14.02.2023, 14:42
Sein Atem ging gleichmäßig, während er jede noch so kleine Bewegung beobachtete, die sich von der Seite nähern konnte. Er rechnete felsenfest damit, dass jemand hinter dem anderen Wagen hervorkommen würde. Damit hätten sie Deckung und das Überraschungsmoment auf ihrer Seite. Wobei auch ein direkter Angriff in diesem Moment bei Rym für Verwunderung sorgen würde. Wer wagte es schon, Männer direkt anzugreifen, wenn sie eindeutig eine gute Deckung hatten? Nun, es gab bestimmt einige Verrückte, aber so schätzte er diese Banditen nicht ein. Um ehrlich zu sein, überraschte es ihn sowieso, dass sie den Konvoi überfielen. Obwohl sie einen guten Hinterhalt geplant hatten, hätten sie genauso gut an diesem Punkt scheitern können. Was wäre gewesen, wenn sie mehr Männer dabeigehabt hätten? Also hatten sie eine kleine Ratte eingeschleust? Jemand, der ihnen verraten hatte, wie viele Männer die Wägen beschützen würden?
Das leichte Zittern der Erde lenkte seine unnützen Gedanken wieder aufs Hier und Jetzt. Wen interessierte schon, warum sie angegriffen wurden? Darüber konnte er sich Gedanken machen, wenn er diesen Wahnsinn überlebte – was möglich war, wenn er den kleinen Glückspilz fand und in seiner Nähe behielt. Oder vielleicht auch, wenn dieser wie ein strahlender Held auf einem Pferd angaloppierte.
Zum ersten Mal in seinem Leben erfreute das rhythmische, schnelle Hufgetrampel den Dunkelhaarigen. Er schielte unter dem Wagen hindurch, zu den Füßen, die auf seine Deckung gerichtet waren. Sehr schnell konnte er noch mehr von den Körpern der Männer erkennen, nachdem diese zu Boden gerungen wurden, als ein Pferd durch sie hindurch senste.
Rym grinste, als er erkannte, dass sich ihr Blatt damit ein wenig wandelte. Für einen kurzen Moment in diesem Überfall musste er sich keinen Kopf darüber machen, ob nicht doch ein Angriff aus der Mitte erfolgen würde. Dafür schien Bewegung in seine eigentlichen Ziele gekommen zu sein. Er hatte einfach gewusst, dass sie die Deckung des anderen Wagens nutzen würden, um von der Seite zu kommen. Er schnaubte leicht, legte sich wieder hin, atmete, zielte und schoss schließlich auf den Ersten, der um den Wagen herumtrat. Da er zu weit unten lag, konnte er nicht auf den Kopf zielen, als blieb nur das naheliegendste und vermutlich schmerzhafteste für einen Mann.
Noch bevor der Schrei des Banditen erklang, zielte Rym auch schon mit dem noch verbliebenen Schuss auf den nächsten Angreifer. Der Erste würde entweder Eunuch werden – wenn er Glück hatte – oder hier an Ort und Stelle verbluten. Damit stellte er keine Gefahr mehr da. Eventuelle weitere Angreifer schon. Doch gerade als der zweite Vermummte um den Wagen herumtrat – vorsichtiger als der andere – und Rym auf ihn anlegte und schließlich abdrückte, ging ein Ruck durch den Wagen, zerrte für eine Sekunde seine Waffe zur Seite, womit die Kugel schließlich in das Holz der anderen Kutsche einschlug.
Zairyms Kopf ruckte zur Seite und er erkannte, dass der Attentäter seinen eigenen Kampf zu führen hatte, was ihn auf die glorreiche Idee gebracht hatte, das Pferd samt Wagen für einen Angriff zu nutzen. Der Dunkelhaarige verdrehte die Augen und fluchte ungehemmt. Ruckartig fuhr sein Kopf zurück, während er im gleichen Atemzug auf die Beine kam und seine Waffe nachlud – was ihn zu viel Zeit kostete. In der Zeit konnte der Angreifer um die Kutsche herumtreten oder selbst von unten auf seine Füße zielen. Ein Grund, warum er nicht an Ort und Stelle stehen bleiben konnte. Also tat er das, womit der Bandit nicht rechnen würde. Er trat aus seiner Deckung. Er hob das Gewehr, als könnte er noch einen Schuss abgeben und versuchte, den Mann damit einzuschüchtern, der noch zu weit entfernt war, für den Nahkampf.
Er erahnte eher, als dass er es wirklich sah, wie der Mann grinsend seine Waffe hob und auf Rym anlegte. Der Bärtige spannte den Körper an, bereit sich ins Lavendelfeld zu rollen, als auch schon ein Schuss ertönte. So schnell war er - Moment. Dieser Schuss kam nicht aus der Waffe seines Angreifers und der Körper selbst glitt leblos zu Boden. Der Kopf des Söldners ruckte hoch und er erkannte den Kutscher, dem er vorhin noch das Leben gerettet hatte.
„Gern geschehen.“
Er hörte dem Kutscher das Grinsen an, denn nun hatte er sich bei ihm für die Rettung vorhin revanchiert. Doch dann ertönte erneut ein Schuss.
Ein dunkler Fleck bildete sich auf der Brust des Kutschers, bevor auch er leblos zu Boden glitt. Trotz Dankbarkeit, für seine Rettung, verschwendete Rym keinen weiteren Gedanken an ihn und rannte nach vorn, während der dritte Angreifer – mit dem er nicht gerechnet hatte – eilig seine Waffe nachlud. Rym schnalzte mit der Zunge, dankbar, dass der Bandit nicht an seinen eigenen Degen dachte, und rammte ihm dann den Gewehrknauf ins Gesicht. Der Angreifer fiel einige taumelnde Schritte zurück, ließ seine Waffe fallen und griff nun doch nach dem Degen. Blind fuchtelte der Vermummte damit herum, zwang Rym dazu, selbst wieder zurückzuweichen und die Waffe mit seinem Gewehr abzublocken. Mit einem Zähneknirschen zielte er auf die Kniescheibe des anderen Mannes, welchem dieser auswich und mit einem Ausfallschritt nach vorn seinen Degen auf Ryms Hals zustieß. Im letzten Moment wich er so weit aus, dass die Klinge an seinem Schlüsselbein entlang strich. Er stieß einen sehr lauten Fluch aus, drehte im gleichen Moment aber seinen Körper so, dass er mit dem Gewehrknauf auf das Handgelenk des Angreifers schlagen konnte. Diesmal traf er und der Degen fiel nutzlos zu Boden.
Bevor der andere sich danach Bücken konnte, hob Rym ihn auf und stach ohne lange zu zögern die Waffe in den Brustkorb des Mannes. Deshalb hasste er den Nahkampf. Es bedarf viel zu viel Energie, eine Waffe durch einen Körper zu stoßen. Eine Kugel war da so viel effektiver. Noch während der Mann mit gurgelnden Geräuschen zu Boden fiel und dabei versuchte die Waffe zu greifen und aus seinem Körper zu ziehen, versteckte Rym sich wieder hinter dem Wagen. Mit schnellen Bewegungen lud er endlich seine Waffe nach, bevor er an den Holzbrettern vorbei in die Mitte schaute, um zu erkennen, ob der strahlende Held auf dem Pferd Hilfe beim Beseitigen weiterer Banditen brauchte.
[Lavendelfeld, beim zweiten Wagen | bei Alex, Josiah und Trevor]