08.11.2022, 11:56
Liam reagierte genau so, wie Rayon es erwartet hatte, und ein starkes Gefühl der Dankbarkeit breitete sich in seiner Körpermitte aus. Es war schön, einen Freund zu haben, dem er solche Dinge erzählen, dem er seine Zweifel offenbaren konnte, und der darauf zuverlässig nicht mit Hohn und Spott reagierte, sondern seine Worte ernst nahm, selbst wenn sie im ersten Moment ein wenig merkwürdig anmuten mochten. Dass er ihm auf seine Frage keine klare Antwort liefern konnte, war da völlig zweitrangig, ja, fast schon irrelevant. Allein durch die Tatsache, dass er seine Gedanken nicht als völlig schwachsinnig abtat, gab er ihm die Zuversicht, dass es richtig war, mit den Worten der Bettlerin ebenso zu verfahren.
Ein kurzes Stirnrunzeln quittierte die nachdenklichen Worte des Künstlers, als dieser ihm ein Detail seiner Vergangenheit offenbarte, von dem er bisher nichts gewusst hatte. Unzählige Fragen schossen ihm sofort durch den Kopf, doch er verdrängte sie in einen ruhigeren Teil seiner Gedanken, von dem er sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder hervorholen konnte - und würde. Da Liam selbst seine Worte nicht weiter ausführte und sie vermutlich zu sehr abgeschweift wären, war dies weder die richtige Zeit, noch der richtige Ort, um einen Ausflug in die bewegte Geschichte des Mannes vor ihm zu unternehmen, auch wenn sie den Schiffskoch brennend interessierte.
"Wahn...", wiederholte er schließlich, nachdem Liam seinen Arm ergriffen hatte. "Ich habe Menschen selten im Wahn etwas sagen hören, das in irgendeiner Art und Weise Sinn ergab..."
Er schenkte seinem Freund ein schiefes Lächeln und nickte ihm zu.
"Andererseits ergeben Prophezeihungen meist auch keinen Sinn. Es ist gut, zu hören, dass du diese Möglichkeit ebenfalls in Betracht ziehst. Vielleicht müssen wir einfach abwarten, was geschieht. Ich frage mich nur, ob es notwendig sein könnte, diese Sache mit der Crew zu teilen. Schließlich ging es bei ihren Worten weniger um mich, sondern vor allem um die Sphinx..."
Der Gedanke, Lucien von der Prophezeihung zu erzählen, behagte ihm nicht, denn er konnte sich ausmalen, dass ihr Captain gänzlich anders reagieren würde als Liam. Ebenso zweifelte er daran, dass Talin dem Ganzen offener gegenüberstehen würde. Dies alles für sich zu behalten kam ihm jedoch falsch vor...
Glücklicherweise riss ihn das Räuspern des Wirtes aus seinen Gedanken. Er griff sich ein paar der Krüge, und seine Miene erhellte sich deutlich, als Liam anscheinend eine rettende Idee kam - oder zumindest eine Möglichkeit einfiel, wie sie in dieser Sache weiter verfahren konnten. Der Schiffskoch zog eine Augenbraue hoch und sah den Künstler mit einer Mischung aus Erleichterung und Skepsis an.
"Und dieser Jemand befindet sich zufällig in unserer Reichweite, nehme ich an?", fragte er und überlegte dabei, ob er überrascht sein sollte, wie häufig sie in allen möglichen Ecken der Welt Bekanntschaften seines Freundes begegneten.
[ Im Wirtshaus, mit Liam am Tresen, in Rufweite von Per, Greo und Cassy ]