18.08.2020, 22:41
Kurz vor Ankunft in Silvestre in der Kapitänskajüte der Sphinx
Talin & Lucien
16. Mai 1822 | in der Nacht zum 17. Mai | Kapitänskajüte
Laue Abendluft umspielte Talins Haar, als sie nachdenklich auf das Meer hinaussah. Ihre Finger spielten am Verschluss der Flasche in ihren Händen herum, bevor sie diese schließlich fester fasste. Mit einem leisen Seufzer stieß sie sich von der Reling ab, wobei ihr verletzter Arm für einen Moment schmerzte. Sie ignorierte es. Dann ging sie hinunter in die Kajüte. Es war einer der wenigen Tage, an denen sie zusammen mit Lucien frei hatte. Wieso also nicht die Zeit einfach gemeinsam verbringen?
Als sie die Tür öffnete, sah sie ihn so, wie erwartet. Obwohl nach ihrem damaligen Gespräch sich die Stimmung gebessert hatte, schien irgendetwas ihn wieder zu schaffen zu machen. Er trank und das nicht zu knapp. Also wurde es Zeit, eine kleine nervige Schwester zu sein.
„Ich bringe Nachschub, Brüderchen.“ Sie schwenkte die Rumflasche in ihrer Hand. „Was dagegen, wenn wir sie uns teilen?“
Lucien ließ den Hinterkopf gegen die Schiffswand sinken, an der das blaue Sofa stand und schloss die Augen, genoss das sanfte Schwanken unter seinen Beinen, das sich nahtlos mit dem in seinem Kopf fortsetzte. Noch hielt sich seine Rastlosigkeit bei dem Gedanken an das nahende Land in Grenzen, doch er wusste, das sie kommen würde. Ein, zwei Tage nur, dann würde er wie der Gejagte, der er war, am Heck des Schiffes stehen und darauf warten, diese verfluchten Segel am Horizont zu sehen. Und er glaubte langsam, bei dem Gedanken daran durchzudrehen. Er hasste dieses Gefühl von Hilflosigkeit. Nichts tun zu können, außer zu warten.
Er setzte die Flasche an die Lippen, die bereits annähernd leer war – ausnahmsweise nur deshalb, weil er schon gestern Abend damit begonnen und auf der Hälfte eingeschlafen war – und ließ einen großzügigen Schluck seine Kehle hinab rinnen. Längst war sein Magen so taub, dass er die Schwere des Portweins nicht mehr spürte. Er hätte wahrscheinlich auch Wasser trinken können. Wurde Zeit für etwas Stärkeres.
Als hätte sie seine Gedanken gehört, öffnete sich in diesem Moment die Tür zur Kajüte. Talin.
Fast sofort verkrampfte sich etwas in seiner Brust, erinnerte ihn daran, wie verzweifelt er vor Sorge um sie vor nur wenigen Tagen noch gewesen war. Er setzte die Flasche ab, runzelte fragend die Stirn und richtete den Blick auf das, was sie in der Hand hatte.
Ihre Worte weckten sein Misstrauen. Und das mit gutem Grund.
„Du willst was?“
Ihr Blick huschte kurz über Lucien, um sich zu vergewissern, dass es ihm – bis auf den hohen Alkoholgehalt – gut ging. Die Besorgnis löste sich ein wenig in ihr, blieb aber nach wie vor vorhanden. Sie würde sich immer sorgen. Nach den Geschehnissen auf dieser verfluchten Insel war ihr das nur um so deutlicher bewusst geworden. Innerlich schüttelte sie den Kopf und verdrängte die Bilder von dieser Nacht. Die Wunden von damals heilten, dass war vorerst alles, was wichtig war. Luciens Frage riss sie schließlich wieder zurück und sie zog überrascht beide Augenbrauen in die Höhe, während sie zeitgleich schmunzeln musste.
„Ist das denn jetzt so überraschend? Weil ich etwas mit dir trinken will?“
Sie schwenkte noch einmal die Flasche, bevor sie sich neben ihn auf das Sofa setzte. Ein Bein angewinkelt und ihm zugewandt, entkorkte sie die Flasche und hielt sie zwischen sie beide.
„Ich weiß, du verträgst wesentlich mehr als ich, aber ich habe auch einen Hintergedanken bei meinem Angebot – du kannst also auch ablehnen.“ Vielleicht. „Ich möchte das wir uns unterhalten. Wir stellen einander Fragen, über die drei Jahre, die uns verändert haben. Wer nicht antworten will, muss trinken. Das kann einem ganz schön in den Kopf schießen. Bist du dabei?“
Weder ihre in die Höhe gezogenen Augenbrauen noch das Schmunzeln schafften es, sein Misstrauen auch nur ansatzweise zu mildern. Noch viel weniger aber schafften das ihre Worte. Er gab ein leises Schnauben von sich, begegnete ihrem Blick mit einer Mischung aus Schalk und Spott, bevor er die Flasche in seiner Hand noch einmal an die Lippen setzte und in einem Zug leerte. Dann stellte er sie neben seinem Fuß auf den Boden.
„Das ist überraschend, weil du den Alkohol die letzten Male aus dem Fenster geworfen hast.“
Was so nicht ganz stimmte, zugegeben. Es war nur ein Mal gewesen. Aber sie verstand schon, was er meinte.
Das Misstrauen blieb also, wenn sich auch eine Spur Neugier in seinen Blick mischte. Er setzte sich bequemer hin, sah seiner kleinen Schwester entgegen, während sie zu ihm kam und es sich bei ihm gemütlich machte.
Nur einen Herzschlag später wusste er, dass er sich nicht geirrt hatte. Neugier, Schalk und Spott verschwanden von seinen Zügen, machten einem Hauch Ärger Platz. Sein Blick lag unverwandt auf seiner Schwester, etwas unstet zwar, aber nach wie vor klar.
„Du willst also ein Trinkspiel mit mir spielen, um mit mir über Dinge zu reden, über die ich nicht reden will? Verstehe ich das richtig?“
Es war überraschend. Wenn sie all ihre eigenen Wehwehchen zur Seite stellte, konnte sie recht schnell wieder in Lucien lesen, so wie es ihr früher möglich gewesen war. Es zuckte kurz in ihren Mundwinkeln, bevor sie das Lächeln zurückhielt, während sie die Flasche sinken ließ. Sie folgte der Bewegung mit ihren Augen und dachte über seine Worte nach. Sie wusste, dass das Vertrauen zwischen ihnen schwer geschädigt war. Ein Band, dass nur noch durch ein paar Fäden zusammen gehalten wurde. Sie wollte dieses starke, reißfeste Band von damals zurück. Das, welches von niemandem zerstört werden konnte, weil sie sich nur auf einander verlassen konnten. Schließlich lächelte Talin doch, als sie wieder zu ihm aufsah, nur um dann einen Schluck aus der Flasche zunehmen.
„Ich bin überrascht. Du verschwendest deine erste Frage gleich auf so etwas offensichtliches. Ich habe nur getrunken, weil es glaub ich keiner Antwort bedarf. Und weil ich den guten Rum nicht gleich wieder über Bord werfen will.“ Sie sah ihn vielsagend an. „Dann stelle ich dir jetzt eine Frage. Was trinkst du lieber: Portwein oder Rum?“
Schon in dem Moment, in dem sie antwortete, wurde sein Ärger beinahe greifbar. Seine Augen verengten sich unwillkürlich. Sie spielte irgendwelche Spielchen mit ihm, hielt ihn zum Narren und das konnte er beim besten Willen auch alleine sehr gut. Doch der wirkliche Grund, weshalb er wütend wurde, war ein anderer. Nämlich die plötzliche Furcht, die ihre Finger nach ihm ausstreckte und das Bedürfnis, sich davor zu schützen. Ganz instinktiv. Weil Talin ihn zu etwas drängte, das er nicht wollte. Weil er sich davor fürchtete, was passieren konnte, wenn der Alkohol seine Zunge löste.
Warum bei allen Welten blieb er dann aber sitzen und starrte seine kleine Schwester an, statt aufzustehen und zu gehen?
„Ich habe nicht gesagt, dass ich dieses Spiel mitspiele.“, warnte er sie, ohne auf die Frage einzugehen – oder den Alkohol.
Kleinen Schwestern schien das Talent, die großen Brüder aufzubringen, in die Wiege gelegt worden sein. Wie Hitze aus einem Ofen traf seine Wut sie im Gesicht. Wahrscheinlich wollte er sie gerade am liebsten erwürgen, aber er blieb sitzen. Er stürmte nicht einfach so davon. War er also wirklich so abgeneigt? Ohne ihn aus den Augen zu lassen, hob sie die Flasche wieder an und trank einen Schluck.
„Dann trink ich eben für dich.“ Sie seufzte gespielt dramatisch, hielt die Leichtigkeit einfach aufrecht. Selbst wenn er nicht mit ihr dieses verrückte Spiel spielen wollte, dann sollte er vielleicht einfach explodieren? Fraglich, wie das dann enden würde.
„Wieso solltest du nicht mitspielen wollen? Wovor hast du angst? Das ich dich Dinge frage, über die du nicht reden möchtest? Oder das du Dinge hörst, die du lieber nicht wissen willst? Oder hast du Angst vor dem Alkohol?“
Er konnte keinen einzigen, klaren Gedanken fassen. Alkohol und Frust ließen sie glitschig werden wie frisch gefangene Fische. Talin nahm es so leicht, ließ das ganze hier wirken, als wäre es wirklich nur ein Spiel. Nur Spaß, über den sie am Ende gemeinsam lachten. Das war es für ihn nur nicht. Sein Herz schlug längst schneller, als es sollte, trieb das Verlangen, wegzulaufen, durch seine Adern. Längst schaltete sein Verstand auf Flucht. Sein Ärger war an dieser Stelle nur das Mittel der Wahl. Wie ein in die Ecke gedrängtes Tier.
„Vor dem Alkohol sicher nicht.“, erwiderte er. Nur um ihr dann auszuweichen und den Blick in dem Wunsch, etwas Ablenkendes zu finden, durch den Raum schweifen zu lassen. Im Grunde hatte er ihr damit – unfreiwillig – tatsächlich geantwortet. Denn vor beidem fürchtete er sich. Und nichts anderes hatte in seinem Inneren gerade Platz, als die Angst vor Antworten. Seinen wie ihren.
„Warum sollte ich mitmachen?“
Er schlug um sich, wollte weglaufen. Sie sah es in seinen Augen, in der Anspannung seines Körpers. Und fast hätte sie es ihm erlaubt. Es tat ihr weh ihn so zu sehen. Aber er antwortete ihr. Sehr scharf, fast schneidend, aber er antwortete auf ihre Frage. Die innere Anspannung ließ ein wenig nach. Vielleicht war es keine Absicht gewesen, aber da war ein kleiner Riss in seiner wütenden Abwehrhaltung. Als er sie schließlich fragte, warum er mitspielen sollte, legte sie sanft eine Hand auf seine, bevor sie antwortete.
„Weil du dem Alkohol nichts sagen kannst. Er hört deinen inneren Dämonen vielleicht zu, aber du sprichst die Worte nie aus, die dich belasten.“ Sie zuckte sacht mit den Schultern, sah ihm dann wieder in die Augen. „Ich zwinge dich nicht, mir auf jede Frage zu antworten. Du kannst trinken, wenn du das willst. Aber ich will das du weißt, dass ich dir zuhöre, wenn du reden willst. Ist das nicht ein Grund mitzumachen?“
Seine erste Reaktion war ein leises, spöttisches „ts“. Doch er stand noch immer nicht auf und ging, sondern blieb und versuchte, seine Gedanken und Emotionen in dem unsteten Alkoholnebel zu sortieren. Sie sprangen wie wild von einem Punkt zum nächsten, seine Wut verebbte so schnell, wie sie gekommen war und hinterließ nichts als resignierten Frust. Zustimmen konnte er Talin nicht. Gerade die Tatsache, nicht zu reden, war schließlich das, was ihn zum Alkohol trieb. Aber widersprechen konnte er ebenso wenig.
Wenn er nicht antworten wollte, konnte er immer noch trinken. Bis er vielleicht so verflucht besoffen war, dass er sich an gar nichts mehr erinnerte. Vielleicht gar keine so schlechte Idee.
„Ich weiß, dass du zuhören würdest. Das musst du mir nicht beweisen.“
Die tiefgrünen Augen kehrten zu seiner Schwester zurück, als sie sacht die Hand über seine legte. Musterten sie einen langen, trotzigen Augenblick lang ernst. Das Misstrauen blieb und es wog schwer. Allein, weil sie es war, der er misstraute. Etwas, das es zwischen ihnen nie zuvor gegeben hatte. Vielleicht war es auch das, was sie hierzu veranlasste. Dass alles so anders war.
Lucien stieß leise die Luft aus, schloss kurz die Augen und schüttelte den Kopf.
„Kommt drauf an.“, meinte er schließlich und scheinbar ganz aus dem Zusammenhang gerissen. „Manchmal ist Portwein nicht stark genug und manchmal ist Rum hinterher nicht schmerzhaft genug.“ Er begegnete erneut ihrem Blick. „Was ist, wenn mir keine Frage einfällt?“ Das 'die ich auch stellen will' verschluckte er kurzerhand.
Es herrschte ein angespannte Stille, die schwanger war von Misstrauen. Das Gefühl schnitt wie kleine Messer in ihre Haut, aber sie schwieg, ließ Lucien über ihre Worte nachdenken und sich entscheiden, wie er mit ihrem Angebot umgehen wollte. Das seine Blicke sie verletzten, ignorierte sie und sperrte es tief in ihrem Inneren ein. Immerhin war sie selbst schuld. Sie und ihr Egoismus. Ihr Blick glitt zu der Flasche in ihrer Hand und sie ließ nachdenklich den Finger über die Öffnung gleiten, als Lucien völlig unzusammenhängend auf ihre Frage antworte. Eine Frage, die sie ihm vorhin gestellt hatte, nicht gerade erst jetzt. Sie sah etwas überrumpelt wieder zu ihm auf und lächelte schließlich sacht. Sie nickte bei seiner Antwort, verstand zum Teil, warum er den jeweiligen Alkohol wählte.
„Eine Mischung wäre schon praktisch. Auch wenn ich glaube, dass es sowohl beim Trinken, als auch am nächsten Morgen schmerzhaft wäre.“ Sie neigte leicht den Kopf, bevor sie die Flasche schließlich zwischen sie beide stellte. Damit konnte jeder danach greifen, wenn er nicht antworten wollte.
"Wenn dir keine Frage einfällt, dann...", sie grinste leicht, "dann fragst du etwas, was dich so interessiert. Ich hab dich nach deinem Alkohol gefragt, weil ich nicht weiß, was du lieber magst. Genau so könnte ich dich fragen, welche Farbe du jetzt magst, was du jetzt am liebsten tun würdest...Dinge die sich in drei Jahren ändern können, das kann man fragen. Das ist doch leicht, oder nicht?"
Lucien erwiderte auf ihre Zusammenfassung seiner Alkoholvorlieben nichts, beobachtete sie nur mit dem gleichen, ernsthaften Ausdruck in den Augen wie zuvor. Sie stellte die Flasche zwischen ihnen beiden auf das Polster des Sofas und begegnete erneut seinem Blick.
Doch auch ihr Lächeln erwiderte er nicht, stieß nur leise die Luft aus und senkte den Blick auf die Öffnung der Flasche vor sich – als überlege er, danach zu greifen und sich ihren gesamten Inhalt hinter die Binde zu kippen. Der Gedanke war tatsächlich verlockend.
„Dafür bin ich eindeutig noch nicht betrunken genug“, stellte er leise fest, hob die Hand und rieb sich über die Augen. Etwas, das ihn einfach so interessierte? Das war leichter gesagt, als getan. Jede Frage an sie führte unweigerlich zu dieser einen Wahrheit, die er nicht sehen wollte. Sie war nicht mehr das Mädchen von damals. Und damit konnte er immer noch nicht umgehen – hauptsächlich deshalb wahrscheinlich, weil er es leugnete. Ihm fiel schlicht und ergreifend keine Frage ein, die belanglos genug war, um die Antwort ertragen zu können.
„Also schön“, meinte er, hob den Blick und klang dabei fast etwas trotzig. „Welche Farbe magst du jetzt am liebsten?“
Er zögerte immer noch? War er denn gar nicht neugierig? Wollte er nichts über sie wissen? Es kränkte sie schon ein wenig, dass er nicht mitmachen wollte. Aber andererseits...im Gegensatz zu ihm hatte sie den ganzen Tag Zeit, um sich darauf einzustellen Antworten zu hören, die sie nicht hören wollte und Fragen gestellt zu bekommen, die sie nicht beantworten wollte. Also musste sie sein Zögern eigentlich verstehen und nachvollziehen. Die Frage die er ihr aber schließlich stellte, ließ sie ihm einen Blick zuwerfen, der besagte: 'Ist das dein Ernst?' Er konnte auch einfach sagen, wenn er keine Lust darauf hatte. Statt ihm aber das vorzuschlagen, verdrehte sie die Augen und sah ihn dann wieder an.
„Immer noch Grün, daran hat sich nichts geändert. Vermisst du unsere Kindheit?“ Sie schoss die Frage direkt ihrer Antwort hinterher.
Ihr Augenverdrehen hätte ihm vielleicht ein Schmunzeln entlocken können. Doch in diesem Moment empfand er dabei nur spöttische Genugtuung. Sie durfte ruhig wissen, wie viel er von dieser Situation hielt und dass er ebenso in der Lage war, Spielchen zu spielen, wie sie.
Doch ihre Antwort vertrieb dieses trotzige Gefühl schließlich restlos und mit einer Geste milden Spotts, wie sie wohl nur große Brüder beherrschten, hob er eine Augenbraue.
Grün. Natürlich. Immer grün.
Der Hauch eines Lächelns stahl sich auf seine Lippen und er verbarg ihn rasch, indem er den Blick senkte und nur ein einziges Mal nickte.
„Meistens. Nicht alles davon. Aber das meiste – und oft.“ Er sah wieder zu Talin auf. „Und du?“