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Geheimnisse einer Lady
Szenen-Informationen
Charaktere Gast
Datum 23 März 1822
Ort Auf der Sphinx
Tageszeit Vormittags
Crewmitglied der Sphinx
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#21
Das Holz knarzte protestierend, sperrte sich gegen die Gewalt, die an ihm verübt wurde und Lucien schoss noch in diesem Moment der Gedanke durch den Kopf, dass sie die Tür würden abschleifen müssen, damit sie sich wieder ihrer Bestimmung folgend öffnen und schließen ließ. Doch dann, mit einem Mal, gab sie nach und Lucien, der ja eigentlich gerade darauf gehofft und damit gerechnet hatte, wurde von dem plötzlich fehlenden Widerstand derart überrumpelt, dass er nach hinten über kippte.
Schmerzhaft landete er auf Steißbein und Rücken, bevor er seinen Sturz mit dem Ellenbogen stoppen konnte. Ein scharfer Schmerz schoss seinen Oberarm hinauf, ließ ihn kurz das Gesicht verziehen, bevor sich der Dunkelhaarige langsam wieder nach oben kämpfte, um einen Blick durch die nun offene Tür zu werfen.

Für einen lang gedehnten Augenblick breitete sich Schweigen im Frachtraum aus. Nur unterbrochen von leisem Gegacker aus der gegenüberliegenden Ecke. Eine Leiche. Eine Leiche? Oder viel weniger als das. Ein mit ledriger Haut überzogenes Skelett, merkwürdig verrenkt in der schmale Lücke zwischen Tür und Schiffswand. Schlabbrige Lumpen bedeckten Oberkörper und Beine, zerfressen und porös gemacht durch die Zeit und die salzige Luft des Meeres. Nur das Bündel zwischen den knöchernen Finger wirkte unversehrt.
Greo war der erste, der die passenden Worte für ihre Entdeckung fand und der junge Captain stieß ein belustigtes Schnauben aus.

Zumindest nicht mehr, seit er bemerkt hat, dass die Tür nicht mehr aufgeht.

Mühsam rappelte er sich in die Hocke auf, bewegte sich damit automatisch wieder näher zur Tür hin. Doch da überwand der Ältere bereits sein Zögern und griff nach dem Bündel. Lucien behielt dabei den zur Seite geneigten Schädel im Auge – und die bleichen Fingerknochen des armen Tropfs. Doch als nichts geschah, richtete er seine Aufmerksamkeit auf das Bündel, das Greo ihm reichte.

Irgendwie habe ich jetzt damit gerechnet, dass der Kerl sich gleich bewegt, um dich aufzuhalten...

Verschmitzt warf er dem Mann einen Blick zu und griff dann nach dem Bündel.
Unter zwei Bahnen dicken Leinenstoffs kam ein versiegelter Umschlag zum Vorschein. Cremeweiß mit rotem Wachs in der Mitte. Darauf der Abdruck eines Wappens, das ihn die Stirn runzeln ließ.

Das ist das Wappen der Handelskompanie.“ Er hob den Kopf, sah erst Greo an und dann zu dem Skelett in der Schiffswand. „Was macht ein Bote der Handelskompanie auf einem Piratenschiff?
Crewmitglied der Sphinx
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#22
„Gott bewahre.“,

grunzte Greo und klebte mit seinem Blick nach wie vor auf dem belustigt dreinschauenden Schädel. Es fiel ihm äußerst schwer, sich davon loszureißen. Er hatte zwar keinen näheren Bezug zu diesem Haufen an Knochen und Haut, der irgendwann mal eine Person gewesen war, dennoch fuhr ihm bei Lucs Worten ein unangenehmes Gefühl die Wirbelsäule herunter. Das musste wahrlich eine grausame Erkenntnis gewesen sein, als der Insasse festgestellt hatte, dass er gefangen und verdammt war. Er machte eine merkwürdige Mimik, bei der er die Nase rümpfte und den Mund verkniff, als ob ihm erneut unangenehmer Geruch um das Gesicht schwebte. Hoffentlich blieb dieses Ding schön da, wo es war, und würde sich nicht wieder zum Leben aufraffen.

„Bitte?“,

fragte er und drehte sich leicht in Richtung des Kapitäns. Die Schräubchen zwischen seinen Ohren ratterten. Die Handelskompanie? Das schien wirklich keinen Sinn zu ergeben. Dann, in einer fixen Idee, runzelte er die Stirn.

„Muss ja kein richtiger Bote sein. Kann das auch geklaut haben. Mach mal auf.“
Crewmitglied der Sphinx
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#23
Auf Greos Nachfragen hin hob Lucien nur wortlos den Brief und tippte mit dem Zeigefinger der Hand, die das Papier hielt, gegen das rote Wachs in dessen Mitte, das ein stilisiertes Schiff vor dem schwachen Relief einer Kompassnadel zeigte. Schwer lesbare Worte rahmten das Bild ein, doch jeder Mann und jede Frau der Ersten Welt, ob des Lesens mächtig oder nicht, wusste, dass dort lediglich „Königliche Handelsflotte“ stand.
Doch der Ältere hatte auch nicht Unrecht. Seine Vermutung zumindest ließ den jungen Captain stirnrunzelnd nicken und den Brief wieder zu sich drehen. Er zögerte einen Moment, das Siegel einfach so zu brechen. Unversehrt hätte man es wieder zukleben und so tun können, als wüsste man von nichts. Sah man sich allerdings den Zustand der Leiche an, war dieses Schriftstück vielleicht längst in Vergessenheit geraten. Also was soll's?

Fragt sich nur, welche Information so wichtig ist, dass man sie klauen will. Und woher unser klappriger Freund hier davon wusste.“, meinte er mit einem kurzen Seitenblick auf das Skelett.

Dann brach er das Siegel mit einem leisen Knack und faltete das Blatt umsichtig auseinander. Das Leder musste die Tinte vor den schlimmsten Wettereinflüssen geschützt haben, denn fein geschriebene Worte füllten Zeile um Zeile, immer noch erstaunlich gut zu entziffern. Wenn, zumindest. Ja, wenn.
Lucien hob mit einem schiefen Grinsen den Blick und richtete ihn auf Greo.

Kannst du zufällig lesen?
Crewmitglied der Sphinx
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#24
Während der Kapitän sich über das Briefgeheimnis hinwegsetze – nun gut, zumindest ansatzweise, indem er das Siegel brach – ging Greo im Kopf einige Möglichkeiten durch, die Leiche loszuwerden. Er hatte kein Interesse daran, die Tür einfach wieder zu schließen und diese getrocknete Rosine durch die Gegend spazieren zu segeln. Wahrscheinlich war es das Beste, wenn sie ihn irgendwo verscharrten oder aber tatsächlich mit auf die nächste Überfahrt nahmen und samt einer Kanonenkugel im Meer versenkten. Da würde ihn zumindest niemand mehr überraschend finden. Er setzte zu einem leichten Nicken des Kopfes an, wie, um sich selbst zu bestätigen, obwohl diese Geste auch als Antwort für Lucien hätte gelten können. Er hielt inne, schaute den Kapitän einen Augenblick lang stumm an und nahm ihm dann schlicht den Brief ab.
Das Papier fühlte sich zu verletzlich für seine groben Griffel an. Sein Blick senkte sich auf die Schrift und er verengte die Augen in der Anstrengung, das Geschriebene zu entziffern.

„Hm… bla-bla Stützpunkt in vierten Welt von höchst bla-bla-übertriebene-Selbstüberzeugung bla-bla… unterrichten darüber, dass die Spadille im Morgengrauen des gestrigen Tages den Hafen von Corroboree unter dem Namen Salamander verlassen hat. Corroboree?“

Greo hatte den Mund ein wenig geöffnet und schüttelte voller Unverständnis den Kopf.

„Corroboree? Das liegt nicht weit von – hä?“

Er führte den Brief näher zum Gesicht, als ob die Worte plötzlich was anderes ergeben würden. Dann rieb er mit den Fingern über das Papier und prüfte, ob sich weitere Zettel lösten und runzelte die Stirn ob einer Anlage, die so feste an dem Anschreiben geklebt hatte, dass es ihm zuerst nicht aufgefallen war.

„Das ist eine Liste. Hm-hm-bla-ja-das-Übliche, bisschen viel Wasser und Lebensmittel für die veranschlagten sechs Monate Überfahrt, wenn du mich fragst. Die wollten zur ersten Welt. Ah. Warte. 24 Weibliche, 7 Männliche, 21 Junge und davon 5 männlich. Was soll das sein, Rindviecher? Nee, kann nicht sein, Schafe wurden auch explizit aufgeführt.“

Keine genaue Definition? Das konnten auch Gefangene sein, wobei auch die meist konkret als solche benannt wurden. Waren das Sklaven? Ein bitteres Gefühl von Solidarität legte sich um seine Brust.
Crewmitglied der Sphinx
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#25
Statt einer Antwort nahm ihm der Ältere den Brief wortlos ab, entfaltete das Papier und richtete den Blick aus so verwirrend unterschiedlichen Augen auf die schwungvoll geschriebenen Worte. Lucien interpretierte das kurzerhand als ein 'Ja' und legte die Unterarme in wartender Haltung auf seine Knie, bis Greo im Schnelldurchgang die wichtigsten Eckpunkte vorlas.
Auf die Lippen des jungen Captain schlich sich während dessen ein belustigtes Schmunzeln, doch er hatte den Blick auf die Planken zu seinen Füßen gesenkt und hörte aufmerksam zu. Ein Stützpunkt in der Vierten Welt. Schön und gut, ziemlich weit weg. Weiter, als sein begrenzter Horizont reichte, der gerade erst über die Insel hinaus wuchs, die mal so etwas wie seine Heimat gewesen war. Er wusste mal eben genug über die Erste Welt, um sich über die 'bla-bla-übertriebene-Selbstüberschätzung' der Königlichen Handelsflotte amüsieren zu können.
Allerdings hatte er auch genug von seinem Vater gelernt, um zu wissen, warum man ein Schiff umbenannte und es unter neuem Namen zurück in die Heimat schickte. Und genau in diesem Moment hob der Dunkelhaarige den Blick wieder, zog eine Braue in die Höhe und sah Greo mit leiser Verblüffung an.
Dass dem der Ort 'Corroboree' augenscheinlich etwas sagte, drang im ersten Moment nicht wirklich zu Lucien durch. Wohl aber die Tatsache, dass die Handelskompanie offensichtlich Schmugglerschiffe unterhielt, die bis in die Vierte Welt fuhren. Warum? Was gab es da, dass man es schmuggeln musste?
Dann fiel ihrer beider Blicke auf den zweiten Bogen Papier, den Greo ebenfalls überflog und bei einigen ungewöhnlichen Einträgen stutzte.

Das sind Sklaven“, stellte Lucien überrascht fest. „Ich hab' davon gehört, dass man nur Geschlechter aufzählt, damit man die Frachtlisten nicht als Beweise auslegen kann. Sklavenhandel ist in der Ersten Welt verboten...

Ein klein wenig dämmerte ihm die mögliche Tragweite dessen, was sie hier gefunden hatten. Allerdings wusste er beim besten Willen nicht, was er mit dieser Information anstellen sollte. Sein Vater hatte alle möglichen Waren geschmuggelt, sofern es ihm genug Geld eingebracht hatte. Aber nicht mit Sklaven. Der Handel mit Menschen war schlicht... widerwärtig. Selbst Kalem besaß genug Anstand, um davon die Finger zu lassen.

Corroboree...“, setzte Lucien schließlich hinzu und sah wieder zu Greo auf. „Sagt dir das was?
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#26
Der Verdacht war ihm gerade erst durch den Kopf gegangen, da sprach der junge Kapitän schon das aus, was er befürchtet hatte. Sein Herz stolperte einen Treppenabsatz hinab und er stieß scharf die Luft zwischen den Zähnen aus.

„Arme Schweine.“,


sagte er nur und guckte grimmig. Was Lucien sagte, ergab für ihn Sinn. Hätte er weniger Anstand besessen, hätte er ausgespuckt; aber er besudelte schließlich nicht seinen Schlafplatz und das war die Sphinx im Grunde ja. Mit einem Male widerte es ihn an, das Papier weiter in der Hand zu halten, als ob er damit eine Verbindung zu den Personen schaffte, die so abartige Dinge wie Menschenhandel unter dem Deckmantel normaler Frachtverschiffung betrieben. Kein Wunder, dass der Proviant viel höher veranschlagt war als für eine solche Überfahrt üblich.
Sein Puls beruhigte sich schnell wieder. Nüchtern betrachtet lohnte diese Information keinen persönlichen Ärger: einmal waren sie wahrscheinlich zu weit weg, zweimal würde sich die Mannschaft nicht für eine Rettungsaktion hergeben, die Risiko ohne Gewinn bedeutete, drittens hockte der Schrumpelkumpane mit dieser Nachricht schon zu lange in der Bordwand, als dass sie das entsprechende Schiff noch hätten abfangen können. Der Drops war gelutscht, die Sklaven wer weiß schon in welcher Umgebung verstreut. Obgleich Greo mit den Unterdrückten, um die es hier gehen musste, sofort sympathisierte, konnte er doch nichts für sie tun und hatte obendrein doch genug Ärger an den eigenen Hacken hängen.
Er guckte geistesabwesend auf das vergilbte Blatt. Luciens Frage ließ ihn den Brief resolut zusammenfalten. Er drückte dem Kapitän die Unterlagen in die Hand, richtete sich wieder auf und machte sich ohne groß Federlesen daran, ein grobes Tuch zu suchen, in das sie die Leiche einpacken konnten. Für einen Moment hatte er betroffen gewirkt, aber nun hatten sich seine Züge wieder geglättet.

„Ursprünglicher Kolonialstützpunkt, eine Hafenstadt im Südosten Elanoras.“,

sagte er knapp, grabschte fahrig nach einem stockigen Segeltuch und schaute mit verengten Augen zu der Leiche, als berechnete er, ob sie sich damit einwickeln ließ, oder er ihr erst die Beine brechen musste.

„Nutzt ja nix. Ist zu spät und sollte das so sein, wie du sagst, kann man mit dem Papier da auch nicht mehr beweisen, als dass jemand den Schiffnamen gewechselt hat. Haben wir ‘ne Kugel übrig?“

Der Farmer wollte nicht pietätlos sein, aber er hatte seine Scheu vor der trockenen Mumie bereits abgelegt. Dinge mussten schließlich erledigt werden. Mit einem äußerst unschönen Knacken packte er das Gestell an den Schultern und hob es mit leichter Anstrengung aus seinem Gefängnis; die Leiche verkantete sich mit Schuhen und einem Ellbogen in der Schrankwand und Greo versuchte krampfhaft das übelkeiterregende Knirschen zu ignorieren, das damit einherging, dass er den fremden Toten etwas kompakter umfasste und rauszerrte.
Haare und Stofffetzen lösten sich. Greo ließ den Botschafter oder Schmuggler oder was er auch gewesen sein mochte, auf eine halbwegs freie Fläche fallen – Klonk! – und begann ihn in das Tuch einzuwickeln.*

*Ich habe gerade ein Déjà-vu. Seit wann ist Greo der Totengräber der Sphinx :'D
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#27
Lucien nickte nur wortlos. Arme Schweine, in der Tat. Der Dunkelhaarige scherte sich in der Regel nicht um das Schicksal anderer Menschen. Er kümmerte sich nicht um die Dinge, die ihn schlicht nicht betrafen, da ließ er anderen den Vortritt. Und auch jetzt empfand er kein Mitgefühl für die, deren Leben gehandelt wurde, wie Ware. Wie Gegenstände, die man sich ins Haus stellte. Aber er empfand allein bei dem Gedanken, bei der Erinnerung an Ketten und Gitterstäbe, an Gefangenschaft und Entbehrung, einen so tiefen, wütenden Widerwillen gegen das Prinzip des Sklavenhandels, dass ihn das, was sie hier gefunden hatten, doch nicht kalt ließ. Es machte ihn wütend, widerte ihn an.
Seine Gedanken drifteten in eine ähnliche Richtung wie die Greos. Ihr klappriger Freund lag schon zu lange hier, um das Schiff, von dem die Rede war, zu finden und den Menschen an Bord irgendwie zu helfen. Ihr Schicksal hatte seinen Lauf längst genommen. Doch dieser unterschwellige Groll blieb und gab ihm nun etwas, woran er zu nagen hatte. Etwas, das er nicht völlig verstand.
Sein Blick kehrte zu Greo zurück, der Brief und Frachtliste zusammenfaltete und ihm schließlich in die Hand drückte. Lucien schob sie samt ihrer ledernen Hülle in den Bund seiner Hose, mit der festen Absicht, sie Talin später zu zeigen und mit ihr darüber zu reden. Vielleicht schafften sie es ja so, sich ein wenig anzunähern.
Greo ließ er dabei jedoch nicht aus den Augen, bemerkte den Wechsel von Betroffenheit zu Distanziertheit. Dem maß er nicht mehr Bedeutung bei, als nötig, horchte aber dennoch auf, weil der Ältere eine wage Ahnung der Vierten Welt zu haben schien. Er fragte nicht nach, zumindest in diesem Moment nicht, sondern nickte nur und erhob sich.

Ich geh eine holen.

In der Zeit, in der Greo ein Segeltuch heran zog und den klapprigen Leichnam aus seinem Gefängnis befreite, trieb Lucien ein schlankes Seil auf, das er sich eingerollt über die Schulter warf, und besorgte eine der Sechspfünder – etwas Schwereres hatten sie zwar nicht, aber da an dem Toten nicht mehr viel dran war, außer mit ledriger Haut überzogene Knochen, würde das wohl reichen. Beides ließ er neben dem Toten auf die Planken sinken und schob die Kugel zwischen die jetzt merkwürdig verrenkt wirkenden Beine des Skeletts, bevor Greo ihn gänzlich mit Tuch eingewickelt hatte.
Das Seil griff er sich, um ihr Paket im Anschluss fest zu verschnüren.

Woher weißt du von diesem Handelsstützpunkt?“, fragte er schließlich aus reinem Interesse, während er das Seil von unten beginnend um das Segeltuch wickelte und es fest verschnürte.
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#28
Es war nicht so, dass Greo keine Skrupel hatte, aber er war ein Opportunist, der sich äußerst geschäftsmäßig den Gegebenheiten anpasste und dabei lediglich berücksichtigte, wie er gut aus der Sache rauskam. Unter diesen Umständen musste die Leiche zufrieden damit sein, dass sie eine Seemannsbestattung erhielt und netterweise noch eingeschnürt wurde, bevor man sie dem Meer übergab. Das war mehr, als sie für diesen Fremden hätten leisten müssen und Greo war froh, wenn das Ding – er musste sich kurz zurechtrufen, dass es sich immer noch um einen Menschen handelte – nicht mehr an Bord war, keinen Platz mehr wegnahm und sie sich wieder ihrer Aufräumaktion und Inventur widmen konnten. Konzentriert auf seinen unerwarteten Nebenjob als Totengräber, entging ihm die subtile Veränderung in Lucien, die mit ein bisschen Sensibilität und Aufmerksamkeit darauf hindeutete, dass auch ihn die Geschichte rund um die Sklaven, auf die eine oder andere Weise anrührte. Beide hatten egoistische Gründe dafür, keiner sprach sie an und somit wagten sie sich unwissentlich gar nicht erst in die heiklen Gewässer des privaten Austauschs. Sie umschifften sie, wie es sich für Seemänner gehörte.

Lucien fackelte nicht lange anzupacken und kam mit den notwendigen Utensilien daher, die das Beweisstück Person für immer im Wasser versenken sollten. Greo hatte sich nach dem Wickeln wieder hingehockt und die Unterarme auf den Knien abgestützt, ließ die Hände locker hängen und sah zu, wie der Kapitän ein versandfertiges Päckchen aus der Leiche zauberte. Sauber.
Er hob in einer undeutlichen Geste die Schultern an und griff dann bereits vom Kopf an nach dem Botschafter, damit sie ihn an Deck schaffen konnten, wo er nicht so sehr störte.

„Bin mal dort gewesen. Die Kolonien bieten sich für Handel an. Man kann Material loswerden.“


Das war nicht gelogen. Es war nur halt nicht alles. Aber das interessierte den Ranghöheren nicht und zudem hatte es keine Relevanz für die Thematik. Greo fragte sich kurz, ob Ureinwohner Elanoras unter den Sklaven waren, gewundert hätte es ihn nicht. Aber auch diese Überlegung nutzte nichts, es war einfach zu spät.
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#29
Lucien beendete sein Verschnürungswerk mit einem straffen Knoten um den knochigen Hals des Toten und hatte sich kaum zurück sinken lassen, als Greo bereits zupackte und ihr Paket anzuheben begann.
Der junge Captain hob flüchtig den Blick, musterte das Gesicht seines Gegenübers, der ganz und gar auf seine Aufgabe konzentriert zu sein schien und eher beiläufig antwortete. Ein guter Ort zum Handeln. Mehr nicht. Und doch fragte er sich, was den verschwiegenen Mann wohl bis in die Vierte Welt geführt hatte. Er hatte auf Lucien nie wie ein eingefleischter Seebär gewirkt, obwohl er gerade jetzt mehr denn je an einen ebensolchen erinnerte. Kein Abenteurer, kein fahrender Händler und erst recht... kein Pirat.
Greos Vergangenheit und seine Beweggründe blieben im Dunkeln verborgen und der 21-Jährige fragte nicht weiter nach. Vielleicht irgendwann, wenn ihr Weg sie in diese Gewässer führte, würde er sich daran erinnern, dass sie dem Hutträger vertraut waren. Falls er sie dann noch begleitete. Doch für den Augenblick nickte er nur, rutschte mit einer eher ungelenken Bewegung zum anderen Ende der Leiche und packte das eingerollte Segeltuch an dessen Füßen.
Mit einem leisen Schnaufen ob der schweren Bleikugel hoben sie ihren blinden Passagier an, um ihn mitsamt der leeren, zum Ausbrennen vorbereiteten Fässer auf den Kran und schließlich an Deck zu verfrachten und ihn später, wenn es sie endlich wieder aufs Meer hinaus verschlug, den Fischen zu übergeben.
Und danach... Danach konnten sie sich in aller Ruhe wieder ihrer Arbeit im Frachtraum widmen.


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