18.05.2022, 12:52
Ein Hauch von Geschichte ...Als die jungen Frauen sich gehorsam zurückgezogen hatten, widmete sich die rüstige Dame am Tresen zufrieden wieder ihrer Lektüre und blendete das gedämpfte Gespräch der beiden irgendwo zwischen den Regalen, Kisten und Körben voller Pergamentrollen einfach aus. Sie blieb allerdings nicht lange unbehelligt. Kaum zwei Minuten später hörte sie erneut Schritte, die sich näherten, und sah mit einem Hauch Skepsis um die Nase herum wieder auf.
Dieses Mal wandelte sich der Ausdruck auf ihren Zügen jedoch rasch und ein mildes, wenn auch professionelles Lächeln legte sich auf ihre Lippen, als sie die Schwarzhaarige mit einem verständnisvollen Blick bedachte. „Nun ja“, räumte sie ein. „Das kann ich dir wohl kaum verdenken. Bei derart wertvollen Stücken gehen auch mit mir hin und wieder noch die Gefühle durch.“ Sie gluckste ob dieses kleinen Schwenks gegen ihr eigenes Alter und zog derweil die beiden Karten zu sich heran, die Shanaya auf dem Tresen abgelegt hatte. „Nun, diese beiden sollen es sein?“
Ohne zunächst auf eine Antwort zu warten, griff sie bereits unter die Theke und förderte ein dickes, in Leder gebundenes Buch zutage. Ein kurzer Blick auf eine Abfolge an Zahlen und Buchstaben, die mit winziger Schrift in eine der Ecken auf der Rückseite der beiden Karten geschrieben worden war, sagte ihr den genauen Ort, an dem sie in ihrer Preisliste suchen musste und sie begann bereits zu blättern, als die nächsten Sätze der Schwarzhaarigen sie erneut innehalten ließ.
Sie richtete die kühlen, grauen Augen auf die junge Frau, maß sie erneut kritisch – dieses Mal jedoch mit neu erwachtem Interesse. „Oh, eine Sammlerin? Und dabei noch so jung?“ Irgendwie gefiel ihr das. Es war selten genug, dass sich die jungen Leute heutzutage schon so stark für etwas begeistern ließen. Von alten Pergamenten, der Geschichte der Navigation, der Kunstfertigkeit zarter Linien, die sich zu gewaltigen Bergmassiven formten ganz zu schweigen. Wenn sie nur an die einfältige Tochter ihrer Nachbarin dachte, die gut und gerne eine Stunde vor ihrem Kleiderschrank verzweifelte, weil sie... nein, nein, lieber nicht. Das verdarb ihr nur den Tag.
Sie warf einen kurzen Blick auf ihre Vitrine, sah dann zurück zu den beiden jungen Frauen – erst zu der jungen Blonden, dann zu ihrer schwarzhaarigen Begleiterin – und hob schließlich etwas brüskiert eine Braue. „Schätzchen, du willst mich wohl beleidigen? Selbstverständlich weiß ich, wie man diese Karte liest! Doch mein Wohlwollen ist nicht käuflich,“ mahnte sie streng und sichtlich an ihrem Stolz gepackt. Nichtsdestotrotz sah sie für einen flüchtigen Moment hinab auf das kleine Beutelchen, das sich zu den beiden Karten auf den Tresen gesellt hatte, und schien mit sich zu hadern. Käuflich oder nicht, ein Kartenladen finanzierte sich nicht durch Luft und Liebe. „Nun gut, nun gut. Wenn du meinst, du kannst mit einer 500 Jahre alten Karte von einem Ort, der längst verschollen ist, etwas anfangen – dann sprechen wir über diesen Preis. Die andere Karte ist leider unverkäuflich. Es soll nur sieben Stück dieser Art geben und wenn du dich selbst als Sammlerin bezeichnest, weißt du gewiss auch, dass ich sie deshalb nicht einfach aus der Hand geben kann. Aber ich zeige euch gern, wie sie funktioniert, wenn es euch interessiert.“ Sie schob das Kassenbuch zur Seite und sah fragend von einem jungen Gesicht ins nächste. Immerhin, das musste sie sich eingestehen, war sie eitel genug, um ihr Wissen demonstrieren zu wollen – aber auch verliebt genug in all ihre Schätze, um sie nicht jedem beliebigen, prahlerischen Trottel ohne Feingefühl vor die Füße zu werfen.
Spielleitung für Shanaya & Talin