03.09.2022, 22:20
Shanaya ging ihren Plan gedanklich immer wieder durch – und bisher konnte sie keinen Fehler darin erkennen. Vielleicht würde es also wirklich funktionieren, das sie an einem anderen Tag noch einmal hierher zurück kam. Ihr Blick huschte zu den Fenstern, zu den Menschen vor dem Laden und richtete sich erst wieder herum, als Talin antwortete. Mit leicht gehobener Augenbraue und einem vielsagenden Lächeln bedachte sie ihre Freundin, winkte dann mit einem leisen Pft! ab, ehe sie antwortete.
„Als ob sie das ernst genommen hat! Sie hat ja nichtmal meine Morddrohung durch die Blume für voll genommen. Manchmal bin ich einfach zu süß, als das man mir abnehmen würde, das sich irgendwen umbringe.“
Die junge Frau zuckte amüsiert mit den Schultern, beobachtete, wie die Blonde ein Buch hervor zog und neugierig darin herum blätterte. Shanaya selbst kribbelte es viel zu sehr in den Fingern, um sich da jetzt etwas in Ruhe anzusehen. Die blauen Augen huschten durch den Raum, neugierig, aufgeregt, so dass sie nicht einmal merkte, dass sie sich wie von selbst in die Richtung der Regale bewegte. Erst, als Talin antwortete, richtete die Schwarzhaarige sich noch einmal herum. Jetzt lag ein vollkommen begeistertes Leuchten in den blauen Augen, mit denen sie ihre Freundin einige Momente betrachtete. Auf ihre Worte ging sie nicht unbedingt ein.
„Hast du gesehen, was sie hier alles hat?! Da sind Sternenkarten, Talin! Und Riffkarten!“ Eine kurze Pause, die Begeisterung war ihr mit jedem Herzschlag deutlicher anzusehen. „Ich kann die alle überprüfen, ob die auch stimmen! Und… ohhhh!“
Nicht, dass das der einzige Grund war, wieso ihr Herz hier ein wenig höher schlug, aber… sie konnte nun einmal nicht alle mitnehmen. Sie musste sich zurück halten, nicht mit den Zylindern in ihrer Hand hin und her zu wedeln. Stattdessen riss sie sich nun von der Blonden los, schlich wie eine Raubkatze auf die Gänge zu, als müsse sie sich an ihre Beute heran schleichen, um sie zu erlegen. Wie viele konnte sie mitnehmen? Welche waren sinnvoll? Sie hatte eindeutig zu wenig Zeit, um sich darüber groß Gedanken zu machen. Zu gern hätte sie sich mit einer Auswahl auf das Sofa gesetzt, um die Karten genau anzuschauen, jede einzelne zu analysieren.
Zuerst konzentrierte sich auf die Karten, die sie auf den ersten Blick als solche erkannte, die wichtig für ihren weiteren Kurs werden konnten. Sternenkarten, die sie durch die Nacht führen würden. Dann die Karten, die ihr, vielleicht, jedes Hindernis aufzeigen würden. Der Weg ins Herzogtum Chelyia würde also ein Klacks werden… und danach? Hatte sie mit den beiden Captains schon weiteres besprochen? Einen Moment erlaubte sie sich den Gedanken an Lucien, verschloss sich daraufhin jedoch auch schnell wieder. Zu groß war in diesem Moment ihre Begeisterung, zu sehr wusste sie, wie dieses Thema sie einnehmen würde.
„Talin, wo wollen wir hin, wenn wir in Chelyia nach Informationen zu den anderen, mysteriösen Karten gesucht haben? Ich bin mir gerade nicht sicher, ob wir mit deinem Bruder schon irgendwas besprochen haben?“
Wann hatten sie sich das letzte Mal zu dritt zusammen gesetzt? Vielleicht wusste ihre Freundin darauf eine Antwort. In Shanayas Stimme schwang ein leises Lachen mit. Sie wusste, dass sie nicht deswegen dorthin segelten… aber… amüsant wäre es schon irgendwie. Ein paar Karten waren nun in dem zweiten Zylinder verschwunden, darunter auch welche, die wiederkehrende Wetterphänomene verzeichneten. Und nun, möglichst vorsichtig, um das wertvolle Stück nicht zu beschädigen, landeten auch noch ein paar andere im ersten Zylinder, die, die genauer den Meeresboden darstellten, Karten mit eingezeichneten Strömungen, uralte, zwar ungenaue, aber wunderschöne Karten der ersten Welt. Vielleicht reichte das… und vielleicht würde sie noch einmal zurück kehren.
Mit einem seligen Grinsen trat sie nun wieder zwischen den Regalen hervor, strahlte Talin noch immer voller Begeisterung entgegen. Ihr lag auf der Zunge zu sagen, dass das Ganze hier fast so gut wie Sex war… aber sie verkniff es sich, hielt nur mit einem begeisterten Blick in den blauen Augen die beiden Transportgefäße fest.
„Du musst mich hier raus ziehen, sonst bleibe ich einfach den ganzen Tag hier. Egal, wer uns verfolgt, und ob die da unten aufwacht.“
Sie nickte in die Richtung der Verkäuferin. Sie konnte diesen Laden immerhin zufrieden verlassen… auch wenn sie gern jedes einzelne Pergament mitgenommen hätte.
[Kartenladen | Talin]