02.05.2022, 13:29
Shanaya betrachtete die Karten vor sich, fuhr jeden Umriss der verzeichneten Orte nach. Im Kopf überschlug sie schon, wie viel Geld sie wohl hier lassen würde – und wie viel Talin sie wohl ausgeben lassen würde. Dabei waren all diese Karten... essentiell wichtig! Ihr blauer Blick wanderte ruhig weiter, von der Karte mit dem Sanduhr ähnlichen Gebilde zu etwas, was ihre Augen sich ein wenig weiter ließ. Ein leeres Pergament mit nichts weiter als einer Kompassnadel. Sofort dachte die junge Frau an die Karte, die sie gut auf der Sphinx verwahrte, deren Geheimnis sich ihr einfach nicht offenbaren wollte, egal, was sie anstellte.
Jetzt antwortete jedoch die Verkäuferin, schob Shanaya dann mit ihrem Gehstock ein wenig zurück. Die junge Frau gab nach, ausnahmsweise. Sie trat etwas zurück, atmete tief durch um bei den weiteren Worten der Alten nicht einen finsteren Blick in ihre Richtung zu werfen. Schätzchen?! Am liebsten hätte sie der Frau all ihr Geld ins Gesicht geworfen. Wenn sie wollte, würde sie sich diesen ganzen verdammten Laden kaufen! Aber nichts davon lag in den blauen Augen, mit denen sie die Ältere bedachte. Auf ihrem Gesicht lag eher eine neutrale Miene, frei von jeder Wertung.
Auf Shanayas Schultern jedoch saßen ein Engel und ein Teufel – der Engel hatte die Form einer Karte, der kleine Teufel war sie selbst. Die zwei kämpften um die Vorherrschaft, die kleine Karte redete ihr immer wieder ein, dass sie diesen Laden vielleicht noch einmal betreten wollte, dass sie, wenn sie jetzt tat, wonach ihr war, sie mit leeren Händen auf die Sphinx zurück kehren würde. Sie ermahnte die Schwarzhaarige, ein paar Mal tief durchzuatmen, sich das Ganze noch einmal gut zu überlegen und an ihre Ruhe in genau solchen Momenten zu denken. Das kleine Teufelchen war deutlich einfacher – der Alten die Meinung sagen, ihr vielleicht den Geldbeutel einmal durchs Gesicht ziehen und zu guter Letzt die Scheibe einschlagen um jegliche, wertvolle Karte mit sich zu nehmen, um dann erhobenen Hauptes diesen Laden wieder zu verlassen. Das wäre definitiv der einfachere Weg gewesen... aber wie schnell würde man sie dann auf die Straße werfen, ohne eine wirkliche Chance, an die Karten heran zu kommen?
Gewinnen tat jedoch keiner von Beiden, aus dem Nichts erschien neben der kleinen Engelkarte noch eine Talin, deren Stimme Shanaya aus diesem Inneren Zwiespalt riss. Vielleicht war es ganz gut so, dass die der Alten noch nicht geantwortet hatte. Möglicherweise hätte sie den Mund nicht halten können, stattdessen lauschte sie den Worten ihrer Freundin. Egal, was die Blonde für einen Plan hatte – und Shanaya zweifelte nicht daran, dass sie einen hatte – es missfiel der Schwarzhaarigen in diesem Moment. Der Blick ihres Gegenübers, die Berührung an ihrem Arm und schließlich ihre Worte verrieten ihr genug. Und trotzdem sträubte sie sich noch einen Moment dagegen, warf der Verkäuferin aus den Augenwinkeln einen unauffälligen Blick zu. Dann folgte ein beinahe wehleidiges Brummen, mit dem sie Talin schließlich nachgab, ihrem Ziehen folgte und sich von der Vitrine weg bewegte. Sie warf noch einen Blick zurück, kam dann mit ihrer Freundin zum Stehen und richtete den Blick auf sie, leise Frust lag darin. Sie seufzte schwer und tief, fuhr sich dann mit beiden Händen durch die rabenschwarzen Haaren und warf Talin einen vielsagenden Blick zu.
„Das Problem ist, dass ich sicher nicht das letzte Mal hier bin... Mir fällt also nichts anderes ein, als ihr das Geld hin zu schmeißen... vielleicht können wir ihr auch mit unserem unschlagbaren Charme die Information entlocken, wie man diesen Karten ein Geheimnis entlockt?“
Kaum geendet griff Shanaya neben sich, hielt mit jeder Hand eine Karte in die Luft.
„Ich habe selten so detailreiche Karten von Riffen gesehen. Und hier, was meinst du, wie gut diese Karte ist, um das Wetter zu lesen?!“
Bei jedem Satz hielt sie eine der beiden Karten näher in Talins Richtung, eine flehende Miene aufgesetzt.
„Wir dürfen nichts tun, weshalb die Alte uns raus schmeißt!“
Sie sprach nur so laut, dass ihr Gegenüber sie hören konnte, behielt die beiden Karten aber direkt in der Hand. Das würden sicher nicht die einzigen bleiben.
„Glaub mir, ich würde ihr gern für ihr 'Schätzchen' die Meinung sagen, aber...“
Mit großen, blauen Augen wedelte Shanaya vorsichtig die zwei Papiere in ihren Händen hin und her.
„Ich glaube, dieses Mal haben wir keine andere Chance.“
[Kartenladen | Talin]