12.11.2017, 14:21
Auch die Genette hatte sich von ihrer waghalsigen Aktion wieder sichtlich erholt. Kaum, dass man sie zurück an Board der Sphinx geholt hatte, hatte sich die gefleckte Wildkatze in die tieferen Ebenen des Schiffs verzogen und sich erst einen Tag später wieder gezeigt. Liam hatte sich davon nicht verunsichern lassen. Er wusste, dass die Ginsterkatze durchaus nachtragend sein konnte. Ein Sprung ins eisige Meerwasser war – wie er fand – durchaus ein Grund, ein wenig verstimmt zu sein. Gerade, wenn es sich dabei um eine ohnehin eher wasserphobische Katze handelte. Bisher aber hatte sich das Tierchen immer wieder recht bald erholt gehabt. Liam gab ihr Zeit und machte keine große Sache daraus. Dennoch war er deutlich beruhigt, als sich Sineca wieder auf Deck getraut hatte und die ereignisreiche Nacht vergessen schien.
Besonders die aussortierten Taue und Netze schienen es ihr angetan zu haben. Der neu gefundene Spielplatz diente dazu, den Stress der vergangenen Tage ein wenig zu minimieren. Auch die vielen fremden Gesichter hatte sie durchaus im Auge behalten und sich stets auf Abstand befunden. Und als bräuchte sie dazu einen Ausgleich, war die Bindung zu den bereits bestehenden Mitgliedern der Crew ein wenig zutraulicher geworden. Anders wahrscheinlich hätte sie den Ruf Shanayas ohne Reaktion an ihr vorbeigehen lassen. Die Dunkelhaarige hatte allerdings bereits den Dreh raus, wie man die Aufmerksamkeit der Ginsterkatze auf sich zog: In letzter Zeit hatte dieser Ruf nämlich nicht selten bedeutet, dass es etwas Fressbares abzustauben gab. Die Ohren der Katze zuckten kurz fragend durch die Luft, ehe sie die Gestalt ausgemacht hatte und sogleich ein vermeintliches Stück Futter in ihre Richtung fliegen sah. Sie zögerte kurz, kletterte dann aber recht schnell aus ihrem Versteck heraus und huschte leichtfüßig in die Richtung der jungen Frau.
Liam nahm das zwar wahr, hatte aber keinen Grund dazu, sich weiter darum zu kümmern. Er hatte eine andere Situation, auf die er sich einlassen musste. Seine Augen folgten kurz der kleinen Gestalt, während er sich umwandte und den neu ergatterten Captain zu Gesicht bekam. Ein anderer wäre jetzt vielleicht peinlich berührt gewesen, wenn ihm seine Verwechslung aufgefallen wäre, aber Liam fehlte dieser Scham gänzlich – besonders, da seine Frage ja ohnehin eine kleine Scharade gewesen war, die mit dem Anblick Luciens aber bereits wieder vollkommen vergessen war. Er erwiderte das Lächeln des jungen Mannes, von dem er sich bisher keinen wirklichen Eindruck hatte machen können. Seine Entgegnung aber sorge durchaus bereits für ein paar Pluspunkte. Kein Captain also, der sich zu schade war, mit der Crew zu arbeiten. Ähnlich wie Talin. Hatte er etwas anderes erwartet? Die Freude über seine plötzlich wiedererlangte Freiheit stand ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Es war ein furchtbarer Gedanke für den Lockenkopf, sich damit abfinden zu müssen, nur noch dem Tode entgegenzublicken und niemals mehr die Sonne zu sehen. Es musste wie ein zweiter Geburtstag sein, den Lucien und die übrigen Gefangenen durchleben mussten. Liam wog den Kopf zur Seite, schmunzelte breit und nickte schließlich durchaus glücklich über den Umstand.
„Richtig, zu genau den Verrückten gehöre ich.“, stimmte er ihm zu, ließ den möglichen Stolz darüber allerdings vermissen.
Liam war nicht der Typ Mensch, der sich für irgendwelche Taten aufspielte. Es war keine wirkliche Bescheidenheit, sondern mehr seine Unbekümmertheit über Meinungen anderer. Solange er mit seinem Tun und Handeln zufrieden war, spielte es keine Rolle, was andere dachten. 'Verrückter' nahm er in diesem Zusammenhang auch ganz und gar nicht als Beleidung. Lucien hatte Recht. Es war verrückt gewesen. Aber so war er nunmal. Verrückt und chaotisch. Daran gab es nichts zu rütteln. Allerdings kam er nicht auf den Gedanken, dass es vielleicht von Vorteil gewesen wäre, sich noch einmal vorzustellen. Ihm war der Name seines Gegenübers durchaus geläufig (sie hatten ja lang genug nach ihm gesucht), weiter dachte er nicht. Da würde er sich also mit 'Verrückter' begnügen müssen. Als Lucien weitersprach, wendete sich auch der junge Mann um und blickte in Shanayas Richtung.
Sineca hatte sich indes vorsichtig dem Stück Dörrfleisch genährt, ohne die Dunkelhaarige aus den Augen zu lassen. Lange ließ sie sich aber nicht bitten, den Köder zu fressen und mit einer Mischung aus Neugier und Gier in den Augen zu der jungen Frau hinüberzublinzeln. Ihre Rute wischte ruhig über die Schiffsdiehlen, während sie langsam näher kam und die kleine Nase schnuppernd in ihre Richtung hielt. Da war noch mehr. Das konnte sie eindeutig wittern und ließ es Shanaya auch gleich durch einen sachten Laut wissen.
Gerade, als sich der Lockenkopf wieder an den Captain wenden wollte, trat ein weiterer Mann zu ihnen heran, ohne groß vorher auf sich aufmerksam zu machen. Ein weiterer der Geretteten, dem der Umstand, wieder am leben zu sein, allerdings nicht so nahe zu gehen schien wie es bei Lucien der Fall war. Vielleicht war er sogar ein bisschen verbittert darüber? Seine wortkarge Art zumindest ließ genau diesen Eindruck entstehen. Ihm schien es herzlichst egal zu sein, ob er sich nun auf der Sphinx befand oder eben doch auf einem Gefangenentransporter. Dankbarkeit sah für ihn jedenfalls anders aus. Er wollte auch sogleich Lucien für sich und augenscheinlich ernste Themen beanspruchen. Liam fackelte nicht lange, schloss von sich auf andere und entschied, dass der Captain vorerst etwas Ruhe verdient hatte. Er hatte mit Sicherheit nicht darauf gewartet, dass ein Großteil das Schiff verließ, um sich hervorzutrauen, bloß um dann direkt wieder vereinnahmt zu werden.
„Tja, hinten anstellen, Kollege. Das muss jetzt erst einmal warten.“, wiegelte er ihn freundlich ab, ohne auf eine Reaktion des Angesprochenen zu warten. An diesen wendete er sich aber sogleich wieder, deutete mit der Hand über seine Schulter in die Richtung des Bugaufbaus und führte mit Einfachheit ein Gespräch fort, welches Lucien und er eigentlich nie gehabt hatten. „Komm, ich zeig' dir, was ich meine. Ganz gleich, wie nötig wir es an anderen Stellen haben, vielleicht sollten wir uns zuerst darauf konzentrieren und das Holz erneuern. Andererseits sollte man doch davon ausgehen, dass sich hier genügend Material für alles finden lässt.“
Ohne Lucien eine wirkliche Wahl zu lassen, stapfte er bereits davon. Von der Stelle vorne am Schiff hatte er Aspen sprechen hören, aber jetzt bot es sich an, vorerst so zu tun, als hätte ihr Schiffsbauer noch keinen Wind von dieser kaputten Stelle. War doch klar, dass sich das einer der Captains angucken musste. Und wenn sie Glück hatten, schaufelten sie Lucien so ein wenig Zeit für sich selbst frei, um die Sonne und die Freiheit zu genießen – fernab von Belagerung und vermeintlich ernsten Dingen. Was würde hier draußen auf dem Meer an der Küste einer einsamen Insel nicht warten können? Genau – nichts. Denn nichts war für Liam so wichtig, als einfach mal durchzuatmen und die Freiheit, das Leben und die Natur genießen zu können.