26.04.2023, 16:21
Der Friedhof. Liams Augenbrauen zogen sich kurz überrascht zusammen. Der Friedhof war nicht unbedingt Ort Nummer eins, an dem er eine jugendliche Bande vermuten würde. Nicht, dass von diesem Ort eine wirkliche Gefahr ausgegangen wäre, aber als Jugendlicher hatte man den Bezug zu Magie und Atomsphäre doch noch nicht derart verloren, dass einem ein Friedhof kein Unbehagen bereitete, oder? War es wirklich klug, von Jugendlichen auszugehen? Liam stellte sich diese Frage zwar in Gedanken, kam aber nicht auf die Idee, sie direkt an den Jungen zu stellen – ihren einzigen Anhaltspunkt bezüglich dieser Aja, den sie hatten. Er wäre nicht Liam gewesen, hätte es ihn gestört, nicht allumfassend über das in Kenntnis gesetzt worden zu sein, was da auf sie wartete. Trotz aller Vorsicht, die er momentan walten ließ, was man es auf sie abgesehen hatte – aus der eigenen Haut konnte man eben nicht heraus. Und woran man nicht dachte, wurde auch nicht mit einem Mal präsenter, nur weil es ihnen das Leben retten konnte.
Rayons Bemerkung galt ein belustigtes Schnauben, nachdem er seinen – wieder – leeren Krug auf dem Tisch abgestellt hatte. Auch ihre neue Bekanntschaft Cassy beteuerte ihre Hilfsbereitschaft, sodass die Gruppe schließlich gemeinsam mit dem Jungen die Taverne verließ. Vor der Tür des Wirtshauses konnte man bereits die dicke, mannshohe Mauer erkennen, zu der man sie führte. Jetzt, wo sie explizit danach suchten, schrie förmlich alles an dieser Mauer nach Friedhof. Auf dem Weg hierher hatte er sie kaum wahrgenommen – auf ihrem Weg aus der Stadt waren sie allerdings auch aus der anderen Richtung gekommen. Für einen Friedhof hatte man sich große Mühe gegeben. Wenn man etwas Fantasie spielen ließ, hätte man fast glauben können, dass die hohen Mauern und die eiserne Krone darauf dazu gedacht waren, etwas davon abzuhalten, hinauszukommen. Liam überkam eine angenehme Gänsehaut bei dem Gedanken, welche Abenteuer sich damit kreieren ließen. An einem großen, schmiedeeisernen Tor schließlich blieb der Junge etwas verunsichert stehen. Der Lockenkopf warf einen Blick hinein.
„Okay. Da jemanden zu finden, wird wohl doch schwieriger als gedacht.“, bemerkte er beim Anblick dessen, was sich ihm bot. Die Größe des Areals konnte er von hieraus nur erahnen. Ebenso wie die Anzahl der Mausoleen und Gebäude, die sich hinter den Vordersten verbargen. „Hat ein bisschen was von Werwolfjagd, was sagt ihr?“
Man sah seinen Zügen an, dass er tatsächlich begann, Freude an diesem Vorhaben zu empfinden. Seine Hand ruhte für einen kurzen Moment ruhig auf dem Knauf seines Degens, während er die sichtbaren Pfade mit den Augen entlangschritt und dann wieder in die Runde blickte. Sein Lächeln wurde ein wenig spitzbübischer, den Gedanken dahinter behielt er allerdings für sich. Ob nun Werwolf oder Wendigo.
„Was meint ihr? Legt man die irrationale Angst vor Geistern irgendwann ab? Wenn sie sich schon einen Friedhof als Versteck aussuchen, warum nutzen wir das nicht für uns?“
Vielleicht hätte er das letzte Bier doch nicht so stürzen sollen. Aber was solche Abenteuer anging, wurde er eben nie erwachsen – daran ändere auch das ein oder andere Bier nichts. Auf Milui war er immerhin vollkommen nüchtern gewesen, als er der Truppe Kinder gemeinsam mit Skadi den Schreck ihres Lebens verpasst hatte.