25.05.2022, 16:06
Rayon war es gewohnt, angestarrt zu werden. Das lag einerseits an seiner Statur, die ihm gleichermaßen bewundernde wie eingeschüchterte Blicke einbrachte (und gelegentlich auch solche, die eine stumme Herausforderung beinhalteten), andererseits nicht selten auch an seiner Hautfarbe, je nachdem, in welcher Ecke der Welt er sich gerade aufhielt. Auch die misstrauischen Blicke, welche die Crew der Sphinx praktisch durchgängig erdulden musste, seit sie in Ostya an Land gegangen waren, waren ihm deshalb grundsätzlich nicht fremd. Und doch fühlten sie sich irgendwie anders an als sonst. Gefährlicher. Nicht unbedingt, weil er erwartete, jeden Moment angegriffen zu werden, das wäre schließlich nichts Neues gewesen. Vielmehr hatte er in den letzten Tagen eine gewisse Paranoia entwickelt und vermutete mittlerweile hinter jeder zweiten Ecke Gesetzeshüter, die sie in Gewahrsam nehmen wollten. Er hatte sich in seinem Leben eigentlich noch nie ein unscheinbareres Auftreten gewünscht, aber hier hätte er durchaus einiges für ein durchschnittlicheres Äußeres gegeben.
Trotz der Umstände gab es Dinge, die erledigt werden wollten, und der Schiffskoch war der letzte, der sie anderen aufgetragen und sich selbst an Bord der Sphinx verkrochen hätte, zumal sie an Land im Zweifelsfall sicherer waren als auf dem Schiff, das im Hafen der Stadt lag. Er hatte sich sogar trotz der fast schon traumatischen Erfahrungen, die ihre Crew auf der kleinen Insel bei Lacrinîn erlebt hatte, von seinen Begleitern getrennt, um noch ein wenig auf dem Markt herumzustöbern, in der Hoffnung, den einen oder anderen guten Handel abschließen zu können. Tatsächlich war ihm überaus unwohl dabei, denn die Schuldgefühle, die Zweifel und der Gedanke daran, dass er einige der schlimmsten Ereignisse, die sich dort zugetragen hatten, vielleicht hätte verhindern können, nagten immer noch an ihm, wenn auch nicht mehr so oft und nicht mehr so tief.
Nichtsdestotrotz wollte er die Geduld von Greo, Peregryne und Liam nicht damit auf die Probe stellen, dass er minutenlang die Qualität von Zutaten abschätzte, von denen mindestens einer von ihnen vermutlich vorher noch nie etwas gehört hatte. In Momenten wie diesen fragte er sich, warum er seine Talente eigentlich seit Jahren an die abgetöteten Geschmacksnerven kulinarisch höchst desinteressierter Piraten verschwendete. Allerdings tat er dies immer mit einem breiten innerlichen Schmunzeln.
Mittlerweile hatte Rayon seinen Einkaufsbummel abgeschlossen und befand sich auf dem Weg zur Taverne, in die seine Begleiter bereits abgestiegen waren. Er hatte einige Utensilien für seine Kombüse zu sehr günstigen Preisen ersteigert. Während dies bei den Beuteln mit gewöhnlichen Kräutern, die er in einem Jutesack verstaut hatte, noch verständlich gewesen war, war er fest davon überzeugt, dass der junge und leicht nervös wirkende Händler, der ihm einige exotische Gewürze zum Spottpreis verkauft hatte, diese kurz zuvor vermutlich auf eher unredliche Art und Weise erstanden hatte und sich ihres Wertes nicht einmal ansatzweise bewusst gewesen war. In Momenten wie diesen wiederum war er froh, Pirat zu sein, denn während er es diesem Umstand in den allermeisten Situationen nicht erlaubte, seine Moralvorstellungen zu kompromittieren, machte er um Diebesgut zumindest schon seit langer Zeit keinen Bogen mehr.
Der Schiffskoch war eigentlich darauf bedacht, seiner Umgebung möglichst wenig Aufmerksamkeit zu schenken (abgesehen von den ständig vorbeiratternden Karren, denen er ausweichen musste), denn er hatte die misstrauischen Blicke mittlerweile satt, aber trotzdem fiel ihm die alte Frau auf, die genau an der Weggabelung hockte, die ihn von der Hauptstraße zur Seitengasse führte, in der die Taverne lag. Äußerlich unterschied sie sich nicht großartig von den anderen Bettlern, die die Straßen hier verpesteten, doch ihr Verhalten ließ sie noch mitleiderregender erscheinen als die übrigen armen Seelen, an denen er in den letzten Stunden vorbeigeschlendert war. Sie schwankte leicht vor und zurück, den Blick stur geradeaus gerichtet, ohne dabei irgendetwas zu fokussieren, und brabbelte leise vor sich hin. Die meisten ihrer... "Kollegen"... waren entweder darum bemüht, die Rufe der Marktschreier mit ihrer Bitte nach Münzen zu übertonen, oder saßen völlig apathisch in der Gegend herum und schienen sich kaum zu bewegen. Der Dunkelhäutige konnte nicht umhin, an eine geistige Krankheit zu denken, die diese Frau vermutlich befallen hatte. Kein Wunder, bei dem Leben, das sie führen musste. Eine Welle des Mitgefühls überschwemmte ihn, und kurzerhand stellte er seine Einkäufe ab, holte die Börse hervor, die er sicher in einer Tasche seines Gürtels verstaut hatte, und ließ einen bemerkenswert großen Haufen Münzen in seine linke Hand fallen - ein guter Teil des Geldes, das er sich durch den billigen Erwerb der Gewürze gespart hatte. Diese Bettlerin hatte es vermutlich nötiger als der Händler, dem die Ware gestohlen worden war.
Rayon beugte sich langsam zu der Alten herunter, ließ die Münzen in die Holzschale gleiten, die sie vor sich postiert hatte, und warf ihr ein Lächeln zu.
"Hier, gute Frau. Ich hoffe, damit kommt Ihr einige Zeit über die Runden", sagte er, ehe er sich wieder aufrichtete und Anstalten machte, seinen Weg zum Wirtshaus fortzusetzen, wo seine Kameraden sicher schon auf ihn warteten.
[ Auf dem Markt, bei einer alten Bettlerin ]