07.11.2018, 19:16
Es war nicht sein erster Besuch in diesem Haus. Andernfalls wäre es ihm wahrscheinlich schwer gefallen, derart einfach Zutritt zu erhalten – mit nichts weiter als der Kleidung, die Talin ihm an Bord der Sphinx nach seiner Befreiung hatte beschaffen können. Daran war nichts edel, teuer oder fein gearbeitet wie die Stoffe der Männer, die sonst hier einkehrten. Keine wertvollen Metalle, die die Fasern durchdrangen oder die Knöpfe schmückten – nur die einfache Kleidung eines einfachen Seemannes.
Dementsprechend hoch fiel der "Aufpreis" aus, der die Herrin des Hauses und ihren bulligen Türwächter bei Luciens erstem Besuch doch noch überzeugte. Seitdem kam er drei Abende in Folge. Und auch diesen kleinen Luxus ermöglichte ihm seine Schwester. Oder zumindest ihr Gold, das sie ihm ganz in dem Wissen überließ, wofür er es verwendete. Selbstverständlich hätte der Dunkelhaarige auch deutlich weniger für seine Bedürfnisse ausgeben können, doch ganz genau wie Talin hatte er eine Schwäche für die schönen Dinge. Und für den Genuss. Erst recht, nachdem er über drei Jahre darauf hatte verzichten müssen. Dass er sich dem nun geradezu exzessiv ergab, geschah deshalb völlig bewusst.
Lucien stieß ein lautloses Seufzen aus, schloss die Augen und ließ sich im warmen Wasser des großen Hauptbeckens ein Stückchen tiefer sinken. Er hatte sich mit seiner entzückenden Gesellschaft in eine Ecke des länglichen Rechtecks zurückgezogen und die Arme links und rechts auf den Rand gelegt. Die Finger seiner Linken strichen flüchtig über die kleinen Bestandteile des sorgsam gearbeiteten Mosaiks, das sich einmal um das gesamte Becken zog. Eine anmutige Folge geometrischer Muster, die an verflochtene Zöpfe und sanfte Wellen erinnerten.
Auf seiner rechten Seite tat es ihm das junge, brünette Mädchen gleich, das sich vor vielleicht zehn, fünfzehn Minuten zu ihm gesellt hatte und nun bäuchlings am Rand des Beckens lag. Ihre Finger strichen sanft liebkosend über sein vernarbtes Handgelenk und als Lucien eines der tiefgrünen Augen öffnete, um ihr einen Seitenblick zuzuwerfen, bemerkte er die Neugier auf ihren jungen Zügen, mit denen sie die Geschichte dahinter zu entschlüsseln versuchte. Ein flüchtiges Lächeln erschien auf seinen Lippen, während er auf die dazugehörige Frage wartete.
„Woher habt Ihr die, wenn ich fragen darf.“ Da war sie.
Lucien öffnete beide Augen, drehte den Kopf leicht in ihre Richtung und den Arm langsam um, sodass seine Handfläche und die Innenseite des Handgelenks nach oben zeigte. „Handschellen.“, gab er offen zurück und musste sich das nächste Schmunzeln verkneifen, als er ihren etwas spöttischen Blick auffing. Natürlich war sie darauf schon selbst gekommen. Also führte er das ganze ein bisschen aus. „Ich habe einige Zeit die Gastfreundschaft unserer Marine genossen.“ Sie stützte das Kinn in ihre Hand, ohne in den sanften Liebkosungen seines Handgelenks inne zu halten. „Warum?“ - „Man hat mich auf einem Schmugglerschiff aufgegriffen.“
Der Dunkelhaarige sah ihr an, dass sie schon Anlauf für die nächste Frage holte. Doch sein Blick wurde von etwas anderem abgelenkt. Nicht weit entfernt von ihnen führte eine weitere junge Dame einen Gast am Becken vorbei und erklärte ihm mit hörbarem Akzent, wie die Dinge in diesem Haus gehandhabt wurden. An sich nichts Ungewöhnliches. Doch als Lucien aus den Augenwinkeln in ihre Richtung sah, war ihm für einen winzigen Moment so, als kämen ihm die Züge des Mannes vertraut vor.
Ein weiterer, genauere Blick in die entsprechende Richtung bestätigte seine Ahnung.
„Wer hätte das gedacht...“, entwich dem jungen Mann leise und um seine Mundwinkel spielte ein amüsiertes Schmunzeln.