13.08.2023, 17:35
Fasziniert beobachtete der junge Captain, wie Soulas Auftreten sich zu wandeln begann. Von der zurückhaltenden Beobachterin, unsicher ob der Rolle, die sie in diesem Schauspiel einnehmen sollte, zu der selbstbewussten Spielerin, als die er sie ebenfalls bereits kennengelernt hatte. Ganz in ihrem Element, mit einem untrüglichen Blick für die Stimmungen ihres Gegners und vorbereitet auf jede Finte, ob auf dem Spielfeld oder in ihrem Rücken. Sie schien sogar darauf zu achten, ob eine andere Person im Raum ihr in die Karten sehen und ihrem Gegenüber versteckte Hinweise zukommen lassen konnte.
Lucien hatte selbst nicht damit gerechnet, wie perfekt sie sich in Ceallaghs und sein Vorhaben einfügte und wie hervorragend sie ihre Fähigkeiten nutzen konnten, um die Waagschale zu ihrem Vorteil kippen zu lassen. Beinahe wie eine Figur auf dem Schachfeld, sorgsam eingesetzt, um den König abzulenken und zuletzt matt zu setzen. Ein Winkelzug, der zugegeben eher zu Ceallagh passte, denn zu dem dunkelhaarigen Kelekunier und doch spürte er kein Bedauern, stellte sich nur kurz die Frage, ob die junge Frau ihnen später vorwerfen würde, dass sie sie schnöde für ihre Zwecke benutzt hatten. Doch dann schnurrte eine leise Stimme in ihm, dass es ihm doch egal sein könne.
Er vertrieb diesen ungewohnt kalten Gedanken aus seinem Kopf, schwor sich stumm, dafür zu sorgen, dass Soula in diesem Spiel kein Bauernopfer sein würde, und wandte den Blick für einen Herzschlag Ceallagh zu, erlaubte sich ein spöttisches Schmunzeln.
„Ich bin wohl der naiven Vorstellung erlegen, wir könnten hier doch noch eine friedliche Einigung erzielen und unser Vorhaben umsetzen, ohne, dass noch jemand die Hand aufhält.“
Sie hätten Riegan sogar anbieten können, ein paar von diesen Artefakten zu beschaffen, mit denen er sich so schrecklich gern umgab. Wenn er sie nur ihren Geschäften hätte nachgehen lassen. Aber dass sich ein Schmugglergeschäft über die ganze Erste Welt nicht ohne Hindernisse aufziehen ließ, was ihnen zumindest von Anfang an klar gewesen. Von denen, die eine Scheibe davon abhalten wollten, mal ganz zu schweigen.
Sein Blick wanderte seinen Arm hinab zu dem Ei, über dessen geschuppte Schale er nun völlig bewusst die Fingerspitzen gleiten ließ, und der wahnwitzige Drang, nicht ohne dieses Ding von hier zu verschwinden, fraß sich förmlich in seinen Verstand – so mächtig, dass er ihm kaum widerstehen konnte – und fieberhaft begann er darüber nachzudenken, wie er das würde bewerkstelligen können. Von einem Herzschlag auf den anderen war Lucien eines völlig klar: Er würde nicht ohne dieses Ei gehen. Koste es, was es wolle.
„Da sich dein Optimismus bezüglich Riegan ja in Grenzen hält, habe ich irgendwie nicht schlecht Lust, ihm hier das ein oder andere seiner heiß geliebten Schmuckstücke abzunehmen“,
raunte er amüsiert in die Richtung seines alten Freundes und war sich einen Moment später gar nicht mehr so sicher, ob er das wirklich als Scherz gemeint hatte. Die tiefgrünen Augen kreuzten Ceallaghs Blick und blitzten beinahe vergnüglich, ob der Vorstellung dieses kleinen, recht wahnwitzigen Abenteuers. Dann sah er hinab auf das Buch in der Hand des Blonden und gab ein leises Schnauben von sich, um nur halb gespielt zu ulken:
„Die mitgehen zu lassen, dürfte ja nicht allzu schwer sein.“
Lucien hatte kaum zu Ende gesprochen, da bemerkte Ceallagh einen kleinen Schnipsel Papier, der zwischen einer der Buchseiten herauslugte. Und als er beiläufig die entsprechende Seite aufschlug, rutschte ihm ein schmales Blatt entgegen, über und über mit wirren Notizen in einer fein säuberlichen Handschrift bedeckt. Gerade so hinderte er es am Herunterfallen und verbarg es sorgfältig vor allzu neugierigen Augen, die vielleicht in seine Richtung huschten.
Mit einem flüchtigen Blick fielen ihm zwei Sätze auf, die scheinbar als Leitfragen der Notizen dienten: „Drachen möglicherweise noch existent?“ und darunter „Was verbirgt Cheliya?“. Ein großer Tintenfleck hatte den Anfang einer weiteren Wortgruppe unkenntlich gemacht, die mit „... degeneriert“ endete. Schräg daneben prankte die Feststellung „Legenden vermutlich falsch“. Rechts unten – und das war das Letzte, was Ceallagh bewusst registrierte, hatte der unbekannte Autor des Zettels „ENdD“ und „LaWuiU“ notiert und mit einem nachdrücklichen Tintenkringel umrahmt.
Noch etliche weitere Wortgruppen, Satzbruchstücke und Gedanken zierten das helle Blatt, doch der Blonde kam nicht dazu, weiterzulesen, als das, was als Nächstes geschah, unweigerlich von seinem Fund ablenkte.
Riegan hatte auf Soulas Wunsch hin nur lächelnd genickt und begonnen, die Karten zu mischen. Mit einer Aura der Unantastbarkeit zwischen seinen Leibwächtern und seinen Bewunderern sitzend, teilte er schließlich mit geübten Handgriffen die Karten aus und bedeutete der jungen Frau, ihren ersten Zug zu machen. Während dessen beobachtete er sie genau, musterte ihre Züge, als sie die Karten anhob – und dies gewiss nicht nur, um keine Reaktion auf das Blatt in ihrer Hand zu verpassen. Denn auch ihr hübsches Gesicht zog seine Aufmerksamkeit an und da er beinahe sichtbar davon ausging, dass sie ihm haushoch unterlegen sein würde, erlaubte er sich, das Spiel eher als Vorwand zu betrachten, der ihm erlaubte, sie ein wenig näher in Augenschein zu nehmen.
„Nun, meine Liebe... Erlaubt mir die Frage, was eine schöne Frau wie euch in die Kreise von Schmugglern und Spielern verschlägt. Ihr seht eher so aus, als kämt ihr aus gutem Hause, solltet eure Familie um euch haben und ein weniger kriminelles Leben führen, als...“, er machte eine Handbewegung, die den Raum umspannte, „dieses hier.“ Mit geradezu gütigem Blick neigte er den Kopf, gespannt auf eine Antwort.
Doch noch ehe die junge Frau das Wort ergreifen konnte, drang plötzlich ein tumultartiger Lärm aus dem Flur zu ihnen hinein, der alle Blicke im Raum in Richtung Tür wandern ließ. Riegan runzelte die Stirn, machte jedoch keine Anstalten, sich alarmiert zu erheben. Von der fernen Treppe, die nach unten in den Schankraum führte, war das herrische Geraunze des Wirtes zu vernehmen, begleitet vom begeisterten Gejohle betrunkener Gäste. Und dazwischen eine wütende Stimme, die jedoch so dumpf zu ihnen hinauf klang, dass niemand auch nur ein Wort verstand. Nur Soula erkannte sie in diesem Moment als die Kierans, wenn auch ohne jede Vorstellung davon, was ihr Begleiter hier zu suchen hatte.
Mit einem herrischen Kopfnicken wies Riegan einen seiner Leibwächter an, nachzusehen, was da vor sich ging, und der bullige Mann verschwand mit einem Grunzen aus dem Raum. Riegan, zwei Leibwächter, eine Hand voll Adliger und der kleine Junge blieben mit den drei Piraten zurück. Ein Umstand, der dem jungen Captain einen Schwall Adrenalin durch die Adern jagte und seine Hand beinahe reflexartig an den Griff seines Degens huschen ließ, ohne dass er die Waffe wirklich zog.
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