31.10.2022, 22:53
Ein Pfiff ertönte. Zayrim, wenn sich Josiah nicht irrte. Die Stimme, die darauffolgte – mit den foppenden Worten, scharf und belustigt, meinte er eindeutig einordnen zu können.
Josiah unterdrückte den Drang, seinen Blick von dem Busch zu lösen und nach dem Stimmträger zu schauen. Er sollte vielleicht etwas antworten, aber was gab es da zu sagen. Ein Bejahen, um das Spiel aufrecht zu erhalten? Es waren lästige Überlegungen in dem Moment der Anspannung, wo er all seine Aufmerksamkeit auf die mögliche Gefahr richten wollte. Doch der Busch blieb weiterhin still. Für einen Moment ergriff Zweifel von ihm Besitz. Vielleicht trügte ihn sein Gefühl doch, und es war ein unerfahrenes Tier. Ein Rehkitz vielleicht, das in einem Moment des Übermuts gehandelt hatte und sich jetzt seiner Instinkte zurück entsinnte. Doch noch bevor der Zweifel es sich gemütlichen machen konnte, brach das Chaos über sie alle herein.
Ein Schrei, ein Schuss, ein kleiner Schwarm dunkler Vögel, der hinter ihnen aus dem Lavendelfeld heraus aufstieg und sich in hektischer Flucht in den Himmel erhob.
Josiah hatte seine Finger bereits an seiner Waffe, als sich die ersten Gestalten aus dem Gebüsch lösten. Doch bevor er reagieren konnte, war da noch etwas anderes. Seine Nackenhaare stellten sich auf, seine Nerven schrien förmlich auf. Seine Finger lösten sich und das Wurfmesser glitt zurück in die Tasche, als er sich zurückwarf – keine Sekunde zu spät. Ein letzter Stoß erwischte ihn an der Schulter und schickte ihn taumelnd einen weiteren Meter zurück.
Für einen Bruchteil blickte direkt in das aufgerissene Auge des Fuchses, dann musste er den Kopf zur Seite werfen um nicht den dicken Schädel des Tieres gegen seine Schläfen gedonnert zu bekommen. Das Weiß in dessen Auge leuchtete. Josiah wich einen weiteren Schritt zurück, weg von den ausrastenden Tieren.
Er sah sich einem Gewirr aus herumwirbelnden Hufen gegenüber. Der Fuchs versuchte zu steigen, doch die Riemen hielten. Die Deichsel ächzte unter der Belastung. Der Rappe auf der anderen Seite trat zur Seite aus und erwischte den Fuchs an der den Flanken, der wieder nach vorne sprang. Doch der Wagen bewegte sich keinen Meter nach vorne.
Zwischen diesem Chaos hindurch konnte Josiah Menschenleiber erkennen. Josiah zählte erst drei, dann fünf, und dann war das Zählen nutzlos, denn der Fuchs tänzelte zurück und die Anzahl der Leiber wurde wieder auf ein einzelnes Durcheinander reduziert.
Aber die Schüsse hatte er zählen können. Fünf Stück an der Zahl. Das bedeute nur wenige Sekunden lang Ruhe vor mindestens fünf Waffen – aber was brachte ihm diese Information, wenn da noch eine ungewisse Anzahl an Männern mit potenziell scharfen Waffen waren und er nicht einmal genau sagen konnte, wer von ihnen nachladen musste und wer nicht. Himmel, er wusste nicht einmal, ob alle Schüsse tatsächlich von den Angreifern kamen. Ob sie Zweitwaffen hatten. Womit sie sonst kämpften. Er hatte einen Blick auf etwas erhaschen können, was wie eine Klinge aussah, aber sicher sein konnte er sich nicht.
Eine Kugel hatte den Kutscher getroffen. Josiah hatte ihn nicht sterben sehen, doch nun lag er zusammen gesackt dort. Die Leinen glitten durch seine Finger und verwickelten sich um das Bein des Rappen, der hektisch anfing, nach hinten auszutreten. Der Wagen mit all dem auf ihn erbebte. Josiah fluchte zwischen zusammengebissenen Zähnen. Die Kutsche vor ihnen war noch wo sie war, aber das Handpferd schien zur Seite hin ausweichen zu wollen. Von der Kutsche an der Front sah er hingegen nur noch das holpernd sich von ihnen entfernen. Ob und wer noch auf ihr saß konnte er nicht erkennen. Bedeutete dies, dass Alex und Trevor aktuell nicht Kampfeinsatzbereit waren? Alles nur Ratereien.
Josiah ging in die Knie, wich ein paar Schritte zur Seite aus. Er würde den Wagen nach hinten umrunden müssen. Es war anzunehmen, dass die Angreifer genau wussten, wer von ihnen wo war – was wiederum bedeutete, dass sie wussten, dass er hier war, und mit ihm rechnen würden. Doch er hatte keine andere Möglichkeit, als mit den Karten zu spielen, die sie ihm gegeben hatte. Mit denen sie rechnen würden. Nicht auf der Basis der Informationen, die ihm zur Verfügung standen. Sich vor die Pferde zu begeben und nach vorne vorzurücken barg noch mehr Gefahren und unkalkulierbare Möglichkeiten.
Geduckt eilte Josiah die Länge des Wagens entlang. Für einen kurzen Moment überlegte er, sich unter ihn zu begeben, doch die hektischen Bewegungen der Pferde in seinem Augenwinkel verscheuchten den Gedanken so schnell wie er gekommen war. Innerhalb von wenigen Atemzügen war er an der hinteren Achse angelangt, auf der Rückseite des Wagens, und lehnte seinen Oberkörper an das Holz. Das Wurfmesser hatte sich wie von allein in seine Hand zurückgefunden. Ein kurzer Blick unter den Wagen hatte ihm verraten, dass hier noch niemand auf ihn wartete.
Kurz nahm er sich einen Moment zum Durchatmen, Horchen und Achten. Der Wagen in seinem Rücken erbebte erneut. Er hatte noch die Gunst des Schutzes auf seiner Seite, aber er hatte immer noch kein Ass auf der Hand. Er war immer noch im Nachteil. Sie wussten wahrscheinlich genau, wo er war. Der Wagen gab zwar Deckung, aber wirkte kaum Versteckend. Unter Umständen wartete einer von ihnen nur darauf, dass er den Kopf auf der ein oder anderen Seite hervorstreckte. Er hingegen war immer noch blind.
Einatmen. Ausatmen. Josiah sah die Straße entlang, die sie gekommen waren. Den friedlichen Weg gesäumt von den malerischen Lavendelfeldern. Einatmen. Ausatmen. Sein Herzschlag beruhigte sich. Er hatte immer noch seine Handlungen unter Kontrolle, und das war alles, was er brauchte.
Josiah streckte den Kopf zur Seite, und zog ihn prompt wieder zurück, als ein Schuss in das Holz über ihn einschlug. Es regnete Splitter. Doch der kurze Blick hatte gereicht, um sich halbwegs ein Bild von dem zu schaffen, was da vor ihnen geschah.
"Zayrim!"
[Lavendelallee | am Heck des dritten Wagens]