnaubte belustigt. Da gab es weitaus andere Dinge, die ihm in den Sinn gekommen wären, um sich zu beschweren – das hier gehörte zweifellos nicht dazu. Sonst säße er nicht hier, um sorglos mit ihr herumzualbern, währen der Rest der Crew seelenruhig schlummerte. „Das durfte ich schon feststellen.“, bestätigte er zustimmend, als sie ihre Tanzkünste ins Spiel brachte. „Und ich muss zugeben, dass ich lange nicht mehr so eine begnadete Partnerin hatte wie an diesem Abend.“ Es war ein Kompliment, was ihm einfach und ehrlich über die Lippen kam. „Aber ein Problem gäbe es da.“ Er machte eine kurze Pause, spannte sie absichtlich auf die Folter, während er aus den Augenwinkeln zu ihr hinab sah, ehe er fortfuhr. „Ich würde beides nur ungern einem anderen überlassen.“ Weder die Musik noch den Platz an ihrer Seite beim Tanz.
Er sah mehr aus wie eine überglückliche Ente. Selbst wenn der Vergleich mit diesem Tier hinkte, weil Liam mehr Ähnlichkeit mit einem lockigen Hund aufwies, als einem Vogel. Aber auch das war der Nordskov vollkommen egal, die auf seine Worte nur die Lippen zu einem verschmitzten Lächeln verzog. Sein Kompliment hingegen ließ sie kurz innehalten und die Mundwinkel bis zu kleinen Grübchen in den Wangen zurück wandern. Spiegelte sich funkelnd in ihren Augen wider und hinterließ ein knappes Räuspern in der Luft. "Danke... es ist lange her, dass ich überhaupt so getanzt habe. Gut zu wissen, dass ich nicht allzu sehr eingerostet bin." An das letzte Mal konnte sie sich nur wage erinnern. Verdrängte den Gedanken jedoch besser, bevor er ihr unangenehm durch den Magen zog.
Hatte sie sich gerade wieder entspannt an seine Seite lümmeln wollen, pflanzte Liam eine perfide Neugierde in ihren Kopf, die sie sichtlich irritiert aufhorchen ließ. Was konnte an so etwas harmlosen wie Musik und Tanz problematisch sein? Augenblicklich wandte sich der dunkle Haarschopf wieder herum, richtete sich auf die feinen Züge des Musikers mit skeptisch zusammengezogen Augenbrauen. Und dann sagte er nur wenige Worte, die Skadis Kopf für eine Weile leerfegten. Mit halb geöffnetem Mund starrte sie Liam entgegen. Unsicher, ob sie ihn ernst nehmen oder einfach nur geschmeichelt sein sollte. Doch stattdessen ertappte sie sich dabei, wie sie ihre Lippen aufeinander presste und sich dann voraus beugte. Dem Lockenkopf mit einem warmen Lächeln, das sich bis in die dunkeln Augen vorwagte, einen Kuss auf die Wange hauchte und kurz seine Nasenspitze mit der ihren berührte. "Du bist süß..."
Guten Gewissens konnte er ihre Bedenken mit einem langsamen Schütteln des Kopfes aus der Welt schaffen. Eingerostet war sie keineswegs, er war vielmehr überrascht gewesen über das ungeahnte Talent der Nordskov, mit dem sein Abend eine weitere positive Wendung genommen hatte. Doch bevor er sich großzügig zu möglichen Übungsstunden anbieten konnte, kam er zurück auf den Gedanken mit dem Drachen, wobei die schuppige Echse längst in den Hintergrund gerückt war. Stattdessen sah er sich einem anderen Zwiespalt gegenüber, den er nicht zu verbergen hatte. Denn das Tanzen mit ihr machte in etwa genauso viel Spaß wie das Musizieren an sich. Auf eine andere Art eben, die keineswegs besser oder schlechter war. Doch Skadis Reaktion blieb für’s erste aus, ließ das Lächeln auf seinen Zügen ein wenig unsicher verrutschen. Und gerade, als er fragen wollte, ob alles in Ordnung war, lehnte sie sich vor und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange, der ihm das Blut in die Ohren trieb. Das hier war nicht das Gleiche wie vorhin. Und so nichtig dieser kleine Kuss auch bei allem wirkte, was sie in ihren Erinnerungen verband – Liam wurde das Gefühl nicht los, dass ihm viel mehr Ehrlichkeit innewohnte als allen zuvor. „Na, was wahr ist…“, entgegnete er ein wenig in der Luft hängend, während sein Blick ganz automatisch wieder auf ihre Hände fiel und ihm dämmerte, was gerade passierte.
Liam schluckte und obwohl ihm deutlich bewusst wurde, dass das hier der Punkt war, an dem es ihre Vereinbarung einzuhalten galt, stand er weder auf, noch löste er seine Hand von ihrer. Und er wusste verdammt noch mal nicht, wieso. Seinen Satz brachte er dennoch nicht zu ende, sah ihr stattdessen wieder ins Gesicht, als ihm auffiel, wie lange er schwieg und erhob sich dann doch – sie an der Hand mit hinauf ziehend. „Komm.“, war alles, was er sagte, ehe er sie zu sich heranzog, den Griff um ihre Hand löste und seine Handfläche in ihre legte. „Ich schätze, ohne ein bisschen Übung bekommen wir keinen Drachen beeindruckt.“ Ob sie verstand, worauf er hinaus wollte, als sich das Lächeln zurück auf seine Lippen gestohlen hatte?
Wieder verzogen sich die vollen Lippen zu einem sanften Schmunzeln. Kippten jedoch mit jeder Sekunde die Verstrich und Liams Worte ohne eine weitere Reaktion verhallten. Fast legte sich der Kopf der Nordskov auf die Seite. Ergründete, weshalb der Lockenkopf schlagartig so nachdenklich den Blick senkte und auf ihrer Hände starrte. War damit irgendetwas nicht in Ordnung? Drückte sie zu fest zu? Automatisch lockerte sie den Griff ihrer Finger ein wenig. Sie wollte ihn definitiv nicht einengen. Das er allerdings begann diese ganze Situation mit den Augen eines Außenstehenden zu sehen, kam er ihr gar nicht erst in den Sinn. Wahrscheinlich weil sie es wie so vieles verdrängte, sobald ihr Alarmsystem die ersten Anzeichen registrierte.
Etwas irritiert blickte sie dem Musiker also entgegen als er entschlossen die dichten Locken tanzen ließ und dann ihre Wenigkeit zu sich hinauf zog. Wie eine Puppe folgte sie ihm ohne jegliche Gegenwehr. Stand für einen kurzen Augenblick unsicher auf den Beinen und hielt sich mit ihrer Hand an seinem Oberarm fest, während die andere unverändert in seiner verweilte. Nicht gewillt sie jemals wieder loszulassen. Nur langsam sickerten seine Worte in ihren Kopf. Hinterließen jedoch augenblicklich einen sanften Ausdruck auf ihren Zügen, der erstaunlich oft in den letzten Minuten dort verweilte. "Und das wollen wir ja nicht. Ihm muss schließlich die Kinnlade hinab fallen." Skadi zwinkerte Liam verschmitzt zu. Lockerte die Finger auf seinem Oberarm und straffte augenblicklich ihren Rücken. Dass sie keine Musik parat hatten, war ihr sogar vollkommen gleichgültig. Womöglich hätte sie über ihr wummerndes Herz, das ein angenehmes Rauschen in ihren Ohren hinterließ, ohnehin nichts mehr vernommen. Mit einem kurzen Schritt trat sie näher an den hoch gewachsenen Casey heran, hob die Hand, die immer noch in seiner ruhte und ignorierte das jähe Pochen an ihrem Hals, kaum dass sein Atem ihre Züge streifte. Diese Nähe fühlte sich just so anders an. Vertraut wie seltsam zugleich. Angenehm kribbelnd. Und nicht ansatzweise so aufgeheizt wie wenige Stunden zuvor. Doch das hier war nicht weniger aufregend. Im Gegenteil. Liams Hand auf ihrem Rücken jagte ihr abrupt eine Gänsehaut auf die Arme und wandte den Blick aufs braunen Augen erst zögerlich hinauf. Unter einem sanften Lächeln.
Was redete er sich da eigentlich gerade ein? Er war selbst ein bisschen überfordert mit dem, was ihm plötzlich durch den Kopf spuckte, suchte für alles eine einfache, nachvollziehbare Erklärung, um sich selbst zu überzeugen. Es war nichts dabei. Wie oft hatten Lubaya und er gemeinsam im Sand gehockt, die Hände ineinander in einer Geste aus Freundschaft wie zwei Kinder, die nicht allein sein wollten? Aber bei all der Selbstverständlichkeit, mit der er sich dieser Geste hingegeben hatte – Skadi war nicht Lubaya. Und obwohl ihm das jede Sekunde bewusst gewesen war, war er fraglos davon ausgegangen, dass sie die Sachen ähnlich handhabte wie sie. Es war einfacher gewesen, hatte ihm darüber hinweggeholfen, dass er sich hatte hinreißen lassen, bevor sie eindeutig geklärt hatten, was das hier werden sollte. Denn wie er die Sache auch drehte und wendete – es wäre seine Schuld gewesen und Skadi diejenige, die darunter litt. Und kaum, dass sie vor ihm stand, ihn ein wenig irritiert anblickte, ehe sie verstand, was er vor hatte und ein sanfter Ausdruck auf ihren Zügen erschien, wollte er einfach nicht mehr darüber nachdenken. Was auch immer das hier war – es war ihm egal, solange es sich so anfühlte, wie es sich eben anfühlte. Sollte sich doch der Zukunftsliam damit herumschlagen.
„Jedenfalls lange genug, dass die anderen ihn um seinen Schatz bringen können.“, formulierte er sein Ziel mit einem Schmunzeln. Zu seiner Überraschung fragte Skadi gar nicht danach, woher sie Musik bekommen sollten. Und obwohl der Lockenschopf diese Tatsache nur beiläufig registrierte, nistete sie sich wohlig warm in seinen Gedanken ein und bestätigte abermals, dass sie den Blick für die wichtigen Dinge nicht verloren hatte. Dinge jedenfalls, die Liam als wichtig empfand. Denn wozu brauchten sie schon Musik, wenn sie sie in Gedanken trugen? Wobei Liam gerade eher feststellte, dass ihm sein Herz recht deutlich einen Takt vorgab, als er den fast schon scheuen Blick Skadis erwiderte, bevor er begann, sie sanft über die Holzplanken des Schiffes zu führen. Und was auch immer ihm die ganze Zeit durch den Kopf gespukt war – für den Moment gab es nur sie. Sie und die Melodie, die sich leise in seinem Kopf abspielte wie der Klang einer Spieluhr.
Alles was sich unter den dunklen Haaren abspielte, die wie kleine Wellen im Takt ihres Tanzes hin und her schwappten, war die Freude am Moment. Hätte sie nur eine Sekunde geahnt, wie sehr die Verwirrung, die gerade eben noch sie selbst durchflutet hatte, nun in Liam wütete, wäre sie wohl stehen geblieben, um ihn mit einem derben Spruch zurück zu sich zu holen. Sie war nicht dumm. Ihr war klar, was dieses Kribbeln zu bedeuten hatte. Wieso ihr Herz in den letzten Minuten so außer sich gewesen war. Doch sie hatte für sich entschieden, dass es besser war diese tief schürfenden Gefühle auszuklammern - solange sie konnte und solange Liam keine Anstalten machte etwas daran ändern zu wollen.
Sie war pragmatisch genug, um diese Liebelei als solche wahrzunehmen - als zwei Menschen, die sich gut verstanden und wann immer es die Situation ergab, einen kurzen Abstecher zur Körperlichkeit wagten. Um nichts in der Welt würde die Nordskov dieses Gefühl hinfort geben, das der Lockenkopf in ihr frei setzte. Solange sie sich gut dabei fühlte, gab es keinen Grund neue Grenzen für sich zu setzen. Sich nicht dem hinzugeben, was geschah.
Letztlich war nichts verwerfliches daran, Liams Bewegungen zu folgen und ihn in seiner Leidenschaft zu spiegeln. Sich das erste Mal seit langer Zeit wieder wie eine Frau zu fühlen, die begehrt wurde. Und womöglich war es genau dieser Gedanke, der sie dazu brachte ihr Herz in ruhige Bahnen zu lenken und sich auf die Führung Liams zu fokussieren.
“Aber kannst du auch genauso schnell davon laufen? Ich glaube so ein beraubter Drache verkohlt uns schneller, als wir bis drei zählen können.“
Mit einem halben Lachen auf den Lippen ließ sich der schmale Körper der Nordskov in die elegante Drehung gleiten und tauchte unter Liams Arm hindurch. Drehte sich auf den Zehenspitzen um sich selbst und vollführte die nächsten Schritte ihrer Einlage um ihn herum. Streifte dabei mit den langen Fingern über seine Schulter und kam lächelnd auf der anderen Seite bei seiner ausgestreckten Hand zum Stehen. Wie selbstverständlich bettete sie ihre eigene auf der dargebotenen Fläche und wirbelte - mit Kraft gezogen - dicht an den Lockenkopf heran. Stoppte ihre Geschwindigkeit mit einer Hand auf seiner Brust und hob für einen Moment nachdenklich die dunklen Augen. “Wo hast du eigentlich so zu tanzen gelernt?“
In erster Linie war sein Vorschlag egoistisch gewesen, um den Kopf etwas frei zu bekommen, um sich bewegen zu können. Doch wie es schien, tat es nicht nur ihm gut. Vielleicht lernte er jetzt erst zu schätzen, was Skadi ihm den Abend über offenbart hatte. Ihre Vergangenheit, all das, was sie im Inneren bewegte und was sie all die Jahre hatte unter Verschluss halten müssen. All das, was sie nicht jedem freizügig ans Ohr schwatzte, weil es die Leute schlicht und ergreifend nichts anging. Sie war allein und er vermutlich der erste seit Jahren, der sich überhaupt die Mühe machte, sie wirklich kennenlernen zu wollen, ohne sich an den Ecken und Kanten zu stoßen, die jeder Mensch eben mit sich brachte. Und auch, wenn ihm ihre Situation klarer und klarer wurde, tat er es nicht aus Mitgefühl oder Aufopferung. Er tat es, weil er es wollte und weil er die sorglosen Momente mit Skadi zu schätzen gelernt hatte. Herumzualbern und all den Lasten dieser Welt ihre Bedeutung abzusagen. Tun und lassen zu können, was man wollte, während man sich bei all den anderen um eine möglichst ernste Miene bemühen musste. Sie gab ihm die Freiheit, der zu sein, der er war, ohne einen abschätzigen Blick zu ernten, den er eh nicht für voll nahm. Liam war nicht naiv. Ihm war bewusst, dass das hier nichts anderes als ein weiteres Abenteuer auf seiner Reise war. Eine Begegnung, und war sie noch so intensiv, an die er sich gerne zurückerinnern würde, wenn sie vorbei war. Ein weiteres Gesicht, über das er sich bei einem Wiedersehen freuen konnte. Und Freunden stand man bei, gab ihnen, was sie brauchten und ertrug auch mal die schlechteren Launen. Und wenn es Nähe war, war er der letzte, der es ihr verwehren wollte.
Der kindlich-zerbrechliche Ausdruck auf ihren Zügen verschwand mit jeder Bewegung, die sie gemeinsam zur Melodie des Meeres übers Deck beförderte, mehr von ihren Zügen, brachte wieder die Frau zum Vorschein, die mit Stolz behaupten konnte, jemand zu sein. Er hatte wirklich seit langem niemanden mehr so tanzen sehen, so selbstbewusst und leidenschaftlich und so voller Freude dabei. Und gerade jetzt in der Bewegung, wo er genau wusste, was er tat und was als nächstes kam, fiel es ihm leicht, seine Gedanken in die Bedeutungslosigkeit zu schicken. Wie sollte etwas, was sich so gut anfühlte, falsch sein, bloß weil die Gesellschaft es anders sah? So lange sie wussten, was sie taten, konnten sie tun, was sie wollten. Und sie wussten beide, was sie taten. Skadi kam ihm nicht vor wie eine Frau, die sich an den erstbesten Mann hing, der ihr über den Weg lief. Sie genoß einzig und allein die Freiheit, wieder sie selbst sein zu können. Nicht Kaladar. Nicht sonst wer. Und er gab ihr die Freiheit, zu sein, wer sie wollte.
Mit einem Lachen nahm er ihre Bemerkung wahr, führte sie in die nächste Drehung hinein. „Wer mit dem Feuer spielt, muss wohl damit rechnen, sich zu verbrennen.“, entgegnete er unbeeindruckt, als der zierliche Körper der Nordskov ihn umrundete, ehe er sie wieder zu sich heranzog. „Im Vergleich zu anderen jungen Männern trieb ich mich eben nicht nur in Bordellen herum.“, war seine erste Antwort, die er ihr mit einem Zwinkern verkündete, ehe er sie wieder in einen langsameren Tanz führte. „Meine Mutter legte Wert darauf.“, folgte aber kaum zwei Herzschläge später die Wahrheit. „Sie wollte, dass wir uns bei Gesellschaften wenigstens etwas vorzeigbar benahmen.“
"Wohl wahr.", murmelte sie leise hinter den dichten Locken hervor. Sah ihnen für einen Sekundenbruchteil beim Auf- und Abwippen zu und musste just an die kleinen Löckchen ihrer Schwester denken. An das mürrische Brummen, das sie immer erntete wenn sie wieder einmal vollkommen geistesabwesend ihre Finger darum zwirbelte. "Das erklärt eine von mir nicht gestellte Frage." Mit einem schelmischen Grinsen bedachten die dunklen Augen die braun gebrannte Miene des Musikers, der ihr mit einem Zwinkern offensichtlich eine Halbwahrheit auftischte. Oder zumindest den Versuch unternahm, die lockere Stimmung auf ihre altbewerte Ebene zu heben. Erfolgreich, wie Skadi belustigt feststellte und augenblicklich die Erleichterung in ihrer Brust tanzen spürte. Sie musste sich daran gewöhnen, dass es immer wieder einmal Momente zwischen ihnen gab, die anders waren, als der ganze Rest. Die an irgendwelchen Türen kratzten, die sie wohl beide mit eisernem Willen verschlossen hielten. Jeder aus einem anderen Beweggrund heraus und doch mit demselben Ziel.
"Weil ein verträumter, intelligenter Sohn nicht vorzeigbar ist?" Skadis Miene wurde unweigerlich eine Spur ernster. Doch nicht, weil sie etwas daran auszusetzen hatte, was der Lockenkopf sagte. Sondern weil sie dieses ganze Gehabe der oberen Gesellschaft nicht verstand. Weil ihr noch nie in den Kopf gehen wollte, was so viel besser war einen polierten Schein zu wahren, wenn der Charakter dahinter dem eines verrottenden Tierkadavers glich. "Aber deine Tanzkünste schlagen deinen Arbeitseifer tatsächlich um Längen.", fügte sei mit einem breiten Grinsen und Auflachen hinzu. Auch daran störte sie sich nicht. Jeder besaß sein eigenes Tempo und seine besonderen Fertigkeiten. War ein wichtiges Rädchen in der Maschinerie dieses Schiffes. Was Liam vielleicht nicht an Motivation für schwere Arbeiten mit sich brachte, die er dennoch tat, wenn man ihn dazu nötigte, dass kompensierte er gut in seiner Leichtigkeit und seiner Hingabe zur Musik. Ohne einen Freigeist wie ihn, würde sie wohl in ihren Gedanken versunken an der Reling stehen und kein Wort über ihre Lippen bringen. In dem Alltag der Sphinx untergehen und all ihre wohl gehüteten Geheimnisse für immer mit ins Grab nehmen, sofern Enrique nicht danach grub. "Wart ihr dann viel auf solchen Veranstaltungen, wenn ihr das so wichtig war?" Aufmerksam musterten die dunkelbraunen Iriden, das Gesicht ihres Gegenüber, während sich die flache Hand von seiner Brust über seine Schulter auf seinen Oberarm zurück schob.
In seiner Vorstellung stellte das Ganze sogar einen ziemlich beeindruckten Abgang dar. Furchtlos tanzend in Angesicht der Bestie und nur einen Moment später in der Hitze zu Staub zerfallend. Fast schon bedauerlich, dass man niemandem mehr davon erzählen können würde, wie er fand. Doch statt sich weiterhin in der fragwürdigen Utopie seiner Träumereien aufzuhalten, entgegnete er den Blick Skadis, hinterfragte nicht, ob sie ihm abkaufte, was er da erzählte, denn darauf hatte er absolut keinen Wert gelegt. In seinen Mundwinkeln zuckte der Schalk zwischen dem Vergnügen, welches er im Tanz mit ihr verspürte. Und auch, wenn seine Miene ernster wurde, als das Thema mehr oder minder abermals auf seine Mutter fiel, lag das nicht daran, dass er nicht darüber reden wollte. Es war viel mehr, dass er genauer als üblich über seine Worte nachdenken musste, während er sich gleichzeitig darauf konzentrierte, Skadi ein annehmbarer Tanzpartner zu sein. Ihr indirektes Kompliment belächelte er, ging aber nicht näher darauf ein. Ihre Frage klang ernst und Liam konnte sich gut vorstellen, dass sie bislang – außer bei der Marine – nie groß in die Berührung mit solchen Veranstaltungen gekommen war. „Nicht, wenn er unter den Tischen Verstecken spielt oder seine neue Schleuder an den Kerzen ausprobiert.“, relativierte er seine Aussage und räusperte sich gespielt schuldbewusst. Damals hatte er den Veranstaltungen wirklich nicht viel abgewinnen können. Für ein Kind waren sie mehr als langweilig gewesen, doch mittlerweile hatte er Tanz und Musik sehr zu schätzen gelernt. Heute hätte er sie vermutlich mit anderen Augen gesehen.
Bei Skadis Bemerkung verrutschte sein Lächeln, sah sie mit einer Mischung aus Irritation und Nachdenklichkeit an, während er zu ergründen versuchte, was genau sie damit meinte. Das breite Grinsen auf ihren Zügen allerdings ließ keinen Interpretationsfreiraum für einen Vorwurf, sodass er nach einer kurzen Weile in belustiger Fassungslosigkeit den Kopf schüttelte und die Jüngere kurzerhand mit etwas mehr Schwung als üblich in die nächste Drehung führte. Bislang hatte sich noch niemand beschwert – jedenfalls nicht so, dass er es als ernsthafte Beschwerde verstanden hätte. Damit disqualifizierte Aspen sich automatisch selbst. „Sie genoss es, ja. Aber nicht, weil ihr irgendetwas daran gelegen hätte, unseren Ruf zu beschönigen.“ Dazu hatte sie ihre beiden Chaoten viel zu gern gehabt und außer an manchen dieser Abenden kaum Ernsthaftigkeit von ihnen verlangt. „Des Tanzes wegen. Und der Gesellschaft enger Freunde natürlich. Im Mittelstand waren solche Gesellschaften noch aushaltbar. Im Adel will ich mir die angespannte Stimmung gar nicht vorstellen.“ Seine Mutter hatte sie wirklich genossen. So lange, wie sie jedenfalls noch ungehindert hatte besuchen können. „Aber ihr hattet doch bestimmt auch Feste und Feierlichkeiten?“
Sie musste einen Nerv getroffen haben. Immer wieder verrutschte das Lächeln auf Liams Miene und setzte einen unangenehmen Knoten in ihren Bauch. Dieses Gesicht war so ungewohnt auf seinen Zügen. War es bereits, als sie noch vor wenigen Stunden einander die schönsten und schlimmsten Erinnerungen entlockt und miteinander geteilt hatten. Im Nachgang wirkte es auf Skadi so surreal. Nahm man es genau, kannten sie sich doch nicht mehr als ein paar Wochen, Monate. Und dennoch fühlte es sich seit Miluî an, als wäre der Lockenkopf schon immer Teil ihres Kosmos gewesen und hatte nur eine sehr lange Zeit gebraucht, um von einer langen Reise zurück zu kehren. Nachdenklich musterte sie somit die feinen Züge ihres Gegenübers und lächelte matte bei seinen Worten. Sie konnte sich diesen kleinen Lausbuben lebhaft vorstellen – sie war selbst nicht anders gewesen. Doch statt einer Schleuder hatte sie gern mit einem Blasrohr kleine vertrocknete Maiskörner verschossen.
“Du wärst mein bester Freund gewesen.“, gab sie somit glucksend zu und verkniff sich merklich das breite Grinsen. Fühlte sich just an die tausend Male erinnert, in denen sie vor ihrem Vater davon gerannt und zu Hause einer Tracht Prügel unterzogen worden war. Oder er sie einfach zur Buße den ganzen Tag bis in die späten Abendstunden arbeiten ließ oder wahlweise am Pfahl im Dorf festband. Damit alle Anwesenden sie belächeln und auslachen konnten. Denn seine Tochter war ein dickköpfiges Ding, das man meist nur über seinen Stolz zu packen bekam.

Schwungvoll führte Liam sie in die nächste Drehung und vertrieb damit alle Gedanken. Gab ihr damit sogar eine wortlose Antwort auf ihre Aussage, die sie mit einem Lächeln quittierte. Liam hatte verstanden, dass sie es nicht sonderlich ernst meinte – und Skadi sah ihm an, dass er die Dinge womöglich ähnlich sah wie sie. Mit einem kleinen Schritt voraus, trat sie wieder dichter an den Musiker heran und wiegte sich im Takt der ungespielten Melodie. Ließ die braunen Augen für einen stillen Moment über die breite Schulter auf das dunkle Meer huschen und blickte aus den Winkeln zu Liam zurück. Irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los, dass ein wenig Wehmut in seiner Stimme mitschwang. Ein wildes Gemisch aus Gefühlen, das nicht so richtig in eine Richtung zuzuordnen war. Ob es da nach all den Jahren immer noch etwas gab, das ihn beschäftigte? Skadi würde es nicht wundern nach allem, was sie nun über ihn und seinen Vater wusste. Alles schrie danach, dass es Dinge gab, die gut hinter verschlossenen Türen verdrängt wurden.
“Und wie wir die hatten. Aber ich vermute stark, dass unsere weitaus zügelloser waren, als eure.“ Ein verstohlenes Lächeln schob sich auf ihre Züge und bohrte sich amüsiert in ihre Mundwinkel. “Zumindest wenn wir auf unserer Insel und nicht direkt auf Trithên waren.“ Denn dort hatte sich die junge Wilde stets benehmen und sogar in festliche Kleider zwängen müssen. Für ein Kind, das gelernt hatte, im tropischen Wald zu leben und mit nicht mehr bekleidet zu sein, als einer knappen Hose und einer Brustbandage, war das die reine Folter. Und erklärt womöglich warum die Nordskov auch jetzt nur das nötigste an Kleidung trug. Selbst das fühlte sich bereits zu viel auf ihrer Haut an. “Konnte deine Mutter auch Geige spielen?“
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#12
Wie unterschiedlich sie letztlich aufgewachsen waren, konnte sich Liam nicht einmal mit den groben Informationen vorstellen, die Skadi ihm bislang gegeben hatte. In seinem Kopf lief das Ganze vermutlich sowieso ein bisschen schöner ab als es in der Realität möglich gewesen wäre. Ein Kopf voller kreativer Ideen, der nichts für unmöglich hielt und eine treibende Kraft wie Skadi, die nichts unversucht lassen würde, ihn darin zu bestätigen, dass es wirklich nichts gab, was unmöglich war – ganz egal, wie oft sie es probieren müssten. Bedauerlich eigentlich, dass sich diese Welten niemals überschneiden würden und die Vorstellung der beiden durchtriebenen Kinder niemals mehr werden würden, als eine amüsante Parallelwelt in ihren Gedanken. Das Lächeln auf Liams Zügen jedenfalls zeigte deutlich, dass er ihrer Vermutung zustimmte und das Kompliment nur zurückgeben konnte. Dass dabei aber entweder die kleine Skadi an seiner Welt oder er an ihrer zerbrochen wäre, würde wohl das Geheimnis ihrer kleinen Utopie bleiben. „Ich glaube, man hätte uns den Umgang verboten.“, schmunzelte er und kniff ein Auge zusammen bei dieser Vorstellung. Vermutlich allerdings von ihrer Familie, denn er konnte sich an keinen Moment erinnern, in dem seine Eltern nicht zumindest ein amüsiertes Zucken in den Mundwinkeln gehabt hatten, wenn er für irgendeine dumme Idee Ärger bekam.
„Zügelloser, hm?“, beschwor Skadi selbstverständlich seine Neugier herauf mit ihrer Vermutung und ließen seinen Blick wieder aufmerksam auf ihrem Gesicht ruhen. Liam rechnete eigentlich damit, dass er nicht mehr als ein vielsagendes Schmunzeln als Antwort bekommen würde und begnügte sich gedanklich schon mal damit, dass seine Vorstellung von ‚zügellos‘ vermutlich nicht der Wahrheit entsprechen würden, die Skadi hier ansprach. Aber bis er eine wirkliche Erklärung aus ihr rausgekitzelt haben würde, musste er wohl damit leben. So neugierig der Lockenkopf auf war – er kam gut damit klar, nicht alles zu wissen. Nicht zuletzt, weil ihm viele der Fragen, die er sich stellte, auch irgendwann im Wirrwarr seiner vielen Gedanken verblassten und auf ewig unbeantwortet blieben. „Ja. Geige und Klavier.“ Im Nachhinein erinnerte er sich gerne an all die Nachmittage, die sie ihn dazu gedrängt hatte, sich vor ein Klavier zu setzen, um ein Grundverständnis aufzubauen. Vielleicht nicht das, was andere Kinder in seinem Alter getan hatten und auch nicht unbedingt das, was er gerne getan hatte zu dieser Zeit, doch mittlerweile wusste er, wozu. „Und mein Vater spielt Gitarre und Posaune.“, nahm er ihr die nächste Frage ganz offen ab, bevor sie sie stellen musste. „Ich konnte also gar nicht anders werden.“
Ihr den Umgang mit Menschen zu verbieten hatte leider schon immer einen gegenteiligen Effekt gehabt. So gesehen war Skadi insgeheim froh, dass es nicht anders gekommen war. Höchst wahrscheinlich wäre Liam in ihrem Dorf nicht sonderlich glücklich geworden oder hätte unter der Hand ihres Vaters schnell die Lust am Leben verloren. Schon immer hatte sie sich gefragt, was zur Hölle in Eirik vorgegangen sein musste, um sich mit so viel Eifer und Aufopferung all die Monate durchzubeißen. Je genauer sie darüber in jenem Moment nachdachte, desto bewusster wurde ihr, dass sich die beiden Lockenköpfe nicht all zu unähnlich waren. Vielleicht tat sie Liam auch Unrecht wenn sie glaubte, dass er nicht ausreichend Durchhaltevermögen besaß, um sich gegen einen Mann wie ihren Vater zu behaupten. Letztlich war die Situation aber auch eine ganz andere gewesen. Denn hier ging es nicht darum, eine Beziehung gegen den Willen der Familie zu etablieren. Liam musste sich nicht als Mann an ihrer Seite beweisen und in eine Gesellschaft einfügen, die nicht seine war. Von daher war dieses ganze Gedankenkonstrukt obsolet und vergessen, kaum dass sie den Blick fokussierter auf die braunen Augen richtet und unweigerlich lieblich lächeln musste. Wenig später zu dem süffisanten Schmunzeln zurückfand und Liam auf seine Worte nur ein vielsagendes Zucken der geschwungenen Brauen und Zwinkern schenkte. Womöglich konnte er sich nicht einmal im Ansatz vorstellen, wie stark ihre Feste ausgeufert waren. Je nach Anlass endeten sie im Drogenrausch oder einer Orgie. In harmloseren Fällen wurde einfach bis in die Nacht leidenschaftlich getanzt und getrunken.
Bei dem Wort Posaune hielt die junge Nordskov inne und verzog irritiert die Brauen. Wartete auf die nächste Drehung, die sie kurz von ihm fort und dann wieder dicht an seine Seite führte. “Was ist eine Posaune?“ Tausend Bilder schwirrten diffus durch ihren Kopf, ohne dass sich eines länger als für eine Sekunde an die Buchstaben haftete. Sie konnte sich nur vorstellen, dass es außerordentlich laut war, dieses vermeintliche Instrument.
“...man kann seine eigenen Wurzeln eben nicht leugnen.“, fügten die vollen Lippen nach einer Weile schmunzelnd hinzu. “... aber du hättest du es auch schlechter treffen können.“ Das stand außer Frage und doch wollte sie es zumindest erwähnt haben. Setzte zu einer schwungvollen Pirouette an und ging dann in langsamere Bewegungen über. Ließ die langen Finger zu seiner Schulter hinauf wandern und knapp vor seinem Hals zur Ruhe kommen. “Ich mag es, wenn Menschen Musik im Blut haben. Es ist vielleicht pure Einbildung... aber irgendwie fühlt sich das Leben mit und neben ihnen weniger beklemmend an.“ Zumindest war es ihr so mit Eirik ergangen. Und nun auch mit Liam, den sie für einen kurzen Moment musterte und dann wieder den Blick über seine Schulter aufs Wasser schweifen ließ.
Er rechnete nicht einmal im Entferntesten damit, wie richtig das Bild war, was Skadi in seinem Kopf hinterließ, denn auch, wenn der Ausdruck auf ihren Zügen mehr als eindeutig war, kam er sich falsch dabei vor, ihr derartige Extasen einfach zuzutrauen. Nicht, dass er etwas verwerfliches daran fand – vermutlich war er auf der gesamten Sphinx noch derjenige, der daran am meisten Gefallen gefunden hätte, sich ungeniert unters Volk zu mischen und großzügig alles auszuprobieren, was man ihm anbot. Zugegeben, die Vorstellung lenkte ihn etwas ab. Umso gelegener kam ihm das nächste Thema also eigentlich doch, selbst wenn er gerne mehr über die Festlichkeiten erfahren hätte. Dazu würden sie aber mit Sicherheit noch eine andere Gelegenheit finden. Als Skadi nach einer Posaune fragte, musste Liam erst einmal einen Moment überlegen, wie man das Instrument am besten erklärte, wenn der Gegenüber absolut keine Vorstellung hatte. „Ehm. Ein langezogenes Horn, wenn du so willst. Oder wenn du weißt, was eine Fanfare ist – dann eine Fanfare mit der Möglichkeit, verschiedene Töne zu erzeugen.“ Liam wusste nicht direkt, ob Skadi damit etwas anfangen konnte, aber im Zweifel würde er ihr einfach eine zeigen, wenn die nächste Insel die Möglichkeit dazu bot. Am Wahrscheinlichsten hielt er noch immer die Möglichkeit, dass sie mit einem Horn etwas anfangen konnte, immerhin schien ihr Dorf ja aus Jägern bestanden zu haben. Als sie fortfuhr, nickte Liam mit einem sachten Lächeln. Sie waren nun einmal, wer sie waren und die Kindheit machte – wie lange sie auch währte – einiges einer Persönlichkeit aus.
„Oh ja. Das stimmt.“ In diesem Moment hin sein Lächeln vermutlich nicht nur am Gedanken, dass er in anderen Kreisen entweder längst um eine Hand kürzer gemacht worden wäre, weil man ihn beim Diebstahl erwischt hatte oder irgendwo in einem Anwesen ‚eingesperrt‘ wäre, um einer ausgesuchten Frau ein guter Ehemann zu sein. Es hing auch am Hier und Jetzt, denn beide Alternativen hätten ihm wohl verwehrt, Zeuge ihrer Tanzkunst zu werden. Daran änderte auch kein Damokles-Schwert etwas, das drohend in der Finsternis über ihm baumelte. Der Tod fand ohnehin jeden – egal ob Bettler oder Adel. „Wegen Momenten wie diesen?“, fragte er, denn das war es, was er daran genoss. „Sie bringt Menschen eben zusammen. Und bringt manchmal das zum Ausdruck, wofür man keine Worte findet.“
Ein langgezogenes Horn. Irgendwie musste Skadi an die schimmernden Trompeten der Marine denken, die sie während einiger Zeremonien und Reden gesehen hatte. Und irgendwie hinterließ es ein Schmunzeln in ihren Mundwinkeln, dass Liam versuchte die Dinge auf ihre Herkunft herunter zu brechen. Ohne dabei überheblich, selbstgefällig oder besserwisserisch zu wirken. Diesen Charakterzug hatte sie an ihm am meisten zu schätzen gelernt. Diese Offenheit, die für sie definitiv keine Selbstverständlichkeit war. “Verstehe.“, murmelte sie leise mit einem sanften Kopfnicken und grübelte noch eine Weile nach, während sie wie Wasser über die Planken huschten.
Verfing sich für einen Moment in ihren Gedanken. Lauschte Liams Worten und entgegnete ihnen mit einer Leichtigkeit, die sich so fremd und zeitgleich vertraut anfühlte. Skadi spürte wie ihr Körper in ihr Element zurück kehrte. Als gäbe es kein einschneidendes Ereignis in ihrer Vergangenheit. Als wären sie nicht just auf einem Schiff und umringt von nichts als endloser Dunkelheit und Wasser.
Ein wenig verträumt hingen die dunkelbraunen Augen dem unsichtbaren Horizont und dem angenehmen Pulsieren ihres Lebensmuskels nach, während Liam sie mit seiner Führhand und tiefen Timbre zurück in die Gegenwart holten. Senkten sich nur langsam auf die feinen Züge, die erst Sekunden später ein warmes Lächeln auf ihren Lippen zurück ließen. Allmählich spürte die Nordskov den sanften Schmerz in ihren Wangen, der ob ihres permanenten Dauerlächelns noch weitere Tage dort verweilen würde. Dem war sie sich sicher. Ließ die Worte des Lockenkopfes eine gefühlte Ewigkeit durch die Dunkelheit streifen, während sie ihre Hand langsam aus seiner löste und nun beide Arme um seinen Hals legte. Das Tempo ihrer Schritte verringerte und die Augen unverwandt auf seine Miene gerichtet hielt. “Wegen Momenten wie diesen.“ Bestätigte sie leise. Lächelte eine Spur breiter. Fast als gäbe es nichts, was sie in diesem Moment glücklicher gestimmt hätte, als unter dem Sternenmeer über ihnen mit ihm zu tanzen. Zu einer Musik, die niemand außer ihnen vernahm.
Ob Skadi mit seiner Erklärung etwas anfangen konnte? – Liam bezweifelte es, denn vermutlich hätte er sich selbst nichts darunter vorstellen können. Vielleicht gab sie lediglich vor, zu verstehen, um ihm weitere Mühe zu ersparen, doch Liam nahm sich fest vor, ihr zu zeigen, was er meinte, sobald sich die Gelegenheit dazu bieten würde. Statt sich allerdings weiterhin Gedanken um die Form und Erklärung einer Posaune zu machen, konzentrierte er sich lieber auf den Tanz mit ihr, führte sie in die nächste Drehung hinein und zurück an seine Seite. Er verstand, was sie meinte, selbst wenn der Gedanke an sich recht schwer zu greifen war. Musik machte so vieles einfacher, fand Worte für Dinge, die man nicht recht zum Ausdruck bringen konnte und machte es einfach, jemandem nah zu sein, ohne ihm vorher die Welt versprechen zu müssen. Als ihre Handfläche sich von seiner löste und sie stattdessen die Arme um seinen Hals legte, wanderte seine Hand ganz selbstverständlich hinunter zu ihrer Hüfte, nahm das Tempo an, welches sie vorgab und erwiderte den Blick aus den dunklen Augen, die hinauf in seine Richtung spähten. Eigentlich hatte er seine Worte ohne Hintergedanken ausgesprochen; hatte sie ausgesprochen, ohne vorher groß darüber nachzudenken. Und jetzt stand er dort, spürte ihre Arme um seinen Hals, ihren Blick auf seinen Zügen und ihre Zustimmung irgendwo zwischen Magengegend und Brust, ohne sie genau lokalisieren zu können. Wie lange war es her, dass ein Augenblick so unwirklich gewirkt hatte? Mit einem warmen Ausdruck auf den Zügen erwiderte er ihren Blick, wog sie im Tanz nur noch leicht hin und her und spürte den Drang, ihren Lippen einen Kuss abzuverlangen.
Doch Liam zögerte, versuchte, zu ergründen, ob es dem Moment geschuldet war oder der zwanglosen Vertrautheit, die sie bislang ohnehin miteinander teilten, ohne sie zu hinterfragen. Und auch dieses Mal blieb er einer Antwort fern, brauchte sie aber auch gar nicht, um das zu tun, wonach ihm war und wobei er sich gut fühlte. Außer sie war niemand in der Position, ihn davon abzuhalten – und solange sie beide wussten, woran sie waren, würde es auch nicht mehr bedeuten als die einfache Tatsache, sich gut zu fühlen. Es war kein Band, keine Verpflichtung. Es war einzig, um sich frei zu fühlen, geborgen und ohne Verbote, solange es sich gut anfühlte. Was richtig und was falsch war, definierten sie ohnehin ganz allein für sich selbst. Mit einer langsamen Bewegung neigte er den Kopf nach vorne, hielt inne, ließ ihr die Möglichkeit, problemlos zurückzuweichen, ehe er die Distanz zwischen ihnen überbrückte und seine Lippen auf ihre legte. Es war nicht die Selbstverständlichkeit, die sie vor wenigen Stunden noch vereint hatte und trotzdem wusste es der Lockenschopf nicht genauer zu definieren. Brauchte er aber auch gar nicht; vor allem nicht, wenn Skadi derart zufrieden dreinblickte, wie er sich fühlte. „Wann auch immer wir die Gelegenheit dazu bekommen sollten – Ich erhebe Anspruch auf einen Tanz.“, bemerkte er erstaunlich ernst, als er den Kopf wieder gehoben hatte und meinte damit die nächstbeste Gelegenheit mit Musik, über die sie stolpern würden. Mit wem auch immer sie tanzen würde – er wollte einer davon sein.
Unaufhörlich drängte sich der Puls in ihren Adern fest an ihren Kehlkopf. Beinahe schien es Skadi als verliefe die Zeit in immer langsamerem Tempo, während sie unverwandt den Blick in die braunen Augen gerichtet hielt. Sogar für einen Moment vollkommen vergaß, was sie gerade gesagt oder gar gedacht hatte. Verdrängte selbst den letzten Impuls, der über die letzten Jahre zu ihrem Schutzschild geworden war. Ließ sie an Ort und Stelle verweilen, statt sich emotionslos aus dem Staub zu machen. Legte ihre Arme in einer nahezu selbstverständlichen Geste um den Hals des Musikers, ohne vor jeder kleinen Berührung zurück zu schrecken. Genoss die Fingerkuppen an ihrer Taille, atmete tief den angenehmen Duft ein, der ihr unweigerlich in die Nase stieg, je enger sie sich an ihn zog. Alles an und mit ihm fühlte sich so vertraut an, dass sie die Richtigkeit dieser Bindung kaum in Frage stellte. Es nahm wie es kam. Die Zweifel ignorierte, die sich kleinlaut und allmählich rumorend in ihrem Magen zu Wort meldeten. Skadi war in jenem Moment nicht einmal gewillt ihrem Schutzschild zu vertrauen, das sie so viele Jahre vor dem Zusammenbruch bewahr hatte. Gab sich bereitwillig dem Hier und Jetzt hin, weil es so viel schöner war. Weil es sich wie Balsam auf ihre Seele legte und tatsächlich für einen Abend all die dunklen Löcher verschloss, die sich um sie herum wie ein Mienenfeld ausbreiteten.
Als sich der dichte Lockenkopf voraus lehnte und nur einen Wimpernschlag vor ihrer Nasenspitze innehielt, wich sie keinen Millimeter zurück. Hielt die braunen Augen tief ein und ausatmend in seine gerichtet. Umrandete seine weichen Züge, die hohen Wangenknochen, den schmalen Nasenrücken und den Ansatz seiner buschigen Brauen. Lächelte unter dem sanften Kuss, der seinen Atem warm gegen ihre Züge hauchte und in ihrem Brustkorb ein heftiges Wummern freisetzte. Spürte wie sich die Vorfreude funkelnd in ihre Augen schlich, als die Worte des Älteren die Nachtluft durchschnitten und sich warm in ihrem Magen niederließen. Wie von selbst wanderten die langen Finger von seinem Nacken an seine Wangen. Strichen mit den Daumen sanft über den stoppeligen Drei-Tage-Bart, während die Nordskov für einen Moment am Anblick seiner Lippen festhing, ehe sie erneut aufblickte. Seinem Ernst mit einem Ausdruck purer Vorfreude und unausgesprochener Versprechen entgegen blickte. “Mit niemandem würde ich lieber tanzen, als mit dir.“, hauchte sie gegen seine Lippen und lächelte. Wusste, dass ihm ab diesem Moment für immer der erste Tanz gebühren würde, sollte er sich nicht allzu lange bitten lassen. So viel stand für sie fest. “Versprochen.“ Mit einem letzten tiefen Atemzug nahm sie wieder ihre Hände von seinen Zügen. Fuhr die Fingerspitzen zurück in seinen Nacken und schmiegte sich in einer fließenden Bewegung eng an seine Brust. Bettete den dunklen Haarschopf an die warme Halsbeuge und schloss für einen Moment die müden Lider. Lauschte dem unruhigen Rhythmus in ihrer Brust, während sie den langsamen Tanzschritten Liams folgte und sogar glaubte, unter dem steten Klopfen auch seinen Herzschlag zu vernehmen. Begann mit einem leisen Summen auf den vollen Lippen den schweigsamen Tanz zu begleiten und ein wohliges Gefühl in ihre Brust zu pflanzen. Skadi musste sich zwangsläufig eingestehen, dass es so schnell keinen zweiten Ort auf diesem Schiff geben würde, der sie so sehr entspannte, wie dieser. Sicherlich gab es noch Enrique, dem sie mehr vertraute alles jedem anderen. Doch Liam schürfte bereits jetzt an einer Ebene die anders, tiefer und intimer war. Die nicht nur auf einem tiefen Urvertrauen basierte, sondern eben jene Dinge berührte, die die Nordskov allzu gern verdrängte. Doch ganz gleich wie viele Gedanken ihr dazu im Kopf herumgeisterten, schaffte es keiner von ihnen bis hinab zu ihren vollen Lippen. Womöglich waren Worte ohnehin überflüssig in jenem Moment. Skadi brauchte keine, um zu verstehen, wie schön und wichtig dieser Augenblick für sie beide war. Wie groß das Vertrauen wurde, das sie einander schenkten und wie eng sich das Geflecht ihrer sonderbaren Freundschaft verwob.
Fast schon abwesend glitten die langen Finger immer wieder über die warme Haut in seinem Nacken. Zwirbelten summend vereinzelte Locken auf und rutschten erst in einer letzten Bewegung auf Liams linke Brust hinab. Malten kleine Muster auf die nackte Haut, während sich der dunkle Haarschopf langsam, fast schon in Zeitlupe aus seinem Versteck erhob. Wie magisch angezogen richteten sich die dunkelbraunen Augen mit einem verträumten Funkeln auf die braun gebrannte Miene des Musikers. Warteten keine Sekunde, keinen Lebensnotwendigen Herzschlag auf eine wortlose Zustimmung, um sich auf Zehenspitzen stehend, einen fast schon lieblichen Kuss von den weichen Lippen zu stehlen. Dabei genüsslich die Augen zu schließen und sich dem aufgeregten Marathon in ihrer Brust zu ergeben, der stetig auf und ab hüpfte und ihre Wangen in ein sanftes Rosé tränkte.
Eigentlich diffus, wie unterschiedlich schnell man die Menschen um sich herum kennenlernte. Bei manchen brauchte man ewig, um sich mit ihnen zu arrangieren und wagte es kaum, sich von der Oberflächlichkeit zu entfernen. Lebte damit, dass man nichts übereinander erfuhr und es bei belanglosen Gesprächen blieb, ohne es wirklich zu bedauern. Bei anderen bemühte man sich, eine tiefere Ebene zu erreichen, einander beizustehen und sich zu zeigen, dass man nicht allein war. Und dann gab es die, bei denen es keiner wirklichen Zeit bedurfte, sich kennenzulernen. Menschen, deren Anwesenheit sich so selbstverständlich und angenehm anfühlte, als wären sie immer schon da gewesen. Menschen, bei denen der Augenblick zählte. Augenblicke wie dieser und Liam hätte den Teufel getan, ihn nicht zu genießen. Ausnahmsweise war es tatsächlich ganz angenehm, zu wissen, dass es nicht zwingend einer dieser flüchtigen Momente sein musste, wie er sie die letzten Jahre zu Hauf erlebt hatte. Außer Lubaya und Alex waren die meisten Begegnungen in seinem Leben temporär gewesen. Nicht, weil er es zwingend darauf angesetzt hatte, sondern weil es sich einfach so ergeben hatte. Und auch, wenn ihm durchaus bewusst war, dass diese Begegnung noch immer das Potential dazu hatte, temporär zu sein, behandelten seine Gedanken Skadi mittlerweile schon ganz automatisch eher wie Alex oder Lubaya. Eine Bekanntschaft, die im Zweifel vielleicht auch Meilen und Monate überdauern würde, bis einen die Wege wieder zusammenführen würden. Und selbst wenn nicht – er hatte eine Zeit, auf die er gerne zurückblicken würde. Eine Zeit, die ihn daran erinnerte, was es bedeutete, nicht auf sich allein gestellt zu sein.
Das Schöne daran war, dass es nichts gab, was man falsch machen konnte, dass sie sich nahmen, wie sie waren und über die Fehler hinwegsehen konnten, die sie beide mit sich herumtrugen; sie vielleicht nicht einmal als Fehler sahen, sondern eher als Charakterzug, der unweigerlich dazugehörte. Er hatte ihr einen Moment gelassen, um für sich selbst zu entscheiden, ob ihr diese Art von Nähe nicht behagte. Es war längst nicht mehr die pure Impulsivität zwischen ihnen, sondern eine andere Form von Leidenschaft, die Liam nicht minder zu schätzen wusste. Er forderte hier keine Versprechen oder Verpflichtungen – sein einziges Ziel war, ihr und sich selbst das zu geben, wonach sie sich offenbar beide sehnten. Vertrauen, Geborgenheit und Nähe, nur für diesen einen Abend. Er ließ ihr die Wahl, ob ihr diese Art behagte und bekam die Antwort anhand eines vielsagenden Schweigens mit dem sie sich der Spannung hingab, statt ihr auszuweichen. Und er zögerte keinen weiteren Moment mehr, ihre Einladung anzunehmen. Und vielleicht hatte er nur ein bisschen gelogen, als er vor sich selbst beteuert hatte, dass er keine Verpflichtung verlangte, denn nur wenige Herzschläge später war es genau das, was seine Lippen verließ. Doch nicht wegen der Intimität, die sie hier gerade teilten, sondern weil er sie wahrlich als Tanzpartnerin zu schätzen gelernt hatte. Ein Anspruch aus reiner Freundschaft heraus, ohne Hintergedanken. Und so nahm er auch ihre Antwort entgegen, lächelte verwegen und würde sich an ihr Versprechen erinnern, sobald es dazu kam. Ihre Finger hinterließen eine angenehme Wärme in seinem Gesicht und führten sie einer Lunte gleich seinen Hals entlang zurück zu seinem Nacken. Nur flüchtig folgte er ihrer Bewegung mit den Augen, spürte ihre Wange an seiner Brust und vernahm, wie sie sein Herz in einen unruhigeren, aufgeregteren Takt trieb.
Eine gute Aufregung, die sich gleichzeitig wohlig in seinem Magen zusammenrollte und ihn zufrieden über den kurzen Schopf der Jüngeren über die Reling aufs Meer blicken ließ. Skadi leises Summen war bald schon angenehm in das Rauschen der Wellen übergegangen und lockte seinen Geist in einen Zustand der völligen Ruhe, sich danach sehnend, es würde einfach ewig andauern und den Alltag und die Welt von ihnen fernhalten. Erst, als das Summen verstummte, registrierte er wieder, dass er überhaupt blinzelte, hatte sich die ganze Zeit nur auf die leise Melodie in seinem Kopf und die Wärme ihres Körpers konzentriert. Und kaum, dass er den Blick wieder zu ihren feinen Zügen gesenkt hatte, spürte er auch schon ihre Lippen auf seinen, erwiderte den Kuss, ohne darüber nachdenken zu müssen und genoss die Aufregung, die diese Berührung in der wohligen Wärme seiner Magengegend heraufbeschwor. Langsam lösten sich seine Hände von ihrer Taille und fanden sich wenige Herzschläge später auf ihren Wangen wieder. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bis sie sich voneinander lösten, er ihr glücklich entgegen lächelte und schwieg, als gäbe es nichts, was sie ihm Augenblick zu sagen brauchten. Einen ganzen Moment später erst, indem er ihre Züge gemustert und ihr sachte mit den Fingern über die Wange gestrichen war, fand er doch etwas, was er ihr nicht vorenthalten wollte. „Ich weiß nicht, wann ich die Zeit das letzte Mal so sehr mit jemandem genossen habe.“ Ohne, dass er es mitbekommen hatte, war die Bewegung ihres Tanzes mittlerweile gestoppt.
Tock, Tock. Tock, Tock. Tock, Tock. Unruhig pulsierte das Blut von Kopf bis Fuß. Skadi fühlte sich, als vernebelte ihr der angenehme Geruch ihr jegliche Sinne. Beraubte sie der Fähigkeit weiter voraus zu denken als von einer Sekunde zur nächsten. Zu sehr genoss sie den Geschmack der weichen Lippen. Das sanfte Wummern hinter der braungebrannten Brust, dessen warme Haut sie noch immer mit ihren Fingerspitzen berührte und nicht einmal zurück wich, als sich der liebliche Hauch auf ihren Zügen entfernte. Schlagartig traten die funkelnden braunen Augen unter schweren Lidern hervor. Skadi wurde erst jetzt bewusst, dass sie vollkommen vergessen hatte zu atmen. Spürte das Kribbeln und Ziehen in ihren Lungen und gestattete es sich unter dem intensiven Blick Liams tief ein- und auszuatmen. Hatte in diesem Kuss mehr gelegen, als sie es sich vielleicht eingestand? Höch wahrscheinlich. Und doch konnte sie den Drang kaum niederringen, sich ihm erneut entgegen zu lehnen. Die langen Finger tief in seinem dichten Haarschopf zu vergraben und nie wieder damit aufzuhören. Und obwohl jeder Muskel und jede Faser ihres Körpers dazu bereit war, konnte sie nichts anderes tun, als mit einem liebevollen Lächeln zu ihm hinauf zu sehen. Seinen Anblick zu genießen, ihn in sich aufzunehmen und für schlechte Zeiten zu verwahren. Just in diesem Moment war ihr alles und jeder egal. Die Zukunft interessierte sie noch weniger als ohnehin schon. Verschwamm mit dem steten Klopfen hinter ihrer Brust. Alles was zählte stand vor ihr. Mit einem solch glücklichen Ausdruck auf den Zügen, dass eine wohlige Wärme durch ihren Magen zog. Sich leise schnurrend zusammenrollte, kaum dass Liams Worte über seine Lippen gedrungen waren und sich wie ein angenehmer Sommerregen auf ihrer Seele niederließ.
Das Lächeln auf ihren Lippen wurde eine Spur breiter. Leuchtete beinahe wie die flackernde Flamme in der kleinen Öllampe zu ihren Füßen. Sie rührte sich keinen Millimeter, während sie schweigend zu dem Älteren hinauf sah und jegliche Gedanken, die weiter als über den Moment hinaus gingen, aus ihrem System verbannte. Löste erst langsam die Finger von seinem Körper, um sie wenig später auf seine Handrücken zu betten. Wandte den dunklen Haarschopf zur Seite und tiefer in die Handfläche hinein, die eine unbeschreibliche Hitze auf ihrer Wange hinterließ. Es brauchte keine Worte, um ihm zu verstehen zu geben, dass es ihr wohl kaum anders erging. Keine Worte die weniger eindringlich waren, als das, was sie in diesem Moment tat, während sie kurzweilig die Lippen auf seine Handfläche bettete und dann aus den Augenwinkeln zu ihm zurück blickte. Liam würde verstehen, verstand es vielleicht sogar schon weitaus länger, als sie selbst, dass sie das hier brauchte. Was auch immer es war oder werden sollte.
"Und es wird hoffentlich nicht der letzte Abend sein.", hinterließ die Stimme Skadis flüsternd die leise Hoffnung in der Luft und konnte sich des verschmitzte Augenzwinkerns nicht verwehren. Bereitwillig ließ sie das warme Gefühl in ihrem Magen bis hinauf zu ihrer Brust wabern. Blickte noch eine Weile unverwandt in die braunen Augen ihres Tanzpartners und bemerkte erst jetzt, dass sie längst stehen geblieben waren. Nur langsam umfassten ihre Hände die seinen vollständig. Zogen sie mit zaghaftem Druck von ihren Wangen, nur um in einer fließenden Bewegung die langen Finger in seinen zu verschränken. Sich mit dieser Geste erneut voraus zu lehnen und einen innigen Kuss auf seine Lippen zu legen.
Erst hörte sie das leise Tapsend in der Stille, die sich zwischen den Küssen erhob. Spürte den kribbelnden Schauer auf ihrem Körper, der dieses Mal nicht von dem Lockenkopf herrührte. Hielt inne, als sie das weiche Fell bereits an ihren Beinen spürte und wenige Millimeter vor den feinen Zügen des Musikers inne hielt. Ein leises Auflachen stahl sich ihre Kehle hinauf, als das erste Mauzen ertönte. "Ich habe mich schon gefragt, wann der Aufpasser vorbeischaut."
Wie oft hatte er sie vor einem Monat noch mit ernster Miene aufs Meer blicken sehen, nachdenklich und hineingeworfen in eine völlig fremde Situation, die fortan ihre Zukunft bedeuten sollte. Es wäre gelogen gewesen, dass er damals groß auf sie geachtet hätte. Weder auf Kaladar noch auf Skadi selbst, nachdem sie sich dazu entschieden hatte, die Lüge, die sie aufgebaut hatte, hinter sich zu lassen. Und trotzdem war ihm der Blick aufgefallen, den er von sich selbst nur zu gut kannte. Ein Blick, der bedeutete, dass man mit sich allein war. Ob nun, weil man es wollte oder es nicht anders gewohnt war. Insgesamt konnte er sich nicht daran erinnern, sie die ersten Tage bis Milui irgendwann mal Lächeln gesehen zu haben, erinnerte sich noch recht genau daran, wie überrascht er über den Ausdruck gewesen war, als sie sich abends auf dem Fest begegnet waren. Überrascht. Und nun ging er mehr und mehr dazu über, sich über jedes noch so kleine Schmunzeln zu freuen, was sich auf ihre Züge stahl. Nicht etwa, weil er womöglich dafür verantwortlich war (das spielte für ihn absolut keine Rolle), sondern weil es ihr gut tat und zudem noch ziemlich gut zu Gesicht stand. Ihm hätte dieser Ausdruck von Freude auf ihren Zügen völlig gerecht, hätte ihn vermutlich sogar eine ganze Zeit lang damit beschäftigt, sie einfach anzublicken und sich daran zu erfreuen, dass die Schatten auf ihren Zügen für den Moment keinen Nährboden mehr fanden. Ein angenehmer Schauder kroch ihm über den Nacken hinauf in den Lockenschopf, folgte dem Weg, den ihre Finger vorgaben, ehe sie sich darin vergruben.
Er hatte keinen Grund gehabt, ihr diese Wahrheit zu verheimlichen und wurde jäh mit einem glücklichen Funkeln in den dunklen Augen vor sich belohnt. Manchmal konnte es so einfach sein, einen Menschen glücklich zu machen. Ein paar Worte reichten, gepaart mit einer Ehrlichkeit, mit der Liam keine Probleme hatte. Eine Ehrlichkeit, die auch anderen das Leben vermutlich ein bisschen erleichtert hätte. Was gab es zu verlieren? – Im Augenblick absolut gar nichts, denn alles, was in dieser Nacht von Bedeutung war, hielt er in Händen. Und das vielleicht erste Mal in seinem Leben wusste er automatisch, dass es auch am nächsten Tag noch da sein würde. Beim ersten Mal hatte er daran vielleicht noch gezweifelt, allerdings auch nicht wirklich viel Wert daraufgelegt. Aber das hier hatte nichts mehr mit der Hitze ihres ersten Ausflugs gemein. Es war anders, unbekannter und fand auf einer Ebene statt, die Liam trotz all der Intimität nicht einmal darüber nachdenken ließ, abermals über sie herzufallen. Es fühlte sich sensibler an, verletzlicher und fast so unschuldig wie ein Keimling, der sich unter dichtem Blätterdach ins Leben kämpfte. Sein Puls hatte sich mittlerweile ziemlich deutlich in seinem gesamten Brustkorb ausgebreitet, pulsierte in seinen Ohren, während sein Blick weiterhin unverwandt auf ihren Zügen lag. Langsam strich sein Daumen über ihre Wange, als sie ihren Kopf in seiner Handfläche bettete, zuckte unter der Intensität ihres gehauchten Kusses auf seiner Hand.
Und als sie es nun war, die aussprach, was Liam eben noch für sich selbst beschlossen hatte, zog sich ein sanftes Lächeln einseitig seinen Mundwinkel nach oben, bis er ihr mit einem langsamen, angedeuteten Schütteln des Kopfes seine Antwort gab, ohne den Klang ihrer Stimme zu zerbrechen, der noch immer in seinen Ohren nachhallte. Fast gleichzeitig mit ihrer Bewegung hatte er das gleiche Bestreben gehabt, drehte die Hände und erwiderte ihre Geste und war kaum in der Lage, sich darüber Gedanken zu machen. Eine Sekunde später nämlich spürte er bereits ihre Lippen auf seinen, lehnte sich der Berührung entgegen und gab sich der Leere hin, die sie in seinem Kopf hinterließ. Im Gegensatz zu Skadi hatte er auch die leisen Pfoten nicht wahrgenommen, die zielstrebig auf sie zugesteuert waren, bis der gefleckte Pelz im Schein der Öllampe zum Vorschein kam und in völliger Selbstverständlichkeit zwischen ihren Beinen hindurchhuschte. Im Gegensatz zu Skadi zuckte Liam einen flüchtigen Augenblick zusammen, als er die plötzliche Berührung an den Beinen spürte, blickte hinab und erwischte sich dabei, wie er Sineca für einen Sekundenbruchteil dafür verfluchte, dass sie an Deck herumstromerte. Mit einem leisen Lachen stieg er in die Reaktion der Nordskov mit ein, die Sinecas Anwesenheit erstaunlich gelassen nahm. „Wer weiß, wie lange sie schon in der Dunkelheit gelauert hat.“, flüsterte mit einem Ton, der deutlich zeigte, dass er davon ausging, dass die Ginsterkatze sie schon länger beobachtet hatte. Mit einem letzten Lächeln drückte er ihre Hand für einen kurzen Moment ein wenig fester, ehe er sich von ihr löste und die wenigen Schritte zurück zur Reling überbrückte, um die Wasserflasche aufzunehmen. Flüchtig strich der der Ginsterkatze über den Kopf, die ihm gefolgt war, erhob sich wieder und gönnte sich einen kurzen Schluck, um der Trockenheit in seinem Rachen entgegenzuwirken, ehe er sie an Skadi weiterreichte, kaum dass er wieder neben ihr stand.
„Du siehst erschöpft aus.“, bemerkte er mit einem Lächeln und wunderte sich nicht wirklich darüber. Ihm sah man vermutlich auch an, dass die Nacht schon länger dauerte. Er hätte verstanden, wenn sie sich nun müde zurückgezogen hätte, während er sich den Rest der Nacht noch um die Ohren schlagen musste. Sineca indes spähte mit Wachsamen Augen aus dem Halbschatten zu ihnen hinüber. „Schleicht sie sich eigentlich immer noch heimlich in deine Hängematte?“
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#13
Keine Sekunde lang ließ sie den Blick aus dunklen Augen hinab gleiten. Sah nur die bauschige Spitze des Schwanzes in ihren Augenwinkeln tanzen und schluckte für einen Moment. Zwar hatte sie sich für das was kam bereit gemacht, doch auch nach all den Wochen wurde sie mit der Ginsterkatze nur langsam warm. Zumindest waren sich beide wortlos überein zu kommen, dass das gemeinsame Leben auf der Sphinx okay für sie beide war. Doch irgendwie beschlich Skadi die Vermutung, dass das Tier es liebte ihr immer wieder einen Schauder über den Rücken zu jagen und sich unangekündigt in ihre unmittelbare Nähe zu begeben. Denn von sich aus suchte sie nicht die Berührung zu dem gefleckten Tier, dessen Körper sich fast schon provokativ gegen ihre Beine drückte.
“Beim letzten Mal als ich auf dir lag, fand sie das nicht so lustig.“, entgegnete die Nordskov mit einer seltsamen Mischung aus Amüsement und Ernsthaftigkeit, während sie dem Lockenkopf in seiner Bewegung nachsah und tief ein- und ausatmete. Beinahe wirkte es, als erholte sie sich von dem kleinen Liebesmarathon, der immer wieder neuen Fahrtwind aufnahm. Doch eigentlich sehnte sich ihr ganzer Körper bereits nach seiner Nähe, weil sie ohne ihn die Nervosität in ihren Gliedern spürte, die Sineca immer wieder schürte. Fast hätte sie zusammengezuckt als die kleine raue Zunge über ihr Schienbein fuhr. Fast als erinnerte sie den seltsamen Menschen neben sich daran, dass sie anwesend war und ihr jederzeit die spitzen Zähnchen in die Haut bohren konnte. Oder wie Skadi es seit ihrer Kindheit glaubte, ihre Seele verspeiste. Natürlich wusste die Dunkelhaarige, dass es ein abstruser Aberglaube war. Dennoch konnte sie ihren Körper kaum beherrschen, wenn sich eine Katze in ihre Gegenwart verirrte. Er lief beinahe auf Autopilot und entfernte sich ohne jegliches Zutun. Auf einem Schiff war das jedoch nur schwer umsetzbar.
Demnach war sie dem Musiker umso dankbarer, als er mit der Wasserflasche zurückkehrte. Es lenkte sie von dem kleinen Fellball ab, der ihm an die Seite geeilt war und dessen winziges Gesicht sie wie versteinert anblickte. Nur um sofort zur Seite zu blicken und die Dunkelheit des Meeres zu betrachten.
Erst als Liams Stimme an ihr Ohr schwappte, wanderten die braunen Augen in die Winkel zurück. Musterten die feinen Züge des Lockenkopfes, ehe sich ein tatsächlich müdes Lächeln auf ihre Lippen stahl. An Schlafen dachte sie nun erst Recht nicht mehr. Doch auch wenn sie gerade noch etwas hatte erwidern wollen, verstummten ihre Stimmbänder schlagartig. Ein kindlich genervter Ausdruck stahl sich für einen Sekundenbruchteil in ihre Miene und trieb ihre Mundwinkel fast schon schmollend hinab. “Neulich hätte ich mich fast hineingeworfen.“ Kurz wanderte ihr Blick hinab. Umriss das kleine Wesen, das friedlich um Liams Beine strich und fast zu einem Sprung auf seine Schulter ansetzte. “Scheinbar findet sie es besonders interessant, wenn jemand mal nicht pausenlos versucht sie anzufassen oder ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.“ Was irgendwie schon etwas divenhaftes an sich hatte. Mit einem schweren Seufzen nahm Skadi einen tiefen Zug aus der Wasserflasche und schloss die Augen. Lauschte dem leisen Meeresrauschen, ehe sie den Kopf im Nacken kreisen ließ und mit einem zusammengekniffenen Auge zu Liam hinüber sah. “Vielleicht sollte ich einfach mal an ihrer statt bei dir in der Hängematte schlafen.“ Vielleicht erhöhte das die Chance, dass sie eifersüchtig die Hängematte wieder frei gab.
Er hatte Skadis Beziehung zu Katzen nie hinterfragt und besonders nach der Geschichte mit dem Affen, der sie fast das Leben gekostet hatte, hatte er keinerlei Ambitionen, das jetzt nachzuholen. Und trotzdem musste er sich den gefleckten Körper der Schleichkatze kurz als gewaltigen Tiger oder Löwen vorstellen, der wirklich in der Lage gewesen wäre, ihnen ernsthaft etwas anzutun. Sineca war zwar äußerst praktisch und die perfekte Ablenkung in vielen Situationen, aber eine ernsthafte Gefahr stellte sie mit ihrem geringen Gewicht kaum da. Man musste sie nur einmal erwischen. Ohne, dass Skadi es sehen konnte, runzelte sich die Stirn des Musikers für einen kurzen Moment, während er die Flasche vom Boden aufnahm und der Ginsterkatze kurz über den Kopf strich. Er überlegte, ob der kleine Nachtschatten bislang je dabei gewesen war, wenn sie zusammen gewesen waren, bis der Gedanke an die Morgenwind vor seinem inneren Auge aufblitzte und er unweigerlich Schmunzeln musste. „Damals hast du auch noch auf der anderen Seite gestanden.“, erinnerte er sie, als er ihr die Flasche übergab. Und ohne Sineca hätte er definitiv – jetzt, wo er sie kannte – den Kürzeren gezogengehabt. Ohne den kurzen Moment der Unachtsamkeit Skadis wäre die Geschichte wohl schneller zu Ende gewesen, als ihm lieb gewesen wäre. „Vermutlich braucht sie einfach ein bisschen Zeit, einen Feind als Freund zu sehen. Sie ist da manchmal etwas eigen.“ Liam zuckte mit den Schultern, bedachte dabei die kleine Gestalt zu ihren Füßen, die ihn gnädiger Weise mit einem Sprung auf seine Schulter verschonte, denn außer blanker Haut hätten ihre Krallen nichts gefunden, um sich festzuhalten. Er hatte mit sowas offensichtlich weniger Probleme.
Je länger Sineca um sie herum schlich, desto mehr wandelte sich die vermeintliche Gelassenheit Skadis in Anspannung und Nervosität. Wäre es ihm früher aufgefallen, hätte er sich seinen Kommentar vielleicht verkniffen, doch auch jetzt ließ sich die Jüngere trotz der Anwesenheit des Pelztiers aus ihrer Schale herauskitzeln. Der Lockenkopf lachte leise und musste gestehen, dass das der Genette leider ziemlich ähnlich sah. Vielleicht hätte eine Vereinigung der beiden in einer Hängematte aber auch Wunder gewirkt. „Versuch’s doch mal mit umgekehrter Psychologie.“, schlug er scherzhaft vor, denn vielleicht würde ihr das die Genette vom Hals schaffen. Insgeheim glaubte er aber eigentlich eher, dass Skadi bei dem Versuch, Sineca mit ein wenig Zuneigung – und wenn sie am Anfang auch nicht der Wahrheit entsprach – irgendwie in ihr Herz schließen würde. Eigentlich war Sin nämlich gar nicht so. Während Skadi die Augen schloss, um sich für einen kurzen Moment zu sammeln, schob sich Liam hinter sie, legte ihr die Hände auf die Schulter und wollte ihr gerade versichern, dass die Ginsterkatze ihr nichts tun würde, als die Nordskov ihm zuvor kam und ihn ihr kurz entgegen blinzeln ließ. „Könnte etwas eng werden.“, vermutete er mit einem angedeuteten Schulterzucken und ohne auch nur im Entferntesten danach zu klingen, als würde es ihm etwas ausmachen. „Meine Hängematte steht dir immer offen, wenn deine eigene von solch einer wilden Bestie belagert wird.“
Mit einem bübischen Grinsen erwiderte er ihren Blick, ehe er über ihre Schulter hinweg wieder Sineca beobachtete, die nun skeptisch an den Pergamenten und Skadis Buch schnupperte. Die Anspannung unter seinen Fingern war noch immer spürbar, sodass er kurzerhand mit beiden Händen über die Oberarme strich, um sie zu verjagen. „Keine Sorge. Wenn sie dich hätte beißen wollen, hätte sie das längst getan. Das ist etwas, worum sie sich nicht lange bitten lässt. Frag Shanaya.“ Ein kurzes Zwinkern galt Skadi, „Ansonsten kannst du versuchen, sie wegzulocken, indem du ihr eine Nuss hinwirfst. Das funktioniert meistens.“
Damals hatte sie auch eigentlich nicht vorgehabt sich einem zusammengewürfelten Haufen von Piraten anzuschließen. Doch das Leben tat nun einmal das, was es am besten konnte: ein ziemlich unberechenbares Arschloch sein. Zudem hatte die Nordskov nie weiter als bis zum Tode Harpers gedacht. Schließlich konnte sich um alles weitere auch die Zukunftsskadi kümmern, die mit hoher Wahrscheinlichkeit das Weite gesucht hätte und nie mehr gesehen worden wäre. Doch nun stand sie hier an der Deck der Sphinx, fühlte sich trotz all der emotionalen Umstände ziemlich wohl in ihrer Haut und vermisste den Lockenkopf bereits jetzt schon, obwohl er dicht hinter ihr stand. Sogar in einer beruhigenden Geste seine Hände auf ihre Schultern bettete und Skadi für einen Herzschlag zurück in den Musikladen versetzte. Etwas skeptisch musterten die dunklen Augen die feinen Züge für einen Moment. Lugten an der Flasche vorbei, die sie erneut an ihre Lippen setzte. Umgekehrte Psychologie. Sowas hatte nicht einmal bei ihrem Sohn funktioniert. Woran sie höchstwahrscheinlich auch noch selbst Schuld war, wenn sie sich an die Worte ihres Vaters erinnerte. Sie selbst sei manchmal ein Teufelsbraten gewesen, der nie tat was man ihm sagte und immer alles besser wusste. Musste wohl ein Wink der Götter gewesen sein, dass sie ausgerechnet diese Willensstärke ihrem Sohn vermacht hatte. Mit einem kurzen Schulterzucken, schluckte Skadi somit den schweren Kloß aus Wasser hinab und seufzte, kaum dass sich Liams Finger in ruhigen Bahnen über ihre Oberarme schlichen. Es war bemerkenswert wie gut er die Signale ihres Körpers zu verstehen wusste oder zumindest ein sehr großes Talent darin besaß ihren Puls zu beruhigen, wenn es Not tat. Dieser Hexer.
“Ich kann deinem Charme wohl kaum wiederstehen, mein liebster Straßenköter.“, huschte es etwas säußerlich über ihre Lippen. Doch ganz konnte die Dunkelhaarige das schelmische Zucken in ihren Mundwinkeln nicht verbergen, kaum dass das bübische Grinsen Liams die Dunkelheit überstrahlte. Sie würde sein Angebot vielleicht irgendwann annehmen, wenn Sineca sich das nächste Mal über ihre Hängematte hermachte. Und wehe dem er murrte! Blieb nur zu hoffen, dass die Balken das doppelte Gewicht aushielten und sie nicht noch der Länge nach auf dem Boden aufschlugen. “Aber dann musst du bitte immer ohne Hemd schlafen gehen. Sonst werde ich nicht gut auf dir einschlafen können.“, fügte sie mit einem breiten Grinsen an und wandte dann ihrerseits den Kopf herum. Musterte die zierliche Silhouette der Ginsterkatze und atmete tief ein- und aus. “Nüsse? Ich hätte ihr ja lieber was von der Jagd mitgebracht. Vielleicht werden wir ja noch irgendwann beste Freundinnen… dann bekommt sie jederzeit Gratisfutter für gute Zusammenarbeit.“ Ganz unvorstellbar war dieser Gedanke nicht, auch wenn sich Skadi nur schwer vorstellen konnte, dass sich die Samtpfote freiwillig von Liam entfernen und mit ihr gemeinsam im Wald verschwinden würde. Nachher schoss sie Farley doch noch über den Haufen, weil Sin der Meinung war, sie zu Tode zu erschrecken. Für den Rothaarigen wäre das ein sehr undankbares Ende.
„Und ich kann das gar nicht nachvollziehen.“, entgegnete er wohl ehrlicher, als er sich anhörte, doch es lag ihm fern, sich darüber zu beschweren. Liam war insgesamt niemand, der sich im vornherein irgendwelche Chancen ausmalte. Er lebte die Spontanität und nahm die Momente, wie sie kamen. Im Planen war er sowieso kein großes Talent, dazu ließ er sich viel zu sehr von kleineren Gelegenheiten ablenken, die ihm über den Weg liefen – und schon war er vom eigentlichen Pfad abgekommen. Aber bislang hatte sein Leben dadurch einiges zu bieten gehabt. Einiges, was er nicht missen wollte. Und auch seine Anwesenheit auf der Sphinx war so gesehen nichts weiter als eine spontane Schnapsidee an Ermangelung einer anderen Möglichkeit – auch da: etwas, was er definitiv nicht missen wollte. Als Skadi eine Bedingung über die Lippen ging, war es zuerst ein ganz anderer Gedanke, der ihm in den Kopf schoss. Doch Liam überspielte es mit einem unscheinbaren Räuspern und einem flüchtigen Schmunzeln, das genauso gut seiner Antwort geschuldet sein konnte. „Bin ich in der Position, das gleiche zu verlangen?“ Den unschuldigen Ton bekam er dennoch gut hin, wandte den Blick von Skadis Gesicht ab und angelte sich kurzerhand die Flasche aus ihrer Hand, während die Nordskov abermals die Ginsterkatze im Blick behielt, als fürchte sie, sie könnte jeder Zeit aus der Dunkelheit angreifen. „Das würde ihr natürlich noch besser gefallen. Aber auf See sind Nüsse vielleicht etwas komfortabler. “, überlegte er, während er die Flasche kurz von seinen Lippen absetzte und kurz die pelzige Gestalt über Skadis Schulter hinweg bedachte. „Sie freut sich aber auch, wenn man ihr ab und zu eines der Hühnereier überlässt.“
Irritiert blickten die braunen Augen einen Moment zur Seite, als Liam ihr halb ernst, halb lächelnd zu verstehen gab, dass er die Wirkung seines vermeintlichen Charmes nicht verstand. Mittlerweile fragte sie sich wirklich ob er es einfach ignorierte oder tatsächlich blind für seine Wirkung auf andere Menschen war. Ein Zwicken drückte sich jäh in ihre Magenwand, als sie darüber zu philosophieren begann und sich ganz von allein ein Augenrollen über ihre Züge stahl. Irgendwie konnte sie ja froh sein, dass er offensichtlich nicht zu der Sorte Mann gehörte, die mit Frauen spielte wie Schachfiguren. Manchmal hatte sie sogar den Eindruck als liebte der Lockenkopf ohnehin vielmehr die knisternde Romantik eines Augenblicks, denn die Schnelllebigkeit einer oberflächlichen Körperlichkeit. Beschweren würde sie sich darüber keinesfalls. Es machte ihn zu einem weitaus besseren Liebhaber als die meisten, die ihr bisher untergekommen waren. Doch es spornte sie ebenso insgeheim dazu an, ihn immer wieder wissen zu lassen, wie anziehend er doch sein konnte. Auch wenn dafür nur ein hochroter Kopf und ein ebenso nervöser Musiker heraussprang.
Ein schweres Seufzend drang angesichts seiner Frage über ihre Lippen und ließ den hoch gewachsenen Körper der Nordskov fast automatisch zu ihm herum drehen. Auf halber Streckte hielt sie inne und bettete die langen Finger ihrer Linken auf seine Brust. Musterte ihn unter einem demonstrativen Augenaufschlag und schmunzelte verwegen. “Mein Lieber… du bist in der glücklichen Position nahezu alles von mir verlangen zu können.“ Und das ließ sie nicht über ihre Lippen huschen, weil es sich angenehm weich auf ihrer Zunge anfühlte. Oder weil sie seinem Ego einen sanften Klaps auf den Po verpassen wollte. Vielmehr meinte es die Nordskov tatsächlich so, wie sie es ehrlich aussprach. Dennoch wandte sie sich mit einem Augenzwinkern wieder Sineca zu, dessen winzige Stupsnase an den vergilbten Seiten ihres Buches schnupperte.
“Es wundert mich, dass sie noch keines der Hühner angegangen ist.“ Tatsächlich war das für eine Wildkatze eher ungewöhnlich. Aber höchst wahrscheinlich hatte Sin zu lange unter dem Einfluss Liams gelebt und wusste, wann es sinnvoll war sich zu benehmen und wann sie liebevolle Bisse verteilen konnte. Zumal es wohl auf diesem Schiff immer jemanden gab, der sie mit reichlich Futter versorgte. Da lohnte sich kaum der Aufwand selbst auf Jagd zu gehen. “… muss wohl an deinem guten Einfluss liegen.” Wieder stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen. Hinterließ ein sanftes Funkeln in den braunen Augen, die kurz aus den Winkeln zu Liam lugten, bis die Nordskov sanft mit der flachen Hand auf seine Brust klopfte. Nur langsam wandte sie sich ab und steuerte auf Sineca zu. Schlich vorsichtig um die wachsamen Augen herum, die kurzweilig zu ihr hinauf blickten und den hoch gewachsenen Körper dabei beobachteten, wie er sich an der Reling mit beiden Händen auf die Kante gestützt hinauf hob und mit Blick auf das Schiff sitzen blieb. “Hast du ihr eigentlich jemals besondere Kunststückchen beigebracht.“ Immer wieder huschten die dunklen Iriden auf den eleganten Körper des Tieres hinab. Nur zur Hälfte aus wachsamer Vorsicht.
Es hätte ihn nicht gewundert, wenn Skadi ihm diese Aussage nicht abgekauft hätte. Er verhielt sich diesbezüglich tatsächlich etwas sonderbar, hatte aber auch keinen Grund, diese Sonderbarkeit groß nach außen zu tragen. Früher oder später würde sie vermutlich merken, dass gar nicht so viel Unwahrheit in seinen Worten gelegen hatte und wenn nicht – hatte er eigentlich auch nicht groß etwas daran auszusetzen. Er sah sich nicht in der Notwendigkeit, sich Skadi gegenüber in irgendeiner Weise zu behaupten. Genau das machte das zwischen ihnen so einfach, so angenehm. Niemand musste jemand sein, der er nicht war. Und jeder konnte sein, wer auch immer er wollte. Mit dem offenen Angebot der Nordskov wären einigen Männern wohl die wildesten Fantasien in den Sinn gekommen – Liam hingegen war bereits unfassbar zufrieden mit dem zurückliegenden Tanz und der Aussicht, dass es nicht der letzte gewesen war. Himmel, war er genügsam. „Bring mich nicht auf Ideen.“, lachte er leise und umschloss Skadis linke Hand kurz mit seiner eigenen, ehe sich die Jüngere wieder der Ginsterkatze zuwandte und Liams Blick ihrem folgte. „Das musste ich ihr austreiben. Sonst hätten wir uns ziemlich lange nach Mitfahrgelegenheiten umgucken müssen.“, mutmaßte er ernst und runzelte kurz die Stirn.
„Also Tierflüsterer bin ich noch nicht.“ Er konnte unmöglich einem Wildtier abgewöhnen, ein Wildtier zu sein. Natürlich benahm sich Sineca längst nicht mehr wie eine Ginsterkatze in freier Wildbahn. Ihre Scheu hatte sie fast gänzlich abgelegt, hielt sich zwar gerne in den Schatten auf, scheute aber keinerlei Konfrontation, wenn sie nötig war. Still beobachtete er, wie Skadi sich auf Sineca zubewegte und sich ein paar Meter neben ihr auf die Reling hob. Er bekam gar nicht bewusst mit, wie ihn seine eigene Bewegung hinterher trieb, wunderte sich aber auch nicht darüber, als er sich mit den Ellenbogen auf die Reling gestützt neben ihr wiederfand und ihren Vorschlag lächelnd mit einem Kopfschütteln verneinen musste. „Nicht wirklich bewusst, nein. Ein bisschen was hat sich automatisch ergeben. Aber im Grunde würde ich sie auch nicht als Haustier bezeichnen. Sie hat jederzeit die Möglichkeit zu gehen. Wollte es nur nie.“, erzählte er und spähte nach einem kurzen Seitenblick auf die Dunkelheit des Meeres hinaus.
Das seichte Schmunzeln umspielte bereits ihre Lippen, als sie mit einem leichten Sprung auf der Reling Platz nahm und die Füße an der Schiffswand abstützte. Skadi konnte sich allzu gut vorstellen, wie umständlich dieses Unterfangen gewesen sein musste. Letztlich blieb Sin nun einmal ein wildes Tier, das sich vielleicht an einen Menschen gewöhnen konnte, aber nach wie vor die Verhaltensweisen einer Wildkatze an den Tag legte. Dass die Hühner vor lauter Panik nicht tot umgefallen waren, glich wohl einer schicksalhaften Fügung. Für einen kurzen Moment ruhten die braunen Augen auf der tänzelnden Silhouette Sinecas, die dem Lockenkopf auf seinem Weg einige Meter folgte, ehe sie stehen blieb und aufmerksam zwischen den beiden hin und her sah. Nur um sich dann wieder herum zu drehen und den Rest ihres kleinen Lagers zu erkunden. “Wenn sich jemand Zeit meines Lebens so um mich gekümmert hätte, sähe ich auch keinen Grund darin zu gehen.“, entgegnete Skadi mit etwas ernsterer Miene und lugte aus den Augenwinkeln zu Liam hinüber. Dieser Lauf der Natur sicherte schon seit jeher das Überleben von Kindern. Man blieb dort, wo man sich aufgehoben und sicher fühlte. Ein Instinkt der unweigerlich in jedem schlummerte, ganz gleich wie bärbeißig oder unabhängig man auch war oder zu sein behauptete. “Da würde ich es auch verkraften keine Hühnchen jagen zu dürfen. Und vielleicht findet sie es ja auch ganz interessant zu lernen, wie man auf Kommando Schlüssel oder Papiere klaut. Nützlich wäre es allemal.“ Das breite Lächeln, das sich just über ihre Miene stahl, verfing sich in den braunen Augen, während Liam sich in Richtung Meer abwandte.
Es war schon seltsam wie respektvoll er mit der Freiheit anderer umging, ohne dass es ignorant oder desinteressiert wirkte. Skadi verstand mit jedem Tag mehr, dass der Musiker nicht nur den Sinn von Selbstbestimmung lebte, sondern ihn regelrecht verkörperte. Er stellte keine Erwartungen an jemanden, ließ selbst sie so sein, wie sie wollte und drehte ihr keinen Strick aus rauen, unbedachten Worten. Es war verdammt lange her, dass ihr so jemand begegnet war. Und es erfüllte sie für einen kurzen Augenblick mit sichtbarer Wehmut, ehe sie sich wieder vom Anblick des Älteren loseisen konnte und auf ihre Knie starrte. Dem sanften Rauschen in ihrem Rücken lauschte und die Stille genoss, die zwischen ihnen aufzog. Hier und da stahl sich ein sanftes Trappeln von Pfoten in die Geräuschkulisse. Und erst als Skadi sich zaghaft räusperte, hob sie den dunklen Haarschopf um nach Sineca Ausschau zu halten. “Liam…“ Ein drückendes Gefühl schob sich tief in ihre Magengegend und schnellte schlagartig zu ihrem Kehlkopf hinauf. Hinterließ ein heftiges Wummern hinter den ächzenden Rippenbögen, die sich unter einem leisen Seufzen auseinander zogen. “Danke.“ Nur langsam wandte sich die feine Miene der Jägerin herum. Trug ein warmes, ehrlich gemeintes Lächeln auf den Lippen. “Für alles. Ich weiß wirklich nicht, wann ich mich das letzte Mal wieder so sehr wie ich selbst gefühlt habe.“ Zu gern hätte sie eine der dicken Locken um ihren Zeigefinger gezwirbelt. Wäre in ein Lachen ausgebrochen, weil sich gerade eine unangenehme Hitze durch ihren Körper schob. Sie war seltsam glücklich und losgelöst in jenem Moment. Trug diesen Schimmer von Leichtigkeit auf ihrer Miene, der selbst Enrique vollkommen unbekannt sein durfte. “Und sag mir jetzt nicht, dass du nichts besonderes getan hättest. Das wäre gelogen.“ Mit einem erhobenen Zeigefinder wandte sich der schmale Oberkörper zur Seite und bemerkte im Augenwinkel, wie Sineca kurz an ihren Füßen vorbei schlich und zwischen ihr und dem Lockenkopf auf die Reling sprang. “Also… könntest du mir etwas versprechen?“ Ihr Stimme senkte sich jäh, als sie sich voraus beugte und kurz Sinecas Nase an ihrem Kinn spürte. Es wunderte sie selbst wie ruhig ihr Körper dabei blieb. Womöglich weil sie zu sehr auf den Lockenkopf fixiert war, dem sie ein sanftes Schmunzeln schenkte. “Verändere dich niemals. Für nichts und niemanden. Ich wäre ernsthaft traurig drum, einen solchen Freund zu verlieren.“
Ein bisschen fürchtete er sich vor dem Tag, an dem sie doch verschwand. Die Ginsterkatze war längst ein fester Teil seines Lebens. Etwas, was er nicht in Frage stellte und trotzdem wusste, dass ihre Anwesenheit nicht selbstverständlich war. Ein wenig abwesend bedachte er kurz die neugierige Gestalt der Schleichkatze und vertagte den Gedanken daran, dass sich ihre Wege irgendwann trennen würden, weiter nach hinten. „Ich glaube nicht, dass sie ein Wildfang war, dazu war sie zu jung. Im Grunde kennt sie also nichts anderes als einen Käfig oder mich, wobei ich wohl das kleinere Übel bin.“ Zweifellos. Zu großer Wahrscheinlichkeit hatte sie weitaus mehr in ihrem Leben gesehen als jede andere Ginsterkatze zuvor. Nicht immer Gutes, aber die meiste Zeit waren sie ja doch recht unbeschadet davon gekommen. Und welche Katze konnte schon behaupten, eine Schiffexplosion überlebt zu haben? „Tu dir keinen Zwang an.“, bot er Skadi an und sah zu ihr auf, als sie die Möglichkeiten laut durchdachte, die sie mit einer trainierten Sineca hätten. Auch, wenn er wusste, dass es die Nordskov einiges an Überwindung kosten würde. Aber wer wusste schon – vielleicht würde sie das Ziel ja beflügeln? „Sie ist ziemlich clever, kann aber ebenso eigenwillig sein. Ich hab‘ mir nie Gedanken drum gemacht, wie ich ihr gezielt irgendetwas beibringen könnte. Sie ist immerhin kein Hund.“ Was nicht heißen sollte, dass es von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Liam hatte sich nur einfach mit der Tatsache abgefunden gehabt, dass die Chancen nicht unbedingt hoch waren, sie wirklich zu dressieren. „Nützlich wäre es allemal.“, wiederholte er letztlich die letzten Worte der Jägerin zustimmend.
Nachdenklich sah er aufs Meer hinaus, erahnte den Horizont irgendwo in der Ferne, während sich die Sterne in der Finsternis des Oceans spiegelten. Für den Augenblick war die Stille sogar ziemlich angenehm. Nicht erzwungen oder Worte fordernd, sondern einvernehmlich. Erst Skadis Räuspern weckte ihn aus seinen nicht zu greifenden Gedanken, ließ ihn aufhorchen, ohne die Augen von einer unbestimmten Ferne zu nehmen. „Hm?“, ertönte es leise fragend, die Bedeutung allein im Klang seines Namens noch gar nicht wahrnehmend. Als sie schließlich fortfuhr, wandte er sein Gesicht wieder ihren feinen Zügen zu, überrascht und darüber nachdenkend, wofür ihm Dank gebührte, ehe Skadi ihn aufklärte und ein blasses Lächeln auf seinen Zügen erschien. Doch noch bevor er zu einem Kopfschütteln ansetzen konnte, erstickte die Jüngere sein Vorhaben im Keim, als hätte sie genau gewusst, was er vor hatte. Das Lächeln auf seinen Zügen verschwand für einen skeptischen Augenblick, ehe sich der Ausdruck zu dem eines Kindes wandte, das gerade bei seinem Plan erwischt worden war, ohne ihn in die Tat umsetzen zu können. Denn eigentlich hatte er nichts Besonderes getan. Nicht wissentlich jedenfalls. Vielleicht war es auch bloß reiner Zufall. Weil sie nicht mehr Kaladar sein musste, sondern Skadi sein konnte. „Gut. Aber danken brauchst du mir trotzdem nicht. Das ist doch…“ Liams Blick wanderte überlegend zurück aufs Meer, ehe er mit einem Schulterzucken feststellte, dass er dennoch kein besseres Wort fand als das, was er von Anfang an benutzen wollte. „Selbstverständlich. Was wär‘ das denn für eine Freundschaft, wenn wir dem anderen vorgaukeln müssten, jemand anders zu sein?“ Doch er ahnte, dass auch das nicht das war, was Skadi nun hören wollte.
Er schnaubte belustigt über sich selbst, ließ den Kopf kurz sinken, ehe er die Jüngere wieder taxierte und den Kopf leicht zur Seite neigte. „Jedenfalls… Gern geschehen, Skadi.“ Wieso war es eigentlich immer so schwer, einen Dank anzunehmen? Natürlich – Liam hatte nie das Gefühl, eine große Hilfe zu sein, aber oblag es nicht seinem Gegenüber, ob es ihm einen Dank wert war oder nicht? Als Sineca hinauf auf die Reling sprang, fuhr er der Katze kurz mit einer Hand durchs Fell und beobachte aus den Augenwinkeln heraus die Reaktion der Nordskov. Vor allem, als sie wieder zu sprechen begann und sich seine Stirn abermals kurz in Falten legte, bis das Lächeln auf seinen Zügen wieder kräftiger wurde. Kurz beobachtete er, wie Sinecas Nase unter der Berührung wieder vorsichtig ein paar Millimeter zurücksprang und ihre Schnurrhaare zuckten, ehe er Skadi wieder in die dunklen Augen sah. „Mach dir da mal keine Gedanken. Ich habe nicht vor, damit anzufangen.“ Und wenn es etwas gab, was er ihr mit gutem Gewissen versichern konnte, dann war es das. „Ich bin mal gespannt, was uns als nächstes erwartet. Ich glaube, ruhig wird es so schnell nicht mit diesem chaotischen Haufen.“

Nein. Sineca war mit jeder Faser ihres Körpers eine Katze. Dennoch machte es in Skadis Augen keinen Unterschied. Man konnte jedem etwas beibringen, wenn man nur mit reichlich Geduld gesegnet war – und vielleicht einer gewissen Portion gutem Geschicks und Talent. Ein leichtes Schmunzeln reichte vorerst jedoch zur Antwort. So schnell ließ sie sich in Punkto Ginsterkatze nicht überreden. Es genügte bereits jetzt schon, dass sie das Tier so nahe an sich heran ließ. Jedes Mal, wenn der Schatten in ihren Augenwinkeln schneller zu laufen begann, musste die Nordskov ein Zucken unterdrücken. Nach außen drang davon nichts. Dennoch konnte sie sich in jenem Moment wirklich angenehmeres vorstellen.
Eine Weile musterten sie Liams Züge schweigend, während er die Bedeutung seiner Handlungen klein zu reden versuchte und dabei ein Gesicht aufsetzte, das sie just an einen kleinen Lausbuben erinnerte. Ganz gleich wie sehr sie ihm auch den Wind aus den Segeln nahm, fand der Lockenkopf erneut Worte, um alles was er tat als Selbstverständlichkeit hinzustellen. Skadi wusste nicht, ob sie das nun positiv oder genervt auffassen sollte. Sicherlich mochte das zu einer Freundschaft dazu gehören. In diesem Punkt widersprach sie ihm in keinster Weise. Allerdings hatte es einem großen Vorschuss an Vertrauen und einer vorurteilsfreien Denkweise bedurft, um das überhaupt zu ermöglichen. Doch darauf etwas zu erwidern erschien ihr genauso sinnlos, wie Talin oder Shanaya etwas aufzuzwingen. Somit seufzte sie einfach nur unter einem wissenden, sanften Lächeln und schloss für einen Moment die schweren Augenlider. Genoss den leichten Windhauch auf ihrer Haut, ehe die dunklen Augen wieder hervor traten und den elegante Körper der Ginsterkatzen erblickten. Spürte das weiche Fell Sinecas an ihrem Hals kitzeln und wich im selben Moment zurück, als Sin unter der Berührung das feine Näschen tanzen ließ. Immer noch skeptisch musterte Skadi das gemusterte Gesicht und verzog die Lippen grübelnd zur Seite. “Aber das wäre doch sonst auch ziemlich langweilig oder?“
Ein knapper Blick huschte hinauf. Umspielt von einem kecken Funkeln in den braunen Augen, das sich bis zu dem schelmischen Lächeln hinab bahnte. Letztlich war es ihr egal, was in den kommenden Tagen passierte. Sie hatte nichts zu verlieren. Und lieber ließ sie sich in einen Kampf verwickeln, als in philosophische Gespräche über das Hier und Jetzt oder in eine ausgedehnten Fragerunde zu geraten. “Kennst du denn unseren nächsten Zwischenstopp?“ Es würde sie nicht verwundern, wenn dem so wäre. Immerhin hatte er einen wesentlich besseren Draht zu Shanaya und dem Kernteam der Crew als sie selbst.  
Crewmitglied der Sphinx
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#14
Mit einem kurzen Seufzen wandte er den Blick wieder hinaus auf die unendlichen Weiten der See, zuckte kaum merklich, aber ratlos mit den Schultern. Er kannte es nicht anders, wusste nicht zu beurteilen, was er anders tat als andere. Er machte sich keine Gedanken darum, wie er handelte oder was er sagte – er tat es einfach. Und manchmal kam es gut an, manchmal weniger. Hätte er versucht, sich Mühe zu geben, wäre es vermutlich nach hinten losgegangen. So jedoch konnte er Skadi tatsächlich nicht mehr geben, als die Versicherung, dass er gerne war, wer er war und es ihm nicht schwerfiel, ihr das Gefühl geben zu können, zu sein, wer sie war. Vermutlich hätte es ein einfaches ‚Bitte‘ ebenso getan, aber das war nicht seine Art. Als würde er sich mit Federn schmücken, die ihm nicht passten, so kam es ihm vor. Aber manchmal, wenn man mit Menschen zu tun hatte, kam man wohl nicht drum herum. Bei Skadis Antwort gluckste er amüsiert, wollte ihr seine Verwunderung aber dennoch nicht vorenthalten. „Dass du nach der Morgenwind nicht erstmal genug hast, wundert mich auch,“, grinste er, ehe er sich von der Reling abstieß und Sineca und Skadi vorerst alleine dort zurückließ. Mit einem weiteren Schluck aus der Flasche trat er zurück an die Öllampe auf den Planken und stieß nachdenklich die Luft aus, als ihn die Frage nach ihrem Ziel erreichte. Nicht, weil er sich überlegen musste, was er Skadi verriet oder nicht – er erinnerte sich dumpf daran, es zu wissen, hatte aber leider keine Ahnung mehr. „Ich glaube, man hat ihn erwähnt, aber…“ Ein letzter Versuch, sich daran zu erinnern, doch er scheiterte. „ich hab’s vergessen. Irgendwas nordwestlich von Milui glaube ich.“ Nachdenklich kratzte sich der Lockenschopf am Hinterkopf, griff mit der anderen Hand nach seinem Hemd und zog es sich über, ehe er sich wieder umwandte. „Wenn’s dir brennend interessiert, kann ich nochmal nachfragen.“, bot er ihr an, während er zurück zu den beiden Damen trat und die leichtere von ihnen von der Reling pflückte, um sie über rechts auf seine Schulter zu setzen und sie Skadi so erstmal ein bisschen vom Leib zu halten, bevor sie noch aufdringlicher wurde. Augenblicklich spürte er, wie die kleinen Tatzen mit ihren Krallen halt suchten – ein Grund, weshalb er es nicht ohne Hemd hatte tun wollen – bis sie ihr Gleichgewicht gefunden hatte. „Hast du ein Ziel, das dich interessiert?“
Kurzweilig setzte sich ein fester Kloß in ihre Kehle, kaum das Liam das Thema auf das versunkene Marineschiff lenkte und es ungewollt mit einer Entscheidung verknüpfte, die sie selbst nur schwerfällig getroffen hatte. Für einen Moment verdunkelte sich ihre Miene, trotz des breiten Grinsens, das augenblicklich schief zur Seite kippte. Sie war nicht dermaßen rastlos, weil sie es wollte. Es war das kleinere Übel gewesen, für das sie sich entschieden hatte. Es lenkte sie davon ab sich in ein neues Leben einfügen zu müssen, von dem sie nicht einmal wusste, wie es aussehen sollte. Ein Leben, das sie bereitwillig mit dem Versprechen eintauschte, Enrique bei seinem Rachefeldzug zu begleiten und all jene zu beseitigen, die ihm und seiner Familie nach dem Leben trachteten. Ganz gleich ob sie mit der Entscheidung leben konnte, die er ohne sie getroffen hatte. Schweigend senkten sich die dunklen Augen auf die Knie hinab. Versuchten nicht einmal Liam zu folgen, der sich mit einer kraftvollen Bewegung von der Reling abstieß und zum Lager zurück lief, während sie bereits in trübe Gedanken hinab watete.
Was hätte sie eigentlich getan, wenn Enrique sie nicht darum gebeten oder ihr gar klar gemacht hätte, dass sie sich von ihm fernhalten solle? Skadi wusste keine Antwort darauf. Ließ dieses schmerzende Ziepen lieber unangetastet und sog die kühle Nachtluft tief in ihre Lungen. All die Tage hatte sie damit zugebracht seine Entscheidungen einfach hinzunehmen und sich mit dem Gedanken abzufinden, dass sie ein gut zu gebrauchendes Anhängsel war. Das es okay war, niemanden mehr zu haben. Nicht einmal mehr den Rachedurst, der sie die letzten 5 Jahre aufrecht hielt. Letztlich brauchte sie doch niemanden in ihrem Leben, konnte gut für sich selbst sorgen und hätte im Fall der Fälle auch weniger Probleme an der Backe, die sie für andere ausbaden musste. Mit Cornelis Tod war das alles jedoch nur komplizierter und verworrener geworden. Sie sah sich so vielen Seelen gegenüber, die in sich zusammenbrachen. Und zögerte keinen Augenblick, um das zu tun, was sie am besten konnte: zu beschützen.
Ein abgekämpftes Lächeln zuckte in den leblosen Mundwinkeln, während Skadi für einen kurzen Augenblick auf Sineca hinab sah. Mit einem Mal wirkten diese großen braunen Augen kaum mehr bedrohlich. Nicht einmal dann, als sich der weiche Kopf gegen ihren Oberarm drückte und Skadi nicht einmal den unterbewussten Drang verspürte, zurück zu weichen. Fast hätte sie die langen Finger durch das dichte Fell am Hals streifen lassen. Hörte jedoch bereits Liams Worte, die unaufhörlich näher kamen. Bemerkte, dass sie ihm offensichtlich nicht zugehört hatte und presste die Lippen fest zusammen. Brachte ein so unschuldig ausgesprochener Kommentar sie wirklich derart aus der Fassung? Offensichtlich war das Loch nicht tief genug, in dass sie ihre Bedenken und Emotionen geschuppst und vergraben hatte. Aber Liam war sie angesichts dessen nicht böse. Schließlich wusste niemand was das für eine seltsame Bindung zwischen ihr und de Guzmán war. Nicht einmal sie selbst hatte es für sich definieren wollen – auch wenn sie davon ausgegangen war, dass sie Freunde waren. Doch Freunde teilten ihre Pläne miteinander, bevor sie in Stein gemeißelt waren, oder nicht? Wie definierte man also dann dieses Pflichtgefühl, dass sie immer wieder an seine Seite treten ließ, wenn er ihre Hilfe brauchte? Liebe war es definitiv nicht. Skadi hätte es gewusst, selbst wenn es ihr bitter gegen den Kehlkopf gesprungen wäre. “Ich?” Liams Worte drangen erst spät in ihr Bewusstsein. Ließen die Jägerin blinzelnd auf den Fleck starren, an dem Sineca noch vor wenigen Herzschlägen den Kopf gegen ihren Arm gerieben hatte, und ihre Gedanken wie einen Knall in ihrem Kopf explodieren. “Keine Ahnung.” Das einzige was sie in jenem Moment wusste war, wo sie definitiv nicht so schnell hin wollte. Doch das würde seine Frage wohl kaum beantworten und ihr womöglich noch unliebsame Nachfragen aufs Auge drücken. “Ich weiß zu wenig von dieser Welt, um ein besonderes Ziel zu haben.“ Vielleicht gab es ein generelles Ziel, das sie irgendwann erreichen würde. Einen Ort an den sie Enrique zerrte, ganz gleich wie sehr er sich dagegen auch sträuben würde. Doch das hatte definitiv weniger mit ihr, als ihm und seiner Familie zu tun. “Und du?” Nur langsam erhob sich der dunkle Haarschopf und ließ die neutrale Miene erst auf die zappelnde Sineca auf seiner Schulte und dann auf Liam selbst gleiten.
Ihm entging, was er eingerichtet hatte, da er Skadi just in diesem Moment den Rücken zugekehrt hatte und ihm so der abwesende Ausdruck auf ihren Zügen verwehrt blieb, der sich, kaum hatte er seinen Satz beendet, wie ein Schleier über ihre Züge legte. Das Thema Morgenwind ging ihm mittlerweile trotz dessen, dass er nicht sonderlich erfreut über den Ausgang dieser Aktion war, recht einfach über die Lippen, stellte nur ein weiteres Kapitel in seinem Leben dar, das nicht mehr verändert werden konnte. Dass es Skadi dabei anders ging, kam ihm gar nicht. Vor allem, da es nicht mehr als ein lockerer Kommentar hatte sein sollen. Ohne Hintergrund, ohne die Absicht, das Thema weiter zu behandeln oder näher darauf einzugehen. Vielleicht hätte ihn das Schweigen darauf aufmerksam machen können, doch auch das wirkte im Augenblick nicht unbedingt fehl am Platz. Erst, als er längst wieder an ihrer Seite stand und fortfuhr, während er Sineca auf seine Schulter hob, fiel ihm aus den Augenwinkeln auf, dass ihr Blick noch immer starr nach unten gerichtet war, wo die Ginsterkatze eben noch gesessen hatte. Mit einer langsamen Bewegung fuhr er dem Nachtschatten auf seinen Schultern über die Rute, schluckte, um das beklemmende Gefühl loszuwerden, dass er diesen plötzlichen Sinneswandel zu verschulden hatte, ohne zu wissen, wie. Und gerade, als er mit dem Gedanken spielte, seine Frage der fehlenden Reaktion wegen entweder zu wiederholen oder schlicht nachzufragen, ob alles stimmte, fand sie verzögert zu ihrer Stimme zurück und tischte ihm eine Antwort auf, die ihn nicht wirklich zufrieden stellte.
Vielleicht, weil sich die Frage in seinem Kopf längst geändert hatte, ihr Ziel belanglos war im Gegensatz zu dem, was ihr nun die Schatten über die Züge jagte. Er wurde das Gefühl nicht los, dass seine Antwort auf ihre Gegenfrage ähnlich belanglos war wie Gegenfrage selbst; auch nicht, als sich Skadis Blick wieder hob und ihm nichtssagend entgegenblickte. Dass er ihre Unwissenheit nicht verurteilte, sollte sie mittlerweile wissen. Der Grund für den Sinneswandel musste also tiefer liegen. Tiefer als eine allgemeine physische Ziellosigkeit, denn dass sie nicht mehr völlig ziellos war, hatten sie doch bereits festgehalten. Er zögerte nicht mit der Antwort, ließ sich aber dennoch etwas Zeit, während sein Blick wieder hinaus aufs Meer glitt. Er hatte das Bedürfnis, einfach die Hand auszustrecken, da zu sein, doch er tat es nicht. Er tat es nicht, weil er ihr nicht das Gefühl nehmen wollte, stark zu sein. „Ich wollte schon immer mal hoch in den Norden.“, begann er schließlich nach einem tiefen Atemzug. „Dorthin, wo es kälter ist als hier.“ Ein Schulterzucken folgte, ehe er am Schiffrumpf hinab sah und weitersprach. „Aber ob ich das jemals in die Tat umsetze – Ich weiß es nicht.“ Abermals hob er den Kopf, schenkte der Nordskov an seiner Seite ein blasses Lächeln, ehe er sich herumwandte und nun mit der Hüfte gegen die Reling gelehnt ebenso wie sie über das dunkle Deck der Sphinx in die Nacht spähte. „Weißt du, was ich so schön daran finde, ziellos zu sein? Egal, wo man ankommt – es ist immer eine Überraschung. Ich mache mir keine Gedanken, wenn ich einen Umweg nehmen muss, weil es einfach keine Umwege gibt. Alles gehört irgendwie zum Ziel dazu.“ Für einen Moment bedachte er ihre Züge schweigend, ehe das Lächeln auf seinen Lippen kurz aufflammte und er schließlich doch die Hand nach ihrer ausstreckte. „Mach dir nicht so viele Gedanken. Du findest deinen Platz in dieser Welt. Manchmal ist er einfach weniger offensichtlich.“ Und dabei spielte es absolut keine Rolle, ob er tatsächlich hier auf der Sphinx war, an der Seite eines Mannes und als Mutter oder irgendwo ganz anders. Irgendwann würde er sich zeigen. „Und bis dahin spüren wir so viele Legenden auf, wie wir können. Abgemacht?“
Sie versuchte sich bei jedem seiner Worte in eine Welt abtauchen zu lassen. In eine Vorstellung dessen, was er umriss. Doch irgendwie erhielt sich keines der Bilder am Leben. Zerriss just in jedem Moment, indem sie zu atmen begann. In dem ihre dunklen Augen zwischen Liams feinen Zügen und den funkelnden Augen der Ginsterkatze hin und her huschten. Skadi schaffte es nicht einmal einen klaren Gedanken zu fassen. Seufzte fast schon über sich selbst, kaum dass sich der dunkle Haarschopf abwandte und nachdenklich auf die andere Seite des Schiffes sah. Sie hörte jedes seiner Worte, spürte die Wärme seines Körpers in ihrer unmittelbaren Nähe. Doch es löste nichts mehr in ihr aus. Gar nichts. Skadi fühlte sich mit einem Mal so taub, dass sie dem Hirngespinst anheimfiel, dass sich Füße und Hände wie Eiszapfen anfühlten. Sie an der Reling festfroren und kaum mehr eine Regung zuließen. Ziellos sein. Bei dem Lockenkopf klang es wie eine Offenbarung. Gleich einem Geschenk der Götter. Und ganz offensichtlich glaubte er, dass sie genauso war wie er. Ein rastloser Geist, der sich wie ein Blatt vom Wind tragen ließ. Womöglich weil sie ihm gerade ziemlich deutlich zu verstehen gegeben hatte, dass sie keinen Plan für ihr Leben besaß. Wie denn auch, wenn ihre Familie ausgelöscht worden war und der Grund all dessen nun mehr tot auf dem Meeresboden lag. Wie weitreichend allerdings die Ufer dieser vergangenen Ereignisse waren, wusste die Nordskov nicht einmal. Und sie tat gut daran es nie heraus zu finden.
Sie würde schon noch ihren Platz in dieser Welt finden. Unweigerlich verkeilte sich der Kloß in ihrer Kehle und ließ sich nicht einmal mehr mit einem energischen Schlucken beseitigen. Wenn es so einfach war, wieso tat sie sich dann so schwer damit? Den Gedanken zuzulassen, dass sich alles noch zum Guten wendete - es erschien ihr jäh so kindisch und albern. Sie waren hier nicht in einer dämlichen Kindergeschichte. Das Leben besaß nun einmal die lästige Eigenschaft einem ständig mit Arschtritten im Nacken zu sitzen. So war es schon immer. So würde es immer sein. Wieso zum Henker hatte sie dann solche Probleme damit, ihre Emotionen unter Kontrolle zu bringen? Dem Lockenkopf machte sie an dieser Stelle keinen Vorwurf. Er tat ganz offensichtlich sein bestes, um die dunkeln Wolken zu vertreiben, die über ihrem Kopf aufgezogen waren. Vergewisserter ihr mit jedem seiner Worte, dass ihr Zustand normal war. Dass er sie verstand. Dass er das Gefühl kannte und es doch irgendwie seine guten Seiten hatte. Irgendwie war es schon fast niedlich, wie sehr er sich um sie bemühte.
Mit einem schweren Seufzen auf den vollen Lippen sackte der dunkle Schopf hinab. Ergab sich der Schwere in ihrer Brust und ließ für einen kurzen Augenblick die Zweifel heraus, die sich wie eine Schlinge unangenehm um ihren Lebensmuskel schlossen. Scheiße Skadi... reiß dich endlich zusammen. Du bist die Tochter eines Nordskovs... du hast die Gene von Kämpfern in deinem Blut. Also kneif die Arschbacken zusammen und hör auf zu heulen, weil keiner mit dir spielen will. Fast setzte sich ein schiefes Lächeln in ihren Mundwinkel. Kitzelte das bittere Auflachen aus den Untiefen ihres Brustkorbs, das jedoch unter der plötzliches Berührung Liams nicht einmal mehr die Oberfläche erreichte. Blinzelnd huschten erst die braunen Augen zur Seite, ehe der kurz geschnittene Haarschopf folgte. Wie gebannt starrte Skadi in die Miene des Älteren. Konnte kaum mehr verhindern, dass sich das schiefe Lächeln zu einem sanften Schmunzeln wandelte und sich jeder Muskel ihres Körpers schlagartig entspannte. Fast automatisch umschlossen ihre Finger die seinen mit einem festen Griff. Nahmen ihn beim Wort, ehe die vollen Lippen nachsetzten. "Abgemacht." Die angenehme Stille die folgte, legte sich wie ein sanfter Mantel über ihre freien Schultern. Umschloss die mit Leder umhüllte Brust und glitt sanft an den feinen Linien ihrer Körperbemalung hinab. "Dir ist schon klar, dass du mich jetzt nicht mehr so schnell loswirst, oder?" Wie von selbst trat ein leises, fast schon belustigtes Schnauben an die Luft. "Also... wenn du nochmal darüber nachdenken willst, dann tu es jetzt." Als würde sie ihm dazu noch irgendeine Gelegenheit lassen.
Es lag ihm so unfassbar fern, ihr eine Welt schön zu reden, in der sie sich nicht wohlfühlte. Dieser Abend hatte ihm gezeigt, dass die Nordskov sensibler war als sie schien. Sensibler vielleicht sogar, als sie sich nach all den Jahren bei der Marine selbst zugestehen wollte. Sie war ein Mensch, der die Familie wertschätzte und – wie Liam mittlerweile vermutete – eigentlich nie auf den Gedanken gekommen wäre, von dort zu verschwinden. Hätte es nicht Umstände gegeben. Umstände, die der Lockenkopf bislang nicht kannte und auch nicht hinterfragen würde. Das Puzzle, welches sie ihm so bereitwillig bot, nahm ohnehin schon mehr und mehr Gestalt an und der Musiker hielt es sogar für möglich, dass er sich besagten Umstand womöglich bereits selbst hätte zusammenreimen können. Dann jedenfalls, wenn er sich nicht so eisern gewehrt hätte, die Stücke zusammenzusetzen. Er gab sich lieber mit dem zufrieden, was sie ihm freiwillig offenbarte, statt die fehlenden Puzzleteile mit Dingen zu füllen, die nicht der Wahrheit entsprachen und nur in seinen Gedanken einen wirklichen Sinn ergaben. Was er hier tat, war auch kein Versuch, ihr die Welt eines ziellosen Herumtreibers schmackhaft zu machen. Er wollte ihr bloß einen Einblick gewähren, ihr zeigen, dass es nicht immer darauf ankam, dort zu sein, wo man hin wollte. Manchmal konnte ein Zufall viel bedeutsamer sein als ein Ziel. Und manchmal zeigten einem Zufälle Ziele, die einem vorher völlig verborgen gewesen waren.
Vielleicht redete er auch, um ihr die Zeit zu geben, ihm nicht zuzuhören und sich stattdessen mit der Schwere ihrer Gedanken zu befassen, ohne das Gefühl zu haben, ihm eine Reaktion schuldig zu sein. Und trotzdem meinte er es ernst und war zuversichtlich, dass sie früher oder später den Weg finden würde, der sie in ihrem Leben wieder voranbringen würde. Vorher aber musste sie mit sich selbst vereinbaren, was sie wollte und was nicht. Und dabei konnte ihr niemand helfen außer sie selbst. Man konnte ihr gut zureden, ihr zeigen, dass sie nicht allein war, doch den Weg musste sie selbst bestimmen, wenn sie glücklich werden wollte. Einen kurzen Moment versuchte Liam, sich selbst daran zu erinnern, wann er sich zu dem entschieden hatte, was er hier tat. Heimatlos, ziellos. War es wirklich einfach nur das, was sein Vater ihm vorgelebt hatte? Oder was trieb ihn sonst in die Welt hinaus, ohne des Reisens müde zu werden und sich nach einem Ort zu sehen, an dem er ankommen konnte? Hätte er es gewusst – er hätte es Skadi nicht verheimlicht. Einfach nur, um ihr Möglichkeiten aufzuzeigen, die ihr die Umstellung vielleicht etwas einfacher machten. So aber fiel ihm eine andere Möglichkeit ein, ihr ein kleines Zwischenziel zu geben. Ein Ziel, welches sie selbst zu einem solchen auserkoren hatte und in dem so viel mehr lag, obwohl es wie ein Versprechen zwischen zwei Kindern klang, die sich der Realität entgegenstellten. Und tatsächlich schaffte er es damit, ihren Blick wieder zu erheben und den Ausdruck auf ihren Zügen mit einer stoischen Zuversicht zu erwidern. Liam wollte ihr hier kein Versprechen abringen. Im Endeffekt war er sich ohnehin ziemlich sicher, dass sie in einem Monat oder zweien ziemlich genau wusste, wo der nordskov’sche Sturkopf hinwollte und dieser flüchtige Kindertraum längst hinter ihrem Plan vergessen sein würde. Liam wollte ihr nicht mehr als einen Lückenfüller anbieten, der sie an nichts hindern würde, wenn sich ihre Pläne änderten. Sie war ihm nichts schuldig.
Ein knappes Nicken folgte, als sie einwilligte und ihre Miene wieder etwas aufklarte. Sie sah so unfassbar erschöpft aus von alledem, was diese Nacht zu bieten gehabt hatte. Auch Liam fühlte sich gedanklich eigenartig voll, ohne einen von ihnen wirklich greifen zu können. Als Skadi fortfuhr und ihn über die Konsequenzen aufklärte, bemühte er sich für einen Augenblick um einen möglichst nachdenklichen Ausdruck, ehe er sich vorsichtig räusperte und die Lippen verzog, als ginge ihm das, was er sagen wollte, nicht unbedingt einfach über die Lippen. „Also ist das hier der letzte Ausweg für mich?“, fragte er stattdessen nochmal, um sich zu versichern und verschränkte kurzerhand die Arme vor der Brust, ehe er nicht mehr anders konnte, als belustigt zu schnauben. Mit einer halben Drehung stand er schließlich vor ihr, klopfte ihr sachte mit den Händen oberhalb auf die Knie und ließ sie auf ihren Oberschenkeln liegen. „Himmel, Skadi, wenn ich’s nicht so meinen würde, hätte ich es nicht angeboten.“, stellte er klar, ehe sich seine Lippen wieder zu einem wissenden Lächeln verzogen. „Außerdem wird sich noch zeigen, wer von uns beiden den schlechteren Pakt eingegangen ist.“ Sie hatte doch gar keine Ahnung, was für ein Kindskopf er manchmal sein konnte. Mit einer kindlichen Vorfreude in den Augen bedachte er ihre feinen Züge einen letzten Moment, besah sich das Lächeln auf ihren Lippen, das noch immer von den Gedanken zeugte, die sie wieder und wieder wie ein Sturm mit sich rissen. „Das Lächeln gefällt mir schon viel besser, als dieser nachdenkliche Blick.“ Seine Stimme klang fast schon beiläufig bei dieser Feststellung, die er im Raum stehen ließ, indem er sich abermals von ihr löste, den Kopf kurz im Nacken kreisen ließ und mit einem Gähnen hinaus in die Dunkelheit spähte, die am östlichen Horizont einen leichten, feurigen Streifen erahnen ließ.
Sein Räuspern kitzelte in ihrem Mundwinkel und malte ein warmes Flackern in das tiefe Braun ihrer Iris. Auch wenn das knappe Schulterzucken und darauf folgende Vorziehen der Unterlippe gespielt gleichgültig wirken sollte, meinte Skadi es tief in ihrem Inneren bitter ernst. Nicht in dem Sinne, dass sie Liam für einen verspäteten Rückzug den Kopf vom Körper riss. Viel eher gab sie ihm die Möglichkeit die Zähne ihres Sturkopf nicht mit voller Wucht in die Vorstellung zu schlagen, dass sie gemeinsam die Welt bereisen würden. Ohne ein Ziel – und doch mit dem Versprechen jedes Abenteuer gemeinsam zu bestreiten, das sich ihnen vor die Füße warf. “Ich wollte nur auf Nummer sicher gehen.“, entgegnete sie dem leichten Tadel und bettete die Hände entspannt auf die Reling. Immerhin zweifelte sie ja auch nicht an der Ernsthaftigkeit seiner Worte. Allerdings kannte sie sich selbst gut genug um zumindest in diesem Punkt klarzustellen, was dieses Angebot für Konsequenzen mit sich ziehen würde – das erschien ihr in Anbetracht ihrer aufblühenden Freundschaft nur fair. “Mh…” Mit verengten Augen musterte Skadi die feinen Züge des Älteren, kaum dass dieser versuchte den Spieß umzudrehen und sich selbst als “Problemfaktor” darzustellen. Sie glaubte ihm auf’s Wort, dass er für reichlich Chaos sorgen konnte und höchst wahrscheinlich auch würde. Doch lag es wohl im Auge des Betrachters ob ungewolltes Chaos gleichzusetzen war mit absichtlicher Sturheit. “Ich bin ja fast versucht drauf zu wetten.“, gestand sie unter einem halben Lachen und tätschelte liebevoll seine Linke mit ihrer Rechten.
Den darauf folgenden Kommentar ignorierte sie einfach und vergrub ihn unter einem unverschleierten Augenrollen. Es bestätigte ohnehin nur, was sie über den Musiker dachte, dessen kindliches Herz voller Lebensfreude und Neugierde tanzte. Da erschien es ihr nur normal, dass er sie lieber lächeln, denn grübeln sah. Für sie zählte allerdings beides zum Leben dazu und war nicht minder gut oder schlecht. Seinem Blick folgend ließ sie die langen Finger eine Weile auf seinem Handrücken ruhen, ehe sie sich unter einem tiefen Ausatmen streckte und die Hand in den Nacken hob. “Sieht wohl so aus, als wäre unsere Nachtschicht bald vorüber.“ Und fast wie zur Antwort schob sich ein gedehntes Gähnen über ihre Züge und endete mit einem halb geschlossenen Augenaufschlag zu Liam und Sineca. “Erinnere mich daran, mich wieder für eine Schicht mit dir eintragen zu lassen.“ Ein breites Lächeln schob sich über die vollen Lippen, während sich der zierliche Körper langsam von der Reling gleiten ließ und für einen kurzen Moment die Ginsterkatze im Blick behielt. “Immerhin gibt es noch so einiges, dass ich in Erfahrung bringen muss.“ Was genau sie damit meinte, blieb unbeantwortete. Versank nur in dem kurzen Blick aus dunklen Augen und verschwand, kaum dass sich Skadi an Liam vorbeischlich und das Buch vom Schiffsboden aufklaubte.
Sie waren erwachsen. Und damit hatten derartige Pakte fast schon automatisch weniger Gewicht als es bei zwei Kindern der Fall gewesen wäre. Sie wussten beide, dass das Leben kam, wie es wollte und Liam schätzte Skadi durchaus realistisch genug ein, sich von einer derartigen Abmachung in Zukunft nicht davon abhalten zu lassen, zu tun, was gut für sie war. So undurchdacht Liam im Allgemeinen auch war – er war niemand, der so etwas einfach unbedarft aussprach, wenn er nicht davon ausgehen würde, dass sein Gegenüber wusste, wie es zu nehmen war. Und wenn er sich irrte, konnte er sich immer noch Gedanken darüber machen, wenn es soweit war. Solange es funktionierte, funktionierte es immerhin, oder? Der Lockenkopf lachte leise und musste ihr zumindest in dem Punkt zustimmen, dass eine derartige Wette tatsächlich spannend werden konnte – und das, obwohl sie beide eigentlich im Stande dazu sein sollten, sie maßgeblich zu beeinflussen. Aber sie waren beide keine Menschen, die einen anderen auf Teufel komm raus übertrumpfen wollten – vielleicht würde es ihnen tatsächlich eines Tages gelingen, die Male, die sie einander (ungewollt) in Schwierigkeiten gebracht hatten, gegeineinander aufzuwiegen. „Aber nicht um Geld, du weißt ja.“, bemerkte er und war fast schon ein wenig stolz darauf, dass er sich diesen Teil der Carta hatte merken können, seit Shanaya sie vor ein paar Tagen erwähnt hatte. Aber Skadi war – wie schon bewiesen – weitaus belesener, was dieses Thema anging. Das Funkeln in seinen Augen galt keinerlei Hintergedanken, ehe er sich dem Horizont zuwandte und den Gedanken fasste, den Skadi keinen Augenblick später aussprach.
Der Ältere nickte lediglich zur Antwort, ehe ihm die Nordskov abermals ein Schmunzeln in die Mundwinkel lockte und er ganz automatisch den Blick vom Nachthimmel abwenden musste, um ihre Züge im fahlen Licht der Lampe zu mustern. „Mit dem größten Vergnügen.“, versicherte er. „Das macht sie fast schon erstrebenswert.“ Er war kein großer Freund der Nachtschichten. Wenn er sich die Nächte um die Ohren schlug, dann eigentlich eher auf andere Arten. Ansonsten hatte er auch wirklich nichts dagegen, gemütlich in seiner Hängematte zu schlummern. Diese Nacht allerdings hatte Skadi ihn fast vergessen lassen, dass es Arbeit war, die sie wachgehalten hatte. Immerhin hatten sie ihre Zeit ziemlich gut zu nutzen gewusst, wie er fand. Als sie sich wieder auf die Beine gleiten ließ, wandte sich der Musiker herum, lehnte sich abermals rücklings an die Reling und beobachtete sie mit gerunzelter Stirn dabei, wie sie ihr Buch vom Boden auflas. „So?“, fragte er interessiert und folgte ihr lediglich mit den Augen, als sie an ihm vorbei ging, während er die Arme vor der Brust verschränkte. „Dann harre ich mal gespannt der Dinge, die da kommen.“ Er konnte sich beim besten Willen nicht vor stellen, was die Nordskov derart interessieren konnte. Er hatte nichts zu verbergen und empfand sich auch sonst nicht als sonderlich spannenden Menschen.
Es war angenehm, wenn man ausnahmsweise mal ähnliche Ansichten vertrat und den eigenen Standpunkt weder erläutern noch verteidigen musste. Vor allem wenn es solch angenehme Ausuferungen annahm, wie an diesem Abend. Und Skadi würde sicherlich auch nie einen Hehl daraus machen, dass alles, was innerhalb der letzten Stunden geschehen war –ganz gleich ob gut oder schlecht – wiederholungswürdig war. Deshalb legte sich Liams Zuspruch wie samtiges Balsam auf ihre Seele und hinterließ ein breites Schmunzeln auf ihren Zügen, während die langen Finger den ledernen Buchrücken umschlossen. “Ach Liam… so jung und doch schon so vergesslich. Und ich dachte, du hübscher, armer Musiker hättest noch ein paar Jahre.“ Sichtlich amüsiert wandte sich die hoch gewachsene Nordskov herum und musterte den Lockenkopf eine Weile. Hielt den dicken Wälzer mit beiden Händen verschränkt vor der Brust. “Nun… zum einen ist die Geschichte immer noch nicht zu Ende… und zum anderen möchte ich dich gern an unsere kleine Abmachung erinnern.“ Fast schon demonstrativ schoben sich die beiden Hände an den Gelenken zusammen und zogen sich gen Himmel – fast als wären sie gefesselt. Skadis Miene verzog sich jäh zu einem spitzbübischen Grinsen. Nicht nur weil sie sich insgeheim darauf freute, sondern weil es ihr in jeder Faser ihres Körpers danach brannte zu erfahren, worauf sich Liam ohne mit der Wimper zu zucken einlassen würde. Mittlerweile hatte sie hohe Erwartungen und es erfüllte sie mit absoluter Neugierde seine Grenzen auszutesten.
Skadi ahnte nicht einmal im geringsten, wie viel Wahrheit womöglich in ihrer Neckerei steckte. Aber auch Liam hatte im Augenblick besseres zu tun, als auf besagte Wahrheit aufmerksam zu werden. Es war nichts, was ihm ständig bewusst nachhing – mehr ein dunkler Schatten, über den er jederzeit großzügig hinwegsah. Seine Augenbrauen zogen sich kurz zusammen, während sein Blick noch immer der Jägerin folgte und neugierig darauf wartete, worauf genau sie nun abzielte, wog den Kopf bestätigend zu ihrer Aussage und musste gestehen, dass ihre Aussage bedeutungsschwerer geklungen hatte, als dass auf seine Geschichte gekommen wäre. Als sie fortfuhr, erhellte sich seine Miene wieder wie von selbst, ließ ihn sich kurzerhand auf die Unterlippe beißen, ehe er mit einem leisen Glucksen den Blick senkte. „Ich hoffe, du bist dir im Klaren darüber, dass ich mich nicht mit einem Apfel zufriedenstellen lasse.“, versicherte er. Er hatte keinen Grund, die Vorfreude in seiner Stimme geheim zu halten. Am liebsten wäre er ihr wohl abermals gefolgt, um ein letztes Mal für diesen Abend von ihrer Haut zu kosten, doch er blieb wo er war und nahm sich vor, sich dieses Verlangen für einen späteren Zeitpunkt aufzuheben. Wie machte sie das bloß?
Man konnte ihm ansehen, wie die Informationen langsam in seinen Verstand hinab sickerten. Und Skadi konnte kaum das halbe Lachen unterdrücken, als Liam ihrer frechen Aussage entgegnete und sie ungewollt ein paar Meter zu sich lockte. Sie liebten beide dieses kleine Spiel, den Tanz ohne Musik, den sie wohl über die nächsten Wochen noch perfektionieren würden, wie der Nordskov schien, deren Hände wieder hinab gesunken waren und das Buch sicher neben ihrer Hüfte baumeln ließen. “Über den Apfelstatus sind wir zwei längst hinaus. Und einen Mann mit deinen Qualitäten vergraule ich nur sehr ungern. Außerdem habe ich da schon ein paar Ideen im Kopf.“ Spielerisch tanzten die dichten Brauen im Halbdunkel und ließen einen kleinen Schatten über das zufrieden drein blickende Gesicht der Jägerin gleiten. Mit einem wissenden Lächeln blieb sie eine Hand breit vor Liam stehen, sah aus den Augenwinkeln zu Sineca hinüber, dessen Blick einen kurzen Moment Gänsehaut auf ihren Armen hinterließ. Erst dann huschten die braunen Augen auf die feinen Züge und umkreisten immer wieder das warme Braun seiner Iris. “Aber das bleibt wohl vorerst mein kleines Geheimnis.“ Kleine Grübchen schoben sich in die braungebrannte Wange, während das Lächeln auf Skadis Lippen breiter und breiter wurde. Mit einem kurzen Kuss auf Liams Mundwinkeln und einem Augenzwinkern wandte sie sich wieder ab. Schlenderte entspannt in Richtung Tür zum unteren Deck. “Gute Nacht, Traumprinz.“
Ob es ihr nun ähnlich ging wie ihm oder nicht – Liam konnte nur mutmaßen, mit welchem Hintergedanken sie ihm einen Strich durch die Rechnung machte. Mit einem tiefen Atemzug wartete er geduldig und erwischte sich selbst bei jedem ihrer Schritte dabei, zu hoffen, dass es nicht der letzte gewesen war. Das bübische Schmunzeln hing ihm noch immer in den Mundwinkeln, während sie seine Gedanken zum Spielen einlud. „Ich kann es kaum erwarten.“, hauchte er gegen ihre Lippen, nachdem auch er den Kopf ein wenig nach vorne gebeugt hatte und das angenehme Knistern zwischen ihren Gesichtern genoss. Dieses Mal war es lediglich eine flüchtige Berührung ihrer Lippen, ehe sie ihn im Schein der Kerze zurückließ und ihm mit ihren Worten ein letztes Grinsen entlockte, das unscheinbar über seine Züge huschte. „Prinzessin.“, entgegnete er leise mit einer hörbaren ‚Verbeugung‘ in der Stimme und neigte den Kopf, selbst wenn sie es nicht sehen konnte. Auch, als sie längst unter Deck verschwunden war, lag sein Blick noch immer auf der Tür, die nach unten führte, ehe er sich mit einem tiefen Atemzug abwandte und wieder mit den Armen auf der Reling abstützte. Mit einem unscheinbaren Lächeln auf den Lippen, welches ihm selbst vermutlich nicht einmal wirklich bewusst war, beobachtete er den Horizont, an dessen Fuße sich allmählich ein rötliches Band über Himmel und Meer zog, um den dämmernden Morgen anzukündigen.


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