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They come for You, they come for Me
Crewmitglied der Sphinx
für 0 Gold gesucht
dabei seit Nov 2015
#1
They come for You, they come for Me
bespielt von    Lucien Dravean   Shanaya Árashi
13.06.1822
Lucien kippte sich den letzten Rest Whisky aus seinem Glas die Kehle hinab, stellte das Gefäß lautlos neben die leere Flasche auf den Beistelltisch neben dem Sessel und erhob sich schließlich. Er hatte in dem Salon gewartet, den Medhel ihnen zur Verfügung stellte, und sich ungeduldig schweigend die Zeit mit seinem Whisky vertrieben, bis auch die letzte Nachteule der Crew sich verzogen hatte – wohin auch immer – und die Geräusche des nächtlichen Bordellbetriebs seine Schritte überdeckten. Hatte gewartet, bis er sich einigermaßen sicher sein konnte, dass Talin entweder schlief, oder ausgeflogen war. Er wollte sie nicht mit hinein ziehen. Im Grunde war er sich nicht einmal sicher, ob er sie überhaupt wissen lassen wollte, was er und Ceallagh in ihrer Freizeit trieben, obwohl er bezweifelte, dass es sie stören würde. War wohl Macht der Gewohnheit. Lucien ließ die Hand zu seinem Degen wandern, tastete kurz nach der beruhigenden Kälte des Metalls bevor er leise zur Tür ging und in den Flur hinaus trat. In seinen Blut rauschte der Alkohol, ließ seine Gedanken seltsam unstet werden und den schmalen Gang leicht schwanken, sodass er kurz innehalten und Luft holen musste, bevor er sich der Treppe ins Erdgeschoss zuwandte.

Shanaya Bald würden sie aufbrechen. Und das ENDLICH in Shanayas Gedanken konnte kaum lauter sein. Die letzten Monate auf See hatten sie dahin gehend noch viel mehr geprägt. Sie war schon immer lieber auf See gewesen, aber… jetzt, wo sie viel mehr auf einem Schiff zu Hause war als je zuvor, zog es sie mehr und mehr in ihren Bann. Und mit den unruhigen Nächten, die sie dank dieser verdammten Unruhe, hinter sich hatte, verstärkte sich dieses Gefühl nur noch mehr. Aber jetzt ließ sie all diese Gedanken Gedanken sein und blickte nach draußen, wo der Mond sachtes Licht spendete. Im Schneidersitz, einen Ellenbogen auf die Stuhllehne vor sich gelehnt, ruhte ihr heller Blick auf den Häusern, die sie von hier aus erkennen konnte. Das blaue Licht beruhigte das Gemüt, lockte ihr ein hauchzartes Summen von den Lippen. Und trotz allem war sie so tief versunken, dass sie nicht einmal Schritte hörte, die sich näherten.

Lucien ließ die Linke an der Wand entlang streifen, um nicht bei einem unkoordinierten Tritt das Gleichgewicht zu verlieren, bis er die unterste Stufe erreichte. Sicherlich nicht die beste Idee, in seinem Zustand zu solch einem Unternehmen aufzubrechen, doch das würde sich geben, bevor er sein Ziel erreichte. Im Moment gab es schließlich keinen Tag, an dem er nicht früher oder später betrunken war und das in größerem Ausmaß, als gerade. Heute war der erste Abend, an dem ihm sogar ein wenig leichter ums Herz war – weil er wusste, dass es ihr letzter auf dieser Insel sein würde. Und damit hätte dieses Martyrium ein Ende. Seine Gedanken drifteten für einen Moment ab, sodass sein Blick nur beiläufig über die Damen huschte, die in leichter Bekleidung durch den Raum schlenderten und es dauerte eine Sekunde länger als sonst, bis ihm auffiel, dass etwas nicht stimmte. Dass jemand nicht ganz ins Bild passte. Lucien blieb stehen, ließ die tiefgrünen Augen zu Shanaya zurückwandern und zögerte. Der absurde Gedanke, sie mitzunehmen, drängte sich für einen Augenblick auf. Doch er verwarf ihn wieder. Allein aufzubrechen mochte zwar genauso unklug sein, wie betrunken aufzubrechen – aber er hatte nie behauptet, dass es ihm hier um seine Sicherheit ging. Und wenn er schon Talin nicht mit hineinziehen wollte, dann auch nicht Shanaya. Also setzte er sich wieder in Bewegung, machte sich daran, den Raum zu durchqueren und steuerte auf den Ausgang zu.

Shanaya nahm keines der Geräusche um sie herum wahr, keine Schritte, nicht die entfernten Stimmen. Die deutlichen Geräusche von sich amüsierenden Männern – und Frauen. All das schwappte an ihr vorbei, bis eine laute Stimme durch den Raum hallte, die sie kaum überhören konnte. Eine männliche Stimme, deren Alkoholpegel deutlich herauszuhören war. Shanaya hob nur eine Augenbraue, wandte den Kopf leicht zur Seite um zu sehen, wer sich ihr näherte. „Eyyy… Kleeeinessss...“ Der blonde Mann hielt auf sie zu, kreuzte dabei jedoch den Weg von einem anderen Mann – den Shanaya nach zwei, drei Herzschlägen erst erkannte. Nun wog die Schwarzhaarige den Kopf zur Seite, schob die Beine seitlich vom Stuhl und betrachtete die beiden Männer. Der Blonde stolperte, erkannte Lucien (oder eher, dass ihm da jemand im Weg stand) und fasste sein Gegenüber mit stechendem Blick ins Auge, machte einen wankenden, drohenden Schritt auf ihn zu. „Isch… die hab‘sch zuerscht gesehen…“ Einer seiner Arme fuchtelte wild und unkoordiniert in Shanayas Richtung, die inzwischen von ihrem Stuhl aufgestanden war und genau beobachtete, was die beiden Männer da taten. Seine andere Hand hatte er in Luciens Richtung gehoben, zu einer Faust geballt.

Lucien hatte sich noch nicht einmal wirklich wieder in Bewegung gesetzt, als er mit einem Ruck auch schon wieder stehen blieb – um nicht mit der taumelnden und grölenden Gestalt eines sichtbar betrunkenen Freiers zusammenzustoßen, der bis zu diesem Augenblick verhältnismäßig zielgerichtet auf seine Auserwählte zusteuerte, ohne darauf zu achten, was links und rechts von ihm geschah. Zumindest, bis ihre Wege sich kreuzten und der versoffene Verstand des Mannes ihn glauben ließ, er hätte nun Konkurrenz bekommen. Er stolperte, als wären sie ineinander geprallt – obwohl sie sich nicht einmal berührt hatten – und Lucien, der ahnte, was folgen würde, biss die Zähne zusammen. Eine Faust sauste in seine Richtung, ließ ihn einen halben Schritt zurück treten, um nicht versehentlich getroffen zu werden, während die Fuchtelei mit dem anderen Arm seinen Blick zur Seite und damit zu jenem Mädchen lenkte, um die es hier ging. Und auf der nur wenige Herzschläge zuvor auch die tiefgrünen Augen gelegen hatten. Lucien schossen eine ganze Reihe passender Antworten durch den Kopf – von 'ich bin mir ziemlich sicher, dass das nicht der Fall ist' bis zu 'da wünsche ich dir viel Glück, mein Freund, wirst du brauchen'. Doch letzten Endes stieß er nur hörbar genervt die Luft aus und schloss für einen Moment die Augen. Also schön, dann anders. „Wie wäre es, wenn wir die Dame entscheiden lassen, wen sie bevorzugt?“ Mit arrogantem Gleichmut in den grünen Augen sah er den Älteren direkt an, richtete den Blick dann erwartungsvoll auf Shanaya und als er am Rande seines Sichtfeldes registrierte, dass auch der Freier seine Aufmerksamkeit auf sie richtete, nickte Lucien kaum wahrnehmbar Richtung Tür. Bedeutete ihr stumm, die kleine Rolle mitzuspielen und ihm nach draußen zu folgen. Dann nahm er sie eben doch mit, wenn es sein musste. Lieber das, als ihr einen versoffenen Freier auf den Hals zu hetzen – auch wenn er sich ziemlich sicher war, dass sie spielend mit ihm fertig werden würde.

Shanaya wusste nicht wirklich etwas mit dieser Situation anzufangen. Der Betrunkene, der sie für sich beanspruchen wollte (Wobei sie genau wusste, woher da der Wind wehte) und Lucien, der sie entweder ignoriert oder gar nicht wahrgenommen hatte. Sie war müde und verwirrt. Vielleicht hätte sie doch einfach im Bett bleiben sollen… aber jetzt stand sie hier, beobachtete die beiden Männer. Lucien schlug vor, sie entscheiden zu lassen, was sie auch die zweite Augenbraue heben ließ. Und nur wenige Herzschläge später ruhten die Blicke beider Männer auf ihr, abwartend. Ihr müder Geist kam nicht ganz so schnell hinterher, trotzdem nahm sie die kleine Geste ihres Captains wahr und kam ihr, nach einem Moment des zögerns auch nach. Mit einem lautlosen Seufzen setzte sich die Schwarzhaarige in Bewegung, direkt auf die beiden Männer zu, wobei sie einen kleinen Abstand zu dem Betrunkenen einhielt. Die blauen Augen ruhten auf Lucien, sie würde ihm nach draußen folgen, und trotzdem nahm sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr. Wenn man es so nennen konnte, war der Blonde nach vorn geschnellt, hatte sie am linken Arm gepackt. Mit einem Mal wurde Shanaya heiß und kalt – ihre Reaktion folgte trotzdem sofort. Ohne noch eine Sekunde zu zögern, hob sie die rechte Hand, ballte sie zu einer Faust und verpasste dem Kerl einen Schlag – direkt auf die Nase. Den hatte er schon dafür verdient, sie als Hure zu bezeichnen. Nun entfloh der jungen Frau ein lautes Schnaufen und sie bewegte sich Richtung Tür, ohne noch einen Blick zu dem Mann herum zu wenden, der sich nun mit beiden Händen die Nase hielt. Ob Luciens und ihr Weg sich gleich wieder trennte, war dabei nicht von Bedeutung. Trotzdem huschte ihr Blick zu dem Dunkelhaarigen zurück, eine stumme Frage auf den Zügen.

Shanaya wirkte einen Moment fast so verwirrt wie sein betrunkener Geschlechtsgenosse, was Lucien flüchtig eine Braue heben ließ. Dann jedoch kam sie seiner Aufforderung doch noch nach – wenn auch nicht mit der schauspielerischen Raffinesse, die sie einst an einem bescheidenen kleinen Waffenstand auf Mîlui an den Tag gelegt hatte. Es überraschte ihn also nicht wirklich, dass der Kerl sich von ihrer 'Wahl' nicht täuschen ließ, sondern es unverblümt darauf anlegte, sie auf andere Weise von seinen Qualitäten zu überzeugen. Woraufhin er die entsprechende Reaktion erhielt. Ein Ruck ging durch den Dunkelhaarigen, kaum dass der Freier nach Shanayas Handgelenk griff. Doch bevor er hätte handeln können, versetze die Schwarzhaarige ihrem Gegenüber bereits einen Faustschlag, der sein Nasenbein vernehmlich knacken ließ. Mit einem Stöhnen ließ er sie los, schlug sich beide Hände auf die blutende Nase und blieb zurück, als sich die beiden Piraten abwandten. Lucien stieß nur ein leises Seufzen aus, als sie die Tür erreichten, und stieß sie nach außen auf, um Shanaya im Anschluss den Vortritt zu lassen. „Dir war wohl nicht danach, eine Kurtisane zu spielen, die sich ihren Freier selbst aussucht? Ich hätte auch mitgemacht.“ Mit einer Spur Zynismus auf den Zügen verzog er die Lippen zu einem Schmunzeln und trat mit ihr auf die nächtlichen Straßen von Silvestre hinaus.

Allein die Tatsache, dass sie seit Wochen in diesem verdammten Bordell fest saß, ließ Shanayas sowieso schon ziemlich zu kurz geratene Geduld noch viel kürzer werden. Der Kerl hatte es also nur verdient, wenn ihr sie auch noch als eine der Frauen ansah, die hier arbeiteten. Lucien ließ nicht lang auf sich warten, hielt der jungen Frau die Tür auf, was ihr Gemüt wieder ein wenig abkühlen ließ. Zudem ließ kein Geräusch darauf schließen, dass der Blonde ihnen folgte. Die Worte des Dunkelhaarigen entlockten der jungen Frau ein leises Seufzen, dann zuckte sie leicht mit den Schultern. Eine Antwort erhielt der Mann jedoch erst, als er neben sie trat und sie einen prüfenden Blick über die Umgebung schweifen ließ. Die kühlere Nachtluft tat gut. „Mein schauspielerisches Talent wäre bei so jemand Betrunkenem vergeudet gewesen.“ Noch einmal zuckte die Schwarzhaarige mit den Schultern. „Das heben wir uns für das nächste Mal auf.“ Erst mit diesen Worten wurden ihre Züge deutlich weicher, ein beinahe vorsichtiges, warmes, Lächeln galt dem Dunkelhaarigen – nicht sicher, was sie jetzt überhaupt hier draußen sollte.

Lucien nahm sich die Zeit, ihre Züge zu mustern, während er auf ihre Antwort wartete und die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel. Die Geräusche des Bordellalltags hinter seinen Mauern einschloss und sie der relativen Stille der nächtlichen Stadt überließ. Ob sie wütend war, konnte Lucien nur schwer einschätzen. Vielleicht traf 'angewidert' ihre Stimmung besser. Wie dem auch sei, denn als sie zu ihm aufsah, wurden ihre Züge sichtlich weicher – etwas unsicher, aber weicher – und vertrieben damit auch den bitteren Zynismus aus seinem Lächeln. „Hm, damit hast du allerdings recht.“ Und wahrscheinlich wäre heute auch an ihm so eine Schauspieleinlage verschwendet gewesen. Er löste den Blick von ihr, sah stattdessen die im Dunkeln liegende Straße hinauf und fuhr sich nachdenklich mit der Hand durch die Haare. Sein Lächeln war wieder verschwunden, machte einem eher unentschlossenen Ausdruck Platz. Ihm war noch immer danach, allein loszuziehen, doch die kühle Nachtluft dämpfte seine vom Alkohol beflügelte, selbstmörderische Risikobereitschaft ein wenig, sodass sein Blick nach wenigen Augenblicken zu Shanaya zurückkehrte. „Warum warst du eigentlich dort? Konntest du nicht schlafen?“

Shanaya neigte den Kopf bei Luciens Zustimmung leicht zur Seite, ließ die blauen Augen jedoch auf ihrem Gegenüber ruhen, als dieser nun seinerseits den Blick schweifen ließ. Einige Momente herrschte Stille, Lucien fuhr sich durch die Haare und schließlich legte sich sein Blick wieder auf sie, ohne das Lächeln, das zuvor auf seinen Lippen gelegen hatte. Die junge Frau schluckte, zuckte dann etwas unschlüssig mit den Schultern. „Mal wieder nicht, ja. Ich kriege langsam einen Koller, hier an Land.“ Das war nicht einmal gelogen – und trotzdem nur die halbe Wahrheit. Ihr eigenes Lächeln ebbte bei diesen Worten selbst etwas ab. „Und du? Auf geheimer Mission?“

Lucien musste unwillkürlich über ihre Worte lächeln, senkte dabei den Blick und stieß ein leises, trockenes Lachen aus, das eher frustriert als amüsiert klang. „Geht mir ähnlich.“ Auch wenn 'Koller' für seinen Geschmack noch zu freundlich klang und auch nicht ganz den Kern seiner Situation traf. Denn wenn er ehrlich war, litt er seit geraumer Zeit an einem ausgewachsenen Verfolgungswahn. Schon auf dieser einsamen Insel nach der Flucht von der Morgenwind und auch auf Mîlui hatte er sich so gefühlt. Und auf keiner der beiden Inseln waren sie vergleichbar lange geblieben, wie hier auf Calbota. Der Dunkelhaarige fuhr sich mit der Hand durch den Nacken und sah schließlich wieder zu Shanaya. „Wenn du ohnehin nicht schlafen kannst... ich könnte etwas Hilfe gebrauchen.“ Damit antwortete er ihr zwar nicht direkt auf ihre Frage, verriet aber zumindest, dass er heute Nacht tatsächlich irgendetwas vorhatte. „Du kannst nicht zufällig eine Kutsche fahren?“

Shanaya spannte sich unwillkürlich unter dem trockenen Lachen des Mannes an, ohne es wirklich bewusst wahr zu nehmen. Ob seine Stimmung daran lag, dass sie zu lang auf dieser Insel waren? Vielleicht hatte er die Schnauze auch einfach voll? Shanaya wusste es nicht und ihre Intuition verriet ihr auch, dass sie darauf wohl keine Antwort bekommen würde. Nach ihrer letzten Frage hatte sie sich jedoch zwei Optionen zurecht gelegt, die sie hatte. Entweder würde sie nach Luciens Antwort zurück ins Bordell gehen (und dem blonden Kerl vielleicht noch eine zimmern) oder… ja. Irgendwie blieb da doch kein Platz für eine andere Möglichkeit. Ihr Blick hatte sich ein wenig an der Tür des Bordells verloren, als Lucien sich wieder an sie wandte. Ihre Aufmerksamkeit damit wieder auf sich bannte. Seine Worte ließen die junge Frau jedoch leicht blinzeln. Eine… Kutsche? … Was? „Das kann ja so schwer nicht sein, oder?“ Sie hatte nie wirklich viel mit Pferden zu tun gehabt… aber irgendwie würde man die wohl in Bewegung bekommen. „Aber klingt jetzt schon sinnvoller, als da drin rum zu sitzen Löcher in die Dunkelheit zu starren.“

Lucien erwischte sie in diesem Moment ziemlich kalt, das sah er ihr an. Und doch reagierte sie so unfassbar typisch, dass sie ihm damit nun doch ein ehrlich belustigtes Schmunzeln entlockte. Klar, sie konnte von seinen halbgaren Andeutungen noch so verwirrt sein, aber auf was für eine Idee er dabei auch immer kam – wie schwer konnte das schon sein? „Frag mich nicht, ich hab's noch nie versucht.“ Ganz Kelekuna war nicht reich genug gewesen, um mehr als ein einziges Pferd zu besitzen und dem hatte sich Lucien auf keine zehn Meter weit genähert. Jedenfalls kein zweites Mal. Geschweige denn, dass er je auf einem Kutschbock gesessen und versucht hätte, diese Viecher zu lenken. Aber wie sie schon sagte: Wie schwer konnte das sein? „Gut, dann lass uns gehen.“ Er nickte die Straße hinauf, die Richtung Stadtrand führte, hinaus aus der teuren Wohngegend, in der das Bordell lag, und setzte sich wieder in Bewegung, ehe er fortfuhr: „Ich habe keine Ahnung, ob es überhaupt eine Kutsche gibt, aber es hörte sich verdammt danach an, deshalb...“

Shanaya fragte sich wieder einmal, was Lucien durch den Kopf ging – ohne sich davon wirklich eine Antwort zu erhoffen. Als er dann verriet, dass er selbst noch nie versucht hatte, eine Kutsche zu lenken, wurde ihr Lächeln einen Hauch breiter. „Dickköpfiger als ich können die Biester ja wohl kaum sein...“ Und kurz schmunzelte die Schwarzhaarige über dieses Bild in ihrem Kopf, über einen erbitterten Kampf, den sie sich mit einem dieser Huftiere lieferte. Seiner Aufforderung folgte sie ohne Widerworte, in die Richtung, in die er wies. „Du bist also richtig gut über das informiert, was du vor hast?“ Ein prüfender Seitenblick, ehe ihre Stimme ein wenig leiser wurde, als ob irgendwer sie belauschen könnte – dabei war es nur ein vorsichtiges Herantasten. „Und darf ich auch erfahren, worum es geht? Außer, dass ich vielleicht eine Kutsche lenken soll. Ich glaube nicht, dass du Pferde stehlen willst?“

Lucien verkniff sich ein Grinsen und warf ihr einen frechen Seitenblick zu. „Zumindest, wenn es Pferde und keine Esel sind“, erwiderte er. Wie immer fasziniert davon, wie seine Stimmung sich aufhellte, wenn die Schwarzhaarige in seiner Nähe war. Bis gerade eben hätte es ihn weder gewundert, noch widerstrebt, wenn er sich bei seiner nächtlichen Aktion eine Kugel gefangen und den Morgen nicht mehr erlebt hätte – jetzt hingegen klang der kleine Ausflug fast danach, als könnte er recht unterhaltsam werden. „Sagen wir, ich weiß... grob, was auf uns zukommt“, setzte er immer noch recht wage zu einer Erklärung an und zögerte nach Worten suchend. Er hatte kein Problem damit, Schiff und Crew ohne deren Wissen für seine Zwecke einzuspannen und bezweifelte auch, dass Shanaya Einwände erheben oder ihn gar verraten würde. Zumindest so weit vertraute er ihr. Aber er wollte auch nicht, dass zu viele Leute zu viel wussten. Egal, wer. „Ich habe hier auf Silvestre einen alten Bekannten, der Hilfe braucht und mir im Gegenzug einen Gefallen tun möchte. Ihm wurde vor ein paar Tagen eine für ihn sehr wertvolle Fracht entwendet – von einem Herrn, mit dem ich schon unfreiwillig Bekanntschaft gemacht habe. Nun hat mein Bekannter ein paar Freunde, die haben ein paar Freunde – du weißt schon.“ Er machte eine wedelnde Handbewegung. „Jedenfalls haben die ihm erzählt, dass der Kerl für das geklaute Zeug bereits einen Käufer gefunden hat und es heute Nacht ausliefern will. Ich soll meinem Bekannten seine Waren wiederbeschaffen, bevor sie ihr Ziel erreichen. Im Gegenzug überlässt er sie uns, sodass wir sie oben im Norden gewinnbringend verkaufen können. Es geht übrigens um Kaffee, aber erzähl es nicht Talin, sonst haben wir nichts zu verkaufen, wenn wir Cheliya erreichen.“

Shanaya fehlte noch diese Leichtigkeit, die sie sonst in Luciens Gesellschaft empfand. Vielleicht würde sich das noch ändern, je nachdem, wohin er Shanaya mit nahm – oder sie musste sich damit abfinden, dass diese Nacht einfach gelaufen war. In jeder Hinsicht. „Willst du mir etwa sagen, ich würde gegen Esel verlieren?“ Ein gespielt vorwurfsvoller Blick galt dem Dunkelhaarigen. Seine angedeutete Erklärung ließ die Schwarzhaarige erneut eine Augenbraue heben, abwartend, ob da noch mehr kommen würde. Sie lauschte aufmerksam auf die ausführliche Erklärung, nickte dann und verengte die Augen schließlich leicht, womit sie den Blick direkt auf Lucien richtete. ‚„Du beziehst mich also in irgendwelche kriminellen Machenschaften mit ein?“ Einen Moment lag ein beinahe schockierter Ausdruck auf ihrem Gesicht, der wenige Herzschläge anhielt und dann einem schelmischen Ausdruck wich. „Das gefällt mir.“ Und das war die pure Wahrheit. Sie war nie sehr gesetzestreu gewesen… und ein bisschen Aktion schadete bekanntlich niemanden. Bei der Erwähnung ihrer Freundin lachte sie leise, warf dem Dunkelhaarigen einen vielsagenden Blick zu. „Aus mir bekommt sie nichts heraus.“ In den blauen Augen ein stilles Versprechen, dass sonst auch niemand etwas erfahren würde, was sie hier taten. Ob das nun jemand erfahren durfte, oder nicht.

„Selbstverständlich nicht! Nur, dass ihr euch in Sachen Starrsinn nichts nehmt, wette ich. Und... ja... genau das tue ich.“ Noch einmal huschte ein freches Grinsen über seine Lippen, dann wurde der Dunkelhaarige jedoch ernster. Er begegnete ihrem Blick, las darin das stumme Versprechen, zu schweigen, und nahm es mit einem angedeuteten Nicken an. Es ging nicht nur darum, dass Talin ihnen ihre wohlverdiente Beute weg trank. Es ging auch darum, dass er seine Schwester selbst einweihen musste und darüber hinaus bestenfalls niemanden. Shanaya mochte er so weit vertrauen – aber das galt nicht für den Rest der Mannschaft. Nicht für den gesamten Rest, zumindest. Nicht für Enrique, nicht für Liam. Er war sich nicht einmal sicher, ob es für Skadi galt. „Gut, also ich weiß, wo das Zeug gelagert wird“, fuhr Lucien fort, um den Gedanken zu vertreiben und sich mit dem abzulenken, was vor ihnen lag. „Das Problem ist nur, dass der Kerl, der meinen Bekannten beklaut hat, mein Gesicht kennt – und leider auch ein paar seiner Leute. Und er war nicht so gut auf mich zu sprechen, als wir uns das letzte Mal gesehen haben. Wahrscheinlich ist es also gar nicht so schlecht, dass du mitkommst. Dich kennt er noch nicht.“

Shanaya musste jetzt doch leise auflachen. „Du setzt mich also mit einem Esel gleich?!“ Noch einmal galt ein gespielter, finsterer Blick dem Dunkelhaarigen. Sein kurzes Nicken nahm sie hin, konzentrierte sich dann wieder auf das, was er sagte. So aufmerksam ihr müder Verstand es zu ließ, lauschte sie seinen Worten und konnte sich, so sehr sie sich auch dagegen wehrte, ein leises Lachen nicht verkneifen. „Und das bei dem Gesicht...“ Ein kurzer, eindeutiger Seitenblick galt ihm, ehe sie ernster fortfuhr. „Siehst du? Wie solltest du das ohne mich schaffen?“ Sie lächelte, ließ den Blick dann kurz schweifen. „Und wenn du ihm seine Beute klaust, wird er vermutlich auch nicht besser auf dich zu sprechen sein. Und auf mich auch nicht. Umso besser, dass wir bald von dieser Insel verschwinden.“

Lucien holte für einen Moment Luft, als wolle er etwas erwidern, stockte dann jedoch und zog mit gespielter Skepsis eine Braue in die Höhe. „Ich verweigere die Aussage. Konzentrieren wir uns lieber auf unsere Aufgabe.“ Ihr galt, ob seines dreisten Themenwechsels, ein unschuldiges Schmunzeln. An dieser Stelle war es wohl klüger, die Sache mit dem Esel nicht zu vertiefen. Um seinetwillen. Stattdessen warf er ihr nur einen sanft-spöttischen Seitenblick zu und zuckte beiläufig mit den Schultern. „Rein theoretisch ist es kein klauen, wenn die Sachen schon gestohlen sind, finde ich. Aber... ja. Dass wir vorhaben, morgen zu verschwinden, trifft sich ganz gut. Wir lassen uns bestenfalls trotzdem nicht erwischen. Ich will nicht das ganze Schiff mit hineinziehen.“ Sie hatten die sauberen Villenviertel inzwischen hinter sich gelassen und einen Stadtteil erreicht, an dem die Häuser dichter beisammen standen. Die Fassaden wirkten dreckiger, liebloser. Hier und da blätterte der Putz von den Ziegeln. Lucien blieb stehen. „Es ist jetzt nicht mehr weit. Auf dem Gelände wird viel los sein, deshalb fallen wir wahrscheinlich nicht weiter auf. Hinten bei den Lagerhallen wird es dann schwieriger.“ Er richtete die tiefgrünen Augen auf seine Begleiterin. „Du kannst immer noch abspringen, wenn du willst.“

Shanaya schloss einen Moment die Augen, als Lucien sich mit seiner Aussage in Sicherheit brachte. Gut gespielt. Aber er hatte Recht. Sie nickte also zustimmend, legte dann ein zuversichtliches Lächeln auf ihre Lippen. „Wenn ich etwas angehe, dann mit dem Willen, das perfekt hinter mich zu bringen.“ Und das nicht, weil sie niemanden mit hinein ziehen wollte. Aber das war einfach ihr Anspruch an sie selbst. Dass ihr Captain stehen blieb, merkte die junge Frau erst, als sie schon einen Schritt weiter war, womit ein Ruck durch ihren Körper ging und sie sich zu Lucien herum wandte. Noch einmal nickte sie, nahm diese Information so auf und stellte sich auf eine aufmerksame Zeit ein. Was Lucien dann sagte, ließ sie kurz blinzeln, den Kopf einen Hauch zur Seite neigen, ehe jetzt doch wieder ein warmes, wenn auch etwas aufgeregtes, Lächeln auf ihre Lippen legte. “Hältst du mich jetzt für jemanden, der einen Rückzieher macht, nur weil irgendetwas gefährlich sein könnte?“ Sie trat wieder einen Schritt auf den Dunkelhaarigen zu. „Ich habe gesagt, dass ich mitkomme, also gehe ich auch nicht ohne dich zurück.“

Lucien bedachte seine Begleiterin mit einem Lächeln. Sie und ihr Perfektionismus. Doch er widersprach nicht. Immerhin bedeuteten hohe Ansprüche immer auch ein hohes Maß an Einsatzbereitschaft und mit nicht weniger gab er sich zufrieden. Immerhin mussten sie sich gegenseitig den Rücken decken, sobald es hart auf hart kam. Er verließ sich also auf sie und ihren Perfektionismus, wenn sie dort hinein gingen. Kurz huschte sein Blick an Shanaya vorbei zu dem großen hölzernen Tor, das die Häuserschlucht von der Straße trennte und hinter dem das Gelände des Schwarzmarktes lag. Dann kehrten die tiefgrünen Augen zu der Schwarzhaarigen zurück und ein Lächeln legte sich auf seine Lippen. „Nein, das bestimmt nicht. Ich wollte dir nur die Chance geben, auszusteigen, falls du doch zu müde bist.“ Leiser Schalk lag in seiner Stimme, doch als sie wieder näher trat, wurde der Ausdruck in seinen Augen ernster. Gelassener. Sich ihrer vollkommen sicher. Ohne lange darüber nachzudenken, hob er die Linke, legte sie sanft an ihre Wange und beugte sich zu ihr vor, um sie zu küssen. Einfach, weil ihm danach war. Als er sich langsam von ihr löste, blieb er ihr nahe. Sah ihr nur in die Augen. „Dann sehen wir uns das Ganze jetzt mal aus der Nähe an, würde ich sagen.“

Auch, wenn Luciens Blick nur kurz an ihr vorbei glitt, wandte Shanaya den Blick herum, prüfte, ob er irgendetwas außergewöhnliches sah. Erst, als die Stimme des Dunkelhaarigen erklang, wandte die junge Frau sich wieder zu ihm herum, wollte antworten und wurde dann von der Hand an ihrer Wange abgelenkt, von dem Kuss, der ihre Anspannung vollkommen von ihr abfallen ließ, ihr Gemüt beruhigte. Sanft strich sie mit den Fingerspitzen an Luciens Hals entlang, bis er sich von ihr löste und ihr in die Augen sah. "Ich hin nie zu müde für den nächsten Adrenalinschub." Das hatte sie sich nicht verkneifen können, lächelte nun aber wieder auf eine sanfte, warme Art und Weise, Ehe sie auf die nächsten Worte des Mannes hin nickte. Sie brachte etwas Abstand zwischen sie, wenn auch nicht viel, und wandte sich zum Gehen, den blauen Blick zu ihrem Captain herum gewandt. "Weißt du, um wie viel Kaffee es geht? Und mit wie vielen wir es zu tun haben werden?"
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They come for You, they come for Me - von Lucien Dravean - 31.05.2021, 12:33

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