07.05.2020, 20:19
Er wusste noch nicht, ob es ein Fehler gewesen war, der Jüngeren diesbezüglich derart offen zu begegnen. An ihrem Lächeln änderte sich nicht viel und auch das Nicken konnte alles oder nichts bedeuten. Doch jetzt war es zu spät und mit der Zeit würde sich zwangsläufig herausstellen, ob er seine Offenheit ‚bereuen‘ würde oder nicht. Tendenziell hatte er ja genug Informationen, um sich zu revanchieren. Problem würde nur sein, dass sie sich beide vermutlich nur ziemlich wenig um das kümmern würden, womit ihn der andere aufzuziehen versuchte. Wie dem auch wahr – Liam redete sowieso viel lieber über Dinge, die ihn direkt betrafen und bei denen nicht noch andere Leute mit drin steckten, die gerade nicht für sich selbst sprechen konnten. Er lächelte gut gelaunt bei ihrer Drohung, denn mit Zuschauern hatte er nur selten Probleme. Er wollte gar nicht wissen, wie oft ihm schon jemand über die Schulter geschaut hatte, ohne dass er davon überhaupt Wind bekommen hatte. Shanaya jedenfalls konnte in seinem Gesicht eher Vorfreude erkennen als Unbehagen, auch, als sie ihr Vorhaben konkretisierte.
„Am Ende wirft man mich noch vom Schiff, weil ich mehr mit der Arbeit für dich als für die Crew beschäftigt bin.“, hielt er scherzhaft für möglich, ahnte aber, dass an dieser Befürchtung mehr dran sein würde, wenn es wirklich derart ausuferte.
Er hätte sich vermutlich erstmal gar nicht darüber beschwert. Seit er mit der Sphinx segelte, hatte er nicht nur weniger Zeit zum Wandern, sondern auch zum Schreiben oder Zeichnen. Doch er kannte es noch gut von seinem Vater – erst erlebte man Abenteuer, dann schrieb man darüber. Irgendwann würde er irgendwo am Strand hocken und sich zu all den Erlebnissen zurücksehnen, die ihn mit der Crew verbanden. Aber alles war nun einmal zeitlich begrenzt. Derweil lauschte er der Dunkelhaarigen neugierig und warf ihr dann und wann, wenn der unebene Boden seine Aufmerksamkeit nicht benötigte, einen interessierten Blick zu.
„Also gab’s schon Momente, in denen du die Stufe-2-Shanaya weit hinter dir gelassen hast. Gut zu wissen. Gehst du seitdem so sparsam mit dem Alkohol um? Bist du tatsächlich einer dieser wenigen Menschen, die aus ihrem Kater gelernt haben?“
Ungläubig schob er die Augenbrauen zusammen und musterte sie prüfend, wusste aber, dass das nur ein beiläufiges Thema ihres Gesprächs war. Allmählich wurde die Situation für ihn ein wenig klarer, aber es wunderte ihn, dass sie aus dieser Meuterei offenbar nur zu zweit herausgegangen waren – und dazu mit einem kompletten Schiff, wenn auch in einem nicht ganz so guten Zustand. Die Erwähnung Aspens ließ er vorerst unkommentiert. Teils hätte er die Aussage des Blondschopfes durchaus unterschrieben. Letztendlich aber hing er doch mehr an seinem Leben als an dem eines anderen, der ihm nach dem Leben trachtete. Ob Aspen diese Einstellung letztlich zum Verhängnis geworden war?
„War er dir gefolgt? Aspen meine ich. Immerhin waren eure Familien ja vorher schon… verbunden, soweit ich weiß.“, lenkte er seine Gedanken an den toten Montrose in eine Frage um, die zum Gespräch passte. „Euer Glück, dass ihr nur nach einer Crew Ausschau halten musstet, nicht auch noch nach einem neuen Schiff. Wie es aussieht, sind ein paar lebensmüde Leute nämlich leichter aufzutreiben.“
Er lächelte wieder und stieg über eine alte Baumwurzel, die ihren Pfad querte und offenbar aus dem Boden gespült worden war.