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Bring me to the garden where we'd go
Skadi & Liam
Szenen-Informationen
Charaktere Gast
Datum 20 April 1822
Ort auf der Sphinx
Tageszeit später Abend bis nachts
Crewmitglied der Sphinx
für 250 Gold gesucht
dabei seit Apr 2016
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#1
Bring me to the garden where we'd go
And cleanse my soul. Free me of this anger that I hold
And make me whole, make me whole
Darling won't you let it go
You don't have to let it hold you. Listen to the light
Don't let the darkness take you

20. April 1822 |Liam & Skadi | später Abend bis nachts auf der Sphinx


Die Sonne war vor etlichen Stunden untergegangen und hinterließ noch immer einen seltsamen Schimmer im Nachthimmel. Skadi wusste nicht, ob sie es sich nur angesichts der Öllampe einbildete, die sie mit an Deck gebracht hatte, oder ob sich tatsächlich ein sanfter Rotstich unter das stetig dunkler werdende Blau mischte. Mit einem letzten Blick hinauf zum wolkenlosen Himmel und einem ledernen Buch vor die Brust geklemmt, war sie in die frische Abendluft hinaus getreten und hatte sich schweigend neben den Lockenkopf gesetzt, der wie so oft in eines seiner Bücher vertieft war. Nur kurz hatte sie ihm zugelächelt, ehe sie die dunklen Augenpaare auf den Stapel Papier in seinem Schoß gleiten ließ und dicht bei ihm Platz nahm. Nicht um ihn unauffällig zu berühren, sondern das Licht mit ihm zu teilen, das sie klappernd zwischen ihnen aufstellte.
Es musste eine Ewigkeit vergangen sein, als sich die Nordskov den zwickenden Nacken rieb und mit der freien Hand einen Finger auf die zuletzt gelesene Zeile legte. Wandte dehnend den Kopf in alle Richtungen, um unweigerlich an dem Anblick des Älteren hängen zu bleiben.
“Was zeichnest du heute eigentlich?“ Ihre Stimme durchbrach die angenehme Stille fast schon wie ein Kanonenschuss, obwohl sie beinahe flüsterte.
Er hatte sich mittags bereits eine Pause gegönnt und mit einer kleinen Skizze begonnen, um die Stimmung der Sphinx ein wenig einzufangen. Eine Skizze, die er irgendwann später dazu nutzen konnte, die Situation auszureifen und genauer darzustellen, denn jetzt, wo sie ein beachtlicher Haufen mehr Menschen an Bord waren, war es nicht mehr ganz so einfach, sich unbeobachtet ein wenig zurückzuziehen für derartige Dinge. Als das leise Knarzen der Planken Gesellschaft verkündeten, sah er kurz auf und erkannte im fahlen Licht seiner halb abgebrannten Kerze die feinen Züge der Nordskov, die mit einem Buch im Arm zu ihm in die Abendluft trat. Ihr galt gleichermaßen ein begrüßendes Lächeln, doch er schwieg und widmete sich wieder der Zeichnung auf seinem Papier, die er jetzt im Licht von Skadis Ölkerze viel besser erkennen konnte. Die Jüngere schien die Ruhe zum Lesen nutzen zu wollen. Dem Lockenkopf lag es fern, sie dabei zu stören, doch trotz der Stille, die sie umgab, war es ein angenehmes Gefühl, in Gesellschaft zu sein – obwohl sie sich jeweils um ihre eigenen Angelegenheiten kümmerten. Als ihre Stimme flüsternd die Stille durchschnitt, hob er die Spitze des Stiftes vom Pergament und besah sich die Szenerie für einen kurzen Augenblick, ehe er zu Skadi spähte. „Sineca hat sich heute Mittag mit Shanaya ums Steuer gestritten.“, überspitzte er das Gesehen, denn eigentlich hatte die Ginsterkatze lediglich versucht, auf das Steuerrad zu klettern, während die Schwarzhaarige navigiert hatte. Und jeder Versuch, sie zu verscheuchen, hatte den Willen des Tieres nur noch mehr gestärkt, sich an der Radspinne nach oben zu hangeln. Dementsprechend ermöglichte er Skadi den Blick auf die Zeichnung, die Shanaya von hinten zeigte, wie sie versuchte, der Belagerung Sinecas standzuhalten. „Wäre eigentlich spannend gewesen, wohin sie uns geführt hätte.“, überlegte er laut, grinste dabei aber in kindlicher Vorstellung. „Ist das das Buch aus Milui?“
Für einen kurzen Moment lehnte sich der hoch gewachsene Körper der Nordskov zur Seite, um das Kunstwerkt näher in Augenschein nehmen zu können. Schmunzelte bereits bei Liams Worten, ehe sie auflachte und angesichts der lebhaften Zeichnung des Älteren die Szenerie in ihrem Kopf ausmalte. “Zwei Dickköpfe unter sich.“ Auf seine Frage nickte die Dunkelhaarige nur knapp und hob die braunen Augen auf seine feinen Züge. Musterte das vom Schein der Öllampe beschienene Gesicht, während sie sich langsam wieder zurückgleiten ließ. “Ja… bisher hatte ich irgendwie kaum Zeit gefunden, um mich großartig einzulesen.“ Ganz zu schweigen davon, dass es Ewigkeiten brauchte, ehe sie eine Seite überflogen hatte. Sie hatte erst kurz vor ihrer Zeit bei der Marine intensiv Lesen gelernt. Und selbst das nur, um ihren Plan zu verfolgen und sich unter die Soldaten der Morgenwind einzuschleusen.
Der Kopf des jungen Künstlers neigte sich in Zustimmung zur Seite. Dickköpfe konnte man sie tatsächlich nennen, wobei Sineca vermutlich gefrusteter aus der Begegnung herausgegangen war als Shanaya, die das Bestreben der Ginsterkatze vermutlich eher als willkommene Abwechslung genommen hatte. Immerhin wusste sie, dass sich der wandernde Pelz meist mit Essen in die gewünschte Richtung lenken lies. Hinter der Zeichnung lag ohnehin nicht mehr Sinn als einfache Beschäftigung. Er brauchte das, um sich geistig neben all der körperlichen Arbeit auszulasten. „Jep. Das Treiben hier gleicht manchmal einem Marktplatz.“, stimmte er ihr zu und seine Züge zeigten deutlich, dass er wusste, wovon sie sprach. „Das war etwas einfacher, als wir nur zu fünft waren. Aber dafür waren die Tage stressiger.“ So hatte eben alles seine Vor- und Nachteile. „Sind das verschiedene Geschichten, die zusammengetragen wurden?“ Liam lehnte sich leicht zur Seite, um das Buch in ihren Händen genauer zu mustern. Wenn er sich recht erinnerte, ging es um Sagen und Mythen.
An einen Marktplatz hatte die Nordskov bisher noch nie gedacht. Viel eher an einen surrenden Haufen fleißiger Bienen, die emsig von A nach B schwirrten und eigentlich keine Zeit für Langeweile hatten. “Jetzt wo du es sagst… an einigen ist ein guter Marktschreier verloren gegangen.“ Und beim Rest war es ein bunter Haufen aus herumtollenden Kindern, sich zankenden Händlern und Kunden, sowie dem ein oder anderen Langfinger. “Ich glaube schon… zumindest sind die ersten zwei Kapitel nicht wirklich zusammenhängend.“Vorsichtig schob Skadi die Fingerspitzen über das vergilbte Papier bis zum ledernen Rand, um ihn mit einer Drehung der Hände hinauf zu klappen und das Buch halb geschlossen und halb geöffnet an Liam weiterzureichen. Er sollte sich selbst ein Bild davon machen können – höchst wahrscheinlich überblätterte er den groben Inhalt wesentlich schneller als er. Die Nordskov vermutete es nicht nur, sie war sich zu 100% sicher, dass dem so war. Im Gegensatz zu ihr war er gebildet. Kannte sich in den feinen Künsten aus und ließ sie manchmal dastehen wie einen kleinen Bauerntrampel. “Als ich neulich eine der hinteren Seiten aufgeschlagen habe, hat mich die Erzählung ein wenig an dich erinnert…“ Und das höchst wahrscheinlich, weil es um einen Musiker gegangen war, der Tiere (waren es Ratten? Sie wusste es nicht mehr.) mit seiner Flöte wie magisch anzog.
Manchmal vermisste er die Ruhe. Die Möglichkeit, sich eine Auszeit zu nehmen, wann immer er sie brauchte. Er reiste nicht umsonst selbstverantwortlich durch die Welt statt irgendwo gebannt einer Arbeit nachzugehen. Bislang waren die Zeiten, die er sich an See mit Arbeit seine Mitfahrgelegenheit finanziert hatte, immer überschaubar gewesen. In der jetzigen Phase seines Lebens allerdings war die Arbeit mehr oder minder zu seinem Alltag und die Freizeit zur Besonderheit geworden. Verrückt, wie sich Dinge manchmal verschoben. Verrückt war auch der Gedanke an die Crew der Sphinx, die sich auf einem Markt zu behaupten versuchten. Ein zustimmendes Schmunzeln galt Skadi, unwissend, ob sich ihre Vorstellungen glichen oder nicht. Als sie ihm das Buch rüberschob, runzelte Liam kurz die Stirn. War das Buch tatsächlich so unstrukturiert, dass man die Kapitel nicht voneinander unterscheiden konnte? Einen seiner Finger vergrub er zwischen den aufgeschlagenen Seiten, um das Kapitel zu markieren, während er mit der anderen Hand kurz durchblätterte. „So?“, fragte er überrascht, und widmete sich ganz automatisch den hinteren Kapiteln. „Zeig‘s mir.“ Er war wirklich gespannt darauf, was sie meinte.
“Moment…” Wie von selbst hob sich der schmale Körper voraus, schob bereits sanft Liams Finger zur Seite, um selbst das Pergament nach der großen Zeichnung abzusuchen, an die sie sich erinnern konnte. Sekunden später, während sie endlich auf ihren Versen saß und nun seitlich neben dem Lockenkopf hockte, strich sie sich grübelnd die dunkle Mähne hinters Ohr. Erkannte dann mit einem gedehnten “Ha… na endlich.“, die feinen Linien des Kupferstichs, der einen tanzenden Mann mit lockiger Mähne und einer Flöte in der Hand abbildete. Ob es ihn vielleicht beleidigen würde, wo er doch weitaus exquisitere Instrumente beherrschte als sowas? Skadi machte sich keinen Kopf darüber, als sie wieder zu ihm aufblickte.
Er schob das Buch wieder ein Stück in ihre Richtung zurück, damit sie sich nicht gänzlich über seinen Schoß lehnen musste. Während Skadi die hinteren Seiten durchblätterte, kramte er seine Malsachen unter dem Lederband hervor und legte sie neben die kleine Wachssäule, die von seiner Kerze übrig geblieben war. Einen Augenblick später hatte die Kurzhaarige neben ihm auch schon gefunden, wonach sie gesucht hatte. Liams Blick wanderte über den Flötenspieler, der einen Rattenschwanz hinter sich herzog. „Ah, der Rattenfänger.“, erhellte sich sein Gesicht beim Anblick des Bildes in Verbindung mit der Kapitelüberschrift. „Hat sie dir gefallen? Ich weiß gar nicht mehr genau, worum es genau ging. Ich glaube, ich war Fünf, als ich die Geschichte das letzte Mal gehört habe.“ 20 Jahre her also. Uff. „Kanntest du sie noch nicht?“
Skadi schüttelte kurz den Kopf. Verzog dann die vollen Lippen, während sie über den Inhalt der Geschichte nachdachte und etwas unbeholfen lächelte. “Nun… er befreite die Stadt von einer Ratten- und Mäuseplage, indem er sie mit seiner Flöte aus der Stadt lockte und sie im nahe gelegenen Fluss ins Wasser stürzen ließ.“ So viel also zu der vermeintlichen Ähnlichkeit, die wohl tatsächlich mehr mit dem Instrument gemein hatte als der Geschichte an sich. “Allerdings verweigerten ihm die Bewohner seinen versprochenen Lohn… sodass er wenig später zurück kehrte und nun mit seiner wunderschönen Musik keine Ratten oder Mäuse aus der Stadt lockte…“, fuhr die Nordskov fort und sah grübelnd zur Seite, presste dann die Lippen aufeinander und kratzte sich am Hinterkopf, “… sondern Kinder.“
Sein Blick wanderte kurz über die hübschen Züge der Jüngeren, ehe sich sein Blick wieder auf das Bild vor ihnen legte. Dort führte besagter Rattenfänger gerade die Ratten aus der Stadt heraus in Richtung Wasser, wie Skadi erzählte. Und er  erinnerte sich allmählich daran, wie die Geschichte weiterging. „... und sie wurden nie mehr gesehen, wenn ich mich recht erinnere.“, überlegte er und half damit Skadis Gedächtnis auf die Sprünge. „Tja. Und was lernen wir daraus? Haltet den verrückten Musiker besser bei Laune, bevor er... weiß Gott was hinter sich her zieht. Sowas funktioniert bestimmt nicht nur mit Ratten und Kindern.“ Bedeutungsschwer ließ er eine kurze Pause entstehen, während er mit zusammengezogenen Brauen zu Skadi hinüberspähte, sich das Schmunzeln aber nicht lange verkneifen konnte. „In manchen Teilen der ersten Welt wird die Geschichte mit Katzen statt Kindern erzählt. Er führte die Katzen aus der Stadt, wodurch die Ratten wieder die Oberhand gewinnen konnten. ... Jetzt weißt du, wie ich an Sineca kam.“
Hatte es nicht sogar 2 Kinder gegeben, die dem Fänger „entkommen“ waren? Sie konnte sich nicht mehr so Recht daran erinnern, ignorierte das leise Kribbeln in ihrem Kopf und konzentrierte sich lieber auf die Worte des Älteren, die ein fast schon trotziges Schmunzeln auf ihre Züge legte. Beinahe hätte sie vergessen, was für ein Spaßvogel er doch war. Wie in einem Automatismus tätschelte sie ihm für diese Anspielung mit der flachen Hand auf den Oberschenkel und zwinkerte ihm zu. “Ich vergesse immer wieder, was du doch für ein charmanter Straßenköter bist.“ Unter einem Auflachen verschwand die sich aufhellende Miene hinter dunklen Wellen. Kam erst wieder zum Vorschein, als sich die Nordskov zurück auf die Seite gleiten ließ und die Beine von sich streckte. “Ich hätte dich ja jetzt eher für einen Tierliebhaber denn Racheengel gehalten…“
Sein Blick erhellte sich bei ihrer Anspielung auf etwas, was er an ihrem ersten, gemeinsamen Abend gesagt hatte. Er lächelte ob des indirekten direkten Kompliments und fixierte kurz eine der Locken, die in seinem Augenwinkel tanzte. „Man muss doch gucken, wo man bleibt.“, bemerkte er mit einem Schulterzucken. Wobei Racheengel wohl wirklich nicht der richtige Ausdruck war. „Und so eine Armee aus Katzen ist bestimmt auch nicht so übel.“ Wenn eine schon hilfreich war, war eine ganze Armee mit Sicherheit nicht zu verachten. „Außerdem, Fräulein“, begann er schließlich mit belehrendem Ton, aber nicht sonderlich ernst „sind Locken mit Sicherheit nicht das, was einen Engel ausmacht.“ Oh, wie oft hatte er sich das als Kind anhören dürfen. Locken wie ein Engel. Er wäre reich, hätte er jedes Mal einen Achter bekommen.
Eine Armee von Katzen. Allein bei dieser Vorstellung zog sich eine schüttelnde Gänsehaut über ihre Arme und Beine. Hinterließ ein erneutes Kribbeln in Magen und Nacken und ließ die Nordskov kurz scharf die Luft einatmen. “Sie schlägt auf jeden Fall so einige Angreifer in die Flucht.“ Inklusive ihrer selbst. Sein plötzlich belehrender Tonfall ließ sie jedoch aufhorchen und die dunklen Augenpaare irritiert in seine Richtung gleiten. Engelslocken… wenn sie ehrlich war, hatte sie sich nie sonderlich viele Gedanken um Engel gemacht. Sie nahmen keinen großen Teil in ihrem Glauben ein und waren auch sonst nichts, was sie mit ausschließlich positiven Begriffen assoziierte. “Aber sie sind sehr hübsch.“, entgegnete sie stattdessen mit einem zufriedenen Lächeln auf den vollen Lippen und lehnte sich, beide Hände auf den Boden hinter sich stützend, ein wenig zurück. Senkte den dunklen Haarschopf in den Nacken und musterte Liam kurz aus den Augenwinkeln. “In meiner Familie hatte fast jeder welche.“ Es war das erste Mal, dass sie sich so offen zu diesem Thema äußerte und es nicht einmal bemerkte.
Die verquere Beziehung Skadis zu Katzen hatte Liam mal wieder gänzlich ausgeblendet. Es war so unverständlich für ihn, dass es ihm leicht fiel, es wieder und wieder zu vergessen und trotzdem sah er, dass es die Jüngere einiges an Mühe kostete, mit der Ginsterkatze umzugehen, die sie ebenso aus skeptischen Augen beäugte. Aber Ängste waren bekanntlich irrational. Vielleicht würde er ja irgendwann erfahren, woher sie rührte. Dann, wenn der Moment dafür passen würde. Während Liam kurz dem Gedanken seiner Kindheit nachhing, schaffte es Skadi, den Bogen zurück in die Realität zu spannen. Es war nicht bloß ein abergläubischer Seemann gewesen, der seinem Vater die Überfahrt versprochen hatte, weil sein Sohn mit Sicherheit viel Glück bedeuten würde. Er selbst hatte dem ganzen nie viel abgewinnen können. Vielleicht ja gerade weil es ihn als Kind eher gestört hatte. Sein Lächeln war in diesem Moment fast schon verlegen, als er den Blick aus Skadis Augenwinkeln auffing und sich aus dem Übersprung heraus kurz mit der freien Hand durch die Haare fuhr. Das Gute an Locken war: egal, wie sie fielen, es sah immer so aus, als wäre es genau so gewollt. Das Kompliment nahm er also recht zufrieden hin, selbst wenn er nicht viel dafür konnte.
Viel interessanter war allerdings, was Skadi danach preisgab. Liam war nicht aufmerksam genug, um sich darüber zu wundern, dass sie tatsächlich über ihre Vergangenheit sprach, auch wenn es bloß ein oberflächliches Detail mit wenig Bedeutung war. Viel eher wunderte er sich, weshalb das Wort „hatte“ wieder und wieder in seinen Gedanken pochte. Obwohl es nicht mehr als eine Vermutung war, kam er zu dem Schluss, dass sich die Locken ihrer Familie nicht einfach mit der Zeit verwachsen hatten. Das Präteritum hatte eine schwerwiegendere Bedeutung. Doch auf seinen Zügen zeugte nichts von seiner unbewussten Feststellung. Viel eher blickte er erst überrascht, ehe er Skadi neugierig und interessiert zugleich im Licht der Öllampe musterte. „Echt? Dann kann ich ja gespannt sein, was da zum Vorschein kommt, wenn deine Haarpracht wieder länger ist.“ Locken taten bekanntlich was sie wollten, ganz egal, ob als bloße Naturwelle oder stärker und sperriger ausgeprägt. Wenn seine Haare kurz genug waren, ließ immerhin auch nichts vermuten, wie wild sie mit jedem weiteren Zentimeter wurden. Die Jüngere hatte sich mittlerweile etwas zurückgelehnt und Liam schlug etwas abwesend wieder die Seite des Buches auf, auf der sie geendet hatte, um sich die Seitenzahl zu merken, ehe er etwas ziellos hindurch blätterte. Nach kurzer Zeit allerdings klappte er den Lederband zu und sah zu Skadi hinüber. „Was ist deine Lieblingsgeschichte? Also ungeachtet, ob Kindheit oder jetzt.“
Es fühlte sich seltsam an, so intensiv von ihm gemustert zu werden. Doch Skadi ignorierte diesen Gedanken wie bereits viele vor ihm. Begnügte sich stattdessen mit einem Schmunzeln, das recht schief auf ihren Zügen hin und schloss für einen Moment die Augen, während sie die braun gebrannten Züge in Richtung des Nachthimmels streckte. “Mal sehen ob meine Haare sich nach so vielen Jahren noch daran erinnern können.“, sie glaubte zwar nicht, dass es einen allzu großen Unterschied machte, doch hatte sie oft genug das Streitgespräch zwischen ihrer Mutter und Schwester mit angehört. Immer wenn es um das Thema gegangen war – Sólveig war es leid diese traditionellen Flechtfrisuren zu tragen, an denen die Jungs aus dem Dorf herum zerrten, wenn sie sie in die Finger bekamen – hatte sich ihre Mutter dagegen gesträubt und gemeint, dass sie nie mehr so lang werden würden, wie sie waren. Somit erwartete Skadi nicht, dass nach knapp 4 Jahren ihre Mähne noch dieselbe sein würde. Nichts desto trotz wanderten die braunen Augenpaare in die Winkel. Fixierten Liam mit einem knappen Funkeln. “Hoffentlich wirst du dann deine Augen noch von mir abwenden können.“, gab sie gespielt ernst und konnte sich letztlich das verräterische Grinsen nicht mehr verkneifen. Ganz offensichtlich meinte sie davon nichts, wie sie es sagte. Es hätte sie sogar tatsächlich verwundert, wenn dem so war. Schön und gut… sie hatten einen halben Tag lang sehr intime Augenblicke miteinander geteilt, doch bedeutete das etwas? Mitnichten.
Während Liam sich wieder dem Buch widmete, starrte Skadi eine in die Dunkelheit über ihren Köpfen. Ließ sich in der Stille umher treiben, die allmählich auch in ihrem Kopf Einzug hielt. Sie wollte an nichts denken. An niemanden. Ihr Kopf brannte bereits nach all den Tagen. Sie brauchte eine Pause.
Liams Worte mischten sich erst dumpf in die fehlende Geräuschkulisse. Wurden lauter, je mehr Skadi aus dem beginnenden Halbschlaf erwachte, der sie ohne es zu bemerken heimgesucht hätte.
Blinzelnd versuchte sie den Schlaf zu vertreiben, verkniff sich sogar ein Gähnen, während der dunkle Haarschopf zur Seite kippte und mit dem Kinn auf ihrer Schulter zum Erliegen kam. Ihre Lieblingsgeschichte? Kurz verzogen sich die vollen Lippen. Halfen ihrem etwas müden Verstand dabei in den Erinnerungen zu wühlen, die irgendwie in ihrem Unterbewusstsein verstaubten. Eigentlich gab es nicht nur eine Geschichte. Sie hatte es seit jeher geliebt, wenn die Alten Frauen und Männer von ihren glorreichen Tagen oder den Erzählungen der ersten Welt berichtet hatten.

“Nur eine ja?“ Diese Frage galt eher ihr selbst als Liam, dessen sanfte Züge sie bereits aus den Augen verlor und den Kopf in Richtung Öllampe senkte. “Spontan fällt mir nur die ein, die uns meine Großmutter immer erzählte.“ Eine Weile überlegte sie schweigend, verengte die dunklen Iriden während sie sich langsam und kurz die Zehen kreisen ließ. “Sie handelt von einer junge Adelstochter, die mit ihren 3 Brüdern und ihren Eltern hoch oben in den Hochlanden lebte. Schon als kleines Mädchen war sie weniger Adelstochter, denn Stallbursche. Konnte nichts mit den Unterrichtsstunden ihrer Mutter anfangen, die ihr Etikette und die feinen Künste beibringen wollte. Schlich sich lieber zum Ausreiten in die Wälder und lernte von ihrem Vater den Umgang mit Pfeil und Bogen. Sie war wild und liebte die Freiheit. Besaß zuweilen das lose Mundwerk eines Bauerntrampels und brachte damit mehr als nur einmal den Zorn ihrer Mutter auf sich. An ihrem 16ten Geburtstag sollte sie dann mit einem Adligen vermählt werden – zum Fortbestand ihrer Familie und zur Wahrung des Friedens zwischen den Adelsfamilien. Doch du kannst dir vorstellen, was sie davon gehalten hat.“ Mit einem Schmunzeln auf den Zügen und einem knappen Blick auf Liam fuhr sie fort. “Allerdings sollte sie nicht einfach an den nächstbesten verheiratet werden. Stattdessen richtete ihre Mutter einen Wettkampf aus, um dem talentiertesten und schlausten der Adelssöhne heraus zu finden. Was sie nicht bedacht hatte – ihre Tochter schlich sich selbst als Adelssohn verkleidet unter die Kämpfer. Und gewann. Der Streit der daraufhin zwischen den beiden entflammte war der erste Stein, der alles ins Wanken brachte. Wut entbrannt verschwand die junge Frau in den Wäldern und ließ eine aufgebrachte Meute an Adelsfamilien zurück. Was sie allerdings stattdessen fand, hatte nichts Gutes im Sinn. Zwischen hohen bemoosten Steinen und dichtem Blattwerk entdeckte sie ein kleines Haus, das tief in einen Felsen eingemeißelt war. Darin lebte eine alte Hexe, die ihr einen Zauber verkaufte, der ihr die Freiheit zurück geben sollte, nach der sie sich sehnte und der ihre Mutter und ihre Denkweise für immer verändern sollte.“
Das Lächeln auf seinen Zügen wurde breiter, blieb ehrlich, verriet aber nichts darüber, was ihm durch den Kopf ging. Vielleicht, weil ihm gerade wirklich nichts durch den Kopf ging außer die bloße Aussage Skadis, die er so nahm, wie sie kam. Ohne Hintergedanken, sondern als reine Anspielung darauf, wie lange er sie angesehen hatte, um ihr in Gedanken eine ähnliche Lockenpracht wie Talin zu malen. Hätte die Jüngere es abermals als Neckerei genommen und wäre darauf eingestiegen – Liam wäre der Überraschte von ihnen beiden gewesen. Denn im Augenblick konnte man ihm wirklich nichts unterstellen. Sie saßen hier als die flüchtigen Freunde, die sie waren. Nicht mehr und nicht weniger. Liam war alles andere als aufdringlich. Er war mehr der, dessen Anwesenheit im Hintergrund unterging, weil er sich wiedermal mit sich selbst beschäftigte und seinen Gedanken nachhing. Dass er Skadi eine wörtliche Antwort schuldig blieb, lag nicht daran, dass er sich etwa von ihrer Sorge ertappt fühlte, dass er in Zukunft wie verzaubert von ihrem Anblick festgesetzt werden würde. Skadi war hübsch – auch jetzt schon, dazu brauchte sie keine Lockenpracht. Das war nichts, was er leugnen musste. Aber auch nichts, wobei man als Mann den Verstand verlieren musste. Seiner Meinung nach.
Stattdessen also hatte er sich wieder dem Buch gewidmet und der Stille wieder eine Chance gegeben, sich ruhig zu ihnen zu gesellen und lediglich dem Rauschen des Meeres und dem Knarzen der Sphinx ab und zu kleinbeizugeben. Es fühlte sich nicht falsch an, in ihrem Beisein zu schweigen und auch das war etwas, was Liam zu schätzen wusste. Es war wie Alleinsein ohne alleine zu sein. Ein Gefühl, was nicht zwingend selbstverständlich war. Dass Skadi die Schweigsamkeit genutzt hatte, um bereits ein wenig wegzudämmern, war ihm nicht aufgefallen, sonst hätte ihn jetzt vielleicht wirklich ein schlechtes Gewissen heimgesucht. Doch die Jüngere ließ sich kaum etwas anmerken, überlegte und begann schließlich, zu erzählen. Der Lockenkopf schwieg, schob Skadis Buch irgendwann möglichst geräuschlos von seinem Schoß zwischen sie und lehnte sich zurück. Anfänglich hatte er schmunzeln müssen. Die Erzählung passte zu Skadi, wie er fand und tatsächlich kannte er sie bislang noch nicht. Als sie eine bedeutsame Pause machte, sah Liam auf und blinzelte ihr neugierig entgegen. „… Sie wollte sie nicht töten, oder?“, fragte er leise, konnte es sich aber nicht wirklich vorstellen, obwohl der Todestrank in vielen Geschichten eine große Rolle spielte.
Etwas irritiert blickte Skadi zur Seite. “Nein… das war wohl das, woran sie keine Sekunde gedacht hatte. Doch in gewisser Weise…“ Für einen Moment musste sie tatsächlich genauer über diese Worte nachdenken. So gesehen hatte Liam mit seiner unausgesprochenen Vermutung vielleicht nicht ganz Unrecht. Denn letztlich wäre die Mutter nicht mehr sie selbst gewesen. Ein Teil von ihr wäre somit tatsächlich für immer gestorben. “Als sie zum Anwesen zurückfand und ihrer Mutter den Trank in Form eines Blaubeertörtchens überreichte, war sie nicht mehr die Frau, die Jahre lang für 4 Kinder gesorgt und versucht hatte, sie zu edlen Erwachsenen heran zu ziehen. Ob du es glaubst oder nicht… dieser Trank machte aus ihr nicht die entspannte Mutter, die sich die junge Frau gewünscht hatte… sondern verwandelte sie in einen Bären. Ebenso wie ihre 3 Brüder, die heimlich von dem Törtchen genascht hatten.“ Wieder kippte Skadis dunkler Haarschopf in den Nacken. Die geschwungenen Augenbrauen zogen sich für einen Herzschlag scharf zusammen, ehe sich ein vielsagendes Lächeln auf ihre Lippen schlich. “Man sollte sich wirklich zweimal überlegen WAS man sich wünscht.“  
Liams Blick wurde etwas finsterer, während Skadi darüber nachzudenken schien, wie man seine Frage auslegen konnte. Als sie fortfuhr, verstand er, weshalb sie gezögert hatte – oder vermutete zumindest, es zu verstehen. Seine Augenbrauen zogen sich nachdenklich zusammen, während er schweigend dem Schluss ihrer Geschichte lauschte und sein Blick einen losen Faden am Saum seiner Hose fixierte. Aus Frust einen geliebten Menschen in eine wilde Bestie verwandeln… Theoretisch kam es einem Mord gleich, wenn man denn so wollte. Aber das war nicht die philosophische Frage, die er sich nun stellen wollte. Er sah auf, als Skadi verstummte und nickte langsam auf ihre Worte. Meistens lernten Menschen das allerdings nur, wenn es plötzlich Wirklichkeit wurde. Liam schwieg, schien noch einen Augenblick über ihre Erzählung nachzudenken, ehe sein Blick kurz ihre Züge streifte und schließlich in den Nachthimmel wanderte. „Wünscht du dir manchmal, du wärst nicht als einfache Frau aufgewachsen?“, fragte er mit gedämpfter Stimme. Wenn er sich recht erinnerte, war das damals ihr Wortlaut gewesen. Seine Absicht war es nicht, dadurch mehr über ihre Vergangenheit herauszukitzeln. Er fragte, weil es ihn interessierte. Und weil es ihn interessierte, wie Skadi darauf reagieren würde.
Skadi bemerkte den finsteren Blick Liams nicht. Sah ihn nicht einmal aus den Augenwinkeln, während sie ihre Geschichte weiterzählte. Andernfalls hätte sie sie ihm wohl bis zum Ende erzählt. Ihm nicht diese Frage in den Kopf gepflanzt, die er ihr nach ihrer kurzen Pause stellte und die sie etwas irritiert die dunklen Augen zur Seite wandern ließ. Aufmerksam musterte sie seine Züge, versucht zu verstehen, woher auf einmal dieser Wandel herrührte. Hatte sie ihm mit dem Beginn dieser Erzählung das Gefühl gegeben, dass sie sich nach Freiheit und Selbstbestimmung sehnte? Nun. Eigentlich war der Kern dieser Geschichte eine Lektion über den Wert der Familie. Doch dazu war sie nicht einmal gekommen. Womöglich hätten ihm andere Frauen jetzt mit ernster Miene entgegnet, dass sie aus einem goldenen Käfig heraus brechen wollten. Dass sie nicht mehr unter dem Joch der Männer leben wollten. Doch Skadi tat weder das eine, noch das andere. Sie lächelte sanft. Wandte den schmalen Oberkörper leicht herum und ließ das braune Augenpaar über die bärtigen Züge wandern, ehe sie tief Luft holte und endlich zu einer Antwort ansetzte. “Ich glaube, wenn ich außerhalb Trithêns aufgewachsen wäre, hätte ich diesen Wunsch durchaus verspürt. Außerhalb meiner Heimat scheinen Frauen leider immer noch das niedere Geschlecht zu sein. Zumindest sind das die Erfahrungen, die ich des Öfteren machten durfte.“ Und damit spielte sie auf so viele verschiedene Dinge an, dass es ihr nicht einmal in den Sinn kam auch nur mit einer anzufangen. “Aber nur weil etwas einfacher wäre, heißt es nicht, dass es zwangsläufig richtig ist.“ Die dunklen Augen huschten abermals nachdenklich auf das flackernde Licht der Öllampe. Beobachteten den unruhigen Tanz der Flamme. “Und wir Nordskovs sind…“ Sie hielt kurz inne und presste für einen Moment die Lippen aufeinander. “… waren unheimlich dickköpfige Frauen. Und wenn uns jemand sagt, dass wir etwas nicht dürfen und können – dann wollen wir es erst recht.“ Ein fahles Lächeln schob sich über die vollen Lippen, während Skadi wieder aufblickte und Liam mit offener Miene ansah.
Er war niemand, der Fragen groß zurück hielt, wenn sie ihm kamen. Und auch, wenn diese Frage nicht einmal einen wirklich bedeutsamen Grund gehabt hatte – er war der Meinung, dass man einen Menschen viel besser kennenlernte, wenn es um hypothetische Fragen ging. Man lernte Ansichten kennen, ihre Fantasie und auf eine gewisse Art und Weise auch das, was sie bereits erlebt haben und wovon sie geprägt wurden. Sie schien ihm die Zwischenfrage jedenfalls nicht übel zu nehmen, wenn er ihr Lächeln richtig deutete und zu seinem Erstaunen fiel die Antwort sogar detailierter aus als er erwartet hatte. Ob nun, weil es die Aspekte waren, die er aus dem unglücklichen Zufall heraus sowieso schon erfahren hatte oder weil sie sie ihm noch einmal deutlich preisgeben wollte, blieb fraglich. Nachdenklich biss er sich auf die Unterlippe, als sie eine Tatsache brachte, die er nicht leugnen konnte, selbst wenn er auf diese gesellschaftliche Ansicht nur wenig gab. Aber das hatte Skadi vermutlich bereits selbst gemerkt. Als sie fortfuhr und dieses Mal dieses kleine, bedeutsame Wort so absichtlich verbesserte, zog sich sein Magen kurz unangenehm zusammen. Ihm war das Wörtchen ‚hatte‘ also nicht nur aufgefallen, weil es so unheilvoll geklungen hatte, sondern weil es wirklich so schwer wog, wie es ihm vorgekommen war. Umso mehr glaubte er nun, den Wert ihres Tattoos zu verstehen, der dem seines Armbandes ähnelte. Zu gerne hätte ihre Dickköpfigkeit tatsächlich auf die Probe gestellt, wollte es sich aber für später, für einen passenderen Moment merken, um sie freundschaftlich ein bisschen zu necken. Für den Moment allerdings zuckte er lediglich mit einer Schulter und setzte ein ratloses, schwaches Lächeln auf.
„Du weißt doch, wie Männer sind. Die können nicht damit leben, wenn andere etwas besser können als sie selbst. Also muss man die klein halten, die es könnten.“ Dass er damit sämtlichen Frauen zusprach, in vielen Dingen besser zu sein als das andere Geschlecht, war ihm durchaus bewusst. Wer andere unterdrücken musste, um sich gut und besser zu fühlen, war in seinen Augen eher schwach. „Was hat sie getan, nachdem sie ihre Familie in Bären verwandelt hatte? Hat sie einen Weg gefunden, den Zauber rückgängig zu machen oder musste sie mit ihrem Wunsch leben?“
Männer waren nun einmal wie sie waren. Skadi machte sich keinen Kopf darüber, ob das nun gerecht war oder sie etwas dagegen tun musste. Denn das was Liam letzten Endes aussprach, war auf jeden anwendbar. Ganz gleich ob Mann oder Frau. Somit wog sie leicht den dunklen Haarschopf und zog die langen Beine an ihren Oberkörper heran. Bettete die Handgelenke darauf, um den Blick aus braunen Augen in das schummrige Halbdunkel des Decks zu richten. “Glaub nicht, dass Frauen das besser könnten.“, murmelte sie nachdrücklich und spürte erst zu spät wie bitter das Lächeln wurde, das nur noch halb in ihrem Mundwinkel hing. “Die meisten Männer sind einem vielleicht in ihrer Kraft überlegen und machen davon gut und gern Gebrauch. Doch was einer Frau an Muskelmasse fehlt, machen sie mit Schläue und Arglist wett.“ Giftmischerei war hier das Zauberwort. Intrigen spinnen durch den aufbrausenden Göttergatten, der so leicht zu manipulieren war wie eine Marionette. Skadi kannte sich zwar wenig in den Adelsgeschichten aus und war auch bei weitem nicht so gebildet wie andere, doch sie wusste sehr wohl wie stark eine Frau hinter ihrem Mann sein konnte. Zumeist noch stärker als der Mann selbst.
Bevor sie sich allerdings in dieser Gedankenwelt verlor, holte der Lockenkopf sie bereits mit einem festen Griff heraus und entfernte die dunkle Wolke über ihrem Kopf. Hinterließ wieder den sanften Ausdruck, der immer öfter über ihre Züge glitt, wenn sie sich mit ihm umgab. “Sie hat versucht ihre Mutter aus dem Anwesen zu schleusen, bevor ihr Vater sie noch umbrachte. Sein Verhältnis zu Bären war eher … negativer Natur, nachdem er in früheren Jahren ein Bein durch einen wilden Schwarzbären verloren hatte.“, begann sie ihre Geschichte erneut und ließ sich langsam auf den Rücken gleiten. Führte die Hände stützend hinter den kurzen Haarschopf und sah halb zu Liam hinauf. “Einfach war dieses Unterfangen allerdings nicht. Hatte ihre Mutter zu Beginn noch die Oberhand im Körper des Bären, wurde sie immer mehr zu dem Tier, das sie äußerlich geworden war. Die Hexe war jedoch nicht mehr aufzufinden, um den Zauber rückgängig zu machen und selbst ihre kleine Nachricht an sie war dermaßen kryptisch, dass sie es vollkommen falsch verstanden hatten.
Schicksal wird verändert, Horch in dich hinein, Knüpfe neu das Band, Stolz nur Kummer bringt.
Während sie glaubte, den zerstörten Wandteppich der Familie reparieren zu müssen, den sie in ihrem Streit mit ihrer Mutter mutwillig zerstört hatte, verschwand diese immer weiter aus dem Bärenkörper. Bis es so weit war, dass sie am letzten Abend, kurz vor dem zweiten Sonnenaufgang gänzlich verschwunden war. Nach allem was sie erlebt hatten in der Zeit. Was sie übereinander lernten nach so vielen Jahren, in denen sie sich immer weiter auseinander gelebt hatten. Selbst nach allem was die junge Frau unternommen hatte, um ihre Mutter zurück zu bekommen.“
Der Ausdruck auf Skadis Zügen wurde wärmer, verschmolz mit dem gelben angenehmen Schimmer der Öllampe. “Sie hatte lernen müssen, dass es nicht immer das Beste war, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, nur weil sie etwas wollte. Dass es Gründe gab, die ihre Mutter so handeln ließen, wie sie es tat. Es erinnerte sie daran, wie viele Jahre ihres Lebens ihre Mutter für sie da gewesen war. In guten wie in schlechten Tagen. Und als sie weinend vor dem Bären auf die Knie ging und für ihr Verhalten um Verzeihung bat… nun ja… war es wohl das, was notwendig gewesen war.“ Ihre Großmutter hatte es wesentlich ausschmückender erzählt. Mit ausladender Gestik und diesem Hauch von Zauber im Gesicht. “Sowohl Tochter als auch Mutter haben in der gemeinsamen Zeit im Wald den anderen neu kennengelernt. Und letzten Endes wussten sie beide, dass nichts wichtiger ist als die Familie. Sie haben angefangen einander zuzuhören und akzeptiert, dass ihre Meinung nicht immer die wichtigste ist.“
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#2
Es war ein wissendes Lächeln, welches sich auf seine Züge legte. Er konnte sich gut vorstellen, wie viel Wahrheit in Skadis Worten lag. Man hörte genug Klatsch und Tratsch aus den adligen Schichten und selbst, wenn Liam ziemlich desinteressiert daran war, womit sich die Reichen das Leben schwer machten – die Worte Intrige und Hinterhalt fielen ziemlich oft. Und während Männer eher dazu übergingen, Meinungsverschiedenheiten offen und direkt auszutragen, lag es in der Natur des weiblichen Geschlechtes, sich gegenseitig auszuspielen. Er war gar nicht so traurig drum, damit keine großen Berührungen zu haben. Es reichte ihm, wenn er sich zurückerinnerte, wie wichtig seiner Mutter stets das Auftreten ihrer Familie in der Öffentlichkeit gewesen war und wie stark die Furcht sie zurückgehalten hatte, nachdem sie erkrankt war. Dort ganz oben unterstützte man sich noch weniger als im Bürgertum, in dem er aufgewachsen war. Er wusste schon, weshalb er sich mit den Leuten umgab, mit denen er sich umgab. Skadi klang in ihrer Vermutung aber tatsächlich etwas bitterer als Liam erwartet hatte. Sie hatte aber auch die letzen Jahre viel Erfahrung mit den Weibern bei der Marine machen dürfen. Er beneidete sie nicht.
„Also doch ein Happy End.“, meinte Liam zufrieden, als Skadi geendet hatte. Zudem entschied er, dass es gar keine so schlechte Idee war, es sich ein wenig bequemer zu machen, schob sich ein wenig weiter von seiner ursprünglichen Lehne weg und verschränkte nun seinerseits die Arme hinter dem Kopf, während sein Blick zum Himmel gerichtet war. Es hätte vielen Menschen gutgetan, nicht nur an sich selbst zu denken. Doch stattdessen gierten alle nach Macht und Möglichkeiten, sich anderen gegenüber zu profilieren. „Familie ist halt nicht immer einfach. Und trotzdem das Wertvollste, was wir in unserem Leben besitzen.“, fügte er nachdenklich an und seufzte, ohne über den Umstand nachzudenken, den Skadi ihm so offen dargeboten hatte.
“Hast du darauf gehofft?“ Ein verschmitztes Lächeln schob sich auf Skadis Lippen, kaum dass die dunklen Augen hinauf an den ausgestreckten Beinen des Älteren zu dessen Gesicht hinauf huschten und den braunen Haarschopf in den Nacken streckten. Liams zufriedene Miene ließ zumindest vermuten, dass ihm dieser harmonische Ausgang der Geschichte weit lieber war als das, was er augenscheinlich vor ein paar Minuten noch geglaubt hatte. Mit einem unterdrückten Auflachen wandte sich die Jägerin wieder ab und ließ die angewinkelten Beine abwechselnd zu den Seiten gleiten. Lauschte den Worten des Älteren, ohne etwas von dem leichten Stich Preis zu geben, der ihre Brust durchzog. Familie war das wichtigste das man haben konnte, in der Tat. Und Skadi hoffte inständig, dass es die meisten noch verstanden, bevor es zu spät war. Bevor es so etwas wie ein zu Hause nicht mehr gab, in das man sich flüchten konnte. Es musste nicht einmal ein Blutsband sein, das Menschen miteinander verband. Es konnten auch Freundschaften sein, die über Jahre gewachsen waren und ein tiefes Urvertrauen geschaffen hatten. Nie käme es darauf an, woraus die Familie bestand, solange man sie hatte. Sie fühlte, tief im Inneren. “Liam…“ Kurz verengten sich Skadis Augenbrauen. Formten eine nachdenkliche Falte auf ihre Stirn, während sie über das Gewicht ihr folgenden Worte nachdachte. Skadi war durchaus bewusst, dass sie damit einen Schritt zu weit ging. Dass das hier nicht der rechte Moment war, um ihn danach zu fragen. Er konnte allerdings auch schweigen. Aufstehen und sie allein sitzen lassen. Sie zurechtweisen und ihr unwirsch zu verstehen geben, dass sie das überhaupt nichts anging. All das war für sie in Ordnung. Er musste GAR nichts… und durfte alles. “… wenn Familie für dich so wertvoll ist… wieso bist du dann hier?“ Erst Herzschläge später zog Skadi die Hände unter ihrem Kopf hinweg und rollte sich auf den Bauch. Musterte den Älteren mit funkelnden, braunen Augen.
Es war kein Geheimnis, dass er harmoniebedürftig war. Natürlich gehörten Dramen und Katastrohen zu jeder guten Geschichte dazu, aber seiner Meinung nach gab es in der Realität genügend Elend, dass man sich einen gewissen Hauch Magie in Geschichten erlauben konnte. Es war naiv, zu glauben, dass an jedem Ende ein Happy End wartete, aber solange man selbst etwas dafür tun konnte – warum nicht? Als jemand, der schon oft eigene Charaktere durch die Hölle geschickt hatte, fühlte sich ein Happy End am Schluss fast schon wie eine Versöhnung an. Liam lächelte und zeigte damit deutlich, dass er Skadis Frage nicht widersprechen konnte. Vielleicht war seine Einstellung diesbezüglich ein bisschen hoffnungslos romantisch, aber was sollte er tun? Als die Jüngere fortfuhr und ihre Stimme einen eigenartig bedeutungsschweren Ton annahm, verschwand das Lächeln von seinen Lippen. Abwartend sah er die Kurzhaarige an und fragte sich still, was sie so nachdenklich und vorsichtig gestimmt hatte. Er konnte sich kaum eine Frage oder Aussage vorstellen, was eine solche Reaktion gerechtfertigt hätte. Unruhe mischte sich dementsprechend in seine Magengegend, die sich schlagartig in Luft auflöste, als Skadi die richtigen Worte gefunden zu haben schien. Einen Herzschlag lang blinzelte er die Jüngere ein wenig überrascht an, ehe er nachdenklich den Blick hob, die Lippen verzog und einen Sekundenbruchteil später wieder ein schmales Lächeln auf seine Lippen huschte. „Ich konnte meinem Vater ja unmöglich ewig am Rockzipfel hängen.“, eröffnete er ihr mit einem Schmunzeln, als er den Kopf wieder zur Seite drehte, um sie anzusehen. Er wusste, dass das nicht das war, was sie hatte hören wollen, aber es wäre ihm schwergefallen, dieses ernste Thema ohne einen lockeren Einstieg zu beginnen. Darin war er einfach nicht gut.
„Weißt du… Familie hat für mich nichts damit zu tun, ob man sich jeden Tag sieht oder nicht. Familie bedeutet, sich nahe zu sein, selbst wenn der Ocean zwischen einem steht. Es bedeutet, dass es irgendwo jemanden gibt, der ab und zu an dich denkt und dich mit all deinen Fehlern akzeptiert, ohne auch nur eine Sekunde daran zu zweifeln. Jemanden, der keine Sekunde zögern würde, dich aus der Scheiße zu ziehen oder dir alles Glück dieser Welt zu gönnen.“ Er schwieg einen Augenblick, hatte noch immer den Hauch eines zuversichtlichen Lächeln in den Wangen hängen, ehe er den Blick abermals in den dunklen Nachthimmel hob. „Und ich weiß, dass keine Zeit dieser Welt daran etwas ändern wird. Erst fühlt es sich an wie eine Ewigkeit, die man getrennt ist. Und wenn man sich dann wiedersieht, ist es, als hätte man sich gestern erst verabschiedet.“ Vermutlich hätte Shanaya jetzt gelacht. Vielleicht würde Skadi auch lachen, aber das kümmerte ihn nicht. Er wusste, was er hatte und woran es sich nicht lohnte, zu zweifeln. Was seinen Vater betraf, wusste er, dass er bereit war, für die, die er liebte, durch die Hölle zu gehen. Und wäre er damals älter gewesen, hätte er ihn mit all seiner Kraft dabei unterstützt. Aber hier ging es nicht nur um seinen Vater, sondern auch um die Bekanntschaften, die er unterwegs gemacht hatte. Es ging um die Menschen, bei denen man sich zuhause fühlte; die Menschen, bei denen man einfach sein konnte, wie man war, ohne den Mutigen oder Vernünftigen spielen zu müssen. Dort, wo man Kind sein konnte, sorglos und frei in diesem tobenden Sturm aus Realität. Aus den Augenwinkeln heraus schielte er in Skadis Richtung und machte kein Geheimnis daraus, dass er an ihrer Einschätzung interessiert war. Ganz egal, ob es nun Gelächter war oder gar Mitleid, weil er manchmal so ein naiver Träumer sein konnte. Aber er war glücklich dabei. Und das konnte ihm keiner nehmen.
Unweigerlich zog sich ein unangenehmes Ziepen durch Skadis Magen, während sie Liam aufmerksam lauschte und dabei kaum eine Miene verzog. Er sagte so vieles, ohne auch nur ein Wort über ebene jene Dinge zu verlieren, die die Nordskov bereits seit einer gefühlten Ewigkeit vermutete. Beginnend auf dem Festplatz mit reichlich Bier und Tanz und darin gipfelnd Wochen später dicht neben ihm auf den knarzenden Planken der Sphinx zu liegen. Die dunklen Augen zum matt beleuchteten Gesicht hinauf blickend, das ihr dann und wann ein unkontrollierbares Lächeln an die Lippen heftete. Instinktiv fragte sich Skadi, ob dem Lockenkopf das Wort „Mutter“ eher unterbewusst nicht über die Lippen gleiten wollte oder er sich ganz bewusst dazu entschied. Wann immer ihre Unterhaltungen auf ihre Vergangenheiten abdriftete, vermied es Liam sie zu erwähnen. Fokussierte sich stattdessen in seinen Erzählungen immer wieder auf seinen Vater. Entweder weil dieser ein wesentlich größerer Bestandteil seiner Kindheit gewesen war, er die einzige Familie darstellte, die ihm blieb oder seine Mutter sich relativ früh bereitwillig aus seinem Interesse verabschiedet hatte. Ganz gleich wie die Antwort darauf lautete: sie akzeptierte es. Vergessen war dieser Part seiner Vergangenheit allerdings genauso wenig wie seine allgemeine Ansicht zum Thema Familie. Beinahe fühlte sich Skadi, als hätte sie diese Unterhaltung schon einmal geführt. Läge nicht mehr just auf den dunklen Planken der Sphinx und starrte unentwegt zu den tanzenden Locken empor, die ihr ein mattes Lächeln entlockten. Es schien ihr, als hörte sie den Klang einer Stimme, die nicht Liams war. Die ihr eine kribbelnde Gänsehaut über den Körper jagte und ihr Herz schlagartig bis zum Kehlkopf hinauf schnellen ließ. Für einen Sekundenbruchteil starrte Skadi durch den Älteren hindurch, ohne zu bemerken, wie ungewohnt samtig sich die Wärme ihres Magens auf ihre Züge schlich. Mit einem tiefen Atemzug rollte sich der hoch gewachsene Körper der Jägerin auf den Rücken zurück und vergrub das Gesicht unter ihren Händen. Seufzte leise, weil ihr erst jetzt bewusst wurde, wie abwesend sie gewirkt haben musste. “Das ist wahr.“,murmelte sie so leise, dass es beinahe in dem Rascheln ihrer Hosenbeine unterging, die sich wie zuvor dicht in Richtung ihres Oberkörpers heran zogen. “Aber vermisst du ihn nicht unheimlich? Ich meine Familie schon… habe ich immer, wenn ich irgendwo mit meinem Vater unterwegs war. Ich konnte es kaum erwarten wieder zurück zu sein und meinen Schwestern und Brüdern von allem zu erzählen, was wir erlebt haben.“
Es gab keinen Grund, sich darüber Gedanken zu machen, wie sie auf dieses Thema gekommen waren. Besonders nicht für Liam, der die eigenartigsten Fragen aus seinen Gedanken ziehen konnte, ohne seinem gegenüber auch nur einen Anhaltspunkt zu geben, woher das plötzliche Interesse rührte - weil er die Gedankensprünge selbst oftmals nicht bemerkte. Jedenfalls störte es ihn nicht, was Skadi erfragte. Ganz im Gegenteil - er hatte nichts zu verheimlichen. Und Skadis Frage brachte ihm die Möglichkeit, sich selbst wieder an das zu erinnern, was er hatte. Nichts also, was er ihr übelnehmen konnte. Als er zum Schluss kam, schwieg die Jüngere vorerst und vergrub das Gesicht in ihren Händen. Der Lockenkopf schob es der vorangeschrittenen Nacht zu und wendete den Blick selbst wieder gen Himmel. Erst danach erhellte Skadis Stimme wieder leise die Nacht, erntete ein kurzes, zustimmendes Brummen, ehe sich die Züge des jungen Musikers abermals kurz der Überraschung gegenübergestellt sahen. Seit dem Vorfall um die Ocarina hatte Liam sich damit abgefunden, dass Skadis Vergangenheit ein Tabu war. Er hatte kein Problem damit, das zu akzeptieren.
Aber je mehr Zeit verging, die er nicht danach fragte, desto mehr erfuhr er. Noch wusste er nicht einzuschätzen, ob das gut oder schlecht für ihn war. „Immer.“, antwortete er schließlich, statt sich weiter darüber Gedanken zu machen. „Aber das gehört irgendwie dazu. Umso größer ist die Vorfreude auf das, was er in der Zwischenzeit erlebt hat. Von welchen Abenteuern hättest du deinen Geschwistern sonst erzählen sollen?“ Er machte eine kurze Pause, entschied sich aber, recht schnell weiterzusprechen, um das Tabu-Thema nicht am Ende stehen zu lassen, als wolle er mehr aus ihr herauskitzeln. Das war nämlich gewiss nicht sein Ziel. „Ich weiß nicht mal, wo er sich gerade herumtreibt. Nicht einmal, ob er noch in der Ersten Welt ist oder längst woanders. Wir Caseys sind und bleiben halt Herumtreiber.“ Er zuckte mit den Schultern, so gut es im Liegen eben ging.
Es wären gewiss keine Abenteuer gewesen, die sie ihren Geschwistern erzählt hätte, sondern von denen sie ihrem Vater oder ihrer Großmutter berichtete. Doch was dieses Thema anging, waren sie wohl beide vollkommen unterschiedlich aufgewachsen. Für Skadi gab es nichts schöneres, als bei ihrer Familie zu sein, während Liam es ausreichte sie in seinem Herzen zu wissen. Sich auf ein Wiedersehen und all die Geschichten zu freuen, die sich daraufhin in geselliger Runde erzählt wurden. Wäre es ihr vielleicht ähnlich ergangen hätte sie Zeit ihres Lebens nicht auf der Insel verbracht? Skadi grübelte kurz darüber nach, während Liam fortfuhr und dabei nur beiläufig zu ihr durchdrang. “Und wie hinterlasst ihr euch Lebenszeichen?“ Ohne jeglichen Vorwurf in der Stimme wandte Skadi den Kopf zur Seite, um den Älteren zu mustern. Sie hatte so eine Vermutung. Doch vorrangig interessiert es sie viel mehr, ob Vater und Sohn solcherlei Dinge überhaupt taten. Schön und gut, dass man durch die Welt reiste und verrückte Dinge erlebte – doch wenn es niemanden gab, den man Wiedersehen konnte?
Am Anfang war ihm ein Familienleben vorgelebt worden. Hatte ihm beigebracht, wie viel es zu lernen gab und wie wichtig es war, für einander da zu sein. Erst danach hatte sein Vater ihn die Abenteuerlust schnuppern lassen und die kindlichen Ausflüge, die er zuvor mit seinen Freunden unternommen hatte, erblassten im Angesicht dessen, was danach gekommen war. Allein das Leben auf See war für einen Jungen in seinem Alter unheimlich spannend gewesen, ganz zu schweigen von all den Gesichtern, die er auf dieser Reise hatte kennenlernen können. Gaukler, Handelsmänner, die die verschiedensten Geschichten erzählt hatten. Und mit der Neugier war das Verlangen nach einem festen Hafen mehr und mehr in die Bedeutungslosigkeit gerückt. Er wusste, wie sich Zuhause anfühlte, aber im Gegensatz zu Skadi nicht mehr, wie es war, nach Hause zu kommen und im heimatlichen Hafen einzulaufen. Eigenartig, ging es ihm kurz durch den Kopf, ehe er die Lippen ein wenig ratlos verzog, ohne Skadi anzusehen. „Naja, das...“, begann er, wohl wissend, dass er keine richtige Antwort darauf hatte. Vermutlich machte das jetzt all das zunichte, was er vorher gesagt hatte, „Das ist so eine Sache, weil wir beide eher ziellos durch die Welt pendeln.“ Es fühlte sich ein bisschen an wie ein Geständnis, obwohl er bislang kein Problem damit gehabt hatte. Aber hätte Noah es anders gewollt, hätte er wohl einen Vorschlag gemacht, oder? „Manchmal stolpere ich über eines seiner Bücher. Das ist fast wie ein Treffen.“ Konnte man jedenfalls so sehen, selbst wenn man Liams Zügen ansah, dass er es nur Halbernst meinte. „Wir sind halt beide recht einfach gestrickt. Außerdem läuft man so weniger Gefahr, Geburtstage zu vergessen und solche Dinge.“ Mit einen Schmunzeln drehte er den Kopf wieder zu Skadi.
Sie wurde das Gefühl nicht los einen wunden Nerv getroffen zu haben, von dem der Lockenkopf selbst nicht einmal gewusst hatte, das er existierte. Beabsichtigt hatte sie es ganz sicher nicht, war ihre Intention doch eine vollkommen andere, eher schon egoistische gewesen. Schweigend musterte sie Liam von der Seite, versuchte sich jedes Zucken seiner Miene einzuprägen und wirkte irgendwie niedergekämpft, als er sich mit einem Schmunzeln herum wandte und ganz offensichtlich die Situation aufzulockern versuchte. “Ich dachte das Vergessen von Geburtstagen gehört allgemein zu einem unausgesprochenen Männerkodex.“, murmelte sie trocken und fuhr nachdenklich mit den Fingerspitzen über den rauen Untergrund der Planken. Ihr wollte einfach nicht in den Kopf gehen, wieso ihm diese lose Nähe zueinander ausreichte. Wieso es ihn nicht wurmte, dass er so gut wie nichts über den Aufenthaltsort seines Vaters wusste. Gab es da etwas, dass sie einander an jemanden oder etwas schmerzlich erinnerte? Flohen sie deshalb durch die halbe erste Welt, weil eine Rückkehr zu unangenehm wurde? “… und was ist… mit deiner Mutter?“ Unweigerlich vermied Skadi vorerst den Blick in die braunen Augen ihres Gegenüber. Schluckte kurz, weil es seltsamer Weise ein unangenehmes Gefühl in ihre Magengegend pumpte, das sich ebenso falsch wie fremd dort anfühlte. Wie lange war es her, dass ihr die Empfindungen eines anderen so dermaßen wichtig gewesen waren? Selbst bei Enrique hatte sie anfänglich nicht so sentimental reagiert – womöglich weil sie ihn Jahre lang als kontrollierten Offizier kennengelernt hatte. Sich allgemein an ihr Miteinander gewöhnen und ihre Beziehung neu definieren musste. Ahnte sie etwa, dass es bei Liam eine Wunde aufreißen könnte? Zumindest konnte er ihre Bedenken deutlich im Zucken ihrer Mimik ansehen. Ebenso in dem unsicheren Blick, den sie ihm nach einer gefühlten Ewigkeit zuwarf.
Voller Ehrlichkeit zuckten seine Mundwinkel auf ihren trockenen Kommentar belustigt nach oben, gefolgt von einem flüchtigen Blick in ihre Richtung. Das hätte es für ihn deutlich einfacher gemacht - er war nämlich nicht nur gut darin, Geburtstage zu vergessen, sondern auch andere Verabredungen jeglicher Art. In diesem Augenblick war es vielleicht ganz gut, dass er ihr nicht in den Kopf gucken konnte. Ihre Gedanken hätten ihn vermutlich zum Lachen gebracht, ohne auch nur im Entferntesten zu erahnen, wie viel Wahrheit in ihrer Vorahnung steckten konnte. Skadi fuhr fort und tastete sich weiter hinein in die Gewässer seiner Vergangenheit. Eigenartiger Weise hatte er mit dieser Frage gerechnet. Und es fühlte sich komisch an, dass sie die so vorsichtig aussprach, als könne etwas daran zerbrechen. „Sie starb, als ich acht war.“, antwortete er und hoffte, dass es nicht allzu verfänglich war, dass er nicht so schwermütig klang, wie sie jetzt vielleicht erwartet hätte. Dass sie allerdings selbst für ihren Tod verantwortlich war, war ein Detail, welches er wissentlich außen vor ließ. Als er den vorsichtigen Blick aus den Augenwinkeln heraus wahrnahm, musste er unweigerlich Lächeln, ehe er sich wieder aufrichtete. Sie war ganz bestimmt kein einfacher Bauerntrampel, wie sie selbst dachte. „Es ist zwar kein Tattoo wie bei dir, aber...“ fing er an und kramte den angeflickten Lederbeutel an seinen Hosenbund hervor. An den Bändern an der Öffnung baumelte ein weiteres, zerschlisseneres Lederband mit drei violetten Steinen daran. Liam zog es von seinem Geldbeutel ab und legte es auf die Fläche seiner rechten Hand. „Ich glaube, ich war fünf, als ich ihr das gebastelt habe.“ Auf seinen Zügen lag ein nachdenkliches, aber nicht gebrochenes Lächeln. Er dachte gern an sie und trotzdem brachte es Erinnerungen mit sich, die nicht ganz so leicht waren. Aber Liam war gut darin, sie zu vertagen.
Es faszinierte sie, wie offen er mit dem Thema umging. Wie augenscheinlich normal er auf diese Frage antwortete, wenngleich es in ihm Gefühle und Erinnerungen ans Tageslicht förderte, die er nur allzu gern wieder vergrub. Hatte es so ausgesehen, als sie damals Enrique gegenüber gestanden und fast schon gleichgültig vom Tod ihrer gesamten Verwandtschaft gesprochen hatte? Nicht, dass es sie störte – am Tod konnte sie genauso wenig verändern, wie an der Vergangenheit. Doch es war ein kurzer Gedanke, der ihr kam und gleichsam wieder verschwand. Dem warmen Lächeln auf ihren Lippen Platz machte, das sämtliche Zweifel hinfort spülte. Einem Spiegel gleich folgte sie Liams Bewegungen. Setzte sich ebenfalls auf und spürte wie der kurze, dunkle Haarschopf fast automatisch zur Seite kippte. Ihn dabei aufmerksam beobachtete, wie er mit langen Fingern an der Öffnung seines Lederbeutels herum nestelte und wenig später ein Lederarmband in seine ausgestreckte Handfläche gleiten ließ. War dieses Schmuckstück ihr jemals an ihm aufgefallen? Mitnichten. Daran würde sie sich gewiss erinnern. “Es ist wunderschön…du musst sie sicherlich über alles geliebt haben…“, kam es leise, beinahe flüsternd über die vollen Lippen. “…wenn du es über all die Jahre bei dir behalten hast.“ Beinahe hätte sie mit ausgestreckten Fingern über die schimmernden Steine gestrichen. Ließ den Blick aus warmen braunen Augen jedoch wieder in seine zurück gleiten, ehe sie ihrerseits nach dem Lederbeutel an ihrem Holster griff und die kleine Okarina aus ihrem tiefen Schlaf erlöste. Irgendwie fühlte Skadi das tiefe Bedürfnis ihm für seine Ehrlichkeit etwas zurück zu geben. Ihrem Versprechen nach zu kommen, dass der Preis für ein Geheimnis stets ein Geheimnis sein würde. Behutsam griff sie nach Liams Handgelenk, erhob die freie Handfläche zum Himmel hinauf und bettete das kleine Instrument vorsichtig auf der warmen Haut, die unter ihren Fingerspitzen vibrierte. “Sie gehörte mal meiner Schwester.“, fügte Skadi leise an und verschränkte ihre Beine zu einem bequemen Schneidersitz. “… sie war immer so vernarrt in Musik und hat mir so viele Nächte in den Ohren gelegen, dass sie nie mit unserem Vater auf die großen Inseln durfte. Irgendwann habe ich sie ihr auf einem Markt auf Trithên gekauft.“ Erinnerungen sprudelten vor ihrem inneren Auge auf und ab und hinterließen ein warmes, wenn auch trauriges Lächeln auf ihren Zügen. “Du hättest sie sehr gemocht.“ Das Funkeln, das sich kurz in den braunen Augen abzeichnete, strahlte deutlich zu Liam hinüber, als Skadi den dunklen Haarschopf erhob und ihm mit offener Miene entgegen blickte.
Warum er das alte Lederband herausgekramt hatte? Weil er sich mittlerweile ziemlich sicher war, dass sie eine von wenigen an Bord der Sphinx war, die den Wert dahinter verstand. Ein Mahnmal, wie er es Shanaya gegenüber genannt hatte. Ein Mahnmal, sie nicht zu vergessen und dem, was sie ihm hinterlassen hatte, erhobenen Hauptes gegenüber zu treten. Liams Blick hatte anfangs auf Skadis Zügen gelegen, hatte ihre Reaktion abgewartet, als er ihr das Band hinhielt wie ein kleines Geheimnis. Erst danach hatten sich seine eigenen Augen auf das Stück Vergangenheit in seiner Hand gelegt. Liams Mundwinkel zuckten bei ihrem indirekten Kompliment, doch das war es nicht, was ihn dazu bewog, es bei sich zu behalten. Es hätte das hässlichste Ding sein können, was er je in seinem Leben gesehen hatte, ohne an Wert zu verlieren. Aber dafür, dass sein fünfjähriges Ich das fabriziert hatte, konnte man es durchaus herumzeigen. „Sie ist und bleibt ein Teil von mir.“, gab er leise zurück und besah sich die Erinnerung zwischen seinen Fingern. Und eines Tages würde ihm das zum Verhängnis werden.
Als Skadi nun ihrerseits in ihrer Tasche kramte, brauchte Liam noch einen Augenblick, ehe er die Finger um das Armband schloss und es schließlich wieder in seinen Geldbeutel gleiten ließ. Er rechnete mit nichts und umso erstaunter war er, als er plötzlich den Griff ihrer zarten Finger um sein Handgelenk spürte und sie eine Sekunde später die Okarina in seine Handfläche gleiten ließ. Fast schon scheu musterte er erst das Gesicht der Nordskov mit einer Falte auf der Stirn, ehe er ihrem Blick auf das liebevoll gefertigte Instrument folgte, welches sie ihm das letzte Mal so bestimmt aus der Hand gerissen hatte. Der Lockenkopf schluckte unschlüssig, während sich seine Finger so vorsichtig auf das Holz legten, als könne Skadis Erinnerung unter der leisesten Berührung zerbersten. Fühlte sie sich verpflichtet dazu? Bis zu diesem Moment hatte er ihre kindliche Abmachung gar nicht mehr auf dem Schirm gehabt – nicht für den Moment jedenfalls. Er hatte es bislang eigentlich als eine Art Spiel gesehen und nicht als Verpflichtung, dem anderen sein Innerstes offen darzulegen, ohne es zu wollen. Aber die Kurzhaarige war niemand, die sich zu Dingen verpflichtet fühlte, die sie nicht tun wollte. So jedenfalls schätzte er sie nicht ein. Ehrenhaft, ja, aber sie hatten keinen Pakt, keine Schuld zu begleichen. Nur ein kleines Spiel, das nichts und doch so viel bedeutete.
Seine Augen weiteten sich vor Erkenntnis, als sie fortfuhr und ihm eröffnete, dass es nicht bloß irgendein Instrument gewesen war. Sie hatte es schon mal in der Hand gehabt, vor Ewigkeiten, weit bevor er sie zu Egbert in den Laden geschleppt hatte. Mit einem Mal verstand er ihre Reaktion am Lagerfeuer kompromisslos und schämte sich fast schon für seine gedankenlose Aktion. Das Lächeln auf seinen Lippen war für den Moment verschwunden und erst, als Skadi mutmaßte, dass ihre Schwester und er sich gut verstanden hätten, kehrte es ein wenig verloren auf seine Züge zurück. Vermutlich hatte sie Recht, aber herausfinden würden sie es wohl nie. „Dann war es kein Zufall, dass sie niemand abgeholt hat.“, vermutete er leise und hob den Blick zu ihren Augen hinauf. Er klang nicht danach, dass er eine Antwort verlangte. Vermutlich würde ihm die Regung in ihren Zügen ausreichen, um sich bewusst zu sein, wie Recht er damit hatte. „Und du… Du bist alles andere als freiwillig hier.“ Damit meinte er gewiss nicht die Sphinx, fand es aber unnötig, das zu erwähnen. Auch jetzt war es nicht seine Absicht, tiefer zu bohren. Er hatte ihre Vergangenheit als Büchse der Pandora wahrgenommen und nun ohne Segel in dieser Ungewissheit herumzurudern war ihm mehr als unangenehm. Es reichte ihm, mehr wollte er gar nicht wissen, wenn sie es bloß als Gegenleistung für sein Geheimnis verstand. „Du musst mir nicht mehr erzählen.“, bot er ihr offen an und fand zu seinem Lächeln zurück, streckte die Hand aus, um die Okarina wieder zurück an ihren neuen Besitzer zu geben und umschloss, kaum dass das Holz wieder ihre Haut berührte, ihre Hand auch mit seiner anderen.
„Aber ich bin froh, dass die Okarina ihren Weg trotzdem zurück nach Hause gefunden hat.“, flüsterte er und verharrte einen Augenblick in ihrer Berührung, während sein Blick noch immer auf dem dunklen Braun ihrer Augen lag. „Und ich bin froh, dass wir vorher diese Diebeshöhle gefunden haben. Ich hätte Egbert wirklich nur ungern bestohlen nach all dem, was ich ihm schuldig bin.“ Es gab nicht vieles, was Diebstahl für ihn rechtfertigte. Überleben gehörte dazu. Und manchmal gehörten Erinnerungen einfach zum Überleben dazu.
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#3
Seine Miene zeugte von so viel mehr, als sie oberflächlich Preis gab. Skadi sah dennoch im fahlen Licht der Öllampe die winzigen Schatten in seinen braunen Augen, die er im Alltag scheinbar gut zu verbergen wusste. Mit jeder weiteren Wendung ihres lang anhaltenden Gesprächs wurde ihr erst wirklich bewusst, welche tief schürfenden Gedanken durch die dichte Lockenmähne ihres Gegenübers tanzten. Zumeist ungesehen und ungehört vom Rest der Crew - entweder weil er es selbst nicht anders wollte oder sich schlichtweg keiner dafür interessierte. Während die Nordskov eher auf Letzteres tippte, folgte sie seinen Augen ein letztes Mal auf das verheißungsvolle Armband hinab. "Und ich hoffe ihr geht es gut, wo auch immer sie jetzt ist." Es war das mindeste anzunehmen, dass sie ehrenvoll gestorben war. Angesichts all der Umstände - das Vater und Sohn mit ihrem Ableben nicht so recht umzugehen wussten oder es sie womöglich deshalb auf unzählige Abenteuer lockte- musste sie ein wundervoller Mensch gewesen sein. Eine Seele die schmerzlich vermisst wurde und an die sich zumindest Liam mit einem Angedenken stets zu erinnern versuchte.
Nur langsam richtete Skadi den Blick aus dunklen Augen auf, kaum dass sie Liams Handgelenk sanft mit ihren Fingern umschloss. Bettete die Okarina so behutsam auf seiner Handfläche, als brauche es nur einen Atemzug und sie würde unter der Wucht dieser Welt zerbrechen. Wie der Musiker allerdings reagierte, verwunderte sie. Behutsam umschloss er mit seinen Fingern das verzierte Holz, ganz als wagte er es nicht, sie wie vor wenigen Tagen an die Lippen zu heben und unbedarft ein Lied anzustimmen. Offenbar hatte er gelernt, wie bedeutsam dieses Andenken für sie war. Respektierte ihre Entscheidung und brachte ihr damit ein Verständnis entgegen, dass nichts mehr mit bloßer Nettigkeit einer Fremden gegenüber gemeint hatte. Und beinahe wäre ihr angesichts dieser Erkenntnis ein warmes Schmunzeln über die Lippen gehuscht, hätten seine Worte nicht wie ein Fausthieb gegen ihre Brust geschlagen. Schlagartig verpuffte jegliche Luft in ihren Lungenflügeln. Ließ sie scharf die kühle Nachtluft einatmen, während es nun an ihr war, den festen Kloß in ihrem Hals in die Eingeweide hinab zu schlucken. Eine kribbelnde Gänsehaut überzog ihre Wirbelsäule, als ihre Augen den seinen begegneten. "... nein... weil es niemanden mehr gibt, der es tun könnte..." Ihre Stimme drohte für einen Moment zu brechen. Doch Skadi räusperte sich bereits, noch ehe es groß ins Gewicht fiel. Sie hatte Jahre damit zugebracht den Verlust ihrer Familie zu verarbeiten. Sie erwartete nicht, dass es jemals einen Zeitpunkt geben würde, an dem sie nicht wehmütig wurde. Im Großen und Ganzen war ihr jedoch mit jeder Faser ihres Körpers bewusst, dass es besser war ihre Liebsten in guter Erinnerung zu behalten. Sie für ihren Tod zu rächen und an ihrer statt das Leben zu genießen, das ihr geschenkt worden war. "...ein Mensch ohne Heimat..." Es war fast ein Flüstern. Ein Hauch von Silben und Worten, die sie an Liam wandte, ohne von ihm abzusehen.
Sein Anblick war das Einzige, das sie gerade klar denken ließ. Das sie davon abhielt für einen Moment schwach zu werden und sich irgendeiner Flutwelle an Traurigkeit zu ergeben. Womöglich wäre sie in schiere Wut über sich selbst abgedriftet. So jedoch fokussierte sie sich auf seine Bewegungen. Folgte ihnen aus den Augenwinkeln und senkte erst den Kopf, als er ihr mit leisen Worten das Instrument zurück gab. Sanft ihre Handfläche gen Himmel wandte und das angewärmte Holz darauf bettete. Seinen Worten entgegen sie nur mit einem tiefen Ein- und Ausatmen. Schloss die langen Finger um das Instrument und richtete die dunklen Augen schweigend auf das bärtige Gesicht. Musterte ihn aufmerksam. Spürte die angenehme Wärme auf ihrer Haut, die Liam mit jeder weiteren Berührung auf ihrem Handrücken hinterließ. Es war seltsam wie schnell sie Vertrauen zu ihm gefasst hatte. Wie geschickt er, ohne es zu wollen, ihren Schutzpanzer zur Seite schob und einen Blick auf die Skadi erhaschte, die sie früher einmal gewesen war. Verstehen tat sie es immer noch nicht so ganz. Vertraute nur ihrem Instinkt, der sich Zeit ihres Lebens selten getäuscht hatte.
"Aber du hättest es getan.", entgegnete die Jägerin leise, hielt ihre Augen unverwandt auf denen des Lockenkopfes und konnte nicht anders, als das warme Lächeln auf ihren Lippen zuzulassen, das sich in der rötlichen Färbung ihrer Wangen verlor. Ihr war die Tragweite seiner Aussage mehr als bewusst. Beinahe schlug ihr die Bedeutung regelrecht gegen den Brustkorb und erhielt zur Antwort nur ein aufgeregt pochendes Herz, das sich kaum mehr beruhigen ließ. "Du bist schon ein seltsamer Mann Liam..." Das Lächeln wurde eine Spur schelmischer. Zauberte ein liebliches Funkeln in das dunkle Braun ihrer Augen, ohne auch nur ansatzweise den Blick von ihm zu nehmen. "... aber ein wundervoll seltsamer."
Jedes Mal, wenn er das Violett der Steine bedachte, sah er den kleinen Jungen vor Augen, der sie damals gefunden hatte. Er sah den wirren Lockenkopf, der manchmal über Tage hinweg keine Bürste gesehen hatte, wie er voller Stolz zurück nach Hause kehrte, um seinen Fund seinem Vater zu zeigen, der ihm kurzerhand bei seinem Geschenk geholfen hatte. Manchmal aber sah er auch die dunklen Wolken, die sich am Horizont anbahnten und hämisch grinsend näher und näher zogen. Damals hatte er es trotz all der Anzeichen und all der Ehrlichkeit seiner Eltern nicht erfassen können; jetzt war er sich sicher, dass seine Mutter ihren Ausweg schon längst geplant hatte, als sie ihm dieses Armband damals zurückgegeben hatte. Ein langsames, nachdenkliches Nicken folgte auf Skadis Worte hin, doch er verzichtete auf eine weitere Antwort. Nur in Gedanken sagte er sich, dass es ihr überall besser gehen würde als dort, wo es geendet hatte.
Was sie ihm schließlich offen offenbarte, überraschte ihn nicht mehr und trotzdem ließ ihn diese Erfahrung schwer schlucken. Jetzt, wo er es sicher wusste und nicht mehr bloß vermutete, fühlte es sich realer an, unausweichlicher und endgültig. Es gab kein Schlupflos mehr für seine Hoffnung, denn hätte es dort draußen irgendjemanden gegeben, den Skadi noch hatte, hätte sie ihn nicht verschwiegen. Und obwohl er keinen dieser Menschen je gekannt hatte, verspürte er Mitleid. Nicht für die Toten, sondern für die einsame Frau, die so verloren neben ihm saß. Skadi wusste ihre Schwäche gut mit Stärke zu überspielen, das musste man ihr lassen. Aber vermutlich traf sie die Ziellosigkeit nun härter, als er bislang angenommen hatte. Ihre Mission bei der Marine hatte ihr einen Sinn gegeben, einen Antrieb und nun saß sie hier auf der Sphinx und war gezwungen, sich einfach treiben zu lassen. Abzuwarten. Nachzudenken. Mit einem Mal verstand er ihren Wunsch nach einem Ziel, nach einer Ablenkung und irgendetwas, was sie anstreben konnte. Und er ahnte, wie schwer Ungewissheit werden konnte, ahnte, weshalb sie sich so sehr auf ihren einzigen Anker hier an Bord verlassen wollte. Vielleicht bildete er sich das leichte Zittern ihrer Hand bloß ein, vielleicht waren es sogar seine Hände, die kaum merklich zitterten, als er ihr dieses kleine, feingefertigte Stück Erinnerung zurück in die Hand legte und ihr abermals ein Geständnis entlockte, was er nicht beabsichtigt hatte. Der Griff um ihre Hand und die kleine Welt, die darin lag, wurde für einen Augenblick deutlicher, um ihre Aufmerksamkeit abermals auf das zu lenken, was sie darin geborgen hielt. Vielleicht gab es keinen Ort mehr, an den sie sich zurückziehen konnte. Keinen Ort, an dem irgendjemand auf ihre Rückkehr warten konnte. Doch einen Teil ihrer Heimat hielt sie in Händen und verpflichtete sich, darauf achtzugeben. Einen anderen Teil trug sie in ihren Erinnerungen, geschützt vor allem, was ihr schaden wollte.
Man musste sich damit zufrieden geben, denn es brachte nichts, nach mehr zu streben. Früher oder später würde auch Skadi es verstehen, sobald genug Zeit verstrichen war, um das Gras in ihrem Paradies wieder zum Sprießen zu bringen. Langsam nur löste er den Griff um ihre Hand und die kleine Welt, die darin lag, schenkte ihr ein mitfühlendes Lächeln, während er ihren Blick erwiderte. Sie konnten nichts besser machen, konnten nur lernen mit dem, was passierte, umzugehen. Liam war ganz froh darüber, dass es ihm so einfach fiel, nach vorne zu sehen und Dinge einfach zu akzeptieren und er wollte sich nicht vorstellen, wie es anders war. Entgegen der Vermutung vermutlich aller, die sie hätten belauschen können, war das Ziel seiner nächsten Aussage auch nicht, sich vor Skadi in ein besseres Licht zu rücken und ihr heldenhaft zu eröffnen, dass er ihr dieses Stück Erinnerung im Zweifel auch unrechtmäßig besorgt hätte. So beeindruckend es auf die Nordskov auch zu wirken schien – natürlich hatte er es nicht gesagt, ohne es so zu meinen. Doch entgegen der Einstellung der anderen Mitglieder dieser Crew erfüllte ihn die Vorstellung nicht unbedingt mit Stolz. Er war kein Dieb, der sich nahm, was ihm gefiel. Aber er sah, wie sehr diese Okarina hier gebraucht wurde, um Wunden zu heilen. Heiligte der Zweck nicht manchmal die Mittel? Er war froh, nicht vor dieser Entscheidung gestanden zu haben. Vor allem – hätte er ansonsten überhaupt über den Wert dieses Instrumentes gewusst? Aber was brachte es schon, sich um eine Realität Gedanken zu machen, die es nicht gab – es war alles gut so, wie es war. Auf eine Art und Weise, die man manchmal erst verstehen musste. Der Lockenschopf ging davon aus, dass sie ihr kleines Heiligtum nun wieder wegpacken würde und wandte den Blick abermals zum Himmel, bis ihm auffiel, dass sie ihn noch immer ansah. Mit offener Miene erwiderte er ihren Blick und lächelte schließlich ein wenig schräg, als sie ihm ihr Kompliment aussprach.
Seltsam. Ja. Eigenartig hatten die meisten früher gesagt, aber Skadi meinte es auf eine andere Weise als die Menschen auf Yvenes, wenn sie Ellie gegenüber erwähnten, dass sie Liam mal wieder völlig geistesabwesend durch die Straßen streifen gesehen hatten. „Ich bin nicht groß anders als die anderen.“, meinte er kleinlaut und zuckte angedeutet mit den Schultern. Man sah ihm an, dass er nicht so recht damit umzugehen wusste. Liam sah sich wirklich nicht als etwas Besonderes. Er war mehr ein Schatten im Treiben der Gesellschaft, dem so einiges entging, während er mit dem Kopf in den Wolken hing. Aber er hatte Skadi mittlerweile als jemanden kennengelernt, der die Dinge nicht kopflos aussprach. Er wusste ihr Kompliment zu schätzen, selbst wenn er es nicht so richtig zeigen konnte. „Aber… Danke.“ Das Lächeln auf seinen Zügen reichte den Augenblick bis zu seinen Augen hinauf, als er den Blick abwendete und eines seiner Knie fixierte, um dem Eindruck zu entkommen, dass sie nun irgendetwas von ihm erwartete. „Welcher Ort hat dir am besten gefallen von denen, die du mit deinem Vater bereist hast?“, fragte er schließlich und hob den Blick wieder hinauf zu ihren Zügen. Vielleicht half es ihr, sich an die schönen Dinge zu erinnern. Im Endeffekt aber hatte er einfach drauf los geredet. Das tat er manchmal, wenn er nervös war.
Er nickte nur zögerlich auf ihre Worte. Hielt sich im ganzen Verlauf des Gesprächs mit Worten zurück, die er ihr sonst ungefragt vor die Füße legte. Skadi spürte das Trommeln in ihrem Magen, das ihr eindringlich zu verstehen gab, dass sie sich auf unerforschtem Gebiet befand. Darauf zu achten hatte, nicht blindlings in eine Landmiene hinein zu treten und Liam damit unbewusst zu verletzen. Sicherlich mochte der Lockenkopf stark wirken - als könne er jeglichen Schicksalsschlag akzeptierten. Doch nur weil man etwas hinnahm, bedeutete es nicht, dass keine Narben zurück blieben. Narben die unangenehm juckten und einen daran erinnerten, wer man war und woher man kam.
Somit sog sie jede seiner Regungen in sich auf. Spürte dabei das ungewohnte Kribbeln auf ihrer Haut und den festen Druck an ihrem Kehlkopf. Fühlte, was in Liams Brust unnachgiebig auf und ab schlug. Sah den Ausdruck dessen auf seinen Zügen und schluckte daraufhin kurz und kaum sichtbar. Er hatte Mitleid. Jene Empfindung, die sie all die Jahre über gemieden und schier gehasst hatte. Die sie selbst bei Enrique an den harten Mauern ihrer Selbstbeherrschung hatte zerschellen lassen. Ohne zu wissen, dass sie damit bis zum Tod seines Freundes eine Tür verriegelt hielt. Eine Tür die ihr Wochen später in bitteren Tränen in den Armen gelegen und allen Schmerz zurück gebracht hatte. Der Nachhall all dessen steckte immer noch in ihren Knochen. Selbst jetzt als sie unverwandt zu Liam hinüber sah und kaum den Blick von ihm lösen konnte. Sie musste nicht leugnen, dass sie ihn mochte. Weit über den körperlichen Aspekt hinaus, der sie anfänglich immer wieder in seine unmittelbare Nähe gezogen hatte. Dass ihre Vergangenheit einen schuldigen Anteil an dieser Tatsache trug, ignorierte sie natürlich gekonnt. Wie so oft in den letzten 5 Jahren. Es war einfacher den Kopf auszuschalten und geschehen zu lassen, was ihr Instinkt ihr wortlos vorsetzte.

Ein wissendes Lächeln verwandelte ihre anfänglich traurige Miene in ein Lichtermeer aus Wärme. Während der dunkle Schopf kurz zur Seite kippte und Liam dabei beobachtete, wie er sich etwas nervös seinem Knie widmete und das Thema wechselte, verstaute sie mit einem kurzen Griff an die Seite die kleine Okarina. Irgendwie war es schon niedlich, wie unangenehm ihm dieses Kompliment zu sein schien. Fast war Skadi versucht noch eines anzufügen, verstand jedoch, dass sie ihn wohl oder übel für den Rest des Abends damit verscheuchen konnte. Und da es das letzte war, was sie wollte, stieg sie in sein Spiel ein. Lehnte sich mit nach hinten ausgestreckten Armen ein Stück weit zurück und ließ den Kopf in den Nacken gleiten. Musterte den Sternenhimmel, während sie Liam den Freiraum zurück gab, den er offensichtlich brauchte. Irgendwie glaubte sie, ihn mit ihrer ungenierten Ehrlichkeit ein wenig zu sehr bedrängt zu haben.
"Mal überlegen..." Die langen Beine wandten sich aus dem Schneidersitz und wackelten rhythmisch von rechts nach links, während die aufgestellten Füße auf und ab tanzten. "Meistens waren wir nur an Häfen und Märkten. Haben verkauft was wir erlegt und hergestellt haben..." Die ganze Insel hatte quasi von der Hand in den Mund gelebt und sich mit dem Verkauf von Fellen und gefärbten Stoffen ein Extrabrot verdient. Abgesehen von den zahlreichen Soldaten, die nach Trithên gegangen waren und nun zum Teil auch in der Leibgarde des Königshauses dienten. "... aber ich kann mich an einen kleinen Ausflug in die Berge erinnern... es war schweinekalt dort. So eine Kälte, die sich ganz tief unter deine Haut frisst und am ganzen Körper schüttelt. Aber die Aussicht dort oben war atemberaubend. Ich bin irgendwann auf eines der Hausdächer geschlichen und habe Stunden lang dort oben gesessen. Überall waren diese kleinen Lichter und Fähnchen... in tausend Farben. Es hatte schon ein bisschen was von einem Paradies." Ein leises Lachen entfloh ihrer Kehle. Begleitete die langsame Bewegung ihres Körpers, der sich voraus gleiten ließ und die braunen Augen auf Liam richtete. "Einer der Dorfältesten hat mich dann erwischt und an den Ohren zurück geschleift. Scheinbar durften Mädchen nicht unbeaufsichtigt durch die Gegend streifen. Oder aber er fand es nicht so lustig, dass ich seinen Sohn an einem Baum festgebunden hatte." Ein spitzbübisches Grinsen stahl sich just in ihre Mundwinkel, strahlte bis zum dunklen Augenpaar empor, das für einen Augenblick ihre Fingerkuppen auf ihrem Weg zu ihren Knöcheln begleitete.
Er war noch nie gut darin gewesen, mit Komplimenten umzugehen. Nicht, weil seine Eltern ihn nicht derart behandelt hätten, sondern einfach, weil er in sich nichts Besonderes sah. Seine Eltern hatten ihm vieles beigebracht und seiner Mutter war es auch stets wichtig gewesen, dass er ähnlich vorzeigbar gewesen war wie die Kinder der anderen Frauen. Aus der Reihe gestochen hatte Liam schon immer. Ganz egal ob durch Tagträumerei oder tatsächlich seine frühen Fähigkeiten am Klavier. Er mochte es einfach nicht, im Rampenlicht zu stehen, selbst wenn es fast schon ironisch wirkte, wenn man bedachte, dass er Musiker war. Aber sein Ziel war weder Ruhm noch Anerkennung. Er wollte den Menschen einfach eine Freude machen.
Tatsächlich ließ sich Skadi sogar recht gefasst auf seine Frage ein, was ihn freute und das flaue Gefühl in seiner Magengegend erstickte. Es fühlte sich noch immer falsch an, in ihrer Vergangenheit herumzufischen, aber wie es schien, ging sein Plan sogar auf. Jedenfalls blieb ihr Gesicht weitestgehend frei von den Schatten, die eben noch hämisch auf ihren Zügen herumgetanzt waren. Neugierig lauschte er ihrer Geschichte, ließ sich einen kurzen Moment vom Anblick ihrer tanzenden Füße ablenken, ehe er den Blick wieder über ihre rundliche Nase hin zu ihren dunklen Augen hob, die im Licht der Öllampe funkelten. Kurz flammte die geheimnisvolle Karte vor seinen Augen auf, als sie Kälte erwähnte, doch der Gedanke war bereits wieder verschwunden, bevor sie geendet hatte. Liam hatte von solchen Orten gehört, war aber noch nie dort gewesen. Hatte von zweimannsgroßen Hirschen gehört, die dort völlig ohne Angst leben sollten und war fest entschlossen, irgendwann mal einem von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen zu wollen. Langsam wandte sich sein Blick wieder von ihrem Gesicht ab, hob sich ins Dunkel des Himmels und versuchte sich das vorzustellen, was sie mit Worten malte. Tausende Lichter, die in der Kälte tanzten, Fähnchen, die in der eisigen Luft wie erstarrt wirken mussten. Als er aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm, spähte er wieder in ihre Richtung, runzelte gleich darauf belustigt die Stirn und musterte neugierig ihre Züge.
„Warum hast du seinen Sohn an einen Baum gefesselt? Weil er auf die kleine Skadi aufpassen sollte?“, neckte er und blickte einen Augenblick so drein, als hätte er sie durchschaut. „Im Norden gibt es eine kleine Insel. Im Herzogtum Shilain war’s glaube ich. Sie besteht eigentlich nur aus zerklüfteten Felsen, aber die Menschen haben sich ein kleines Dorf in den Stein gehauen. Allein das war schon ein atemberaubender Anblick. Als wir da waren, feierten sie gerade ein Lichterfest. Sie ließen etliche Laternen bei Anbruch der Dunkelheit gen Himmel steigen. In den verschiedensten Farben. Es war ein wirklich unglaublicher Moment.“ Alex und er waren eher zufällig dort vorbeigekommen, hatten es aber keinen Moment bereut nach diesem Anblick. Ein schöner Brauch, wie er fand. Die Dunkelheit erleuchtet durch etliche Lichter, die Hoffnung bringen und die Verlorenen heimleiten sollten.
Skadi lachte unverblümt und schüttelte den dunklen Haarschopf. Die Erinnerungen zauberten einen amüsierten Ausdruck auf ihre Züge, während sie nach vorn gebeugt zu Liam hinauf blickte und die Lippen verzog. "Er wollte mich heiraten... hat sich aufgespielt wie ein verzogener Prinz. Er konnte mich ja nicht einmal zum Lachen bringen." Und das war wirklich ein absolutes Muss, wenn man sie fragte. Aber das tat eigentlich auch niemand so wirklich. War ja auch irgendwie nicht wichtig. Weder auf der Morgenwind noch hier. Sie war und blieb eben eine Karotte. "... und weil er übergriffig werden wollte, hab ich ihn einfach in den Wald gelockt und dort an einen Baum gebunden." Als wäre es das normalste der Welt zuckte die Jägerin mit den schmalen Schultern und sog tief die angenehmen Nachtluft ein. "Aber ich habe ihm einen Apfel in seine Manteltasche gesteckt. So barbarisch bin ich ja dann doch nicht." Vergnügt spitzte sie die vollen Lippen und winkelte abermals die langen Beine an. Bettete dann das schmale Kinn darauf, während sie Liam einen Moment lauschte und sich den Ort an den Felsen vorzustellen versuchte. Es klang schon sehr romantisch - ähnelte vielleicht ihrer Erzählung, doch an Laternen oder ein Lichterfest konnte sich die Nordskov ganz sicher nicht erinnern. "Wer ist wir?" Mit einem kurzen Blinzeln wandten sich die dunklen Augen zu dem Lockenkopf zurück, hatte sich ihr Blick doch kurzweilig über seine Schulter zum kaum erkennbaren Horizont verloren.
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#4
Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen war es nicht ganz so einfach wie es sich Liam vorgestellt hatte. Als sie antwortete, verrutschte das Lächeln auf seinen Zügen zu einem scheppen Grinsen, während er ehrlich belustigt weiter lauschte. „So, so.“, schloss er mit einem abschätzenden Blick gen Skadi. „Das stellst du also mit den Männern an, die dir den Hof machen wollen.“ Ganz gleich, wie begabt oder nicht. Und irgendwie konnte er dich das Ganze wirklich gut bei Skadi vorstellen. Wer aufdringlich wurde, bekam die Reaktion zu spüren. „Da kann ich mich ja richtig glücklich schätzen.“ Dass sie ihn nicht irgendwo im Wald zurückgelassen hatte oder ähnliches. Der Schalk blitzte in seinen Augen, ehe er sich abermals ein wenig streckte, sich hinlegte und den Oberkörper mit den Unterarmen etwas abstürze. Die Schwere der letzen Minuten wog nur noch leicht auf seiner Brust, jetzt, wo es wieder alberner wurde. „Oh.“, bemerkte er, als Skadi nachfragte. Es war ihm so selbstverständlich vorgekommen, von einem „wir“ zu reden, dass er es gar nicht bemerkt hatte. „Alex und ich. Wir sind eine Zeit lang zusammen durch die erste Welt gezogen.“ Eine Zeit lang. Waren es nicht etwa vier Jahre gewesen?
So, der Herr Musiker fand die Vorstellung wohl ungemein belustigend, dass sie einen jungen Mann an den Baum band, der ihr zu aufdringlich wurde? Bei seinen Worten schob sich ihrerseits ein verheißungsvolles Grinsen auf die Lippen. Wurde verspielter, als er fortfuhr und schnippte augenblicklich gegen ihre Augenbrauen. "Wenn du auf Fesselspiele stehst, können wir es gern beim nächsten Mal ausprobieren." Wieso waren sie eigentlich so viele Wochen sittsam geblieben, während der Alltag auf der Sphinx Einzug gehalten hatte? Sie fragte es sich in diesem Moment wirklich zum ersten Mal. Denn zumindest was sie betraf, hätte sie den Lockenkopf bereits das ein oder andere Mal in eine dunkle Ecke gezerrt, wenn nicht geradewegs eines der anderen Besatzungsmitglieder um die Ecke gehuscht wäre. "Wenn der Kerl auch nur eine Scheibe von dir gehabt hätte, wäre ich vielleicht versucht gewesen..." Wieder zuckte sie nur mit einer Schulter und entließ einen tiefen Atemzug aus ihren Lungen. Es entsprach ja schließlich der Wahrheit. Das sollte auch Liam wissen, der unter den wachsamen Augen der Nordskov eine bequemere Position einnahm. "Alex ist dein... Kumpel?" Fragend wandte sich der dunkle Haarschopf leicht zur Seite. Ließ den Blick aus braunen Augen kurz hinab huschen, während die langen Beine in ihrem unkontrollierbaren Bewegungsdrang wieder in einen Schneidersitz zurück rutschten. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass er bereits schon einmal von ihm gesprochen hatte, oder doch?
Für einen Moment hing ihm die Erinnerung fast schon deutlich auf den Zügen und sein Schmunzeln gewann an Stärke, als Skadi konterte. Er tat einen Moment so, als würde er über ihr Angebot nachdenken, doch das bübische Grinsen auf seinem Gesicht war unschwer zu durchschauen. „Auf die Gefahr hin, dass ich’s bereuen werde – warum nicht?“, murmelte er gespielt unschuldig, aber breit grinsend in ihre Richtung. Wann auch immer ‚nächstes Mal‘ sein würde, denn wie befürchtet war man auf einem Schiff nie wirklich allein. Doch Liam war es gewohnt und auch, wenn er zugeben musste, dass es die Zusammenkunft mit Skadi auf Milui schwerer gemacht hatte, nicht über solche Dinge nachzudenken, kam er mit der Abstinenz auf See besser klar als manch anderer. Als sie fortfuhr, als würde sie gerade über das Wetter von morgen reden, lachte der Lockenkopf auf. So lief der Hase also, wobei er ihre Aussage mehr auf die körperlichen Aspekte bezog als auf den anderen Teil. Das verstand sich von selbst. „Vermutlich hast du sein Verlangen damit nur noch verstärkt. Der arme Tropf hat bestimmt ewig damit gerechnet, dass zu zurückkommst.“, mutmaßte er mit einem Seitenblick zu ihrem kurzen Haarschopf hinauf. „Männer sind da recht einfach gestrickt. Und missverstehen Ablehnung gerne als Masche.“ Eine Masche, der Alex auch gerne hinterher geschlichen war. „Ja. Er hat mir beispielsweise geholfen, Sineca und ein paar andere Tiere aus der Hand von Pelzschmugglern zu befreien. Einmal sind wir zufällig in eine Piraten-Schatzsuche geraten, ohne es zu merken. Also Piraten von der blutrünstigen Sorgte. Dabei wollten wir die Bucht nur ein bisschen genießen. Wir sind mit zwei blauen Augen und ein bisschen Gold für jeden entkommen.“, erzählte er mit einem Lächeln auf den Lippen.
Ob Liam wusste worauf er sich da einließ? Ob Skadi vielleicht zu hoch stapelte? Wer wusste das schon so genau. Sicher war nur, dass sich die junge Nordskov diese Information für das tatsächliche nächste Mal abspeicherte und den Lockenkopf mit einem verruchten Ausdruck auf den Zügen besah. Ihn absichtlich provokativ von Kopf bis Fuß musterte und die dichten Augenbrauen tanzen ließ. Sobald er jedoch von dieser ominösen Masche sprach, seufzte sie hörbar und rollte mit einem schnalzen der flotten Zunge mit den Augen. "Ich weiß nicht was ich schlimmer finde... dass es Frauen gibt, die sowas tatsächlich machen... oder Männer, die glauben, dass ein Nein doch ein Ja bedeutet." Vielleicht gehörte sie als Frau aber auch zu den wenigen Ausnahmen, denen man deutlich ansah und anhörte, was sie wollte. Und solange kein schelmischer Ausdruck oder ein Augenzwinkern im Spiel war, konnte man davon ausgehen, dass sie es so meinte, wie es sagte. Ohne Schnörkeln. Ohne Hintertürchen.
Angesichts seiner darauf folgenden Ausführungen schwieg Skadi für einen Moment. Zog dabei die langen Arme um ihre Oberschenkel und wandte den Kopf zur Seite. Spürte die Spitze ihrer Knie gegen die Wange drücken und überlegte einen Moment. "Echte Piraten also.", fuhr sie leise an und verfingt sich plötzlich in dem Gedanken um die Crew. Tatsache war, dass das Sammelsurium an Personen auf diesem Schiff alles war - aber absolut nichts, was sie als Piraten schimpfen würde. Eher eine Gruppe von Vogelfreien. Von Menschen, die ohne Gesetze und den Zwang eines anderen die erste Welt bereisten. "Ihr müsst ein gutes Team gewesen sein, wenn ihr es da lebend heraus geschafft habt. Schade, dass er nicht hier ist... ich hätte mir die Geschichten von Liam dem großen Piratenbezwingern aus seiner Sicht gern angehört." Denn so wie sie den Lockenkopf einschätzte, stapelte er seine Person in Erzählungen wie diesen unterbewusst niedrig. Immerhin sah er sich auch nicht als etwas besonderes - was ihn ungemein sympathisch machte, sie aber wohl in Zukunft regelmäßig dazu veranlassen würde, ihn mit Komplimenten zu überhäufen. Mal sehen wie oft er dann noch den Blick abwenden und nervös durch die Gegend starren würde.
Ihm entging ihr Blick keineswegs, nachdem sie ihr nächstes Stelldichein indirekt besiegelt hatten. Liam atmete durch. Langsam, tief und versuchte das, was ihm durch den Kopf gehen wollte, auf später zu verschieben. Ihr Blick hinterließ ein wohliges Kribbeln in seinem Nacken und trieb ihm eine flüchtige Hitze zwischen die Ohren. Auf ihren Kommentar hin neigte er bloß den Kopf unschlüssig zur Seite. „Wem‘s gefällt.“ Er war eher ein Freund der direkten Worte - ähnlich, wie Skadi es gerade wortlos ausgesprochen hatte. Aber sie konnten unmöglich - Alex war eine recht angenehme Ablenkung. „Er neigt dazu, zu übertreiben.“, musste er Skadi enttäuschen. „Aber so, wie ich ihn kenne, taucht er irgendwo aus den Büschen auf, wenn wir dem erstbesten Schatz auf der Spur sind.“ Vielleicht würde sie also wirklich die Gelegenheit bekommen, eine glaubhafte Trevor-Geschichte zu Ohren zu bekommen. „Du wirkst unruhig. Ist alles okay?“ Sie wirkte, als könne sie kaum mehr stillsitzen, das war ihm eben schon aufgefallen. Langsam drehte er den Kopf in ihre Richtung, abwartend, ob er es sich bloß eingebildet hatte.
Versuchte er sich gerade zusammenzureißen? Oder bildete sich das ihr Unterbewusstsein nur ein, als sie seiner Ablenkung folgte und kurz über den vermeintlichen besten Freund nachdachte, der wohl seine Geschichten gern unnötig ausschmückte. Auf jeden Fall bemerkte sie die rote Färbung seiner Ohrenspitzen nicht. Genauso wenig den leicht abwesenden Blick, der sonst gern davon sprach, dass er in einem Zwiespalt mit sich war. "Einem Schatz also... na warten wir mal ab, wohin uns Shanaya navigieren wird. Vielleicht war Talin überzeugend genug und wir jagen einer Legende hinterher." Wieder ließ sie sich nach hinten gleiten, war gerade drauf und dran die Hände abstützend auf dem Boden zu platzieren, als Liam sie nach ihrem Befinden fragte. Erst jetzt registrierte sie das Kribbeln in ihren Gliedern. Wusste es nicht wirklich zuzuordnen und tat das, was ihr als erstes in den Sinn kam. "Muss wohl an dir liegen." Ein schelmisches Grinsen umspielte ihre Mundwinkel und kletterte bis zum amüsierten Funkeln in ihren dunklen Augen hinauf.
Unbewusst macht es ihm die Jüngere recht einfach, seine Gedanken wieder in eine andere Richtung zu lenken. Für den Moment jedenfalls, in dem ein „Verfluchte Noten“ fast lautlos seine Lippen verließ. Insgeheim hoffte er gerade sogar, dass sie Recht hatte, selbst wenn es für Talin und ihn gleichsam Verderben bedeuten würde, wenn sie erfolgreich waren. Viel Zeit, um darüber nachzudenken, blieb ihm allerdings nicht. Die hübschen Züge der Nordskov drängten sich zurück in seine Aufmerksamkeit, ließen ihn abermals Lächeln, während er den Zaunpfahl kaum mehr ignorieren konnte. Und sie machte es ihm einfacher, das zu tun, wonach sie gierte, indem sie ihrerseits aus ihrem Sitz hinunter auf die Blanken rutschte. Liam drehte sich zur Seite und beugte sich an der Öllampe und dem Buch zwischen ihnen vorbei, um ihr sanft die freie Hand auf die Wange zu legen. Einen Augenblick verharrte er, fing das Funkeln ihrer dunklen Augen seinerseits mit einem Blick auf und schloss die Distanz letztlich mit einem Kuss auf ihre vollen Lippen, der ihm abermals das Blut durch die Adern jagte. „Sobald wir wieder anlegen, suchen wir uns einen schönen Ort und tun, was auch immer du willst.“ Ein leises Versprechen, nachdem sich seine Lippen wieder ein Stück weit von ihr gelöst hatten. „Irgendwo, wo nicht das ganze Schiff Augen und Ohren offen hält.“
Es war eine abenteuerlustige Idee, die ihr in den Sinn kam. Wohl eher weil Skadi es bei einer Kapitänin wie Talin mehr vermutete, als sicher wusste. Die Blonde schien ihr wie jemand, der gern ein Risiko einging und sich nur allzu bereitwillig von ihren Erinnerungen ablenken ließ, die sie heimsuchten. Höchst wahrscheinlich verstanden sich die beiden Frauen deshalb unausgesprochen gut. Waren zueinander gleichsamt ehrlich und schonungslos, wie es vom Gegenüber erwarteten und versteiften sich nicht darauf, vom jeweils anderen eine Rolle oder Verhaltensweise zu erwarten. Blieb also abzuwarten, wohin sie die Sphinx noch führen würde.
Hoffentlich irgendwann in einen Hafen - andernfalls würde sie Liam so lange mit ihrer Anwesenheit und ihrem Charme triezen, dass er explodierte und seine Hemmungen über Board warf. Denn offensichtlich war es genau das, was ihn davon abhielt sich von ihr zu nehmen, was sie ihm so bereitwillig anbot. Und dennoch durchzog jede seiner Berührungen ihren Körper wie ein Blitzschlag. Presste sich mit ungebremster Kraft auf ihre Lungen, die unter der Nähe zu flattern begannen, als sie endlich rücklings auf dem Boden lag und die dichten Locken Liams über ihrem Gesicht tanzten. Warme braune Augen musterten ihr Gesicht und hinterließ ein infernales Kribbeln in ihrem Becken. Seine Worte allerdings, die er an sie richtete, kaum dass der kurze Kuss vorüber war, überzogen das braun gebrannte Gesicht der Jägerin mit einem breiten Grinsen. Wie von selbst tanzten ihre Fingerkuppen über seinen Hals. Bahnten sich von seinem warmen Nacken aus ihren Weg in die dichte Mähne aus braunen Locken. "Dir bleibt auch keine andere Wahl, wenn ich dich festbinde.", hauchte sie ihm gegen die Lippen. Ließ die dunkelbraunen Augen über seine Züge gleiten, seine Lippen streifen und für einen kurzen Herzschlag wieder fest in seine Seelenspiegel blicken. "Aber ich kann's kaum erwarten." Mit einem kurzen festen, aber dennoch sanften Griff in die dichte Mähne überbrückte Skadi ihrerseits die Distanz zwischen ihnen. Hob ihren Oberkörper für einige Zentimeter in die Höhe und ... senkte einen kurzen Kuss auf sein Ohr. Fuhr die Kontur mit ihrer Zungenspitze nach und grinste daraufhin hörbar, ehe sie von ihm abließ und auf den Boden zurück rollte. Die Arme weit über ihren Kopf nach oben gestreckte und die Handflächen gen Himmel gerichtet.
Und er konnte es wahrlich kaum erwarten, während die Intensität jenes Abends vor seinem inneren Auge einschlug und sich hartnäckig in seiner Magengrube einnistete. Das Lächeln auf seinen Zügen war einem ernsten Ausdruck gewichen, während seine Augen über ihre Züge flogen und kurz an ihrer rundlichen, feinen Nase hängenblieben, die er bei ihrer ersten Begegnung so in Mitleidenschaft gezogen hatte. Skadis Finger hinterließen etliche, kleine Feuerwerke auf seiner Haut, trieben ihm eine Gänsehaut in den Nacken und fütterten das Fordern in seinem Magen. Sein Daumen fuhr langsam über ihre Wange und bahnte sich sanft über ihre Lippen hinweg den Weg zu ihrem Kinn, ohne den Blick von ihr abzuwenden. Amüsement zuckte in seinem Mundwinkel bei ihrer Bemerkung, woraufhin sich der Lockenkopf kurzerhand auf die Unterlippe biss und alles andere als abgeneigt wirkte. Liam sog die Luft ein, als sich der Griff in seinen Haaren verfestigte, gab dem leichten Zug allerdings nicht nach, erwartete stattdessen sehnsüchtig ihre Lippen auf seinen. Doch Skadis Kopf wanderte an seiner Wange vorbei, liebkoste sein Ohr und machte ihn schier wahnsinnig. Seine eigene Hand hatte inzwischen von ihrem Gesicht abgelassen, war ihren Hals mit dem Fingerspitzen langsam hinab und zwischen ihren Brüsten hindurch über das Leder gewandert, um sich dort wohlig an der Wärme ihrer Haut zu ergötzen. Als Skadi sich zurückfallen ließ, hinterließ sie eine unangenehme Kühle an seiner Wange. Einen Sekundenbruchteil wartete er mit geschlossenen Augen auf die nächste Berührung, doch als er aufsah, grinste sie ihm stattdessen fordernd entgegen. Seine Finger verstummten auf ihrem Bauch.
„Ich hasse dich gerade ein bisschen.“, gestand er und ging im Kopf abermals sämtliche Orte an Bord durch, die ihnen etwas ungestörte Ruhe versprechen konnten. Doch so, wie die letzten Male, kam er lediglich wieder zum Schluss, dass es unmöglich war. Das Holz war hellhörig, das Schiff sowieso und bei Nacht klang jedes Geräusch gleich nochmal auffälliger. Sie hätten Glück, wenn es nur dabei blieb, dass Trevor am nächsten Morgen behauptete, einen Geist gehört zu haben, wenn sie nicht gleich die gesamte Crew in Alarmbereitschaft versetzten. Es war nicht schwer, ihm anzusehen, wie sehr er mit sich haderte bei ihrem Anblick und ihrem offenen Angebot. „Ich will nicht riskieren, dass sie dich am nächsten Hafen rausschmeißen. Du brauchst dieses Schiff glaube ich mehr als ich.“ Liam war ein Mensch, der gerne mit offenen Karten spielte. Und Skadi konnte ruhig wissen, dass sie ihn wahnsinnig machte und seine Zurückhaltung ganz bestimmt nicht daran lag, dass er sie verschmähen wollte. Das wäre ihm nie in den Sinn gekommen. „Und meiner Erfahrung nach sehen es Captains nicht gerne, wenn sich die Crew mit irgendwelchen Liebschaften vergnügt. Das bringe Unruhe rein.“, zitierte er die Worte, die man ihm an den Kopf geworfen hatte, als er das letzte Mal von einem Schiff geflogen war. Sein Meinungsbild deckte sich damit zwar nicht wirklich, aber was wog sein Wort schon gegenüber dem Captain? Wie genau Talin und Lucien dazu standen, konnte er bislang nicht sagen. Letzteren hatte er jedenfalls an Board auch noch nicht mit Shanaya gesehen. Liam blieb den feinen Zügen neben sich zugewandt, spürte unter seinen Fingern, wie sich ihr Körper unter dem Leben hob und senkte, während das Gefühl ihrer Finger in seinen Haaren zurückgeblieben war.
Spürte, wie es ihn lockte und ihm leise zuflüsterte, dass es eigentlich ganz einfach war. Eigentlich konnte es ihm doch egal sein. Ihm würde man lediglich eine Entscheidung abnehmen, die ihn zur Zeit quälte und Skadi war alt genug, um selbst für ihr Handeln verantwortlich zu sein. „Du machst mich wahnsinnig.“, hauchte er schließlich besiegt, beugte sich abermals nach vorne und folgte ihrer Bewegung wie ein gelocktes Tier, das nicht genug von ihren Lippen bekommen konnte. Seine Hand wanderte derweil über ihren Bauchnabel hinab und tanzte sanft mit den Fingerspitzen über ihre Haut.
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#5
Ein Schauer durchfuhr den hoch gewachsenen Körper der Nordskov unter Liams Berührung. Konnte kaum mehr das Zittern überspielen, das ihre Muskeln unter seinen Fingerkuppen durchfuhr und ihren ganzen Körper schlagartig erhitzte. So wie sie ihn schier um den Verstand brachte, entfachte Liam ein unbändiges Feuer in ihr, das er bald nicht mehr mit einem Kuss ersticken konnte. Noch weniger wenn er sie so ansah wie in diesem Moment, der ihr breites Grinsen in einem erneuten Funkeln ihrer Augen aufblitzen ließ. Mochten seine Worte noch so gemein sein - sie hörte am flachen Atem, dass er ihr kaum mehr widerstehen konnte und gerade jegliche Mannes- und Willenskraft aufbrachte, um sie nicht gleich hier und jetzt vom Gefängnis ihrer Kleidung zu befreien. Fast schon provokativ hob die Jägerin eines ihrer Beine an. Fuhr mit dem angewinkelten Knie seitlich über seinen Oberschenkel und endete an seiner Hüfte. Glitt dann mit den Zehenspitzen über seine Rückseite hinab zu den Unterschenkeln, ohne dabei den schelmischen Blick von seinen Augen zu nehmen. Biss sich ihrerseits bei seinen Worten auf die Unterlippe und machte damit erst Recht keinen Hehl daraus, dass ihr der Umstand gerade so ziemlich egal war. Sie dachte just in diesem Moment nicht an irgendwelche Konsequenzen. Nutze diesen lüsternen Moment um die Gefühle von eben zu verdrängen und gab sich Liam hin, weil es sich so viel besser anfühlte als alles, was in den letzten Wochen geschehen war. Weil sie sich frei fühlte, wenn er bei ihr war. Wenn er ihr Herz vor Lust gegen den Kehlkopf schlagen ließ. Sie anlächelte und mit diesen aus Schalk geschmiedeten braunen Augen ansah, die sie absolut schwach werden ließen. Skadi war gerade nicht mehr Herrin ihres Körpers, doch das war ihr scheiß egal.
“Ich weiß sogar ziemlich genau, dass in der Carta nichts davon steht, das intime Liebschaften an Board verboten wären.“, flüsterte sie ihm unter einem kurzen Augenaufschlag zu. Leckte sich über die Lippen und ließ ihre Hand verspielt von seinem Kinn hinab zu seiner Brust gleiten. “Und heißt es nicht sogar, man soll stets zum Wohle der Mannschaft handeln?“ Unverwandt blieben die schillernden Augen auf seine Miene gerichtet und musterten jede Regung seiner feinen Züge. Immer weiter tänzelten ihre Hände abwärts. Streiften in kreisenden Bewegungen seine Seiten und kamen letztlich am Saum seines Hemdes zum Stehen. “Und ich glaube es hat niemand etwas dagegen, wenn ich für dein Wohl sorge.“ Fest krallte sich die freie Hand ihrer Linken in den Leinenstoff an seiner Brust. Wollten den jungen Musiker sanft zu sich hinab ziehen und seinem Leiden ein Ende bereiten... als er an ihrer Statt die letzte Schwelle überschritt und ihr mit seinen kaum hörbaren Worten seine unausgesprochene Entscheidung verkündete.
Fast wäre ihr ein lautes Aufatmen entwichen, als der Lockenkopf mit seinen Fingerspitzen über ihren Bauch hinab glitt und ihre Lippen in einem leidenschaftlichen Kuss versiegelte. Schloss stattdessen jedoch genüsslich die Lider und gab sich der Hitze hin, die der Musiker durch ihren Körper schickte. Bäumte sich gegen ihn auf, während ihre Fingerspitzen endlich einen Weg unter sein Hemd fanden und begierig die Wärme seiner Haut aufsogen. Fast wie von selbst umschlang ihr Bein das seine. Verringerte die Distanz zwischen Ihnen, indem sie ihn dazu zwang sich fast halb auf sie zu legen, während ihre Lippen kaum eine Sekunde von seinen abließen. Skadi dachte in diesem Moment an jeden Winkel seines Körpers. An all das, was sie so unfassbar begehrenswert an ihm fand - doch definitiv nicht daran, jetzt aufzuhören, weil sie erwischt werden konnten.

Wann hatte ihn etwas das letzte Mal so um den Verstand gebracht? Skadi – halb fordernd, halb darbietend – schaffte es tatsächlich, ihm das Gefühl zu geben, es zu bereuen, wenn er sich nicht darauf einließ – und was für ein Mann wäre er gewesen, hätte er widerstehen können? Vermutlich war er weiter gekommen als manch anderer, aber insgesamt hätte sich Liam niemals als willensstark beschrieben, wenn es eigentlich gar keinen richtigen Grund gab, es nicht zu tun. Im Grunde war er doch immer der erste, der sich zu allem möglichen bereiterklärte. Hatte ihn der letzte derartige Zwischenfall tatsächlich nachgiebig beeinflusst? Nein, denn im Nachhinein hatte es sich trotzdem gelohnt. Das hier aber war etwas anderes. Hier ging es nicht mehr um eine bloße Mitfahrgelegenheit. So lange, wie er nun bereits mit der Crew unterwegs war, konnte er kaum leugnen, dass es vielleicht – ganz vielleicht – um so etwas wie Zukunft ging. Ein Aspekt, den er allerdings zu gerne verdrängte und hauptsächlich auf Skadis Zukunft abzuwälzen versuchte.
„Das klingt, als hättest du nachgesehen.“ Fragend schob sich eine Augenbraue in die Höhe, doch die Antwort interessierte ihn im Augenblick tatsächlich überhaupt nicht – und das nicht nur, weil Skadi seine Gedanken längst wieder benebelt hatte. Was sie sagte, klang schlüssig, aber vermutlich hätte er in dieser Situation sogar den Wetterbericht von Morgen als akzeptables Argument empfunden, ihn umzustimmen. Das Stoffhemd, das er trug, war kaum eine nennenswerte Barriere zwischen ihren Fingern und seiner Haut. Ihre Berührung jagte ihm abermals einen wohligen Schauder über den Rücken, während er wie gebannt zu ihr hinabsah. Im Grunde brauchte sie nichts mehr zu sagen. Doch Liam verharrte und erfreute sich an jedem weiteren Wort, welches ihre Lippen verließ. Wenn man es so betrachtete, klang es fast schon nach ihrer Pflicht, es zu tun. Nur zu gerne gab er ihrem Zug nach, ließ sie wissen, wie präsent sie durch seine Gedanken tanzte und alles andere zur belanglosen Nichtigkeit werden ließ.
Wie hatte er eigentlich so naiv sein können, zu glauben, widerstehen zu können? Er hatte es damals auf Milui schon nicht geschafft und da war es nicht mehr als eine offene Einladung gewesen. Jede Berührung ließ ihn erschaudern und als ihr Bein langsam an seinem empor kroch, hielt ihn nichts mehr davon ab, auch die letzte Distanz zwischen ihren Leibern zu überbrücken. Das Verlangen in seinem Magen war längst zu einer unbändigen Gier herangewachsen und weiter nach unten gewandert, verlangte mehr und mehr ihres Körpers, der angenehm und voller Lust unter ihm bebte. Der Arm, auf dem er eben noch seitlich gelegen hatte, fand seinen Weg nach oben, wo sich seine Finger bestimmt in ihrer kurzen Haarmähne vergruben. Seine Lippen wanderten langsam an ihrem Hals hinab, liebkosten ihn, bis er sich schließlich zu ihrem Dekolleté vorgearbeitet hatte. Seine andere Hand war derweil mehrfach über den Bund ihrer Hose geglitten. Immer wieder hatten sich seine Finger flüchtig darunter verirrt, wanderten nun allerdings wieder nach oben, um Skadi vom schweren Leder ihres Oberteils zu befreien.
Ihr Atem wurde mit jeder Regung und jedem Pochen in ihren Lenden flacher. Presste sich durch ihre angespannten Lungen, die unter der Wucht ihres ausgelassen tanzenden Herzens erbebten. Genüsslich ließ die Nordskov den dunklen Schopf in den Nacken gleiten. Gab sich den brennenden Küssen auf ihrer Haut hin, als Liam sich an ihrem Hals hinab begab und biss sich unweigerlich auf die Unterlippe, um nicht bei jeder flüchtigen Berührung seiner Finger unterhalb ihres Bauches in ein wohliges Stöhnen zu verfallen. Wie bereits auf der Insel verschwendete sie keinen Gedanken daran, wie absurd die Tatsache war, dass ausgerechnet sie beide aufeinander getroffen waren. Dass sie nicht mit jemand anderem hier lag und sich mit jeder Faser des Körpers davon abbringen musste, den schlanken Körper herum zu drehen und jedes noch so kleines Stück Stoff herunter zu reißen. Das Klimpern der metallenen Laschen klang wie Musik in ihren Ohren. Ließ die junge Jägerin freudig erregt lächelnd, während die dunklen Augen kurz unter den geschlossenen Lidern hervortraten und gen Nachthimmel blickten. "Wir sollten vielleicht zum Steuerrad hoch.", presste sie unter einem schweren Atemzug hervor. Ließ ihrerseits nun die Finger an Liams Körper hinauf wandern, und zog Stück für Stück den Stoff seines Hemdes empor. Sie würde sich kaum davon abhalten lassen, diesen Moment zwischen ihnen aufzugeben. Dennoch hielt sie es für das Beste, wenn nicht jeder sofort beim Durchschreiten der Tür in Richtung Deck ihre ineinander verschlungenen Leiber sehen würde. Beschienen von der kleinen Öllampe, die sie mit ihrem Beim auf dem Weg an Liams Körper hinab unbewusst zur Seite geschoben hatte. Nur widerwillig rollte sie sich unter ihm auf - versuchte es zumindest, während sie seinen Kopf anhob und einen zärtlichen Kuss auf seine Lippen betete. Erneut erbebte, kaum dass sie das pochende Verlangen seiner Lenden zwischen ihren Beinen spürte und wusste, dass ihr bald keine Zeit mehr für solch logische und "vernünftige" Entscheidungen blieb.
Ob er nun wollte oder nicht erhob sie sich. Spürte den kühlen Luftzug an ihrer Brust und sah nur beiläufig an sich hinab, während sie katzengleich über die Planken schlich. Umfasste die losen Laschen ihres Lederwams, um nicht unnötig viel Lärm zu verursachen und vielleicht noch einen Trevor oder Enrique an Deck zu locken. Fast schon verspielt wandte sich die Dunkelhaarige auf den Zehenspitzen zu Liam herum, ehe sie die erste Stufe erklomm. Lächelte ihm verrucht zu und biss sich spielerisch auf die Unterlippe, ehe sie ihm leise aber deutlich etwas zuraunte. "Beeil dich... sonst muss ich ohne dich anfangen." Ein Funkeln durchfuhr ihre dunklen Augen, die nur beiläufig nach ungewollten Beobachtern Ausschau hielt, während sie Schritt um Schritt die Stufen zu ihrem auserkorenen Ziel empor stieg. Immer wieder wandte sie sich auf ihrem Weg zu Liam herum. Spürte das Zittern ihrer Beine, ihrer Arme und ihrer Brust. Seufzte fast schon erleichtert, als sie neben dem Steuerrad zum Stehen kam und sich ein letztes Mal zu ihrer "Liebschaft" herum wandte. Ihn mit einem verschmitzten Lächeln musterte und kaum, dass er seinerseits die Stufen erklommen hatte und auf sie zukam, die Arme um seinen Hals schlang und mit einem kurzen Ruck auf seiner Hüfte saß. Den zierlichen Körper mit beiden Beinen fest an seinen heran zog und ihn erneut in einen leidenschaftlichen Kuss verwickelte.
Das Verlangen wuchs mit jeder noch so flüchtigen Berührung, benebelte ihn mit einer gewaltigen Dosis an Endorphinen, die sein Herz kräftig und schnell durch seinen Körper jagte, während er sich gänzlich Skadis Gestalt hingab. Forsch erkundete er ihren Hals mit den Lippen, wanderte tiefer hinab und ergötzte sich an jedem erstickten Ruck, der voller Lust ihren Körper zum Beben brachte, ehe seine freie Hand wieder spielend nach oben wanderte, um leise die Laschen ihres Bustiers zu öffnen und die Erkundungstour seiner Lippen fortzusetzen. Doch Skadi ließ ihn aufhorchen, als sie atemlos die Stimme erhob und zu ihm hinaufspähte. Zugegeben, er brauchte einen Augenblick, bis ihr Vorschlag bei ihm ankam, wandte dann allerdings den Kopf herum, um einen flüchtigen Blick auf die Tür zu werfen, die sie von den Treppen in den Bauch des Schiffes trennten. Das verwegene Lächeln auf seinen Lippen zeigte deutlich, dass er sich darum im Augenblick auch keine Sorgen mehr machte. Wenn jemand an Deck trat, würde er sie wohl überall entdecken – Zur Erinnerung: Holz war hellhörig. Doch kaum hatte sie seine Brust zumindest teilweise von seinem Hemd befreit, schob sie ihn sanft zur Seite und rollte sich unter ihm hervor. Liam sog die Luft ein, während er sich auf den Rücken drehte und auch den anderen Arm aus seinen Leinen herauszog. Es fühlte sich an wie der erste, richtige Atemzug, den er die letzten Minuten getätigt hatte – und trotzdem schien der Sauerstoff, der sich in sein Blut mischte, lediglich zweitrangig. Einige schnelle Herzschläge lang blieb er liegen, wartete darauf, dass das Kribbeln in seinem Arm nachließ, auf dem er sich abgestützt hatte, ohne Skadi dabei aus den Augen zu lassen, die verführerisch in seine Richtung spähte und nur darauf wartete, dass er zu ihr aufschloss. Und, Gott, Liam wäre ihr in diesem Moment wohl freiwillig in sein Verderben gefolgt wie dem Gesang einer Sirene.
Kaum, dass er sich erhoben hatte, folgte er der zierlichen Gestalt die Treppen empor. Seine Augen musterten jeden Winkel ihres Körpers, bevor er den Arm ausstreckte und seine Finger ihre Taille streiften, ehe sie sich zu ihm herumwandte und abermals die Arme um seinen Hals legte. Auf Liams Zügen lag ein verruchtes Lächeln, ehe er sich willig ihrem Kuss hingab, während sie die Beine um seine Hüfte schlang und seine Lenden erzittern ließ. Einen Moment später hatte er ihre Körper bereits sachte an den Mast gestemmt, löste seine Lippen bloß von ihr, um nach Luft zu schnappen und einen flüchtigen Blick über die Schulter zu werfen, ehe er wieder zu Skadis dunklen Augen aufblickte, die ihm verrucht entgegenfunkelten. „Hier oben sehen sie uns wenigstens alle.“, flüsterte er ihr mit einem hörbaren Lachen entgegen, ehe sich sein Gesicht dem ihren wieder auf wenige Millimeter nährte, ihren Atem auf seiner Haut spürte und sich nur schwer zurückhalten konnte, abermals von ihren Lippen zu kosten. „Aber immerhin kriegen sie dann mal etwas zu sehen.“
Ein angenehmer Schauer durchfuhr ihre Glieder. Stahl sich von ihrer Taille in jeden Winkel ihres Körpers, den Liam nicht mit seinen warmen Fingerkuppen erreichte. Fast hatte sie sich ein freudiges Kichern verkneifen müssen, als sie das Zucken an ihrer Hüfte spürte. War jedoch zu sehr damit beschäftigt unter jedem Kuss, den sie auf seinen Lippen und seinem Hals hinterließ nach Luft zu schnappen. Immer wieder pochte ihr Herz gewaltsam gegen ihren Brustkorb, als wollte es sie dazu ermahnen auf die Bremse zu drücken. Doch Skadi dachte allenfalls daran ihre Hände gierig über Liams nackte Brust gleiten zu lassen und deutlich hörbar unter der Wärme, die sich ihr just bot zu schnurren. Erst als das kühle Holz des Mastes gegen ihren Rücken stieß, ließ sie von ihm ab und öffnete die dunklen Augen. Musterte unter einem verführerischen Lächeln die vom fahlen Licht beschienen Züge des Älteren und erwiderte das tiefe Lachen mit einem schelmischen Grinsen. Jeder Voyerist in seinem Krähennest konnte ihnen nun mehr bei ihrem Spiel zusehen - das stimmte. Doch die interessierten Skadi tatsächlich herzlich wenig. Noch weniger als die Crew unter ihnen, die bisher brav unter Deck geblieben war. Bei seinen letzten Worten ließ Skadi allerdings die Augenbrauen hinauf schnellen. Streckte ihm den dunklen Haarschopf etwas entgegen und ließ die vollen Lippen nur einen Windhauch vor seinen innehalten. Flüsterte die folgenden Worte, während sie unablässig mit ihren Fingern über seinen Bauchnabel strich und die Konturen der Muskulatur nachzeichnete. "Dann wollen wir ihnen mal die beste Show ihres Lebens liefern... meinst du nicht auch?" Mit einem unverkennbaren Funkeln in den Augen blickte die Nordskov hinauf in die braunen Augen, die ihr so oft ein Lächeln auf die Lippen zauberte. Strich in einer letzten Bewegung ihrer Linken über Liams Bauch, ehe sie sich mit den Beinen ein paar Millimeter hinauf drückte und die Fingerkuppen unter seinem Hosenbund verschwinden ließ.
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#6
Es war die Intensität, die er daran liebte. Die Hingabe, die ihn nicht genug davon bekommen ließ. Das Abenteuer und der Reiz, sich immer wieder neu auf etwas einstellen zu können und nichts falsch machen zu können. Diesbezüglich hatte ein heimatloses Leben tatsächlich Vorteile – mehr als die bloße Tatsache, dass man herumkam. Man lernte Leute kennen. Auf die eine oder eben auf die andere Weise. Spielerisch tanzten ihre Finger über seine Haut, ließen das Kribbeln in seiner Magengegend so kindelreicht heranwachsen, dass es einem gewaltigen Bienenschwarm gleich kam, der sich aufgeregt durch seine Eingeweide bewegte und noch immer nicht genug hatte. Sein Herz brachte seine Rippen deutlich zum Beben, schlug kräftig, schlug gierig, während er den Ausdruck ihrer Augen verschlang, die ein vielsagendes Grinsen in seine Mundwinkel trieben. Noch bevor die Spannung sich entladen konnte, die sich knisternd zwischen ihren Gesichtern aufbaute, presste sich ein ersticktes Keuchen zwischen seinen geschlossenen Lippen hervor, dessen Ursprung Skadi nur allzu gut erahnen konnte. Seine Hand wanderte den Stoff ihrer Hose hinab, nur um einen Moment später wieder unterhalb ihren Knöchel hinauf zu wandern, so gut es in ihrer Haltung eben ging. Im Zuge seines gierigen Kusses blendete er aus, dass sie nicht alleine waren, dass jeden Moment jemand die Treppe hinaufsteigen konnte oder dass sie sich unmittelbar über der Kajüte der Captains befanden.
Stattdessen versank er gänzlich in der Leidenschaft, die sie verband, versank in all den Gefühlen und all dem Verlangen, das seinen Körper so empfindlich für jede noch so kleine Berührung ihrerseits werden ließen, ihn verrückt machte wie vor ihr schon lange nicht mehr. Außer ihr spielte allerdings auch gerade nichts mehr eine Rolle. Skadi vereinnahmte ihn, bis er schließlich eine gefühlte Ewigkeit später atemlos zur Ruhe kam. Mit flachen Atemzügen sog er ihren verschwitzen Geruch ein, bildete sich ein, ihr wild schlagendes Herz hören zu können, als er ihr einen weiteren, flüchtigeren Kuss von den Lippen stahl. „Hätte ich gewusst, wie ein Piratenleben aussieht, hätte ich mich früher dafür entschieden.“, hauchte er ihr entgegen und genoss den Augenblick, in dem es so einfach war, zu verdrängen, dass das hier eine Ausnahme war und er noch lange nichts entschieden hatte. Es spielte keine Rolle. So fühlte es sich gut an. Und er würde den Teufel tun, sich den Moment mit unnötigen Zukunftsgedanken zu vermiesen.
Jeder Gedanke, der kurz schwach in ihrem Unterbewusstsein aufschimmerte, verschwand just im selben Moment wie er aufgekommen war. Skadi verlor jegliches Zeitgefühl. Akzeptierte die Tatsache, dass ihre Vernunft für den Rest des Abends unter einem stetig pulsierenden Gefühl begraben wurde, das Liam mit jedem Kuss und jeder intimen Berührung schürte wie ein Lauffeuer. Sie konnte nicht einmal mehr sagen, ob sie jemanden die Stufen hinauf kommen hörte. Ob sich jemand in guter Entfernung einen Ehrenplatz ergattert hatte und die Show genoss, die sie vollführten. War zu sehr damit beschäftig den Moment in sich aufzusaugen, ihn für die nächsten Wochen tief in ihrem Inneren zu konservieren und dem zitternden Impuls zu wiederstehen, laut unter ihren Fingern aufzustöhnen, die sie sich immer wieder auf die Lippen legte.

Mit einem letzten tiefen Atemzug glitt sie von seinen Hüften. Rollte sich neben ihn schwer atmend auf den Rücken und schloss die Augen. Versuchte das Rauschen in ihren Ohren zu kontrollieren und das brennende Gefühl aus ihren Knien zu verbannen. “Ts…“, entwich es der Nordskov mit einem leisen Schnalzen. “… meinst du wirklich, dass es auf jedem Schiff so eine gibt wie mich?“ Nicht nur, dass sie es bezweifelte, war jeder Mensch doch anders und speziell, zudem hatte sie außerhalb ihrer Heimat selten jemanden angetroffen, der ähnlich tickte wie sie selbst. Entweder waren die Frauen zu selbstbewusst und vergaßen, dass sie nicht der Nabel der Welt waren und trotz all ihrer Stärke in einem Kampf verlieren konnten. Oder sie waren nur oberflächlich stark und im Privaten viel zu schüchtern um dermaßen aus sich heraus zu gehen. Eine Weile blieb sie erschöpft liegen. Kümmerte sie nicht darum dass sie komplett nackt auf den dunklen Planken des Schiffes lag und jeder ihren Körper bestaunen konnte, der sich zu ihnen herauf wagte. Sie war glücklich in jenem Moment. Ihr war alles andere egal. Gleichgültig. Lediglich der warme Körper neben ihr war von Bedeutung. Bis zum nächsten Morgen, wenn die Nacht und etwas Schlaf die nachhallende Lust aus ihren Gliedern gespült hätte. “Und…“ Schlagartig stahlen sich die braunen Augen unter den Lidern hervor, während sie sich langsam auf die Seite rollte und den Arm um seine Brust schlang. Den dunklen Haarschopf teils auf seiner Schulter, teils auf seinen Arm gebettet. “… hasst du mich jetzt immer noch?“
Sein Geist blieb benebelt und gaukelte ihm für den Moment vor, dass es völlig normal war, dass sie auf den harten Planken eines Schiffs lagen und ihr Leben in vollen Zügen genossen. Ganz so, als lägen all die Erinnerungen, die sie eben noch miteinander geteilt hatten, in einer völlig fernen Welt. Oder war es ihre Art, sich vom Moment zu überzeugen und Zukunft wie Vergangenheit zu nichtigen Geschichten zu machen, die sie sich an einem anderen Tag anhören würden? Liam war es egal. Er musste nicht wissen, warum es sich so gut anfühlte. Im Augenblick reiche ihm die Hitze ihrer nackten Haut an seiner Seite und das rauschende Blut, welches dank ihr noch immer in seinem gesamten Körper pulsierte. Ein hörbares Lächeln galt ihr, ungläubig, als er den Arm unter ihrem Nacken hindurchstreckte und sie den Kopf auf seiner Schulter bettete. „Das gewiss nicht.“, flüsterte er überzeugt und ließ es vorerst als einsames Kompliment stehen, bis er den Kopf zur Seite drehte und die Partie ihrer Stirn besah, die er aus seiner Position heraus erkennen konnte. „Aber vielleicht hätte man versucht, mich nach Esmacil zu verschiffen.“ Oh, Liam war gewiss nicht im Glauben, dass es sich lohnte, für eine Liebschaft sein gesamtes Leben aufs Spiel zu setzen. Aber hier ging es nicht um Realität. Vermutlich hätten ihn die anderen Verbrecher gevierteilt, bevor sie überhaupt ausgelaufen wären. Er schloss die Augen, genoss für den Augenblick einfach ihre Nähe, das Geräusch ihres Atems und ihren Geruch. Langsam hob er die freie Hand, legte sie auf ihre Finger auf seiner Brust und strich mit dem Daumen sanft über ihre Haut.
„Vielleicht ein bisschen weniger.“, hauchte er mit vielsagendem Unterton letztlich gegen ihre Stirn, löste den Griff um ihre Hand und strich ihr eine hartnäckige Strähne aus dem Gesicht. „Aber ich würde uns mal etwas zum Trinken besorgen, hm?“ Bei ihrer Aktivität war es kein Wunder, dass sich ihre Körper nach ein bisschen Flüssigkeit sehnten. Skadi hatte die Pause verdient, da war es nur fair, wenn er ein bisschen Wasser besorgte.
Esmacil. Das war definitiv kein Ort, an dem sie jemanden wie Liam gern zurückgelassen hätte. Das Gefängnis dort war grausam, ebenso wie die meisten Wärter, die dort ihren gewaltvollen Fantasien nachgingen, ohne dafür ihrer eigentlich gerechten Strafe zugeführt zu werden. Allesamt Sadisten, wie Skadi für sich beschlossen hatte. Und auch wenn Liams Worte einer gänzlich anderen Natur entsprungen waren und ihre vollen Lippen zu einem sanften Schmunzeln verzogen, konnte sie den bitteren Beigeschmack kaum aus ihrer Kehle verbannen. Wurde ihr vielleicht erst jetzt bewusst, dass es ihr absolut nicht egal sein würde, träfe den ein oder anderen auf diesem Schiff das Schicksal Luciens?
“Am Rest arbeite ich noch, versprochen.“, entgegnete sie mit gespitzten Lippen und lachte leise auf. Verstummte jäh als Liam ihr Gesicht von einer lästigen Haarsträhne befreite, ohne sich dabei von seinen Augen abzuwenden. Wohlig warm zog sich das Gefühl von Geborgenheit noch immer durch ihre Adern. Unterdrückte sogar fast das Pulsieren in ihren Gliedern, während sich der hoch gewachsene Körper der Jägerin ob Liams Worte allmählich aufrichtete. Mit einem knappen Nicken.
“Sehr gern… und dann könntest du mir endlich die Geschichte mit dem Mann und dem kleinen Jungen weiterzählen. Die beiden verfolgen mich mittlerweile schon in meinen Träumen.“ Wie verstörend diese manchmal waren, weil dieser offenbarte Teil relativ klein war im Gegensatz zum Rest, verschwieg sie ihm lieber. Ließ sich stattdessen vorsichtig auf die nackten Füße gleiten und streckte sich bereits nach ihrer Kleidung. Unterdrückte ein tiefes Seufzen, das die jähe Müdigkeit aus ihren Muskeln vertreiben sollte und warf Liam… Moment. “Wo ist dein Hemd?“ Mit irritiertem Blick wandte sich Skadi über die Schulter an den Lockenkopf und musterte schwach erkennbaren Züge. Ignorierte das Kribbeln, das sich bei seinem Anblick auf ihre Miene schlich und erhob sich langsam. Streifte erst ihre Hose über die langen Beine, wenig später das knappe Stoffbustier, ehe sie sich das lederne Wams umlegte und die bemüht leise die metallenen Laschen verschloss. “Von mir aus könntest du ja den ganzen Tag auch nackt herum laufen… aber ich weiß nicht ob die anderen den Anblick so zu schätzen wissen.“
Skadi traf die Worte, die er hatte hören wollen. Augenblicklich zog sich ganz unbewusst ein schmales Lächeln über seine Züge. Abwartend, gespannt, voller Vorfreude, selbst wenn er befürchtete, dass ihn sämtliche Versuche der jüngeren Nordskov ihn vermutlich wieder ähnlich durch den Wind bringen würden wie gerade. Dafür hatte sie viel zu viel Gefallen daran gefunden. Liam aber ebenfalls. Eine lautere Antwort als die, die seine Lippen bereits gegeben hatten, blieb er ihr allerdings schuldig, schlug stattdessen vor, sich um ein bisschen Flüssigkeit zu kümmern und stellte mit leisem Bedauern fest, dass sie seinen Vorschlag als ‚sofort‘ verstanden hatte. Ganz so direkt hatte er nicht aufbrechen wollen, half aber jetzt auch nichts mehr. Als sich der zierliche Körper der Frau in seinen Armen aufrichtete, ließ er bereitwillig von ihrer Hand auf seiner Brust ab. Als sie allerdings weitersprach und um die Fortsetzung der Geschichte bat, die er ihr am Anfang des Monats am Lagerfeuer erzählt hatte, zeichnete sich auf seinen Zügen ein überraschter Ausdruck ab, den er selbst gar nicht mitbekam. Der Lockenkopf hatte es fast schon wieder vergessen gehabt. Die Geschichte mitten drin zu beenden, hatte eigentlich auch weniger den Plan gehabt, sie an sich zu binden, wenn sie denn erfahren wollte, wie es weiter ging – er hatte ihr einfach keine Wand ans Ohr reden wollen. Umso erfreuter war er, dass es sie offenbar tatsächlich interessierte und sie nicht bloß der Freundlichkeit halber eine interessierte Miene gemacht hatte. Die Überraschung wich recht schnell einem kurzen, leisen Lachen und verschwand so schnell, wie sie gekommen war. Es gab tatsächlich schöneres, wovon man träumen konnte. Und Liam hatte sich nach ihrem kleinen Abenteuer am Fluss einige Male nicht beschweren können.
Doch bevor er etwas darauf entgegnete (vielleicht war er ein bisschen von ihrem Anblick abgelenkt), fuhr sie bereits fort. Liam blinzelte und wies ganz automatisch mit der Hand in die Richtung, in der sie Buch und Licht zurückgelassen hatten. „Da unten, ich hol’s gleich.“, entgegnete er und nahm es als Ansatz, sich nun ebenfalls zu erheben, statt Skadi dabei zuzusehen, wie sie sich ihre Kleider wieder überwarf. Er kratzte sich kurz an der Schulter, bückte sich schließlich nach seiner Hose und schlüpfte in das erste Hosenbein, ehe er innehielt und mit gerunzelter Stirn in ihre Richtung sah. „Ich wüsste nicht, was es daran auszusetzen gäbe.“ Das Lachen in seiner Stimme war deutlich zu hören und das, was hängen blieb, war auch viel mehr der erste Teil ihres Satzes. Als seine Hose wieder da saß, wo sie hingehörte, wollte er sich gerade aufmachen, um unter Deck zu verschwinden. Doch vorher trat er ein letztes Mal von hinten an Skadi heran, die gerade die Laschen ihres Bustiers verschloss, legte ihr sanft die Fingerkuppen auf die Hüfte und blickte über ihre Schulter. „Aber ich fürchte, dass dann alle Anspruch auf diese Freiheit erheben würden.“, flüsterte er mit einem Zwinkern auf Höhe ihres Ohres, hinterließ ihr einen letzten Kuss knapp überhalb ihrer Schulter am Hals und trat mit einem „Bis gleich.“ die Stufen zum Deck hinunter.
Mit leisen Schritten verschwand er unter Deck, bemühte sich, die Türen nicht allzu laut aufzuschieben und stahl sich im Halbdunkel – er hatte im Vorbeigehen schnell den Rest seiner Kerze gegriffen, die langsam vor sich hin gebrannt hatte – in die Kombüse. Zum Glück hatte er dort vorhin sowieso seine Trinkflasche liegen gelassen, die er kurzerhand wieder mit Trinkwasser füllte. Dazu griff er sich noch einen der Äpfel, die herrenlos auf Rayons Anrichte lagen und verschwand wieder nach oben. Skadi war mittlerweile wieder zur Öllampe zurückgekehrt, wo auch sein Hemd noch immer auf seinen Besitzer wartete. „Wo waren wir denn stehen geblieben?“, fragte er in Gedanken an die Fortsetzung der Geschichte und hielt ihr die Flasche entgegen, während er selbst darüber nachdachte, wo er geendet hatte.
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#7
Wieso bei allen Göttern dieser und jeder anderen Welt, musste dieser Lockenkopf jedes Mal aufs neue die richtigen Knöpfe bei ihr drücken? Wer war er, dass er sich so leicht in ihre Nähe begeben konnte und sie just den Drang verspürte, ihn am Handgelenk zurück zu ziehen und erneut mit dem zu beginnen, was sie noch vor wenigen Minuten beendet hatten. Liam macht sie wahnsinnig mit diesen Sprüngen aus Nähe und Distanz – und der kleine Mistkerl wusste das mit Sicherheit. Mit einem verführerischen Zucken der Augenbraue wandte sie den kurz geschnittenen Schopf bei seinem Abschiedskuss herum. Ließ das Zucken in ihrem Mundwinkel zu, das einen schelmischen Ausdruck in die funkelnden Augen legte. “Solange sie keinen Anspruch auf dich erheben ist mir das egal.“ Womöglich klangen ihre Worte eindringlicher als sie in ihrem Kopf geklungen hatten. Und Skadi glaubte auch kaum, dass sich ein Freigeist wie Liam an jemanden so ohne weiteres ketten ließ. Dennoch ließ sie ihn indirekt wissen, dass sie seinen vorzüglichen Anblick nur ungern für den Rest ihres Lebens an jemand anderen abtrat.

Eine Weile blickte sie ihm noch nach. Huschte dann selbst die Treppenstufen hinab und verschwand nahezu lautlos an die Öllampe heran. Blickte erst auf als Liams Stimme sich aus der Stille erhob und sie von dem dicken Wälze aufblicken ließ, den sie auf ihre ausgestreckten Beine gebettet hatte. Nahm ihm mit ausgestreckten Armen die Flasche ab und lächelte matt. “Du hast von der Heimatwelt des Jungen angefangen, die so winzig ist, dass nur er darauf passt. Und er war auf der Suche nach einem Freund.“ Genauer konnte sie sich nicht mehr an seine letzten Worte erinnern. Nicht einmal dann, als sie Flasche kurz an ihre Lippen legte und einen kräftigen Schluck des lauwarmen Wasser trank.
Für einen kurzen Moment noch hatte sein Blick auf ihren Zügen gelegen, hatten ihre Aussage mit einem unergründlichen Lächeln quittiert, ehe er sich gedehnt von ihr gelöst und unter Deck begeben hatte. In diesem Moment gab er nicht viel auf Wahrheit hinter ihren Worten, sondern gab sich voll und ganz dem Klang hin, der ihm das Gefühl gab, begehrt zu werden. Sie waren frei, sie wussten, was sie taten und sie taten es, weil sie sich gut dabei fühlten. Nicht mehr und nicht weniger – so hatte er jedenfalls die wortlose Absprache zwischen ihnen verstanden. Und vielleicht fühlte sich das hier so gut an, weil sie nicht andauernd neue Grenzen abstecken mussten, sondern sich voll und ganz dem hingeben konnten, was passiere, ohne gleichzeitig eine Verpflichtung einzugehen. Als er zurückkam und Skadi das Wasser gereicht hatte, schob er mit einem der Füße sein Hemd hinüber zu seinen Zeichensachen, stellte die fast abgebrannte Kerze daneben und ließ sich direkt neben ihr nieder, während sie ihm auf die Sprünge half. „Ah, ja.“, begann er und überlegte abermals, wie genau er nun am besten wieder einstieg, während er den kleinen Dolch an seiner Hose hervorzog, um den Apfel zu teilen. „Nun. Nachdem der kleine Junge den Mann so neugierig gemacht hatte, woher er denn kam, rang er sich schließlich dazu durch, genauer nachzufragen. Wie erwartet aber folgte zuerst ein langes Schweigen, ehe der Junge zu einer Antwort ansetzte. ‚Das Gute an der Kiste, die du mir mitgegeben hast, ist, dass sie auch sein Haus sein kann.‘, begann er. ‚Sicher. Und vielleicht schenke ich dir auch einen Strick und einen Pflock dazu, damit du es anbinden kannst.‘ Doch der kleine Junge sah nur irritiert drein auf diesen Vorschlag. Weshalb sollte er es denn anbinden?
‚Damit es sich nicht verlaufen kann.‘, erklärte der Mann und erntete abermals Gelächter. ‚Wo soll es denn hinlaufen?‘ Der Mann war verwirrt. Das Schaf könnte doch überall hinlaufen. ‚Das spielt keine Rolle. Bei mir zu Hause ist es sehr klein und geradeaus kann man nicht sehr weit kommen.‘ Und allmählich verstand der Mann, wovon der Junge redete. Er kam nicht aus einer Welt wie unserer. Er kam aus einer Welt, die viel ferner war, als ihm bislang bewusst war.“
Liam hob die Hand, in der er den Dolch hielt und wies ins Leere über ihnen. Auch sein Blick folgte seiner Geste zum Nachthimmel, ehe er den Kopf lächelnd zu Skadi herumwandte und fortfuhr. „Einer Welt, die wir zwar vielleicht noch sehen können, die aber unerreichbar bleibt. Ein Planet, kaum größer als ein Haus. Jeden Tag lernte der Mann etwas Neues über den Jungen und seine Reise. Ganz zufällig, wie es eben kam. Am dritten Tag fragte ihn der Junge, ob Schafe Sträucher fraßen und war sehr vergnügt darüber, dass er damit offenbar richtig lag. ‚Dann fressen sie bestimmt auch Affenbrotbäume.‘ Der Mann runzelte die Stirn und erklärte ihm, dass Affenbrotbäume so groß wie Kirchen waren und keine Sträucher. Mit einem Schaf käme er da nicht weit. Da würden ihm nicht einmal Elefanten helfen. Da musste der Junge lachen. ‚Man könnte sie stapeln!‘ Doch der Gedanke, der danach kam, war klug, denn wie alle anderen Bäume beginnen auch Affenbrotbäume klein zu wachsen. Das stimmte, doch der Mann verstand noch immer nicht, weshalb das Schaf derartige Bäume fressen sollte.“ Mittlerweile hatte Liam den Dolch tatsächlich am Apfel in seiner Hand angesetzt und ihn geteilt, hielt Skadi nun ein Stück Obst hin. „Auf dem Planeten des kleinen Jungen gab es wie auch bei uns gute Pflanzen und schädliche Pflanzen. Alles entspringt einem Samen, der unsichtbar im Boden verborgen liegt, bis er sich dazu entschließt, zu keimen. Ist es eine Erdbeere oder eine Rose, darf es wachsen wie es will.
Ist es allerdings ein Schädling, muss man ihn so früh wie möglich entfernen – so war es auch bei den Affenbrotbäumen, die ansonsten seinen ganzen Planeten bedeckt hätten. Eine Frage von Disziplin, denn er musste sich jeden Tag um die Pflege seines Planeten kümmern. Die Triebe der Bäume konnte man im jungen Zustand nur schwer voneinander unterscheiden. Doch wenn es zu spät war, konnte man die Affenbrotbäume nur noch schwerlich entfernen. Eine mühsame, aber einfache Arbeit. Und dann riet er ihm, eine Zeichnung davon anzufertigen, um den Kindern der Heimat des Mannes das Problem zu verdeutlichen. ‚Ich kannte mal einen Planeten, auf dem ein Faulpelz lebte. Er hatte drei Sträucher übersehen.‘
Der Ältere legte den Dolch beiseite, sah sich kurz um und zog sich seine Zeichensachen auf den Schoß, fischte ein leeres Stück Pergament heraus und begann, denn kleinen Planeten zu zeichnen, der kaum mehr unter den Wurzeln der gigantischen Bäume zu sehen war. Mit einem Lächeln schob er sie weiter in das spärliche Licht der Öllampe, damit Skadi sie erkennen konnte, ehe er wieder zu seiner Geschichte ansetzte. „Stück für Stück verstand er mehr über das Leben des kleinen Jungen und am Morgen des vierten Tages erfuhr der Mann, dass manchmal nur die sanften Sonnenuntergänge ein Lichtblick für ihn gewesen waren. ‚Lass uns einen Sonnenuntergang anschauen!‘, rief der Junge da. ‚Da müssen wir aber noch warten.‘, war die Antwort. ‚Warten worauf?‘ ‚Na, warten, bis die Sonne untergeht.‘ Der Junge war überrascht, verfiel dann aber wieder in ein herzliches Lachen über sich selbst. ‚Ich vergesse immer wieder, dass ich nicht zuhause bin. An einem Tag habe ich den Sonnenuntergang ganze zweiundvierzig Mal gesehen!‘ Er schwieg kurz. ‚Du weißt doch, wenn man sehr traurig ist, hat man Sonnenuntergänge besonders gern.‘ Der Mann sah ihn an. ‚Am Tag der zweiundvierzig Mal – warst du da besonders traurig?‘ Doch der Junge schwieg darauf.“
Fasziniert hing sie bereits an seinen Lippen, kaum dass er sich niederließ und mit der Erzählung fortsetzte. So nahtlos darin überging, dass sie vollkommen vergessen hatte, dass ihre anfängliche Unterhaltung ewig her gewesen war. Das Schaf war ihr fast schon wieder aus der Erinnerung gelöscht worden. Schob sich nun jedoch wieder blöckend zurück und zauberte ihr ein Bild von weißen Wattebäuschen vor die Augen. Ein Lächeln zierte ihre Lippen, während sie seiner Geste folgte und die Sterne betrachtete. Darüber nachdachte wie viele Welten es überhaupt außerhalb ihrer eigenen und der 7 weiteren gab. Während sie sich fast in diesem Gedankenkonstrukt verlor, fuhr Liam fort und entlockte ihr ein leises Auflachen. Elefanten stapeln? Mit einem amüsierten Ausdruck auf den feinen Zügen wandte sich der dunkle Haarschopf wieder zur Seite, grinste fast schon breit bei dem Bild, das der Lockenkopf vor ihrem inneren zeichnete. Doch sie unterbrach ihn nicht. Wagte es kaum eine Frage zu stellen und horchte lieber gespannt auf die Erzählung, die irgendwie so surreal und wahr zugleich erschien. Skadi spürte das es eine tiefere Bedeutung gab, die sie womöglich noch nicht vollends begriff. Nahm fast schon zaghaft das Apfelstück zwischen die langen Finger und knabberte abwesend an der Kante. Hielt den Blick stur auf den Lockenkopf fixiert, bis dieser nach seinem Skizzenbuch griff, um etwas zu Papier zu bringen. Gespannt musterte sie ihn dabei. Lehnte sich ein Stück weit über die Öllampe zwischen ihnen und kippte den Kopf etwas zur Seite. Ein Affenbrotbaum, wie sie vermutete.Berührte fast schon zaghaft mit den Fingerspitzen die gezeichneten Linien, die Liam ihr mit einem Lächeln zuschob. Hörte beiläufig dem Rest seiner Erzählung zu, ehe sie aufblickte und nachdenklich die Augenbrauen zusammenzog. “Er fühlte sich allein oder?“ Ein jeder kannte dieses Gefühl. Nicht einmal der hart gesottenste unter ihnen würde das je verneinen können. Sie verstand also den kleinen Jungen in seinem Wunsch – fühlte sich selbst in jenem Moment an die Tage zurück versetzt, in denen sie auf die höchsten Bäume geklettert war, um die Sonnenuntergänge zu betrachten. Sich fast schon wehmütig einzugestehen, dass erneut ein Tag verloren war.
Liam nickte flüchtig, und biss nun selbst ein Stück vom Apfel ab, ehe er wieder zu erzählen begann. „Am fünften Tag offenbarte ihm der kleine Junge ein weiteres Geheimnis. ‚Wenn ein Schaf Sträucher frisst, frisst es dann auch Blumen?‘, fragte er. ‚Auch Blumen, die Dornen haben?‘ - ‚Ja, auch Blumen, die Dornen haben.‘ – ‚Aber wofür sind Dornen dann gut?‘ Der Mann war gerade damit beschäftigt, sein Boot wieder seetauglich zu bekommen. Die Vorräte wurden knapp. Ihm lief die Zeit davon. Doch der Junge widerholte die Frage. Er vergaß nie eine und gab sich auch nie damit zufrieden, keine Antwort zu bekommen. ‚Sie haben keinen Zweck, das ist reine Bosheit der Blumen‘ Er sagte irgendetwas, konzentrierte sich eigentlich viel mehr auf das, was er gerade tat als auf den Wissensdurst des anderen. Doch der gab sich damit nur kurz zufrieden, ehe er empört zu ihm aufsah. ‚Ich glaube dir kein Wort! Blumen sind schwach. Sie sind einfältig. Sie schützen sich bloß so gut sie können. Sie glauben, dass ihre Dornen abschrecken.‘ Doch der Mann war noch immer nicht bei der Sache, sorgte sich mehr um sich selbst und sein Schiff. Als der Junge abermals nachfragte, unterbrach er ihn in seinen Gedanken. ‚Ich habe das einfach nur so gesagt! Ich habe gerade wichtigeres zu tun!‘ Entrüstet widerholte der Junge, was er gerade gesagt hatte. ‚Wichtigeres. Du redest ja wie die großen Leute! Du verdrehst alles und bringst alles durcheinander!‘ Bislang hatte er den Jungen nicht so verärgert gesehen. ‚Ich kannte einen Planeten, auf dem ein Herr mit rotem Gesicht wohnte. Er hatte noch nie eine Blume gerochen oder einen Stern gesehen! Noch nie hatte er jemanden geliebt. Den ganzen Tag hat er bloß gerechnet und jeden Tag sagte er wie du, dass er ein ernsthafter Mann sei. Ein sehr ernsthafter Mann! Vor lauter Stolz war er schon ganz angeschwollen! Aber das ist kein Mann, das ist ein Pilz!
Seit Millionen Jahren wachsen den Blumen Dornen und sie werden dennoch von Schafen gefressen! Und für dich ist es nicht wichtig, dass man verstehen möchte, warum sie sich überhaupt die Mühe machen, Dornen zu bekommen. Ist dieser Kampf zwischen Blumen und Schafen etwa nicht wichtig? Ist das nicht auch ernsthaft wichtig wie die Berechnungen des roten, aufgeblasenen Mannes? Und wenn ich eine Blume kenne, die einzig in der Welt ist und die es nur auf meinem Planeten gibt und wenn ein kleines Schaf eines Morgens einfach diese Blume mit einem einzigen Bissen vernichten kann, ohne zu wissen, was es tut, ist das dann nicht wichtig? Wenn jemand eine Blume liebt, die es nur ein einziges Mal gibt auf all den Sternen, dann macht es ihn glücklich, sie nur anzusehen. Er sagt sich, dass sie irgendwo da draußen ist. Wenn das Schaf die Blume aber frisst, gingen plötzlich alle Sterne aus. Und das soll nicht wichtig sein!‘
Liam hatte die Stimme gedämpft erhoben, um zwar aufgebracht zu klingen, aber dennoch nicht lauter zu sein als zuvor. „Und dann brach der kleine Junge in Tränen aus. Mittlerweile war Nacht geworden und der Mann legte das Werkzeug beiseite, denn jetzt musste der kleine Junge getröstet werden. Er versicherte ihr, dass die Blume, die er liebte, nicht in Gefahr war. Er würde ihm einen Maulkorb für das Schaf zeichnen, einen Zaun für die Blume, wusste nicht, was er sonst noch anbieten sollte und fühlte sich schlecht, denn er wusste nicht, wie er ihn erreichen sollte. Dann aber sollte er die Blume kennenlernen. Blumen hatte es auf dem Planeten des Jungen schon immer gegeben. Einfache Blumen, die kaum Platz brauchten und niemanden störten. Sie kamen am Morgen und verschwanden am Abend. Doch eines Tages hatte ein Samen Wurzeln geschlagen. Der Junge hatte den Spross sehr genau beobachtet, um sicher zu gehen, dass es kein neuer Affenbrotbaum war. Doch dann hörte der Stauch auf zu wachsen und bildete eine Knospe, die tagelang verschlossen blieb.
Er ahnte, dass etwas Wunderbares daraus hervorgehen würde. Sie brauchte ihre Zeit, um nicht so zerknittert auszusehen wie die Mondblumen. Sie wollte im vollen Glanz erstrahlen, als sie dann eines Morgens bei Sonnenaufgang ihre Blüte öffnete. Sie gähnte und entschuldigte sich dafür, noch so zerzaust auszusehen. Doch der Junge war gefesselt von seiner Begeisterung. ‚Wie schön du bist!‘, bewunderte er sie. ‚Nicht wahr? Und ich bin zur gleichen Zeit geboren wie die Sonne‘ Sie war nicht sonderlich bescheiden, aber unheimlich faszinierend für ihn. ‚Ich glaube, es ist Zeit für Frühstück. Hätten Sie die Güte, an mich zu denken?‘ Verlegen eilte der Junge fort, um Wasser zu holen und die Blume zu giesen. Bald schon quälte sie ihn ein bisschen mit ihrer zerbrechlichen Eitelkeit. ‚Sie können ruhig kommen, die Tiger mit ihren Krallen!‘, sprach sie eines Tages. ‚Es gibt keine Tiger auf meinem Planeten. Tiger fressen kein Gras.‘, erwiderte der Junge. ‚Ich bin kein Gras.‘, erinnerte ihn die Blume bittersüß und der Junge entschuldigte sich. ‚Vor Tigern habe ich keine Angst, aber mir graust es vor der Zugluft. Hättet Ihr denn keinen Wandschirm?‘ Der Junge runzelte die Stirn und dachte darüber nach, wie unglücklich das für eine Blume war. Sie war eben sehr anspruchsvoll. ‚In der Nacht müssen Sie mich schützen. Es ist kalt bei Ihnen zuhause. Da, wo ich herkomme…‘ Sie verstummte, denn ihr fiel auf, dass sie nichts von anderen Welten hätte wissen können. Sie hustete, um zu verbergen, wie gedemütigt sie sich fühlte, bei solch einer einfachen Lüge ertappt worden zu sein. ‚Der Wandschirm?‘, bat sie erneut, um dem Jungen ein schlechtes Gewissen einzureden. Und trotz seiner aufrichtigen Liebe zu der Blume, begann der Junge bald, an ihr zu zweifeln. Er hatte sie ernst genommen und war sehr unglücklich darüber. ‚Ich hätte nicht auf sie hören sollen! Man sollte Blumen nie zuhören, sondern ihren Duft einatmen.
Sie erfüllte meinen ganzen Planeten mit ihrem Duft, aber ich wurde nicht glücklich, weil sie mich so sehr reizte. Aber damals war ich nicht in der Lage, das zu begreifen. Ich hätte sie nach ihren Taten und nicht nach ihren Worten beurteilen sollen. Sie duftete und erglühte für mich. Ich hätte sie niemals zurücklassen dürfen! Ich hätte ihre Zuneigung erraten sollen. Blumen sind so voller Widersprüche! Aber ich war zu jung, um zu wissen, dass ich sie liebe.‘
Er entschied sich, zu gehen, brachte am Morgen noch seinen Planeten in Ordnung, riss schwermütig die letzten Triebe eines Affenbrotbaumes heraus und glaubte, nie mehr zurückzukehren. Und er goss die Blume ein letztes Mal, wollte sie zum Schutz unter eine Glasglocke stellen und fand in sich den Drang, zu weinen, als er sich von ihr verabschiedete. Sie antwortete nicht. ‚Lebe wohl.‘, wiederholte der Junge und die Blume hustete. ‚Ich war dumm. Entschuldige. Versuche, glücklich zu sein.‘ Überrascht darüber, dass sie ihm keine Vorwürfe machte, sah er sie an. Er verstand sie nicht. ‚Ja, ich liebe dich. Du konntest es nicht wissen, das ist meine Schuld. Es spielt keine Rolle. Aber du warst genauso dumm wie ich. Versuche, glücklich zu sein. Und lass die Glaskugel, ich will sie nicht mehr.‘ - ‚Aber die Tiere.‘, erwiderte er. ‚Ein oder zwei Raupen werde ich wohl aushalten müssen, um die Schmetterlinge kennenzulernen. Das wird schön. Wer würde mich sonst besuchen? Du wirst weit fort sein. Und vor den großen Tieren fürchte ich mich nicht. Ich habe meine Krallen.‘ Einfältig zeigte sie die Dornen. ‚Mach es nicht so lang! Du hast dich entschieden zu gehen. Also geh!‘ Und so begann seine Reise.“
Erinnerungen drangen hier und dort an die Oberfläche während Liam sprach und einen sehr zerstückelten und wirren Film in ihren Gedanken abspielte. Wie von selbst zogen sich die langen Beine dabei dicht an ihren Körper. Wurden an den Knien wenig später von den langen Fingern bedeckt, die beiläufig das dicke Buch in ihrem Schoß auf die Seite legten. Der Mann hatte also erst nach Tagen verstanden, was dem Jungen wirklich von Bedeutung war. Ähnlich dem kleinen Jungen selbst, der die Liebe seiner Blume erst realisierte, als sie selbst es viel zu spät ausgesprochen hatte. Nachdenklich hielt der Blick aus dunkelbraunen Augen gen Horizont, der nur noch durch die Spiegelung der Sterne im Meer auszumachen war. Der Apfel war bereits längst vergessen und baumelte verschmäht zwischen Daumen und Zeigefinger. Erst mit einem tiefen Einatmen riss sich die Nordskov los und wandte den Kopf zu Liam herum. Musterte seine Züge eindringlich als erwarte sie irgendeine Erklärung auf die verworrenen Gedanken, die seine Geschichte in ihrem Kopf hinterlassen hatten. "Es ist erschreckend wie viel Wahrheit darin steckt.", gab sie leise von sich und wandte den Blick hinab zum Apfelstück. Hob es langsam vor die feinen Züge und musterte sie kleinen Einkerbungen, die sie darauf hinterlassen hatte. "Manchmal bemerken wir zu spät, wie viel uns ein Mensch bedeutet und manchmal ist es uns einfach nicht möglich all diese Empfindungen in Worte zu fassen."
Skadi vermied just in dem Moment den Begriff "seltsam". Sie wusste selbst, dass sie nicht der emotionalste Typ Frau war, wenngleich sie durchaus wusste, was Wärme und Zuwendung bedeutete. Doch es war zumeist nicht an ihr mit Liebebekundungen um sich zu schmeißen oder jemandem Honig ums Maul zu schmieren. "Was ist mit der Rose passiert?" In einer knappen Bewegung biss die Nordskov etwas von ihrer Apfelhälfte ab und wandte sich mit ausgestreckten Armen auf den Knien dem Lockenkopf zu. "Wartete sie immer noch auf ihn? Ist sie robuster geworden, jetzt wo es niemanden mehr gab, der ihr jeden Wunsch von den Lippen ablaß?" Unter anderen Umständen hätte sie nur ein abfälliges Naserümpfen angesichts eines solchen Verhaltens übrig gehabt. Doch es war zum einen "nur" eine Geschichte und zum anderen sprach es von viel Größe, wenn sie denjenigen, den sie so sehr liebte, gehen ließ. Um seinetwillen. Und stark für ihn blieb, damit er nicht von seinem Entschluss abkam. Sogar die Narben akzeptierte, die ihr die Raupen geben würden, um die Schmetterlinge zu sehen, die aus ihnen wurden. "Denn manchmal..." Ein schiefes Lächeln zuckte just in ihren Mundwinkeln. "... lernen wir erst wer wir wirklich sind, wenn wir durch die Hölle gegangen sind. Oder nicht? Und ich glaube, dass sie kaum kampflos aufgegeben haben wird." Wieder wandte sie sich langsam in ihrem Sitz herum. Klemmte das letzte Stück ihres Apfels zwischen die Zähne und ließ den dunklen Haarschopf auf Liams Schoß gleiten. Sie konnte sich wirklich an diese Position gewöhnen. Begann wenig später den letzten Bissen ihres Apfelstücks zu zerkauen, während die dunklen Augen auf den Nachthimmel gerichtet waren.
Im Grunde hatte er diese Geschichte an jenem Abend gewählt, weil er sie in- und auswendig kannte. Damals hatte er noch nicht geahnt, wie offen Skadi dieser Erzählung sein würde. Es war keine Geschichte, die man einfach erzählt bekam und dazu einschlafen konnte. Man musste mitdenken, um zu verstehen und dennoch hatte am Ende jeder einzelne seine ganz eigene Fassung im Kopf. Weil man anders dachte, anders interpretierte und für sich ganz alleine Schlüsse zog, was man daraus mitnehmen konnte. Diffuser Weise erinnerte sich Liam daran, dass Skadi am Anfang gemeint hatte, der junge Träumer würde sie an ihn erinnern. Der Lockenkopf selbst sah sich mehr in der anderen Rolle – in der, die Wichtigkeit in ganz belanglosen Dingen sehen konnte, ohne sich groß Gedanken um die Probleme der ernsten Leute zu machen. Er interessierte sich nicht für die Machtspielchen der Adligen. Viel lieber pflegte er seine eigene kleine Welt und schützte sie vor alle dem, was ihr Böses wollte. Skadi blickte nachdenklich drein und Liam konnte nur zu gut verstehen, weshalb. Ihre Träume würde er ihr also vorerst wohl nicht nehmen können. Vermutlich hatte er sie nur noch tiefer hineingeritten. Er nickte langsam. „Es ist eigentlich eine Kindergeschichte.“, gestand er, während sein Blick kurz ihre Züge streifte und sich schließlich an einem unwirklichen Punkt im Bereich seiner Knie verlor. „Aber je älter ich wurde, desto besser verstand ich sie.“
Mit einem tiefen Atemzug reagierte er auf die Lehre, die sie zog, schwieg jedoch. Konnte man den Wert eines Menschen überhaupt erkennen, bevor man ihn verlor oder gewann er erst mit der Tatsache, dass er fort war, diese gewaltige Bedeutung für einen? Konnte man etwas derart schätzen ohne die Erkenntnis, dass man es verloren hatte? Für sich kannte Liam keine Antwort darauf. Vermutlich aber nicht, denn dazu war der Mensch einfach nicht gemacht. Erst, als sie eine weitere Frage stellte, sah der Ältere wieder auf, wandte den Kopf herum und konnte sich ein flüchtiges Lächeln nicht verkneifen. Er hätte wirklich nicht erwartet, dass jemand so mitfiebern würde. Aber es machte ihn glücklich. Ehrlich glücklich, obwohl es so einfach war. Mehr als ein angedeutetes Schulterzucken allerdings konnte er ihr darauf nicht als Antwort geben. „Der kleine Junge hatte nie die Gelegenheit, es dem Mann zu erzählen.“, umschrieb er es, um das Ende vorerst offen zu lassen. Ihr Interesse an der Blume verwunderte ihn, doch er folgte aufmerksam den Gedanken, die sie zu dieser Rolle äußerte und wandte den Blick abermals hinauf zu den Sternen, die zu etlichen über ihnen über den Himmel zur Musik des Meeres tanzten. Ein unergründliches Lächeln nistete sich in seine Mundwinkel ein, doch er schob die Frage beiseite, die ihm kam. „Immerhin fürchtete sie die wilden Tiere nicht. Sie hatte ja ihre Dornen.“, wiederholte er. Der rätselhafte Ausdruck auf seinen Zügen versteckte sich abermals unter einem deutlicheren Lächeln und als die Jüngere sich zur Seite gleiten ließ, machte er bereitwillig Platz, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
Einen flüchtigen Moment musterte er ihre Züge, die nachdenklich gen Himmel gerichtet waren, ehe er es ihr gleich tat. Und er musste Schmunzeln beim Gedanken daran, dass sie das Ende unterbewusst bereits ahnte und sich fragte, ob dort oben irgendwo ein kleiner Junge war, der seinen Planeten pflegte und ein kleines Schaf davon abhielt, seine Blume zu fressen. Eigentlich hatte er an dieser Stelle den nächsten Schnitt setzen wollen. Doch sie erinnerte ihn ein bisschen an sein jüngeres Ich. Er hatte sich immer geweigert, Schlafen zu gehen, hatte gierig mehr und mehr hören wollen, wenn seine Mutter ihm vorm Zubettgehen einen weiteren Teil offenbart hatte. Ein bisschen vielleicht noch. Vielleicht die ersten ein bis zwei Planeten, bevor er ihrem Geist die Ruhe lassen wollte, die er brauchte. „Als er aufgebrochen war, beschloss er, die Planeten in seiner Nähe zu besuchen, um sich abzulenken und etwas zu lernen. Auf dem ersten wohnte ein König, gekleidet in Purpur und Pelz auf einem einfachen, aber majestätischen Thron. ‚Ah, ein Untertan!‘, sagte er, als er den kleinen Jungen sah, der sich unweigerlich fragte, woher der König ihn kennen konnte, obwohl sie sich nie zuvor begegnet waren. Er wusste nicht, dass die Welt für Könige eine einfache Welt war und alle Untertarnen für sie waren. ‚Komm näher, damit ich dich besser sehen kann.‘, sagte der König stolz, weil er endlich für jemanden ein König sein konnte. Der Junge sah sich nach einem Platz zum Sitzen um, doch der Pelzmantel erstreckte sich über den gesamten Planeten. Also blieb er stehen und gähnte vor Müdigkeit.
‚Es ist ein Verstoß gegen die Etikette, in der Gegenwart des Königs zu gähnen! Ich verbiete es dir.‘ Der Junge blickte verwirrt drein. ‚Aber ich kann nicht anders. Ich habe eine lange Reise hinter mir und habe nicht geschlafen.‘ Der König überegte nicht lange. ‚Ich befehle dir, zu gähnen. Ich habe seit Jahren niemanden mehr gähnen gesehen. Gähnen ist eine Rarität für mich. Mach schon! Gähne noch einmal, das ist ein Befehl!‘ Doch das machte dem Jungen Angst und er konnte nicht mehr gähnen. ‚So so! Dann sei es… Ich befehle dir, bald und manchmal zu gähnen…‘ Der König murmelte ein bisschen verärgert und schien sehr darauf bedacht, dass seine Autorität respektiert wurde. Als Monarch duldete er keinen Ungehorsam. Aber er war gütig und gab vernünftige Befehle. ‚Wenn ich einem General befehle, sich in einen Singvogel zu verwandeln und der General nicht gehorcht, so ist es nicht die Schuld des Generals, sondern meine.‘ Der kleine Junge fragte, ob er sich setzen dürfe. ‚Ich befehle es dir.‘, sagte der König und zog eine Falte seines Mantels einladend zu sich heran. Der Planet, auf dem er herrschte, war ebenso winzig. ‚Majestät. Darf ich Euch etwas fragen?‘, begann er. ‚Ich befehle dir, mich zu fragen.‘, warf der König schnell ein.
‚Über was herrscht Ihr?‘ Der König brauchte nicht lange für seine Antwort. ‚Über alles.‘ Der Junge widerholte die die Antwort fragend und bekam eine ausladende Geste über die Sterne und den Planeten entgegnet. ‚Über dies alles?‘ - ‚Über dies alles…‘ Er war nicht nur ein absoluter, sondern auch ein universeller Monarch. ‚Und die Sterne gehorchen Euch?‘ Der König nickte. ‚Natürlich. Ich dulde keinen Ungehorsam.‘ Der Junge war erstaunt über so viel Macht. Hätte er sie gehabt, hätte er am Tag nicht nur zweiundvierzig, sondern gleich hundert oder zweihundert Sonnenuntergänge sehen können, ohne auch nur einmal seinen Stuhl verrücken zu müssen. Die Erinnerung an seinen kleinen, verlassenen Planeten machte ihn ein bisschen traurig, doch so fand er den Mut, den König um Gnade zu bitten und bat darum, einen Sonnenuntergang sehen zu dürfen. Er solle der Sonne befehlen, unterzugehen. ‚Wenn ich einem General befehle, von einer Blume zur anderen zu fliegen oder eine Tragödie zu schreiben oder sich in einen Singvogel zu verwandeln und wenn er nicht gehorcht, wer trüge die Schuld – er oder ich?‘
Liams Blick wanderte wieder hinunter zu Skadis feinen Zügen und machte eine Pause. Gespannt, ob sie ahnte, worauf es hinaus lief.
Wieso verwunderte es sie so wenig, dass diese Geschichte eigentlich für Kinder geschrieben wurde? Sollten nicht alle Erzählungen ein fröhliches Happy End haben und weniger um Verlust und den tieferen Sinn des Lebens gehen? Nun, Skadi kannte es von zu Hause nicht anders. Wann immer sie mit ihren Geschwistern ans große Lagerfeuer des Dorfes gegangen war, um den Alten bei ihren kleinen Theaterspielen zuzusehen, war es nie um weniger gegangen. Man brachte den Kindern wichtige Werte bei, in die sie mit der Zeit hineinwachsen würden, um sich dann – sollte der richtige Zeitpunkt gekommen sein – daran zu erinnern. Das Leben war ein Prozess. Ebenso wie die Geschichte des kleinen Jungen, der immer mehr Ähnlichkeiten mit Liam aufwies. Sie musste definitiv ihre erste Einschätzung revidieren. Der Mann hatte mit Ausnahme seines Zeichentalents weitaus weniger mit dem Lockenkopf gemein, dessen Züge sie immer wieder musterte, während er fortfuhr.
Betrachtete eine Weile lang die Sterne. Malte vor ihren Augen das Bild vom kleinen Planeten voller Pelz. Dem gewitzten König, der irgendwie immer versuchte sich die Wahrheit zu drehen, wie sie ihm besser zu Gesicht stand und dabei irgendwie – und das verwunderte die Nordskov für einen Augenblick – die Realität seiner Welt den Fähigkeiten seiner Untertanen anpasste. Zwar wirkte er in dem was er sagte herrisch und bevormundend… doch was er letzten Endes immer wieder korrigierte war zu 100% auf seine Gefolgschaft zugeschnitten.
“Der König sicherlich… aber wieso geht die Sonne dann so oft auf dem Planeten des Jungen unter? Tut sie es nur deshalb, weil er so traurig ist und sie ihn aufheitern möchte?“ Dieser Gedanke wirkte vielleicht etwas absurd, doch die Geschichte hatte mehr als einmal bewiesen, dass sie nicht zwingend rational und auf der Ebene der Erwachsenen logisch war. Prüfend blickte Skadi zu Liam hinauf. Spielte abwesend mit einer der metallenen Laschen ihres Bustiers und wartete gespannt auf eine Antwort. Denn das diese Frage nicht nur Teil der Erzählung, sondern ebenso auch an sie gestellt war, konnte sie seinen bohrenden, warmen Augen ansehen.
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#8
Liam nickte auf ihre Antwort hin, nahm sich aber erst der Frage an, die sie stellte, ehe er mit der Begegnung des Königs und dem kleinen Jungen fortfuhr. „Sein Planet war so klein, dass er immer nur ein paar Meter weiter gehen musste, um den Sonnenuntergang erneut zu sehen, weil die Sonne um seinen Planeten kreiste. Irgendwo ging die Sonne immer auf und irgendwo ging sie immer unter. Und dazwischen war Tag oder Nacht.“ In diesem Moment fragte sich Liam tatsächlich, ob sie je mit solchem Wissen in Berührung gekommen war. Skadi ließ immer wieder verlauten, dass sie einer eher einfachen Herkunft entsprang. Einer Herkunft, in der man sich vermutlich weniger Gedanken um so ferne Dinge wie Sterne gemacht hatte. Selbst für Liam war das eher Nischenwissen, welches er irgendwann mal bei einem alten Navigator aufgeschnappt hatte. Und er fühlte sich definitiv nicht dazu in der Lage, ihr die Vorgänge genauer zu erklären. Dazu wusste er zu wenig darüber. „Aber die Vorstellung, dass die Sonne immer wieder unterging, um ihn ein bisschen weniger traurig zu stimmen, gefällt mir auch.“ Liams Arm ruhte mittlerweile wieder ganz automatisch auf ihrer Schulter. Ein kurzer, nachdenklicher Zug legte sich über seine Stirn, ehe er die Frage auflöste, die Skadi so treffend beantwortet hatte. „Der Junge kam zum gleichen Schluss wie du. Und der König nickte. Wir müssen von jedem fordern, was er leisten kann. Autorität beruht in erster Linie auf Vernunft. Wenn du deinen Leuten befielst, sich ins Meer zu stürzen, werden sie sich auflehnen. Ich habe das Recht, Gehorsam zu fordern, wenn meine Befehle vernünftig sind‚‘
Daraufhin erkundigte sich der Junge abermals nach seinem Sonnenuntergang, denn er vergaß nie eine Frage, wenn er sie einmal gestellt hatte. ‚Du sollst ihn bekommen. Ich werde ihn gebieten, aber ich werde in meiner Gelehrsamkeit als Herrscher warten, bis die Voraussetzungen hierfür erfüllt sind. Heute Abend sollst du ihn haben. Dann kannst du sehen, wie mir gehorcht wird.‘ Der kleine Junge gähnte und bedauerte den verpassten Sonnenuntergang ein wenig. Und er langweilte sich. ‚Ich habe nichts mehr zu tun hier. Ich reise ab!‘, entschied er sich schließlich. ‚Bleibe!‘, wies ihm aber der König an, der so stolz war, endlich einen Untertan zu haben. ‚Geh nicht! Ich mache dich zum Minister!‘ - ‚Minister wofür?‘, fragte er. ‚Minister der… Gerechtigkeit!‘ Der Junge war verwirrt. Es war niemand da, den man richten konnte. ‚Das wissen wir nicht. Ich habe noch nie eine Reise durch mein Königreich gemacht. Ich bin sehr alt, habe keinen Platz für eine Kutsche und gehen macht mich müde.‘, entgegnete der König. Doch der Junge hatte bereits nachgesehen und warf abermals einen prüfenden Blick über die Schulter auf die andere Seite des Planeten. ‚… Dann musst du über dich selbst richten.‘, schlussfolgerte der König. ‚Das ist das Schwerste. Es ist viel schwerer, über sich selbst zu richten als über andere zu urteilen. Wenn du es schaffst, über dich selbst gerecht zu werden, dann bist du ein wahrer Weiser.‘ Der Junge schwieg kurz. ‚Ich kann über mich richten, egal, wo ich mich befinde. Dazu muss ich nicht hierbleiben.‘
Der König räusperte sich. ‚Ich glaube, auf meinem Planeten gibt es irgendwo eine Ratte. Ich höre sie in der Nacht. Du könntest über diese alte Ratte richten. Du kannst sie von Zeit zu Zeit zu Tode verurteilen. So wird ihr Leben von deiner Gerechtigkeit abhängig. Aber du wirst sie jedes Mal begnadigen müssen, damit sie erhalten bleibt. Es gibt nur eine.‘ - ‚… Ich will niemanden zu Tode verurteilen und ich glaube, ich gehe jetzt.‘, schloss der Junge entschlossen. Der König verneinte, doch der Junge hatte seine Vorkehrungen längst getroffen. Trotzdem wollte er dem alten Monarchen nicht wehtun. ‚Wenn Eure Majestät Wert auf pünktlichen Gehorsam legen, könntet Ihr mir einen vernünftigen Befehl erteilen. Ihr könntet mir zum Beispiel befehlen, dass ich Euch in einer Minute verlassen soll. Mir scheint, dass die Bedingungen hierfür günstig sind … ‘ Der König schwieg und schließlich brach der Junge nach kurzem Zögern mit einem Seufzen auf. ‚Ich mache dich zu meinem Gesandten!‘, rief der König ihm schließlich eilig nach, um seinen Anschein von Autorität zu bewahren. Und der Junge dachte sich, wie sonderbar die großen Leute doch waren.“
Skadi musste unweigerlich lachen bei dem Anblick, der sich ihr vor ihrem inneren Auge bot. Ein kleiner Liam, der kopfschüttelnd und seufzend zu seiner nächsten Reise aufbrach und sich darüber wunderte, wie komisch die Erwachsenen doch sein konnten. Beinahe automatisch erstickte die junge Frau ein weiteres Auflachen unter den langen Fingern, die sie sich auf die Lippen presste. Sah nur mit amüsierten Augen auf Liams Miene und kicherte verhalten. “Tschuldige… ich musste mir gerade eine kleine Version von dir vorstellen.“ Fest presste sie die Lippen aufeinander und sog scharf die kühle Nachtluft ein, um sich zu beruhigen. “Ziemlich davon genervt, das ein Erwachsener ihn mit seltsamen Vorschlägen davon abhalten will nach draußen zu gehen. Irgendwie… süß.” Es war ganz offensichtlich nicht böse gemeint, dass sie sich angesichts der eigentlich ziemlich ernsten Grundstimmung der Fortsetzung an so einem albernen Detail aufhielt. Doch so war Skadi nun einmal. Vor allem wenn sie sich so normal und sicher fühlte, wie in Liams Gegenwart. Bei ihm hatte sie das Gefühl nicht dafür verurteilt zu werden, wer sie war und sich demnach auch nicht zurückhalten musste. Auch wenn es womöglich töricht war, glaubte sie Liam von allen Anwesenden des Schiffes, Enrique ausgenommen, am meisten trauen zu können. Wusste instinktiv, dass er sie nicht im Schlaf erdolchen würde, wenn ihm danach gelüstete. Nein. So war er ganz sicher nicht. “Aber verstehen kann ich ihn sehr gut…“
In Gedanken ging er bereits durch, was als nächstes passierte, ordnete die Planeten in der Reihenfolge, in der sie der Junge besuchte, obwohl er sich das alles für das nächste Mal aufheben wollte. Das leise Kichern aus Skadis Richtung lenkte seine Aufmerksamkeit aber wieder auf sie. Etwas irritiert blinzelte er zu ihr hinunter, sah sie fragend an, denn so ganz erschloss sich ihm nicht, was sie nun so amüsiert hatte. Aber die Jüngere machte kein Geheimnis daraus. Die Züge des jungen Künstlers wurden wieder weicher, als er langsam aber amüsiert den Kopf schüttelte. Eigentlich hatte er nicht vor, etwas darauf zu entgegnen, doch letztlich fiel ihm wieder auf, dass es keinen Grund gab, sich bei Skadi irgendetwas zu verkneifen. Nach einem kurzen Moment also räusperte er sich, bemühte sich wieder um eine etwas ernstere Miene, der der Schalk aber noch immer in den Grübchen saß. „… Ich fürchte, die große Version würde es nicht anders handhaben.“, gestand er bereitwillig und übersah dabei geflissentlich, dass er sich in Skadis Augen damit automatisch das Attribut ‚süß‘ zuschob. „Den nächsten Teil erzähle ich dir wann anders. Ich kann dein Köpfchen doch förmlich schon rauchen sehen.“, eröffnete er ihr dann und schnipste ihr mit einem Lächeln sanft gegen die Schläfe. „Dann erzähle ich dir von all den anderen sonderbaren großen Leuten, denen er auf seiner Reise begegnet ist. Und bis du die gesamte Geschichte kennst, werden die zwei wohl noch durch deine Träume tanzen. ‘Tschuldige.“ Ein bisschen Leid tat es ihm wirklich, doch seine Stimme verriet, dass der Entschuldigung wirklich nur ein Funke an Ernsthaftigkeit beiwohnte.
“Mh…”, eindringlich musterten die dunklen Augen den Lockenkopf. Fuhren an seiner Silhouette über seine freien Schultern, seine Brust bis zu seinem Bauchnabel hinab, der fast auf ihrer Augenhöhe lag. Ein Lächeln zierte ihre Lippen, das irgendwie alles und zugleich nichts sagte. Nur um wenig später in einem tiefen Seufzen unter zu gehen, indem sich die Nordskov auf den Bauch rollte und auf die Schienbeine setzte. “Mein Köpfchen ist nicht durch den Wind, weil du mir zu viele Geschichten erzählst. Das solltest du eigentlich wissen, mein Lieber.“ Nun war sie es, die ihre Hand hob und protestieren gegen sein Ohrläppchen schnippte. “Aber weil sie so schön war, akzeptiere ich das einfach mal… aber was machen wir jetzt?“ Skadi dachte definitiv nicht daran sich in ihre Hängematte zu legen. Schon gar nicht wenn sie es hier bei oder wahlweise auf Liam viel bequemer hatte. “Denn jetzt verkrafte ich einen Liam nicht in meinen Träumen. Nachher falle ich noch zappelnd aus der Hängematte.“ Irgendwie konnte Skadi das verschmitzte Grinsen nicht unterdrücken, dass sich bei ihren Gedanken unangenehm in ihren Mundwinkeln einnistete.
Der Unterschied zwischen dem großen und dem kleinen Liam war wohl bloß, dass sich der Kleine noch von einem Verbot hätte abhalten lassen, während der Große vermutlich mit einem Lächeln weiter vorangeschritten wäre, ohne sich groß darum zu kümmern. Skadi schien sich das Ganze durch den Kopf gehen zu lassen und zu gerne hätte er ihr gerade dabei in die Gedanken gespäht, die sie hinter einem nichtssagenden Lächeln verschloss, bevor sie sich von seinem Schoß rollte und sich aufsetzte. Auf ihre Klarstellung hin legte sich ein unschuldiges Lächeln auf seine Lippen, fas ein wenig verlegen vielleicht, aber die Botschaft, die sie ihm damit offenbarte, fühlte sich freilich gut an. „Dafür kann ich nichts.“, beteuerte er, ließ ihr allerdings ihr kleines bisschen Rache, ohne sich zur Wehr zu setzen. Skadi setzte noch einen drauf, wirkte fast schon wieder durstig, während Liam lediglich amüsiert schnaubte. „Jetzt übertreib‘ mal nicht. Als wäre ich der erste Mann, denn du entkleidet zu Gesicht bekommst.“ Es gab bestimmt so einiges, was ihr – nachts oder tags – durch den Kopf hüpfte und sie vom Schlafen abhielt. Dazu brauchte es nicht ihn, einen durchschnittlichen Exoten, in dem mehr Kind und Träumer steckte, als er selbst wahrhaben wollte. Liam gähnte, was aber eher an der Uhrzeit lag als daran, dass seine Gesellschaft ihn langweilte. Daraufhin erwiderte er das verschmitzte Grinsen vor seinem Gesicht. „Ich weiß nicht. Was kann man denn zu zweit, nachts, alleine auf einem Schiff treiben?“
Er hatte das Gefühl, dass ihr bereits irgendetwas vorschwebte. Und Liam machte keinen Hehl aus dieser Vermutung, die man seiner Stimme zweifellos anhörte. Doch bevor er ihr die Antwort überließ, schoben sich seine Augenbrauen noch einmal nach oben, während er sie ansah, sich leicht nach vorne beugte, um ihr näher zu kommen und das Licht der Öllampe für einen Sekundenbruchteil in ihren Augen beobachtete. „Also Dinge, die wir nicht schon getan hätten.“, konkretisierte er abwartend.
Sie übertrieb nie. Nur in wenigen Ausnahmefällen, in denen sie ziemlich deutlich einen Standpunkt vertreten musste. Und Liam zählte wohl gerade kaum zu denjenigen, die einer Standpauke bedurften. Den Hintern versohlt hätte sie ihm trotzdem jederzeit. Auf die sanfteste Weise. “Bei den Göttern... das definitiv nicht.“, lenkte sie lachend ein und klemmte sich eine dichte Haarsträhne hinters Ohr. “Aber der erste sehr ansehnliche seit laaaaaanger Zeit.“ Es entsprach nur der Wahrheit und diente nicht dazu ihn erneut verlegen zu machen. Diese Tatsache hätte Skadi allerdings wiederum sehr amüsiert. Ein Mann wie Liam sollte sich eigentlich wegen nichts verlegen fühlen. Aber irgendwie sprach es für seinen zurückhaltenden und freundlichen Charakter. So gesehen würde sie sich also weiß Gott nicht darüber beschweren. Es gab genug Männer, die glaubten, dass ihnen jeden Tag von neuem die Sonne aus dem Arsch schien. Mit einem Zwinkern bedachte sie den Lockenkopf somit noch einen Moment und beobachtete ihn bei dem Versuch sie in ihrer dieses Mal wirklich ernst gemeinten Frage herauszufordern. Keinen Millimeter wich sie zurück, als das formschöne Gesicht näher kam und sein eigenwilliger Geruch in ihre Nase stieg. “Oh... Mister Casey, was sie wieder denken... das ist ja...“ Wie in Zeitlupe lehnte sich nun auch die Dunkelhaarige voraus, hielt ihre Lippen wenige Millimeter vor seinen und spürte wie die gespielte Unschuldsmiene verrückte. Sich sogar das Funkeln in ihre Augen zurück stahl und man deutlich das Grinsen heraushörte als sie mit einem ... skandalös.“ fortfuhr. Wie kleine Spinnenbeine krabbelten die langen Finger über die nackte Brust des Musikers. Hielten mit der flachen Handfläche inne und drückten ihn sanft zurück.
Mit einem deutlichen Kopfschütteln zog Skadi das Gesicht der Anstandsdame über ihre feinen Züge und schnalzte mit der Zunge. “Wenn du weiter so machst, fessel ich dich vielleicht einfach an den Mast und mache mit dir was auch immer ich will.“ Und sie wusste schließlich wo Enrique seine Schreibfeder versteckt hielt, um Liam damit den ganzen Abend zu kitzeln.
“Aber ich hatte eigentlich mehr an Kartenspiele gedacht... oder... ein kleines Zeichenratespiel.“
Mit einer selbstverständlichen Ruhe griff Skadi nach der Trinkflasche und gönnte sich einen angenehm kühlen Schluck. Sah erst wieder zu Liam herum als sie die Öllampe zur Seite schob und Buch wie Flasche daneben drapierte.
Hätte sie etwas anderes behauptet – er hätte es ihr nicht geglaubt. Skadi war kein Mauerblümchen, dass sich im Schatten hinter Steinen verstecken brauchte. Das einzige, was Liam sich vorstellen konnte, war, dass manche mit einem derartigen Selbstbewusstsein ihre Probleme hatten, wenn sie doch lieber das brave Mädchen vom Lande dominieren wollten. Und es sprach für Skadi, dass sie keinen Schein zu wahren versuchte, der nicht existierte. „Der Straßenköterlook also. So so.“, bemerkte er und verallgemeinerte unbewusst. Mit einem prüfenden Blick bedachte er die Kurzhaarige einen Augenblick schweigend, ehe das Lächeln wieder auf seinen Zügen Einzug hielt und er gespannt darauf wartete, dass sie ihn in ihre Pläne einweihte. Skadi wich nicht zurück. Es hätte ihn auch mehr als verwundert. Stattdessen verringerte sie abermals die Distanz. Liam spürte ihren Atem über seine Haut tanzen, erwiderte ihren Blick unverwandt und konnte nicht anders, als bei ihrem letzten Wort kurz breit zu grinsen. Doch seine Miene fing sich recht schnell wieder. Skadis Finger taten es ihrem Atem schließlich gleich, tanzten über seine Brust und drückten ihn schließlich langsam nach hinten. Dem Lockenkopf kam es gar nicht in den Sinn, den Blick von ihren Zügen abzuwenden, während er bereitwillig unter ihrer Geste nachgab. Zugegeben, ihr Vorschlag klang gar nicht so verkehrt, doch das Lächeln auf seinen Lippen verriet, dass ihm anderes vorschwebte.
„Du missverstehst mich, meine Liebe.“, entgegnete er mit festem Blick und einem recht zufriedenen Ausdruck. Sie war es vielleicht gewohnt, dass den meisten Männern nichts anderes durch den Kopf schwirrte, aber Liam war anders. Und das sollte sie mittlerweile wissen, auch wenn sie es immer wieder schaffte, seine Gedanken in jene Richtung zu ziehen. „Mir ging es um Dinge, die wir heute nicht schon getan hatten.“ Dieses Mal wusch er seine Hände tatsächlich in Unschuld, selbst wenn er – zugegeben – damit gerechnet hatte, dass der Vorschlag der Jüngeren in diese Richtung gehen würde. Da hatten sie sich wohl beide geirrt, wie sich herausstellte, als sie weitersprach. Auch gut. Als sich Skadi bereits dran machte, ein bisschen Platz zu schaffen, entschied sich Liam dazu, seinen Vorschlag vorerst für sich zu behalten. „Ein Zeichenratespiel? Gut.“ Immerhin hatten sie keine Karten an Deck, Papier und Stift dafür schon. Er stützte sich mit den Armen ab, um ein Stück nach hinten zu rutschen und die Reling abermals als Lehne im Rücken zu haben, ehe er sich umwandte und seinen kleinen Stapel Pergament über seinen Schoß hob. Er durchblätterte die Seiten, um ein freies Blatt Papier herauszuziehen, welches sie benutzen konnten. Dabei kamen mehrere Skizzen zum Vorschein: Ein grimmig dreinblickender Aspen, eine Talin, die nachdenklich mit einer ihrer Locken spielte, ein Greo, der sich den Hut tief ins Gesicht gezogen hatte und auch eine Zeichnung von Skadi, die an die Reling gelehnt auf das Meer hinaus sah.
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#9
Missverstehen war womöglich der falsche Ausdruck. Eigentlich hatte Skadi recht gut verstanden worauf der Musiker hinaus wollte, fand die Tatsache lediglich unerhört, dass er ihr anderes unterstellte. Davon ausgegangen war, dass sie sich unersättlich zur nächsten Runde bereit machte, wenngleich sie tatsächlich hatte wissen wollen, was sie tun konnten. Abgesehen von dem, was ihr beim Anblick von seiner Hüfte aufwärts ab und an in den Kopf schoss. Auf seine Worte schmunzelte sie jedoch nur noch, zuckte unschuldig mit den Schultern und machte sich ihrerseits daran das Feld zu räumen und wenig später wieder dicht neben ihn gegen die Reling zu gleiten. Die Beine weit von sich gestreckt und den Kopf kurz gegen seine Schulter gelehnt. "Du hast ein gutes Auge.", murmelte sie leise, während ihr Blick auf einige der Skizzen fiel, die Liam auf der Suche nach einem leeren Blatt Papier in seinem durchblätterte. Sie selbst hatte nicht einmal im Ansatz ein solches Talent - das würde er wohl gleich unter einem heftigen Lachen feststellen. "Wie lange brauchst du für solche Zeichnungen?" Fragend schielten die braunen Augen zu ihm hinauf. Zwangen den kurzen Haarschopf nur einige Millimeter hinauf, sodass sie ihr Kinn sanft auf seiner Schulter platzierte.
Bei Skadis Bemerkung hoben sich seine Augenbrauen kurz fragend in die Höhe, ehe er registrierte, dass sie vermutlich auf die Skizzen abzielte, die er beim Durchblättern kaum beachtet hatte. Augenblicklich wurde seine Bewegung langsamer, ließen ihr mehr Zeit, sich die kleineren Zeichnungen anzusehen, die mitunter durcheinander auf dem Pergament verteilt waren, wo eben noch Platz gewesen war. Ihre Frage war schwer zu beantworten. Sein Zeitgefühl war gerade bei Dingen, die ihm Spaß machten, nicht gerade das Beste. „Unterschiedlich. Manchmal vielleicht zwanzig Minuten, manchmal mehr. Kommt ganz drauf an, wie komplex es ist.“, antwortete er vage und schielte zu ihrem Gesicht hinüber, welches mittlerweile auf seiner Schulter ruhte. Ihn störte es nicht – ganz im Gegenteil, denn er war ein Mensch, für den Nähe und Berührung zweifellos zum Leben dazu gehörten. Gerade bei Skadi aber, die am Anfang noch so zögerlich auf seine Einladung zum Tanz reagiert hatte, war es nicht zwingend selbstverständlich. Als er zwischen den untersten Blättern ein leeres Stückchen herausgezogen und nach oben gelegt hatte, griff er nach dem Bleistift neben ihm, sah die Jüngere kurz überlegend an, ehe sich ein durchschaubares Grinsen auf seine Lippen stahl. Und keine halbe Sekunde später prangerte ein Hut in der oberen Ecke des Zettels – gleich dem, den er ihr bei ihrem kleinen Angelausflug in den Staub gezeichnet hatte. Mit einem kindlichen Funkeln in den Augen schob er ihr den Zettel mit seiner eher scherzhaft gemeinten Zeichnung rüber.
Zwanzig Minuten. Skadi konnte nur einem Gefühl für diese Zeitangabe nachgehen und ließ diese Information als "relativ kurz" in ihrem Erinnerungsspeicher zurück. Und dafür fand sie die Ausführung seiner Linien sehr beeindruckend. Während er sich also wieder dem Blatt Papier widmete und die braunen Augen von ihr nahm, lächelte sie nur hörbar und ließ die Wange wieder an ihre angestammte Position zurück gleiten. Sie fühlte sich wohl an seiner Seite - nach dem weshalb und wieso forschte sie nicht einmal. Es war gut so, wie es war. Und das reichte vollkommen. Hatte sie vielleicht anfangs ein Problem damit gehabt, Berührungen zuzulassen, wäre es mehr als merkwürdig gewesen, hätte sich nach alle den intimen Situationen nicht irgendetwas daran verändert.
Kurz zogen sich die dichten Brauen zusammen, als Liam mit einem Grinsen sein Werk offenbarte und scheinbar auf etwas anspielte, das sie nicht sofort begriff. Nachdenklich verzogen sich die vollen Lippen. Rotierten von einem Mundwinkel zum anderen, ehe sich der dunkle Haarschopf voraus beugte und Liam ungefragt den Stift aus der Hand zog. Bewusst verdeckte sie die Ecke des Papiers mit ihrem Kopf vor seinen neugierigen Augen. Versuchte wenn auch ungelenk die Skizze mit ein paar Strichen zu vervollständigen, die sehr viel mit dem künstlerischen Talent eines Kindes gemein hatten. Doch die gezackte Zunge, sowie die großen Glubschaugen und das gestreifte Muster auf der schuppigen Haut der Schlange konnte man deutlich sehen, als sich Skadi wieder aufrichtete und Liam ein fast schon stolzes Grinsen schenkte. "So leicht lasse ich mich nicht täuschen mein Lieber. Ich hab ein Gedächtnis wie ein Elefant." Spielerisch tippte sie sich mit dem Ende des Stiftes gegen die Schläfe und lachte leise auf. "Jetzt bin ich dran." Sie überlegte nur für einen kurzen Moment, was sie zu Papier bringen sollte. Starrte dabei gen Himmel und ließ das weiche Holz immer wieder gegen ihre Unterlippe schnellen.
Mit einem deutlichen Schnalzen der spitzen Zunge bückte sich der schlanke Oberkörper wieder voraus. Verweilte eine Weile in der Position. Nur um sich wenig später mit ernster Miene wieder aufzurichten und das Kunstwerk skeptisch zu mustern. Dass sie sich gerade ein heftiges Lachen verkniff, sah man ihr keine Sekunde lang an. Nicht einmal als sie prüfend zu Liam herum sah, um seine Reaktion abzuwarten. Ob er wohl den Mann mit den starken Muskeln und der Löwenmähne wiedererkannte, der sich sehr selbstbewusst in Szene setzte? Zwar besaß Aspen keine Bälle in den Oberarmen und Oberschenkeln, ebenso wenig ein Gesicht mit winzigen schwarzen Äuglein und einem Grinsemund, der seine halbe Miene ausfüllte. Doch zumindest seine Haare waren genauso voluminös wie eh und je.
Vielleicht hätte er den Hut sogar ungefragt gelten lassen. Liam erwartete nicht, dass Skadi sich an dieses kleine Detail erinnerte – sie hatte diese Geschichte im Gegensatz zu ihm nicht rauf und runter gehört und zudem war er sich ziemlich sicher, dass hier jeder einzelne Mann (oder Frau) auf der Sphinx nichts weiter sehen würden, als besagten Hut und sinnlose Zeitverschwendung. Als Skadi ihm den Stift aus der Hand nahm, lehnte er ganz automatisch den Kopf neugierig in ihre Richtung, bloß um just im gleichen Moment die Sicht auf das versperrt zu bekommen, was sie tat. Einen kurzen Moment musterte er sie mit verengten Augen, ehe er sich geduldig zurücklehnte und wartete, bis die Jüngere ihm die Sicht wieder freigab. Liam hob den Blick und kaum erkannten seine Augen die Musterung und die charakteristische gespaltene Zunge, konnte er nicht anders, als zu lachen. Gut, sie hatte aufgepasst. „Nicht schlecht, nicht schlecht.“, gab er gut gelaunt von sich, nickte und war gespannt, was sie zu Papier bringen würde. Neugierig folgten seine Augen den Strichen, die sie aufs Papier setzte und runzelte nachdenklich die Stirn. Es war ein Mensch, so viel stand fest. Einer, der entweder sehr beleibt war oder muskulös. Rayon vielleicht, wobei da die beachtliche Haarpracht dagegensprach. Überlegend biss er sich auf die Unterlippe, zog sich das Blatt ein Stück näher ran, um es aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Vielleicht war es auch gar kein Mensch, sondern ein Affe?
„Ein Gorilla mit Perücke?“, gab er schließlich ziemlich ungläubig von sich und stellte gar nicht in Frage, weshalb ein Gorilla falsche Haare haben sollte. Das war schlicht nicht wichtig. Wichtig war allein, dass diese Mähne wohl so bedeutend war, dass sie für die Zeichnung charakteristisch – Oh. Auf Liams Zügen stellte sich Erkenntnis ein, ehe ihm bewusst wurde, dass seine vorherige Aussage damit nicht unbedingt schmeichelhaft gewesen war. „Warte, warte, zurück auf Anfang! Ist das Aspen? Der sieht so glücklich aus, das bin ich nicht gewohnt.“ Schlechte Ausrede, aber wirklich ernst gemeint war sie auch nicht. „Siehst du, hier noch ein bisschen und hier… Aspen.“ Während er sprach zeichnete er dem kleinen Strichgorilla-Aspen noch zwei wütende Augenbrauen und korrigierte die Mundwinkel ein wenig nörgliger. Mit einem Zwinkern verdeutlichte er dennoch, dass er es nicht so meinte, ehe er den Stift wieder auf das Papier setzt und die nächste Figur zeichnete. Ein kleines, rundliches Tier mit recht spitzer Schnauze, kleinen Ohren und einem Mantel aus Stacheln auf dem Rücken.
Sie hatte vorgehabt ihn vollkommen entrüstet anzuschauen und mit beleidigtem Schmollmund zu reagieren. Doch das einzige das aus ihr heraus platzte, war ein herzhaftes Lachen, das sie sogleich mit vorgehaltener Hand dämpfte. Ihr Oberkörper schüttelte sich vor Lachen. Gott. Liam hatte vollkommen ungewollt den Anblick des Älteren für immer in ihrem Gedächtnis zerstört. Nie wieder würde sie Aspen ansehen können, ohne ihn mit amüsierter Miene zu mustern und ihm - wann immer es ging - eine Banane anzubieten. Fast kippte sie vor Lachen zur Seite. Hielt sich aber mit einem festen Griff an Liams Schulter aufrecht und wischte sich die Tränen aus den Augen. Wollte ihm gerade unter einem Glucksen auf seine Worte entgegnen und ihn bei seiner Korrekturzeichnung beobachten, als sie wieder in ein herzhaftes Lachen verfiel und sich den Bauch hielt. Sie hatte lange nicht mehr aus vollem Hals lachen können wie gerade eben. Beinahe konnte man glauben, dass das hier nicht die echte Skadi war. Dass es sich um eine lebhaftere Schwester handeln musste, die mit ihrer Schulter gegen Liam stieß und den dunklen Haarschopf schüttelte. "Du bringst mich noch um Liam... ernsthaft... das ist ein Bild für die Götter." Es brauchte eine Weile bis Skadi halbwegs atmen konnte und nicht mehr alle paar Sekunden zu glucksen begann. Ließ sich fast schon erschöpft an Liams Schultern sinken und legte beide Hand auf seinem Schlüsselbein ab. Das Tier, das er nun aufs Papier zauberte, kannte sie allerdings nicht. Musterte es unter den letzten verbliebenen Freudentränen in ihren Augenwinkeln und verzog nachdenklich die Lippen. "Sind das kleine Nadeln an seinem Körper?"
Und plötzlich platzte aus Skadi ein Lachen heraus, welches er bislang nicht von ihr gehört hatte. Ein wenig unglücklich verzog er beim Anblick seiner Korrekturen die Mundwinkel, konnte die gespielt ernste Miene allerdings nicht allzu lange aufrecht erhalten. Das Gelächter an seiner Schulter war viel zu ansteckend, als hätte er da widerstehen können, einfach mit einzusteigen. Vielleicht weniger wegen des grimmigen Kritzelaspens, als viel mehr wegen des Anblicks einer derart belustigten Skadi, die sich nicht mehr zu fangen schien und wirklich Mühe hatte, nicht einfach zur Seite umzukippen. Irgendwann legte Liam die Hand testweise über die verkorkste Zeichnung, um sie vor ihr zu verbergen, musterte sie aus den Augenwinkeln und gab ihr den Anblick wieder frei, kaum, dass sie halbwegs wieder atmen konnte. „Aspen mich vermutlich auch, wenn er davon Wind bekommt.“, lachte er leise, aber unbekümmert grinsend, als er den Kopf wieder in ihre Richtung wandte und den unbekümmerten Ausdruck auf ihren Zügen genoss. Sie trug ihn viel zu selten, dafür, dass er ihr so gut zu Gesicht stand. „Also vielleicht hängst du das besser nicht überall auf dem Schiff auf.“, schlug er vor, klopfte ihr sachte auf den Oberschenkel und klang dabei eigentlich gar nicht so abgeneigt von dem Gedanken. Musste ja niemand wissen, dass sie es gewesen waren. Er kannte zumindest zwei Leute außerhalb von ihnen, die sich kräftig amüsieren würden. Stattdessen aber widmete er sich nun wieder dem Igel auf dem Papier und nickte auf ihre Nachfrage hin. „Jep. Und bei Gefahr -“, begann er und setzte zu einer weiteren Zeichnung an, die einen kugeligen, stachligen Ball darstellte. „- sieht’s so aus.“
"Pah! Der soll's versuchen. Vorher patsche ich ihm seine hübsche Perücke ins Gesicht." Selbstsicher reckte die Nordskov das schmale Kinn in die Höhe und lächelte zuversichtlich. Zum einen weil sie wusste, dass sie Liam zweifelsohne gegen den Hünen verteidigen würde, wenn es darauf ankam. Zum anderen weil sie immer noch das lustige Bild des Gorillas vor Augen hatte, der sie in unverständlichen Lauten anblaffte und sich selbst mit den Fingern unter den Achseln kratzte. "Und jetzt werde ich es erst recht aufhängen. Er muss mal lernen über sich selbst zu lachen." Und dass er das eher weniger konnte, hatte sie aus diversen Gesprächen bereits heraus gehört.
"Ein purer Ball aus Nadeln... sind die Tiere nachaktiv? Gesehen habe ich sie nämlich leider noch nie."
Kurz schielte Skadi aus den Augenwinkeln zu Liam hinauf. Musterte sein Profil eine Weile lauschend, bevor sie sich langsam von ihm löste und ihm den Stift abermals aus der Hand zog.
"Mal sehen ob du das hier kennst."
Ungelenk zog die Nordskov wieder einige Striche über das Papier. Zeichnete einen kleinen länglichen Körper auf kurzen Beinen, dazu einen Pferde ähnlichen Kopf mit kleinem Rüssel und großen runden Ohren. Fügte dann über den ganzen Körper breite Längsstreifen und Punkte hinzu und erweiterte die Füße mit drei Huf artigen Zehen. Ob Liam allerdings jemals einem Tapir begegnet war, wusste sie nicht. Das würde sich wohl oder übel jetzt herausstellen. Vorausgesetzt er erkannte überhaupt was es war.
Das Lachen erstarb nicht bei der Vorstellung eines wütenden Aspens, der wegen einer kindlichen Zeichnung aus der Haut fuhr und bereit war, den Verantwortlichen für seine Verleumdung bezahlen zu lassen. Liam musste unweigerlich an all die Plakate denken, die überall in der ersten Welt verstreut waren und den Blondschopf mit den unmöglichsten Grimassen, Frisuren und sonstigem zeigten. Eigentlich hätte man eine kleine Sammlung verschandelter Fahndungsplakate anfertigen müssen. „Er kratzt und beißt bestimmt dabei.“, sprach Liam laut aus, bevor er näher darüber nachgedacht hatte. Eigentlich hatte er ja nichts gegen Aspen. Allerdings auch nicht für ihn und wer sich so selbstredend in ein Klischee presste, musste sich auch nicht wundern, wenn man ihn damit aufzog. Weit sinken konnte sein Ansehen bei ihrem Prinz Eisenherz ohnehin nicht, aber das war dem Lockenschopf herzlich egal. Sein Igel allerdings stellte sich als Pleite heraus, was ihn überrascht aufblicken ließ. Auf Yvenes hatte er hin und wieder mal einen gesehen, aber die Insel, von der er stammte, war auch nicht derart tropisch wie andere Orte in der Ersten Welt. „Oh. Ja, sind sie. Auf Yvenes hat man hin und wieder mal einen Igel gesehen.“ Eine indirekte Entschuldigung dafür, dass er dieses Mal offensichtlich zu unfairen Mitteln gegriffen hatte, doch Skadi ließ sich den Spaß nicht verderben. Der Druck auf seiner Schulter verschwand, als sie sich nach vorne beugte, ihm den Stift aus der Hand nahm und wieder zu Zeichnen begann.
Und mit jedem weiteren Detail wirkte das Tier mehr und mehr wie ein Fabelwesen. Eine Mischung aus Elefant, Bär und Wildschwein vielleicht. „Ist das ein Tier aus irgendeiner Sage?“ Neugierig musterte er die eigenartige Gestalt auf dem Papier, ehe seine Augen zu Skadis Gesicht hinaufwanderten. „Es sieht aus wie ein Eleschweinebär. Oder ein Wild-Bärlefant.“ Bei seinen Namensvorschlägen musste er unweigerlich selbst schmunzeln, während er mit gerunzelter Stirn darüber nachdachte, ob es noch etwas Treffenderes gab. Nachdenklich hob er die Finger zum Kinn und besah sich die Zeichnung noch einmal genauer. Vielleicht sollte es ja wirklich ein Wildschwein sein. Mit einem langen Rüssel und runden Ohren. „Und wenn ja, will ich die Geschichte leider hören.“, warnte er sie lieber vor und freute sich insgeheim schon ein bisschen auf eine weitere Legende, die es zu finden galt.
Vielleicht konnte sie sich den Anblick des Tieres für die Zukunft merken und erkannte es auf einer der nächsten Inseln wieder, die sie erreichten. Dann konnte sie es Liam stolz präsentieren und zurück in sein...Nest, seine Höhle... worin schliefen diese Tierchen eigentlich? Bevor diese ziemlich wichtige Frage über ihre Lippen huschte, wandte sie sich bereits ihrer eigenen Zeichnung zu und hatte den Gedanken längst verdrängt, als sie sich vom hoch gewachsenen Körper des Musikers löste. Sein Atem umspielte dabei immer wieder die freie Haut ihrer Arme, während sie sich über seinen Schoß beugte und den Stift leicht kratzend über das Papier schob.
Eine Weile beobachtete sie Liam bei seinem Versucht das Tier zu entschlüsseln und schmunzelte angesichts der Tatsache, dass er zwar die Einzelteile gut umschreiben, aber definitiv das Wesen nicht als Ganzes benennen konnte. Mit einem Zucken des linken Mundwinkels und dem gespiegelten Heben der rechten Schulter bedeutete sie ihm, dass er leider vollkommen daneben lag und die Lösung weniger glamourös war, wie er annahm. "Leider nein... es ist ein Tapir. Die gibt es bei uns ziemlich häufig. Sehr scheue, aber niedliche Tierchen. Meine Großmutter hat mal erzählt, dass sie auch einmal viel Größeren auf der Hauptinsel begegnet ist... aber die hatten nicht so eine schöne Musterung." Mit einem Lächeln auf den vollen Lippen wandte Skadi den Blick auf die Zeichnung, strich sich eine Strähne hinters Ohr und fuhr mit den Fingerspitzen über die einzelnen Striche. "Sie leben von Pflanzen und Früchten und sind wie deine... Igel?" Mit zusammengekniffenen Augen wandte Skadi fragend den Kopf zu Liam herum und fuhr fort. "... nachtaktiv. Sie haben ein bisschen was von einem Rüsselpferd, oder?"
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#10
Es hätte ihm tatsächlich leidgetan, hätte er ihre Zeichnung bloß aufgrund der fehlenden Übung ihrerseits nicht erkannt, doch von dieser Bürde befreite ihn Skadi zum Glück, als sie das Wesen als Tapir benannte, was selbst mit diesem Namen noch wunderbar in eine Sagengeschichte gepasst hätte. Mit seinem neuen Wissen bedachte er das Tier erneut, konnte sich aber nicht daran erinnern, je eins zu Gesicht bekommen zu haben. Ob nun, weil sie scheu waren oder einfach bislang nicht dort gelebt hatten, wo er unterwegs gewesen war. „Noch nie gehört.“, gestand er und setzte es gedanklich auf die Liste der Dinge, die er in seinem Leben irgendwann noch sehen wollte. Die war ohnehin bereits viel zu lange, als dass er sie je fertig bekommen würde. Mit neugieriger Miene bedachte er Skadi in diesem Augenblick, die fast selbstverständlich abermals von ihrer Familie zu erzählen begann. Das Lächeln auf seinen Lippen blieb unscheinbar, beobachtete, wie sie eine Strähne aus ihrem Gesicht wischte und konnte nicht anders, als sich über diesen Funken Vertrautheit zu freuen, den sie ihm entgegenbrachte. Liam schwieg und nickte vielleicht einen Augenblick zu spät, als sie sich fragend an ihn wandte, weil seine Gedanken ein wenig gehinkt hatten. „Stimmt. Wie groß werden die? Habt ihr sie gejagt?“ Von der Form her jedenfalls hätten sie wunderbar ein Wildscheinersatz sein können, nur dank der fehlenden Hauer weniger gefährlich. „Was habt ihr überhaupt so gejagt?“, schob er die Frage hinterher, nahm zwar den Stift wieder zwischen die Finger, machte aber vorerst keine Anstalten, eine neue Zeichnung anzufertigen. Stattdessen blickte er interessiert zu Skadi hinüber.
Irgendetwas ging ihm durch den Kopf, während sie auf eine Antwort wartete. Seine braunen Augen hingen einen Moment zu lang auf ihren Zügen und entlockten Skadi für einen kurzen Moment ein ungewohntes Räuspern. Somit riss sie sich also wieder von seinem Anblick los. Hob mit nachdenklich verzogenen Lippen die ausgestreckte, flache Hand neben sich auf knapp 50 Zentimeter, um dann kurz darauf 10 Zentimeter weiter hinauf zu gleiten. "Ausgewachsene Tiere schwanken ungefähr zwischen hier und hier.", erklärte sie ihm und zog die langen Beine zurück an den schmalen Körper. "Gejagt habe ich sie aber nie, eher beobachtet und einer kleineren Gruppe sogar immer wieder ein paar Früchte auf dem Boden auslegt als ich noch kleiner war." Ein warmer Ausdruck überzog ihre feinen Züge ob dieser Erinnerung. Ließ ihre Wange auf eines ihrer Knie gleiten, und die fröhlichen, dunkelbraunen Augen zu Liam zurück gleiten. "Es sind einfach so schöne Tiere. Jeder von ihnen hatte sogar einen Namen. Ehrlich gesagt bin ich ganz froh drum, dass sie irgendwann verschwunden sind, bevor mein Vater sie jagen konnte. Ich glaube ich hätte ihn nicht so leicht an einen Baum binden können." Ein Auflachen übertünchte die Wahrheit, die sich für einen Sekundenbruchteil in ihre Brust schob. Gott sei Dank lenkte Liam sie allerdings mit einer erneuten Frage ab, die den schmalen Körper der Nordskov gänzlich aufrichtete. Just fühlte sie sich an ihre Unterhaltung mit Greo erinnert und musste unweigerlich schmunzeln. "Hauptsächlich diverse Hirscharten und Böcke. Unter anderem auch Schweine, Riesenhörnchen und Hühnervögel., gab sie ihm dieselbe Antwort wie dem Hünen im Wald, nach dem sie diesen absolut hässlichen Vogel geschossen hatte. "In absoluten Ausnahmefällen auch Affen und Schlangen." Nun allerdings hob Skadi ihren linken Arm und deutete auf zwei blasse, aber deutlich sichtbare Kreis runde Narben auf ihrem Unterarm. "Das passiert, wenn du dich mit dem falschen Affen anlegst." Langsam drehte sie den Ellenbogen nach innen und entblößte eine dritte und vierte Narbe auf der Unterseite. Der Biss des Tieres war deutlich zu erkennen und hatte einmal ihren kompletten Arm durchbohrt. "Hätte mich mein Bruder nicht verteidigt, wäre ich wohl dabei draufgegangen."
Hundegröße also, jedenfalls wenn man einen Hund vor Augen hatte, der zu etwas zu gebrauchen war, ganz gleich ob nun als Wachhund, Jagdhund oder anderes. Und als Skadi berichtete, sie nicht gejagt, sondern eher gepflegt zu haben, wanderte das warme Lächeln ganz von allein auf seine Lippen und bis zu seinen Augen hinauf. Kaum vorzustellen, dass sie die Tapire vermutlich eher verjagt hätte, statt ihren Vater Jagd darauf machen zu lassen. Skadi, die sich besonders am Anfang hart und unnahbar gegeben hatte und nun neben ihm saß wie ein kleines Mädchen, das es nicht mit ansehen konnte, dass derartige Tiere auf ihrem Teller landeten, obwohl es doch so viel darüber zu schwärmen gab. Mit einem Grinsen auf den Lippen rempelte er sie freundschaftlich an, erwiderte ihren Blick, ohne den kurzen Schatten darin zu bemerkten und lachte leise. „Du bist schon gut so, wie du bist.“, gab er offen zu, ehe er der nächsten Antwort lauschte und sich ein Bild von ihrer Heimat zu machen versuchte. Dass Schlangen wirklich gut essbar waren, bezweifelte er noch immer. Aber vermutlich bloß, weil er sich nie wirklich gut genug damit ausgekannt hatte, um die giftigen von den harmlosen zu unterscheiden. Da hatten sie lieber die Finger von gelassen. Als sie seine Aufmerksamkeit auf ihren Arm lenkte, musste der Lockenschopf im fahlen Licht etwas genauer hinsehen, konnte dann aber die verheilten Bissnarben erkennen, die ihr damaliger Angreifer hinterlassen hatte.
„Wirklich? Ein Affe?“, fragte er überrascht, als er die Hand hob und sie sachte um ihr Handgelenk lehnte, um sie davon abzuhalten, den Arm direkt wieder wegzuziehen. Bislang war er nie groß in Berührung mit größeren Affen gekommen, zum Glück, wie ihm jetzt kam, denn bei Skadi klangen die pelzigen Gesellen ganz und gar nicht nach Spaß. „Deshalb nur in Ausnahmefällen? Das scheint ja gerade nochmal gut gegangen zu sein. Aber sie haben keine Jagd die Kinder aus dem Dorf gemacht, oder?“ Er hatte gerade das Gefühl, Affen aus einem ganz neuen Blickwinkel zu sehen. Allerdings ging es hier auch nicht um die kleinen Arten, wie es schien – dazu waren die Narben viel zu groß.
Liams Worte hallten so warm und weich zwischen ihren Rippen wieder, dass sie selbst auf sein kurzes Anrempeln nur mit einem verschmitzten Lächeln reagieren konnte und sich irgendwie seltsam an ihrem Platz vorkam. Da dieses Gefühl allerdings wie ein warmer Sommerregen auf ihre Seele prasselte, genoss sie die stetig wachsende Vertrautheit zwischen ihnen. Schenkte Liam einen offenen und herzlichen Ausdruck auf den feinen Zügen, den sie eigentlich als begraben geglaubt hatte. Der Musiker war in der Tat ein Hexer. Er verbrachte seltsame Dinge und tat im Grund genommen nichts spektakuläres dabei. Unweigerlich musste sie sich eingestehen, dass sie den Lockenkopf mochte. Weitaus mehr als den Großteil der Crew - was so gesehen auch keine Herausforderung darstellte. Dennoch verbrachte sie gern Zeit mit ihm. Egal auf welche Weise. Und es käme ihr jetzt bereits seltsam vor, wenn er von heute auf morgen verschwinden würde.

"Ja... ich kann mich nur verschwommen an alles erinnern. Gerade stand ich noch auf einer Aussichtsplattform der Ruinen... und schwups..." Sie hob den freien Arm in die Luft und zuckte nicht einmal zurück, als Liams warme Fingerkuppen ihr Handgelenk umschlossen. Sie vertraute ihm. Blind, wenn man es genau nahm. Was vielleicht naiv war - immerhin konnte er genauso gut ein ziemlich perfides Spiel mit ihr treiben und eine Maske aufsetzen, die alles in den Schatten stellte, was sie an Schauspielerei bereits gesehen hatte. Doch sie brauchte diese Unbeschwertheit, die er in ihr auslöste. Brauchte dieses "Ich nehme dich wie du bist" und "ohne Reue". Er tat ihr gut. Und sie würde sich diese Bindung durch keinen Gedanken dieser Welt kaputt reden.
"Ich glaube wir sind in irgendwas hinein geraten. Normalerweise reagieren Affen nicht so brutal. Zumindest nicht, wenn man sie in Ruhe lässt. Und da wir sie an diesem Tag definitiv nicht gejagt haben... waren sie höchst wahrscheinlich mit ihren Babies unterwegs." Oder es war gerade Paarungszeit. Wer wusste das schon so genau.
Im ersten Moment noch hatte sein Blick auf ihrem Unterarm geruht, ehe er mit einer langsamen Bewegung seine Hand zurückzog und gleichzeitig den Blick zu ihrem Gesicht hob, während sie bereits weiter zu erzählen begonnen hatte. Es musste ein furchtbares Erlebnis gewesen sein für ein Kind. Das, was er bisher gehört hatte, klang insgesamt nicht danach, als hätte die Jüngere eine unbeschwerte und einfache Kindheit gehabt, doch Liam war nicht der Mann, der sie jetzt danach fragen würde. Das, was er zwischen den Zeilen mitbekam, reichte ihm vollkommen und war im Grunde schon mehr, als er erwartet hatte. Doch er wollte sich nicht darüber wundern, nahm es, wie es kam und begegnete ihr mit der gleichen Offenheit. Und auch, wenn die Reaktion verständlich gewesen wäre, wenn Skadis Annahme zutraf, würde er bei seiner nächsten Begegnung mit einem Affen vielleicht einen Moment darüber nachdenken, was er tat. „Ich glaube, ich hätte mich eine Zeit lang nicht mehr in den allein Wald getraut.“, vermutete er und verzog nachdenklich die Lippen. Unweigerlich musste er an den Tag denken, an dem er, kaum dass er mit seinem Vater aufgebrochen war, über Bord gegangen war und den Neuanfang zumindest ein paar Tage verflucht hatte. „Sollte ich jedenfalls demnächst mal wieder auf einen Affen stoßen… Ich überlege mir zwei Mal, ob ich mich mit ihm um eine Banane streite.“, zog er die Konsequenz mit einem Feixen, ehe er wieder nach dem Stift griff und Skadi erwartungsvoll anblickte. „Wie sieht’s aus? Noch eine Runde?“, fragte er und setzte die Spitze des Stiftes wieder aufs Papier. Was dabei rum kam, hatte eine Schwanzflosse, die ebenso an eine Meerjungfrau erinnern konnte, einen rundlichen Körper mit verhältnismäßig kleinen, klobigen Flossen und einer großen, rundlichen Schnauze. Seekühe sah man doch öfter Mal auf See.
Furcht. Unangenehm hallte dieses Wort in ihr nach und ließ kurze Erinnerungsfetzen an die Oberfläche gleiten. Skadi konnte von sich behaupten, dass ihr ein Großteil dessen aberzogen worden war. Angst hatte sie vor nichts. Meistens glich es eher einem leichten Unbehagen und brennenden Kribbeln im Bauch. Wann immer also ein Mensch zu Recht in Panik versetzt wurde, geschah bei Skadi Gegenteiliges. Der Selbsterhaltungstrieb sprang an und brachte ihren unbeugsamen Willen zum Vorschein. Sich einer Sache zu beugen käme ihr niemals in den Sinn. So schmerzhaft die Erinnerungen an damals auch waren. Ihr Vater hatte ihr die Furch, die sie damals verspürt hätte, gründlich ausgetrieben. Selbst wenn es bedeutete sie an einen Baum zu fesseln - tief im Wald und Mutterseelen allein. "Glaube ich dir.", entgegnete sie ihm mit einem matten Lächeln und seufzte leise. "Aber wenn man sich seiner Angst nicht stellt, verfolgt sie einen, bis sie ihr großes Maul aufreißt und das Leben verschlingt, das du ohne sie hättest haben können." So ungefähr hatte es ihre Mutter immer ausgedrückt, wenn Skadi mit schmollendem Mund und deutlich entnervter Miene auf dem Dach der Hütte gehockt hatte. Nur um das Verhalten ihres Mannes in Worte zu fassen, der darin nicht sonderlich gut war.
Mit einem Auflachen stellte sie sich just Liam mit einer Banane in der Hand vor. Und einem kleinen Äffchen auf seinen Schultern, dass schimpfend am anderen Ende der gelben Frucht zog. "Am besten wirfst du sie ihm einfach vor die Füße und ergibst dich... vielleicht hast du auch Glück und Sineca eilt dir zu Hilfe."
Nickend beantwortete sie seine Frage und machte es sich wieder auf seiner Schulter gemütlich. Wandte die dunklen Augen auf die langen Finger seiner Hand, die schwungvoll Linien zu Papier brachten. Eine Weile schwieg sie zu seinem Kunstwerk, spitzte die vollen Lippen nachdenklich und wandte sie dann immer noch überlegend auf seine Haut hinab. Schloss für einen Moment die Augen und kramte in ihren Erinnerungen. "Das ist eine Seekuh oder?" Presse sie knapp über der warmen Haut Liam an die Oberfläche und hob mit einem geschlossenen und einem geöffneten Auge den Kopf.
Skadi verlor kein Wort darüber, dass es ihr ähnlich ergangen war, doch Liam war sich nicht sicher, ob sie selbst entschieden hatte, sich nicht erst einmal von ihrem Schock zu erholen, oder ob ihr schlicht die Möglichkeit genommen worden war. Auch, was sie danach sagte, brachte da nicht mehr Aufschluss, kam ihm aber sinngemäß sehr bekannt vor. Sein Blick verlor sich für einen kurzen Moment auf ihrer Nasenspitze, ohne sie wirklich anzusehen, während er langsam nickte. Liam war gewiss kein Mensch, der sich von Angst von irgendetwas abhalten ließ. Er war leichtsinnig und bereute lieber im Nachhinein, als etwas nicht versucht zu haben. Und trotzdem gab es Dinge, denen man nicht gewachsen war und denen man auch niemals gewachsen sein würde. „Aber manchmal reicht es, ihr ins Gesicht zu lachen, statt sie besiegen zu wollen.“, fügte er seine Gedanken an. Angst war nichts Schlechtes. In den meisten Fällen war sie begründet. Was man daraus machte, war das Entscheidende. Liam wusste, dass er manche Ängste niemals los werden würde. Aber er war fest entschlossen, sich nicht von ihnen überwältigen zu lassen. Doch statt weiter über Ängste zu philosophieren, wandte er sich wieder ihrem kleinen Spiel zu, nahm unbewusst wohlwollend die Wärme ihrer Finger und den Hauch ihres Atems an seiner Schulter wahr und zeichnete eine Seekuh aufs Papier, die Skadi nach kurzem Überlegen tatsächlich erriet. „Korrekt!“, beglückwünschte er sie und besah sich ebenfalls nochmal kurz Seine Zeichnung, ehe er den Kopf leicht in ihre Richtung wandte. „Böse Zungen behaupten, dass der Mythos der Meerjungfrauen auf sie zurück geht. Verzweifelte Seemänner, die felsenfest behaupten, einer Meerjungfrau begegnet zu sein, sollen bloß dem Anblick einer Seekuh erlegen gewesen sein.“
Ihr ins Gesicht lachen, darüber hatte sie noch nie so genau nachgedacht. In ihrer Heimat begrüßte man den Tot während der Folter so. Mit einem Lächeln und Lachen, um keine Angst zu zeigen. Um selben im letzten Atemzug für seine Ideale und Werte einzustehen und kämpfend unterzugehen. Doch Skadi verstand, dass es Menschen gab, die in so vielen Dingen anders waren als sie. Denen Ängste nicht als etwas Abnormales vorkamen, sondern Formen des Selbsterhalts. Als kleines Mädchen hatte sie sich dann und wann gewünscht jemand anderes zu sein. Nicht jeden Tag aufs neue von ihrem Vater geprüft und abgehärtet zu werden und einfach nur mit ihren Schwester am Strand zu liegen und ihnen beim Singen und Streiten zuzuhören.
Somit verschwand ihr Lächeln von den Lippen und machte einem nachdenklichen Ausdruck Platz. Just in diesem Moment hätte sie gern tief hinter die Fassade aus warmen braunen Augen gesehen. Gewusst was dem Lockenkopf durch den Kopf spukte. Welche Ängste ihn plagten um vielleicht dem Gedanken nachzuhängen, sie ihm in einer anderen Realität von der Schulter ziehen zu können. Doch das lag nicht in ihrer Macht. Das einzige das sie ihm geben konnte war sie selbst. Mit all ihrer Ehrlichkeit, ihrer Loyalität und Aufmerksamkeit.
Für einen Moment rutschten die langen Arme um seinen Oberkörper. Umklammerten ihn locker, während der dunkle Haarschopf abgelenkt auf seine Zeichnung fiel. Sie bemerkte nicht einmal, wie sie sich an ihn kuschelte. Rückte erst von dem Jungen Musiker ab, als er ihr ein ziemlich widerliches Bild in den Kopf pflanzte. “Irgh... dein Ernst?!“ Etwas angewiderte schwankte der Blick aus dunkelbraunen Augen zwischen Liams Zügen und der Seekuh hin und her. “Die müssen sehr einsam und verzweifelt gewesen sein.“ Mit einem energischen Kopfschütteln versuchte sie die Gedanken abzustreifen. Seufzte jedoch angesichts der Tatsache, dass sie wohl nie wieder einen langjährigen Seemann betrachten konnte , ohne just an Seekühe erinnert zu werden.
“Da finde ich die Geschichte zu denen hier ja viel besser.“ Murmelt sie, entzog Liam seinen Stift und kritzelte einen Rochen aufs Papier. “Man bezeichnet sie auch als Vögel des Meeres. Hast du jemals einen von ihnen aus dem Wasser springen sehen? Erst glaubst du deinen Augen nicht... und dann... kommt dir die Idee gar nicht mehr so dumm vor, dass sie in manchen Kulturen die wiedergeborenen Seelen von Seefahrern sind.“
Manchmal waren Ängste sogar beflügelnd, ließen einen Dinge schaffen, die man nie für möglich gehalten hätte. Liam musste sich selbst nicht anlügen, doch die meiste Zeit kitzelte sie ihn unangenehm in der Magengegend und feuerten ihn so nur noch mehr an, etwas durchzuziehen. Was ihn durchhalten ließ, war dabei meistens Alex gewesen, der der Gefahr mit einem ähnlich breiten Lachen ins Gesicht geblickt hatte wie Liam selbst. Alleine konnte man nicht alles schaffen. Manchmal brauchte es eben einfach eine Hand, die bereit war, gemeinsam ins Verderben zu schreiten und es – komme was wolle – niemals zu bereuen. Und selbst, wenn es an Bord der Sphinx nicht unbedingt Freundschaft war, die sie alle verband, sie hatten zumindest dasselbe Ziel, das sie vereinte und gemeinsam nach vorne blicken ließ, ungeachtet, ob dort das Glück oder der Untergang wartete. Als sich Skadis Arme um ihn legten wie ein Mantel, fühlte es sich für den Augenblick fast so an wie früher. Unbesiegbar und allem gewachsen, was in der Dunkelheit seiner Gedanken lauerte und sich in Anbetracht der Gegenwart zurück in die Finsternis verzog. Selbst, wenn es nur ein Moment war, in dem die Einsamkeit in weite Ferne rückte und ihn in der Geborgenheit der neuen Bekanntschaften zurückließ. Er hob seinen freien Arm automatisch nach oben, legte ihn quer über Skadis, der seine Brust umschloss in einer Geste, über die er keine Sekunde nachdenken musste. Die Bekanntschaft mit der Nordskov war längst nicht mehr derart oberflächlich, wie Liam es normalerweise auf Schiffen pflegte. Beschränkt auf die großen Themen und bedeutungsloses Geplauder; das, was Menschen eben hören wollten. Aber es schien ihnen beiden gut zu tun und das war alles, was zählte.
Ihre Reaktion nahm er mit einem Lächeln entgegen und nickte abermals, um ihr zu verdeutlichen, dass er nicht spaßte. „Wer weiß, wie lange sie auf See waren. Und wie viel Rum sie intus hatten.“, mutmaßte er und überließ ihr schließlich wieder bereitwillig den Stift, um ihre Hand beim Zeichnen zu beobachten. „Ein Rochen, ja.“, bestätigte er und dachte kurz nach. „Vielleicht ja der Seefahrer, die sich kurz davor auf eine Seekuh einlassen wollten.“, hielt er mit einem Glucksen für möglich. „Es ist schon beachtlich, was da draußen alles existiert. Und ich bin mir sicher, dass wir von einigem nicht einmal etwas gehört oder gesehen haben.“
Wie viel musste ein ausgewachsener Seebär wohl an Rum zu sich nehmen, um den Körper einer Seekuh für eine Meerjungfrau zu halten? Das bestätigte wohl ihre jahrelange Ahnung, dass die meisten Seefahrer latente Alkoholiker sein mussten, wenn ihnen die Unmengen, die ihre gerade an Krügen und Fässern vorschwebten, nicht zum sofortigen Tot beitrugen.
“Ich weiß gerade nicht wer mir mehr Leid tun soll, der Seemann oder die Seekuh.“
Doch weiter kam sie nicht mehr. Verfing sich just in ihrer Zeichnung und den Worten die Liam darauf hin herab regnen ließ und ihr einen belustigt schockierten Laut entlockte. “Eeeew. Du zerstörst gerade den schönen Gedanken den ich im Kopf hatte.“ Während sie gerade noch an schillernde Rochen dachte, an denen das glitzernde Wasser bei ihrem Sprung durch die Wasseroberfläche abperlte - wandelte sich ein seltsam schreiender Mund an ihre flache, helle Unterseite.
Mit einem heftigen Kopfschütteln versuchte sie das Bild loszuwerden und umschloss wortlos Liams Oberarm. Bettete im selben Atemzug ihre Wange gegen seine Schulter. Grübelte eine Weile schweigend über seine Worte und wusste, dass sie in ihr einen Wunsch wachrüttelten, den sie zuvor nie gekannt oder viel mehr zugelassen hatte. Sie wollte die Welt sehen. Mehr über all das erfahren, was ihr nun wie einem kleinen Kind offen stand. Als Mädchen war sie bereits verträumt den Gedanken nachgehangen, dass es noch viel mehr dort draußen gab, als ihre kleine Insel und die Familien, die sie bewohnten. Doch mit den Jahren hatte sie unter der wachsenden Verantwortung und den Aufgaben, die ihr Vater ihr gab, verlernt zu träumen. Band sich an das Leben und die Menschen, die sie so sehr liebte und beschützen wollte.
“Ich habe das Gefühl, dass wir genau das ändern werden. Zumindest einen kleinen Teil davon.“ Flüsterte sie fast schon verheißungsvoll unter dem Schmunzeln eines Abenteurers. Ließ die langen Finger versetzt Stück für Stück über Liams Arm, seinen Ellenbogen und Unterarm hinab zu seiner Hand gleiten und zwischen seine Finger hindurchfahren. “Ein bisschen freue ich mich schon darauf.“, gestand sie leise. Starrte auf ihre verwobenen Hände ohne sie wirklich wahr zu nehmen. Wandte sich dann mit einem amüsierten Gesichtsausdruck an Liam und lächelte verschmitzt. “Zur Sicherheit organisiere ich auch lieber ein paar Bananen, um dir einen Affenbiss zu ersparen.“
Nun war es an ihm, die Lippen zu verziehen und vehement zu versuchen, seiner bildhaften Fantasie ein Ende zu setzen, bevor sie Skadis Worte in ein anschauliches Bild verwandeln konnte. Ähnlich wie bei seinem Gespräch mit Ryan, als sie gemutmaßt hatten, dass es irgendwo sicherlich auch erlaubt war, sein Nutzvieh zu ehelichen. Die Jüngere schien einen ähnlichen Kampf zu führen, selbst wenn er sich inzwischen auf die majestätischen Rochen bezog, die sich nach und nach zu Geistern vergilbter Seemänner wandelten. „‘Tschudige.“, bemerkte er mit einem schiefen Grinsen, als sie sich an ihn hängte, um das wirre Bild gefangener, verlorener Seelen abzuschütteln. Und schließlich spürte er ihre Wange wieder an seiner Schulter, während sein Blick für den Moment wieder in die Weiten des Nachthimmels schweifte. Er konnte sich nicht einmal annähernd vorstellen, wie viel es da draußen wirklich gab. Dinge, deren Existenz man aufgrund zu weniger Sichtungen bezweifelte oder für Legenden hielt. Dinge, die noch nie vor ihnen ein Mensch überhaupt zu Gesicht bekommen hatte. Immer, wenn er über so etwas nachdachte, kam er sich unheimlich unbedeutend vor. Winzig in Anbetracht dessen, was sie alle umgab. Und trotzdem hielten sich die Adligen mit ihren nichtigen Problemen für den Mittelpunkt der Welt. Es gab so viel mehr von mehr Wert, als Macht jemals für ihn haben würde. Als Skadi – vielleicht ähnlich beeindruckt von diesem Gedanken – zu flüstern begann, zeichnete sich ein mattes Lächeln auf seinen nachdenklichen Zügen ab. Nur flüchtig nahm er wahr, wie ihre Finger seinen Arm hinunterwanderten, bis sie zaghaft aber entschlossen zwischen seinen hindurch glitten und ein wohliges Gefühl in seiner Magengegend heraufbeschworen.
Ohne den Kopf zu drehen fiel sein Blick für einen Sekundenbruchteil auf ihre Hand, lauschte nur beiläufig der kindlichen Vorfreude in ihrer Stimme, ehe sich der Griff um ihre Hand etwas später kaum merklich festigte. Liam wollte sich gar nicht ausmalen, wie einsam die letzten Jahre für sie gewesen sein mussten. Umringt von Menschen, bei denen man ständig nur Gefahr lief, entdeckt und verraten zu werden. Mit wenigen Ausnahmen vielleicht, wenn er bedachte, dass sie ihr Schicksal nun an ihren einzigen Anker zu hängen versuchte, der ihr seid der Explosion der Morgenwind geblieben war. „Pah, ich kämpfe da schon drum, keine Sorge. Wäre doch gelacht, wenn ich einem Affen keine Banane wegnehmen könnte.“, ließ er sich von seinen Gedanken nichts anmerken und blickte lieber entschlossen drein. Vielleicht nicht unbeschadet, aber siegreich. Und zur Not würde Skadi ihm sicherlich den Hintern retten. „Aber hey.“, begann er dann, hob die andere Hand und umschloss damit für einen kurzen Moment auch die andere Seite der Hand, deren Finger mit seiner verwoben waren. „Das klingt doch glatt danach, als hättest du ein neues Ziel für dich vor Augen.“ Mit einem zuversichtlichen Ausdruck in den Augen blickte er zu ihr hinüber und schätzte, dass ihr die Tragweite ihres Vorschlags gar nicht so bewusst gewesen war. „Ein ziemlich Gutes, wohlbemerkt.“
Eines, was auch ihn seit etlichen Jahren durch die Erste Welt trieb und glücklich machte. Zu gerne hätte er ihr in diesem Augenblick angeboten, sie bei diesem Vorhaben zu begleiten, stattdessen aber schwieg er lieber. Er war unzuverlässig, sprunghaft, was seine Entscheidungen betraf. Er war kein Mann für solche Angebote. Aber er würde sie mit Vergnügen begleiten, solange sie denselben Weg hatten. Liam schluckte trocken, als ihm abermals die ausstehende Entscheidung vor Augen rutschte, ob er bleiben oder gehen wollte. Doch so einfach sie auch in Momenten wie diesen erschien – er wusste, dass mehr daran hing. Konsequenzen, die er mit sich vielleicht nicht vereinbaren konnte und über die ihm nur Talin Klarheit bringen konnte. „Meinst du, Drachen lassen sich auch mit Bananen gnädiger stimmen?“, begann er schließlich wieder und strich ihr abwesend mit den Fingern über den Handrücken, ehe er wieder aufsah. Der nachdenkliche Ausdruck auf seinen Zügen war noch nicht gänzlich verschwunden, doch das Zucken in seinen Mundwinkeln verriet bereits wieder, dass er seine Frage nicht ernst meinte - nicht ernster jedenfalls als ein Kind voller Träume.


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