05.07.2022, 11:54
Sofort bei Taróns Worten stieg die Scham in Rúnar auf. (War irgendwas, das mit diesem Mann zu tun hatte noch mit etwas anderem als Scham behaftet?) Selbst für Rúnar, der die Gemütszustände anderer Leute gar nicht oder nur dann deuten konnte, wenn es schon zu spät war, war offensichtlich, dass er Tarón damit nun verletzt hatte. Oder verärgert. Oder ... was auch immer. Das zum Thema. Tarón wirkte jedenfalls ... unglücklich über Rúnars Kommentar.
Vielleicht--
Er wollte eigentlich nicht darüber nachdenken.
Aber vielleicht lag es auch daran, dass er nun besonders empfänglich für Taróns Gemütszustände war. Dass er besonders drauf achtete. Ob er das wollte oder nicht. Was ihn noch mehr ärgerte. Denn so schnell wie er akzeptiert hatte, dass er Gefühle für den anderen hatte, so schnell würde er sie jetzt gerne wieder loswerden.
Sein Kopf war wie eine Musikspieldose und jedes Mal, wenn er Tarón ansah oder mit ihm sprach, dann öffnete sich die Dose und die Tänzerin drehte sich starr immer im Kreis zu immer derselben, trägen Melodie. Er musste sich diese Spieldose greifen und sich mit ihr allein irgendwo hin zurückziehen und in Ruhe die Melodie anhören und der Tänzerin bei ihrem Tanz zusehen, bis er beendet war.
Oder er klappte die Dose einfach zu und versenkte sie im Meer. Aber wäre Schade drum.
Rúnar holte schon Luft, daran sich doch noch bei Tarón zu entschuldigen. Doch der hatte sich schon von ihm abgewandt und lief voraus -- und Rúnar war für einen Moment froh, dass er sich doch nicht entschuldigt hatte, dass er doch nicht wieder derjenige war, der angekrochen kam. Aber das war der rationale Teil in ihm. (Der emotionale Teil hatte jedes Detail von Taróns Reaktion aufgegriffen und es fühlte sich so an, als würde der Trosssack auf seinen Schultern auf einmal schwerer. Er war nicht mehr der Goldhort, bei dessen Anblick die Augen des Drachen mit Begierde aufleuchteten. Er war das Pferd, das den Hort, der ihm aufgebürdet würde, mühsam mit sich schleppte.)
Jedenfalls ging er nun Tarón hinterher. Das Gepäck klapperte auf seinem Rücken und seine Stiefel klopften den Rhythmus seiner Schritte auf die Pflastersteine. Taróns Stiefel echoten das Geräusch -- er war einige Schritte vor Rúnar, obwohl er schwerer zu tragen hatte, und Harald wippte auf seiner Schulter hin und her um die Balance zu halten.
Rúnar betrat kurz nach Tarón den Hinterhof. Sein Blick huschte hin und her zwischen Isas und Taróns Rücken, zwischen vollbehangenen Wäscheleinen und gepflegten Blumenkästen, und dem fremden Mann, der Calwah auf dem Schoß hatte.
Rúnar gesellte sich -- etwas außer Atem -- zu den anderen beiden, stellte sich zwischen sie, sah zu dem fremden Mann. (Er erinnerte ihn kurz an Kjartan. Ein ehrliches Lächeln, eine ruhige, aber selbstbewusste Haltung, und nichts an ihm das irgendwie abweisend oder abstoßend wirkte.)
Harald (der Verräter) wandte seine Aufmerksamkeit nun zum ersten Mal seit Minuten wieder Rúnar zu und quakte: "Hier gibt's nur Männer." Griff damit das auf, was er vorhin, sehr zu Rúnars Leidwesen, Tarón zugesäuselt hatte -- nun klang es allerdings fast schon etwas trotzig.
"Ignorieren Sie den Vogel einfach", sagte Rúnar dem Fremden, noch immer etwas außer Atem, winkte in Richtung Harald ab, fügte dann hinzu: "Guten Tag erstmal." Er deutete eine Verbeugung nur an, auch wenn die Tatsache, dass der Mann ihn an Kjartan erinnerte eigentlich dafür gesorgt haben müsste, dass seine Manieren stärker hervorkamen. Aber einerseits wäre bei einer vollen Verbeugung das Gepäck von seinen Schultern gerutscht und zweitens ... hatte er den Ablauf von jeglichen höflichen Gesten einfach nicht mehr so sehr automatisiert. "Die Echse ist uns abhanden gekommen." Seine Mundwinkel zuckten nach oben. "Und wir sind kein unfähiger Zirkus, auch wenn das nun sicher so scheint." Und ob sie ein unfähiger Zirkus waren. Auch wenn dieser nichts mit Tieren zu tun hatte.
{ Hinterhof zwischen Marktplatz und Hafen | Isala, Tarón, Beiros (NPC) }