26.11.2023, 21:37
Dieses Geplänkel war zum Sterben langweilig. Er sagte. Sie erwiderte. Er schmunzelte daraufhin in sich hinein, als wolle er in diesem Moment einfach nur noch Unaussprechliches mit ihr tun. Sie versuchte so gelassen zu bleiben wie irgend möglich. Es war so unsäglich vorhersehbar, dass Ceallagh die Lust daran verlor weiter zuzusehen. Selbst wenn er es gemusst hätte. Selbst wenn die Schlägerei im Schankraum mehr hätte sein können, als der tägliche Abrieb von Dummheit und Alkoholismus. Doch er wollte schlichtweg einfach nicht mehr. Vertrieb sich lieber die Beine, indem er entspannt an Lucien vorbei das Regal entlang schlich. Gewillt war sogar in Richtung Tür davon zu huschen, um vielleicht einen Blick nach unten zu erhaschen.
Allerdings erledigte das Schicksal den Rest für ihn. Ließ den Lärm dermaßen ansteigen, dass mit dem darauf folgenden Schuss beinahe zu rechnen gewesen wäre. Oder zumindest etwas, das nach zerbrechendem Holz oder Knochen klang. Und während Riegan bis zuletzt entspannt und lässig auf seinem Platz gesessen hatte, wirkte er nun nicht mehr wie der allwissende König in diesem Reich. Seine Augen hatten, zumindest von dem kurzen Blick, den Ceallagh beim Herumdrehen erhaschen konnte, jegliche Erhabenheit verloren und weitaus mehr Beunruhigung angenommen.
Und hätte Lucien ihn mit seinen geflüsterten Worten nicht abgelenkt, wäre dem Fremden vielleicht nicht das perfide Grinsen in den Mundwinkeln seines Besuchs entgangen. Wie auf Kommando zog der Hayes an der Szenerie vorbei, die alle Umstehenden zur schieren Panik anhielt und aufscheuchte wie Hühner. Hatte nur die Tür im Blick, die er ein amüsiertes “Darf ich mal?“ später mit beiden Händen zuschlug und einen der warmgesessenen Stühle unter der Klinke verkeilte. Es würde zumindest einiges mehr an Kraft brauchen, um hinein zu kommen. Erst Recht, wenn er den leblosen Körper des Wächters dort hinauf hievte, der noch zu Luciens Füßen auf dem Boden lag.
Natürlich hatte er sich von diesem Treffen etwas anderes erhofft. Zugegeben war DAS nicht unbedingt ein Ausblick gewesen, den er sich ausgemalt oder gar herbei gesehnt hatte. Doch von den endlosen Erzählungen, die er auf diesem Schiff bereits aufgeschnappt und verinnerlicht hatte, lief in den Händen dieser Crew nie etwas nach Plan. Was womöglich besser war, weil sie so die Zufälle ergreifen konnten, wenn sie sich ihnen boten. Wie in jenem Moment, als der Tumult ganz ohne ihr Zutun unterhalb begonnen und ihnen die Möglichkeit geboten hatte, Profit aus einer Sache zu schlagen, für die sie ohnehin verantwortlich gemacht worden wären.
Denn so schätzte er Riegan ein. Als Verfechter unfairer Mittel. Und wenn nicht heute, dann in jenem Moment, wo er ihn und Lucien ausgemolken hätte wie Säue. Hach. Zu schön wäre es doch gewesen, hätte er den Spieß umdrehen können. Doch er hatte die Rechnung ganz ohne Lucien gemacht, dessen Versessenheit auf das Ei hinter ihm wohl nur minimal dazu beitrug, diese Situation eskalieren zu lassen.
“Verzeihen sie meine Herren.“ Wandte sich Ceallagh nun an die Aristokraten, die mit panischen Blicken durch den Raum starrten wie Vieh, das zur Schlachtbank geschickt wurde. “Der Tumult war eigentlich nicht geplant… aber…“ Gemächlich griff er sich in den Stiefel und zog einen seiner wenigen Dolche, die er am Leibe trug, heraus. “Sie wissen ja wie das ist… Gelegenheiten nicht zu ergreifen, die sich bieten, wäre doch nicht im Sinne eines guten Geschäftsmannes.“ Seine Augen huschten über die Gesichter jedes Einzelnen. Blieben kurz an Riegan haften, der innerlich alsbald vor Wut zu kochen schien. Nur um dann, scharf und ungewöhnlich finster, auf einen der Aristokraten zu schnellen, dessen Hand gerade im Begriff war eine Waffe zu ziehen. “ Ts ts ts…“, schnalzte er, den Kopf zur Seite geneigt und innehaltend. “Das würde ich an ihrer Stelle besser stecken lassen. Sonst sind unsere schönen Gesichter das letzte, was sie sehen werden.“
Den Jungen unter einem der Tische hatte er vielleicht peripher im Augenwinkel wahrgenommen, doch nicht vollends registriert. Selbst wenn er damit rechnete alsbald ein kleines Messer im Bein stecken zu haben, galt seine Aufmerksamkeit den Herrschaften, die noch immer unsicher herumstanden. Grübelten, wie sie der Situation entkamen und ob es tatsächlich ratsam war, den Piraten einen Grund für noch einen durchbohrten Körper zu liefern. Zumindest gaben sich Lucien und Ceallagh alle Mühe es ihnen so wenig schmackhaft wie nur möglich zu machen.
[Ostya - nördliches Hafenviertel | Riegans Büro | Lucien, Soula und Cole]