20.12.2022, 22:57
Alles in Elijah drängte ihn dazu, einen Blick über die Schulter zu werfen. Zu sehen, ob sie ihm folgten. Doch er zwang sich, es nicht zu tun. Seine Schritte führten ihn zielstrebig voran, wobei er sich Mühe gab, größere Lücken zwischen den Menschenmassen zu nehmen, damit er nicht versehentlich in einer der größeren Gruppen unterging. Sprich, er tat alles, um eben nicht unterzutauchen.
An einem breiten Stand kunstvoll verzierter Spiegel erhaschte er dank einer der großen, reflektierenden Oberflächen zwischenzeitlich einen Blick auf seine beiden Zielpersonen, die nun ihrerseits ihn verfolgten. Auf seinen Lippen erschien flüchtig ein zufriedenes Lächeln, das jedoch rasch von konzentriertem Ernst abgelöst wurde. Sein nächster Schritt hieß, die beiden aus der Menge herauszulocken. Einen abgeschiedenen Ort zu finden. Eine Seitengasse, in der ihnen kaum jemand über den Weg laufen würde.
Inzwischen kannte er die Stadt gut genug, hatte vor allem die Bereiche um die Marktplätze eingehend studiert und wusste ziemlich genau, wo er abbiegen musste, um ebendiese Abgeschiedenheit zu erreichen. Etwa zehn Schritte hinter dem Spiegelstand führte eine Straße vom Markt fort. Er bog ab, warf dabei aus den Augenwinkeln heraus einen Blick zurück, um zu sehen, was Jón und Skadi daraufhin taten, bevor er für einen Moment aus ihrem Sichtfeld verschwand.
Hier war schon deutlich weniger Betrieb, obgleich sich noch immer ein stetiger Strom aus kaufwütigen Passanten auf den Markt zu und von ihm weg bewegte. Doch es würde den beiden Piraten deutlich leichter fallen, den langen dunklen Mantel und die tief ins Gesicht gezogene Kapuze wiederzufinden. Er gab ihnen jede Chance dazu, indem er sein Tempo etwas drosselte und so lange auf der Straße blieb, bis auch sie sie betreten hatten. Dann wählte er eine schmale Schneise auf der linken Seite, die sich zwischen zwei Hauswänden hindurchschlängelte und bog darauf ein.
Die Häuserschlucht war kaum breit genug, um als einzelne Person hindurch zu passen, geschweige denn, sich hier auf einen Kampf einzulassen. Aber sie bot auch keine Möglichkeit, sich zu verstecken. Dafür mündete sie nach nur wenigen Schritten in einer etwas breiteren, gänzlich verwinkelten Gasse, auf die zwar einige mit Läden verschlossene Fenster hinauswiesen, die jedoch sonst gänzlich unspektakulär daher kam. Irgendwo weiter vorn führte sie durch einen Bogengang zurück auf eine etwas belebtere Straße, die von hier allerdings nur zu hören und nicht zu sehen war.
Einer der dunklen Winkel direkt hinter der Häuserschlucht bot ihm derweil die perfekte Deckung. Mit einem schnellen Schritt verschwand er von dem schmalen Pfad, lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand des nächsten Hauses und prüfte mit einem raschen Blick, dass sie hier vollkommen ungestört sein würden. Dann ließ er die Hand an das Heft seines Degens wandern und lauschte angespannt in das Dämmerlicht hinein. Waren sie ihm noch auf den Fersen? Oder hatten sie seine Spur verloren?
Mit einem aufmunternden Lächeln in Richtung Lola, tat Lissa noch ein paar Schritte zur Seite. Erst dann huschte ihr Blick zwischen der jungen Frau, dem Wahrsager und dessen Tisch hin und her. Kurz blieb ihr Blick auch an seinen Kartenhängen und für einen Moment verzog sich ihr Gesicht missbilligend. Sie wollte laut herausposaunen, dass dies nicht die Karten waren, die er zum Wahrsagen brauchte, aber sie schluckte den Kommentar herunter. Weder wollte sie die junge Frau verschrecken, die schon so zögerlich vor sich hin haderte, ob es wirklich das war, was sie brauchte. Und zum anderen, schien es ihr nicht an der Zeit zu sein, dem Wahrsager etwas über sein wirkliches Tarotkartenblatt zu erzählen. Außerdem sollte er sich konzentrieren. Sie wollte hören, wie er dem Mädchen die Wahrheit sagte, ihr die Fragen beantwortete, die ihr auf der Seele brannten. Natürlich war ihr bewusst, dass die Wahrsagerei für die Menschen ein Mittel war, um sich besser zu fühlen. Sie hörten, was sie hören wollten, um für den Moment ein Glücksgefühl in sich aufleben zu lassen. Aber bei dem Mädchen mit den schönen Haaren, war sich Lissa da nicht so sicher.
Nochmals glitt der Blick der Alleshändlerin über das Mädchen, ihre Haare und die Perlen darin, und ihre Fingerspitzen fingen an zu kribbeln. Gerade als sie die alles entscheidende Frage stellen wollte – ob Lolas Haare anfassen durfte – trat eine neue Figur auf die Bühne, die das Zelt des Wahrsagers langsam zu werden schien.
Die junge Händlerin musterte den Neuankömmling in gelb für einen Moment und überlegte, ob sie ihn schon einmal gesehen hatte. Doch dieser Gedanke verschwand sehr schnell wieder, denn sie würde sich sowieso nicht erinnern können. Dafür aber schienen sich der gelbe Mann und der Wahrsager bereits zu kennen und belustigt verfolgte Lissa ihren kurzen Austausch, bevor ihre Aufmerksamkeit wieder auf die junge Frau mit den schönen Haaren und die Karten gelenkt wurde.
„Nur zu, Liebchen. Stell deine Frage an das Schicksal. Vielleicht antwortet es ja wahrheitsgemäß.“
Sie schenkte sowohl der jungen Frau, als auch dem Wahrsager ein strahlendes Lächeln. Kurz darauf wurde ihr Blick aber Richtung Marktplatz gezogen, vorbei an all den Ständen, hin zu ihrem eigenen, verlassenen. Dieses unruhige Gefühl, dass sie vorhin schon angetrieben hatte, meldete sich wieder, doch schien es noch abzuwarten, zu lauern. Es war noch nicht soweit. Noch musste sie nicht zurück.