06.09.2022, 16:14
Der Schiffskoch vergewisserte sich, dass sie sich weit genug von ihrem Tisch entfernt hatten, ehe er zuließ, dass das Grinsen aus seinem Gesicht verschwand und einer ernsten Miene wich.
"An unserer nonverbalen Kommunikation müssen wir wohl noch etwas arbeiten", meinte er zwar halb im Scherz, sein Gesichtsausdurck veränderte sich dabei jedoch nicht. "Ich bin mir bewusst, dass du ein paar Krüge Bier allein tragen kannst. Aber ich wollte kurz unter vier Augen mit dir reden."
An der Bar angelangt, überließ er Liam das Bestellen - schließlich kannte dieser die Schenke bereits besser als er* - und drängte sich so dicht an ihn, dass es für einen skeptischen Beobachter durchaus unschicklich aussah. Dem Dunkelhäutigen war das in diesem Moment jedoch vollkommen egal. Er wollte um jeden Preis verhindern, dass ein Unbeteiligter ihr Gespräch belauschen konnte, und in dem Lärm, der in diesem Etablissement herrschte, ging glücklicherweise alles Geflüsterte sehr zuverlässig unter.
"Der Grund für meine Verspätung ist nicht etwa, dass ich auf dem Markt getrödelt hätte. Nun, zumindest nicht nur. An der Hauptstraße bin ich auf eine Bettlerin gestoßen und habe ihr eine großzügige Menge Geld gespendet. Und im Nachhinein bin ich mir ehrlich gesagt nicht mehr sicher, ob ich das mit meinem jetzigen Wissen immer noch tun würde."
Rayon erzählte dem Künstler von dem Zusammentreffen mit der Alten, in möglichst knappen Worten, aber dennoch so, dass er kein wichtiges Detail ausließ. Dabei konzentrierte er sich insbesondere auf ihre Vorhersage und die Art und Weise, wie sie gewirkt hatte, als sie diese ausgesprochen hatte. Die Klarheit, die plötzlich in ihrem Blick gelegen und die Kraft, mit der sie ihn umklammert hatte.
"Du kennst mich", beendete er seinen Vortrag schließlich. "Ich bin abergläubischer als die meisten unserer Kameraden, und dennoch würde ich einer dahergelaufenen Alten nicht einfach so jegliches Gebrabbel abkaufen, das sie mir an den Kopf wirft, aber... diese Veränderung, die mit ihren Worten einherging, schien... nicht natürlich zu sein."
Er legte eine kurze Pause ein, um seine Gedanken zu ordnen und schüttelte ratlos den Kopf. Der Wirt hatte ihnen mittlerweile bereits die Bierkrüge auf den Tresen gestellt und warf ihnen einen dezent misstrauischen Blick zu, weil sie keine Anstalten machten, damit an ihren Tisch zurückzukehren.
"Was meinst du? Bin ich ein Narr, daran überhaupt noch einen Gedanken zu verschwenden? Oder könnte das wirklich eine... nun... Prophezeihung gewesen sein?"
* (Was für eine beknackte Begründung.)
[ Im Wirtshaus, mit Liam am Tresen, in Rufweite von Per, Greo und Cassy ]