12.10.2022, 21:36
Sie verkniff sich die Worte, die ihr auf der Zunge lagen, nein eigentlich brannten. Aber tapfer schluckte die Blonde diese wieder herunter. Sie wollte nicht wissen, wie ‚süß‘ Shanaya werden konnte, wenn Talin ihr sagte, dass es sie überhaupt nicht interessierte, was für Karten es in dem Laden gab. Die wertvollsten hatten sie immerhin schon eingepackt, da interessierte sie der Rest des Papiers hier herzlich wenig. Aber da sie den Enthusiasmus der anderen nicht zerstören wollte, machte sie nur eine wedelnde Handbewegung in Richtung der Regale und überflog weiter das Kassenbuch der Besitzerin. Dabei schielte sie immer mal wieder zu der älteren Dame, ob sie nicht doch wieder zu sich kam.
Für einige Augenblicke war in dem Laden nur das Geräusch von raschelndem Papier zu hören, während die Dunkelhaarige ihre Karten einsteckte und Talin eine Seite nach der anderen umblätterte. Schließlich trällerte aber wieder die Stimme der Jüngeren durch den Raum, was Talin aufblicken ließ. Nachdenklich legte sie den Kopf zur Seite, versuchte sich, an ein Gespräch mit Lucien in dieser Richtung zu erinnern, wobei sie die Gespräche mit ihrem Bruder auch an einer Hand abzählen konnte. Schließlich seufzte sie und schüttelte leicht den Kopf.
„Wenn wir im Herzogtum niemanden finden, der unser Schiff reparieren kann, müssen wir weiter nach jemandem suchen, der es kann. Wo das allerdings sein wird ...“, sie ließ den Rest des Satzes offen und zuckte nur mit den Schultern. Niemand konnte sagen, wohin sie als Nächstes segeln würden. Es war nicht so, als hätten sie ein bestimmtes Ziel oder es besonders eilig irgendwo anzukommen. Sie hatten Zeit, sie waren frei. War das nicht alles, was zählte? Ein leicht zynisches Lächeln trat auf ihre Züge bei dem Gedanken an das Wort ‚frei‘, aber sie schüttelte ihn ab, in dem sie das Buch schwungvoll zuschlug. Stattdessen sah sie sich noch einmal genauer im Bereich des Tresens um, ob nicht noch irgendwo ein paar Achter herumlagen. Sie wollten der Frau schon ihren wertvollsten Besitz wegnehmen, was machten ein paar Goldmünzen mehr da schon aus? Doch bevor sie in die Hocke gehen konnte, um auch in den letzten Winkeln nachzusehen, sprach Shanaya wieder und Talin konnte nicht anders, als ihr einen belustigten, fast ein wenig genervten Blick zuzuwerfen. Die Blonde konnte die Aufregung verstehen, welche die jüngere zu verspüren schien, sie war bei Luciens Geschichten früher auch so gewesen. Aber man konnte sich ja kaum auf etwas andere konzentrieren. Sie schüttelte den Kopf und lachte schließlich leise.
„ich kann ihr auch einfach noch mal auf den Kopf schlagen, wenn dir das hilft, hier mehr Zeit zu verbringen“, und sie glaubte nicht, dass noch ein Schlag zu den Überlebenschancen der Alten beitragen würde, „aber ich glaube nicht, dass uns das vor Verfolgern schützen wird, Schätzchen. Also such deine Karten zusammen, ich will hier langsam weg. Mit den ganzen Fenstern hier geben wir immer noch eine gute Zielscheibe ab und ich würde lieber wieder in der Menge verschwinden wollen.“
[im Kartenladen | mit Shanaya]