Dieses Forum nutzt Cookies
Dieses Forum verwendet Cookies, um deine Login-Informationen zu speichern, wenn du registriert bist, und deinen letzten Besuch, wenn du es nicht bist. Cookies sind kleine Textdokumente, die auf deinem Computer gespeichert sind; Die von diesem Forum gesetzten Cookies düfen nur auf dieser Website verwendet werden und stellen kein Sicherheitsrisiko dar. Cookies auf diesem Forum speichern auch die spezifischen Themen, die du gelesen hast und wann du zum letzten Mal gelesen hast. Bitte bestätige, ob du diese Cookies akzeptierst oder ablehnst.

Ein Cookie wird in deinem Browser unabhängig von der Wahl gespeichert, um zu verhindern, dass dir diese Frage erneut gestellt wird. Du kannst deine Cookie-Einstellungen jederzeit über den Link in der Fußzeile ändern.



There's a war between who we are
Lucien, Shanaya & Zairym
Szenen-Informationen
Charaktere Gast
Datum 21 Mai 1822
Ort Schneiderei auf Calbota | Richtung Bordell
Tageszeit Nachmittags
Crewmitglied der Sphinx
für 60 Gold gesucht
dabei seit Nov 2015
Zitat hinzufügen Zitieren
#1
There's a war between who we are
Nachmittag des 21. Mai 1822
Lucien Dravean, Shanaya Árashi, Zairym al Said


Als Lucien mit Ceallagh, Trevor und Zairym zum Bordell zurückkehrte, bekam er nicht viel Gelegenheit, sich von den Nachwirkungen ihres kleinen Auftrags zumindest kurz zu erholen. Sie waren zwar immerhin glimpflich davon gekommen und er konnte auch nicht behaupten, dass die Tage seit ihrer Ankunft in Silvestre für ihn besonders ruhig verlaufen wären, aber er hätte gut und gerne zumindest heute darauf verzichten können, mit so etwas wie einem ‚Shanaya ist verschwunden‘ empfangen zu werden.
Unter anderen Umständen hätte es ihn wenig angehoben. Die Schwarzhaarige war erwachsen und konnte gut auf sich alleine aufpassen. Selbst jetzt, mit ihrem verletzten Bein, hätte Lucien darauf vertraut, dass sie ihren Weg zurück schon von alleine fand. Doch Josiah hatte ihm erzählt, was passiert war: Dass sie nur ein wenig frische Luft hatten schnappen wollen; dass sie beraubt und in Folge dessen von Liam getrennt worden waren; und dass zu guter Letzt auch der Attentäter ihre Spur verloren hatte. Nachdem ihre Wunde wieder aufgerissen war und Josiah ihr zunächst Nadel und Faden abgenommen hatte, um zu vermeiden, dass sie sie im größten Staub der Straße nähte. An sich ein guter Grund – wären sie dann eben nicht getrennt worden, bevor sie Gelegenheit bekam, sich zu versorgen.
Lucien bezweifelte dabei nicht eine Sekunde, dass die Schwarzhaarige ihren Teil zu dieser ‚Trennung‘ beigetragen hatte. Doch das spielte angesichts der Vorstellung, sie halb oder gar gänzlich verblutet in einer Nebenstraße zu finden, auch keine Rolle mehr. Er hatte Josiah mit einem frustrierten Knurren nur das Döschen mit den Nadeln und den Garn aus der Hand gerissen, sich wieder zur Tür umgedreht und sich im Vorbeigehen den ahnungslosen Zairym gepackt, der dort noch herum stand, für den Fall, dass er ein Paar Hände mehr brauchte, um Shanaya nach Hause zu bringen. Ob der Ältere das ganze Szenario dabei beobachtet hatte oder nicht, war Lucien in diesem Moment ebenso herzlich egal.
Wütend war der junge Captain zumindest nicht mehr. Er wusste auch nicht, ob er es vorher gewesen war. Genervt traf es vielleicht besser. Genervt, weil sich Josiah die Schwarzhaarige nicht einfach gepackt und sie zurück ins Bordell getragen hatte. Genervt, weil die halbe Crew offensichtlich nicht fähig war, mit einer so eigenständigen Persönlichkeit wie Shanaya umzugehen. Genervt, weil ihm schon der Auftrag der Tarlenn mächtig gegen den Strich ging und der Tag keine Anstalten machte, besser zu werden. Und besorgt, weil er wusste, wie stur, wie provokant die junge Frau ihren Willen durchsetzen konnte. Und er war sich nicht sicher, wie wachsam sie noch auf ihren eigenen Körper lauschte, wenn man sie nur weit genug reizte. Lucien stieß ein leises Seufzen aus, rieb sich kurz die Stirn und warf einen Blick über die Schulter. Oben an der Mündung der Straße, zu der Josiah sie geschickt hatte, hatten sie einen Standbesitzer mittleren Alters nach Shanaya befragt, der wohl dabei gewesen war, als ihre Verletzung wieder zu bluten begonnen hatte. Er versicherte ihnen um Verzeihung heischend, er habe den Medicus rufen wollen, damit sie versorgt werden könne, aber sie sei aufgestanden und die Straße hinunter marschiert. Und dann hinter der Biegung verschwunden, die man dort vorne noch sehen könne. Dann seien Soldaten aufgetaucht und hätten ihre Begleiter in die Flucht geschlagen. Und ob einer von ihnen denn ihr Vormund wäre. Diese Frage hatte der junge Captain kurzerhand ignoriert und sich abgewandt, um der Beschreibung zu folgen. Rym hatte er nur mit einem ungeduldigen Wink hinter sich her gelotst. Als sie die Gasse erreichten, fanden sie zumindest keine halb tote Shanaya auf dem Boden sitzen. Allerdings auch sonst keine Spur von ihr. Erst etwa hundert Meter weiter fiel ihnen die Blutspur auf, die sich fleckchenweise durch den Staub zog und ihnen einen sicheren Weg wies.
An ihrem Ende, zwei Querstraßen weiter, stießen sie auf eine junge Frau, die etwas hilflos vor einer alten, grünen Hintertür saß. Sie strich sich immer wieder nervös mit der Hand den bodenlangen Kleiderrock glatt, sah zur Türklinke über ihr auf und blieb doch sitzen, während sie am Saum ihrer Kleidung knibbelte. Als sie die beiden Männer auf sich zukommen sah, merkte sie erwartungsvoll auf, als hoffe sie, sie kämen, um sie aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Welche auch immer das war. Lucien warf seinem Begleiter einen kurzen Seitenblick zu, dann trat er vor. Die Begrüßung sparte er sich, Dorfkind, das er war, ganz und gar.

„Wir sind auf der Suche nach einer jungen Frau, die vor nicht mehr als einer Stunde hier vorbei gekommen sein muss. Schwarzes Haar, eine blutende Wunde am Bein. Habt Ihr sie zufällig gesehen?“


Shanaya schloss einen Moment lang die blauen Augen. Zwei, drei tiefe Atemzüge folgten, in denen sie die letzte Stunde noch einmal vor ihrem inneren Auge abspielte. Kurz wallte etwas Wut in ihr auf, der sich jedoch leicht wieder herunter schlucken ließ. Josiah war es ihr einfach nicht wert, er war ihr so oder so nicht der Sympathischte… und dass er sich ihren Dolch und den Rest geschnappt hatte, machte die ganze Situation nicht besser. Sie hoffte für den Dunkelhaarigen, dass sie ihre Sachen unbeschädigt wieder bekommen würde. Aber das würde sie dann sehen, spätestens, wenn sie im Bordell aufeinander trafen. Mir diesem Gedanken öffnete die junge Frau wieder die Augen, ließ den Blick kurz schweifen. Aber sie war allein, die Schneiderin hatte das Haus verlassen, nachdem sie ihr Nadel, Faden und Alkohol übergeben hatte. Vielleicht hatte sie gemerkt, wie unterirdisch die Laune der Schwarzhaarigen war. Da war es vermutlich besser, die Flucht zu ergreifen. Shanaya hoffte nur, dass sie keinen Arzt anschleppen würde. Sie war hierher geflohen, um eben diesen zu entkommen und sie hatte für heute wirklich genug von ‚Du musst‘, ‚Du solltest nicht‘ und ‚Das wäre besser für dich‘. Sie war einfach froh, wenn sie die Wunde versorgt hatte, den Weg zum Bordell hinter sich gebracht hatte und sich auf ihr Bett rollen konnte. Das klang so verlockend, dass ein leises Seufzen die Lippen der jungen Frau verließ. Nach einem Schluck aus der Flasche, der sie kurz husten ließ, machte sie sich also daran, den Faden in das Nadelöhr zu fädeln und die Wunde sowie die Nadel mit Alkohol zu überkippen. Die Hose ein wenig herunter gezogen, damit sie an die Wunde kam, saß sie auf einem Stuhl, stellte den Alkohol neben sich auf den Tisch und begann schließlich die Wunde zu nähen. Bei jedem Stich und festziehen des Fadens hielt sie die Luft an und war froh, als sie zumindest schon einmal die Hälfte hinter sich gebracht hatte. Woraufhin sie noch einen Schluck des brennenden Alkohols trank.

Obwohl es ihm Freunde von früher und vermutlich auch niemand von den Piraten zutraute, Rym wusste sehr wohl, wann er die Klappe zu halten hatte. Er wusste auch, wann er es mit einem sehr frustrierten, sehr genervten Kerl zu tun hatte und das es gerade dann manchmal angebracht war, diese Wut nicht auf sich selbst zu lenken. Außerdem genoss er immer noch das Gefühl des Nervenkitzels, dem er noch vor einer knappen Stunde hatte nachgehen können. Und wo befand er sich jetzt? Nachdem sie von ihrem Auftrag wieder gekommen waren, hatte sich alles ganz plötzlich darum gedreht, dass die kleine Königin verschwunden war. Nachdem, was er hörte und wie er das Mädchen einschätzte, war sie wahrscheinlich aus lauter Frust über die Bevormundung bis Asanu gelaufen, nur um ihren Ärger loszuwerden. Er hätte sie wahrscheinlich auch in der Ecke, in der sie wahrscheinlicher lag, liegen gelassen, nur damit sie zusehen konnte, wie sie allein zurückkam. Aber offensichtlich fand die Idee nicht so viel Anklang bei seinem Captain, der sich Rym kurzerhand schnappte und sich auf die Suche nach der kleinen Königin machte. Und ergeben, wie er war, folgte er Lucien wortlos. Und auf einmal stand er in einer Seitenstraße und verfolgte Blutspuren die Straße hinunter bis zu einer Tür und einer ziemlich mitgenommen aussehenden jungen Frau. Das Leben spielte einem manchmal schon seltsame Streiche. Das Lucien immer noch schlechte Laune hatte, erkannte Zairym an seiner sehr charmanten Art, wie er mit der Frau sprach. Und das war dann auch der Moment, in dem er auch einmal den Mund aufmachte. Er schnaubte auf und sah den anderen Man von der Seite an. „Wirklich, Commodore? Siehst du nicht, dass ein schwarzer Sturm über sie gezogen ist? Scheint mir ganz gut zu deiner Laune zu passen, meinst du nicht?“ Er trat vor, lächelte die Frau charmant an und half ihr auf die Beine. Sie erschien ihm immer noch ein wenig fahrig, als sie an Lucien gewandt schließlich hastig sprach.

„Sie ist dort drin. Sie kam rein, verlangte nach Nadel und Faden und….das war wirklich sehr viel Blut. Ich wollte einen Medicus holen, aber sie…sie…“

Nochmals schnaubte Rym und versuchte der jungen Frau auszuhelfen.

„Sie hatte eine Mordslaune?“

Sie sah ihn an und nickte hektisch, während er sie sanft zur Seite scheuchte, damit Lucien durch die Tür treten konnte.


Immerhin war Lucien so höflich gewesen, die junge Frau zu siezen. Aber offensichtlich war das seinem Begleiter nicht charmant genug. Der Dunkelhaarige hatte bei Weitem nicht den Nerv, sich belehren zu lassen oder sich gar zu entschuldigen, also winkte er auf Ryms Worte hin nur kurzerhand ab und richtete seine Aufmerksamkeit auf das Gebäude, die Tür und das Fenster daneben, das einen Blick in den Raum gewährte. Doch durch das staubige Glas erhaschte er lediglich einen Blick auf Webstühle, Schneidertische und einen Durchgang, der wohl in den Verkaufsraum vorne führte. Keine Shanaya. Nur mit halbem Ohr hörte er dem Gespräch zwischen Schneiderin und Söldner zu, wandte erst den Kopf zu den beiden zurück, als Rym sie zur Seite zog und ihr zugleich eine Mutmaßung unterbreitete, die die Dame mit einem hektischen Nicken zu bestätigen wusste. Na, dann sollte die Schwarzhaarige jetzt mal seine Laune erleben. Vorausgesetzt, sie lebte noch. Wer wusste schon, ob 'sehr viel Blut' nun die Wahrheit oder ein Ausdruck weiblicher Hysterie war. Er wandte sich an Rym, nicht ohne der Schneiderin einen kurzen Seitenblick zuzuwerfen.

„Bleib kurz bei ihr und versuch, sie ein bisschen zu beruhigen, bevor das halbe Viertel davon Wind bekommt. Ich sehe nach Shanaya und wenn wir tatsächlich einen Medicus brauchen, schaffen wir sie zu Gregory.“

Damit drückte er auch schon die Klinke und schob die Tür zur Schneiderstube nach innen auf.
Ihn empfing stickiges Zwielicht und der angenehme, ein bisschen muffige Duft von frisch gewaschenen Stoffen. Gestört lediglich von einem metallischen Hauch Blut. Shanaya saß halb entblößt auf einem Stuhl, eine Flasche Alkohol neben sich auf dem Tisch und Nadel und Faden in der Hand – wovon es hier immerhin mehr als genug geben sollte. Und sicherlich hätte ihn der Umstand, dass sie ihre Hose halb nach unten gezogen hatte, unter normalen Umständen ebenso amüsiert, wie Ryms lose Sprüche gerade eben. Genauso, wie ihn die Wahl ihres Rückzugsortes beeindrucken würde, wenn er nicht so... ja, was? Wütend, genervt, frustriert? Oder doch eher... enttäuscht gewesen wäre? Leise, fast lautlos stieß Lucien die Luft aus und verschränkte die Arme vor der Brust, presste die Kiefer aufeinander, sodass sich die mahlenden Muskeln auf seiner Wange abzeichneten. „Immerhin lebst du noch“, stellte er schließlich trocken fest.


Die Müdigkeit kroch Shanaya mehr und mehr in die Knochen. So gut es ging versuchte die Schwarzhaarige, den Gedanken zu verdrängen, dass sie auch noch den Weg zurück zum Bordell antreten musste. Vielleicht sollte sie sich doch lieber für eine Nacht… nein. Würde schon schief gehen… so weit war der Weg zurück ja nicht. Ein Gedanke, der von einem leisen Seufzen untermalt wurde, ehe sie zum nächsten Stich ansetzte. Sie war fast fertig… dann würde sie sich eine kurze Erholungspause gönnen und dann den Rückweg antreten. In der Hoffnung, dass sie nicht noch einmal einem wild gewordenen Maultier begegnete.
Ein weiterer Stich und sie vernahm das Öffnen der Tür. Beinahe wäre ihr ein lautes Brummen über die Lippen gekommen. Die Schritte waren viel zu schwer für die Schneiderin. Sie schnaufte. Nichtmal in Ruhe entblößen konnte man sich, um eine Wunde zu versorgen!

„Der Laden ist… geschlossen.“

Waren die ersten Worte noch ein Ton, der einem ‚Verschwinde‘ gleichkam, wurde das letzte Wort deutlich leiser, da sie den Kopf gehoben hatte und nun sah, wer hier vor ihr stand. Shanaya blickte den Dunkelhaarigen einfach nur an, still, hielt mit ihrer Arbeit inne. Etwas in seinem Blick ließ ihr Herz automatisch viele Takte schneller schlagen. Sie glaubte darin zu erkennen, wieso seine Stimme so klang, wie sie eben klang. Sie hatte es ihm versprochen. Und nun saß sie hier und nähte die Wunde. Sie machte sich ein wenig kleiner, der Blick in den blauen Augen wurde einen Hauch schuldbewusst. Nur stumm fragte sie sich, was Lucien wohl wusste. Die Tatsache, dass er hier war, sprach dafür, dass er nach ihr gesucht hatte. Zumindest konnte sie es sich nicht anders erklären. Was sollte er bei einem Schneider? Und seine Worte… Trotz allem ruhten die blauen Augen auf dem Gesicht Luciens, auch wenn ihr Kopf ein wenig zwischen ihre Schultern gesunken war.

„Ich lass mich doch nicht so leicht unterkriegen.“

Ihre Stimme war noch ein wenig leiser als zuvor geworden, auf ihren Lippen lag jedoch auch der zarte, vorsichtige Hauch eines Lächelns. Nur die Erschöpfung ließ sich nicht aus ihrer Stimme verbannen.


Sie stockte, als sie ihn im dämmrigen Zwielicht erkannte. Und von einem Moment auf den nächsten veränderte sich ihre Haltung, wurde von 'sichtlich genervt', weil sie wohl die Schneiderin erwartete, zu etwas, das Lucien zu einem anderen Zeitpunkt vielleicht als 'kleinlaut' bezeichnet hätte. So dunkel es im Raum auch war, in ihren Augen erkannte der 21-Jährige, dass sie den Grund für seinen Ärger ahnte – und sich schuldig fühlte. Weil sie es versprochen hatte. Sie hatte versprochen, auf sich aufzupassen, damit er sich nicht mehr um sie sorgen musste. Doch dieser bis dahin ungerichtete Ärger war nichts im Vergleich zu dem, was er empfand, als Shanaya antwortete. Die tiefgrünen Augen wurden düster vor Zorn. Er presste die Kiefer so fest aufeinander, dass seine Wangenmuskeln zuckten.

„Nein, natürlich nicht“, erwiderte er nach einem kurzen Schweigen frostig und sein Ton verriet, dass er das gänzlich anders sah. Er hatte es schon anders erlebt – und das war noch gar nicht so lange her. Dieser Tag, an dem er sie in dieser Seitenstraße gefunden hatte. Verletzt und vollkommen aufgelöst. Ihr Bruder mochte sie vielleicht nicht brechen können. Aber 'unterkriegen' konnte Bláyron sie durchaus. Und mit nur ein bisschen mehr Pech hätte ihr Bruder sie nach dem Zusammenstoß mit diesem verdammten Esel (oder was es auch immer für ein Vieh gewesen war) schon wieder gefunden. Sie selbst hatte Lucien erzählt, dass er nicht locker lassen würde. Dass er es wieder versuchen würde, wenn er die Gelegenheit dazu bekam. Und sie tat ihr Möglichstes, um es ihrem Bruder noch ein bisschen einfacher zu machen.
Lucien stieß mit einem angespannten Laut die Luft aus, wandte den Blick zur Seite. Was ihn jetzt so wütend machte, war nicht die Tatsache, dass sie die Sorge, die er ihr damals anvertraute, einfach ignoriert hatte. Er war nicht verletzt, fühlte sich nicht verraten. Es war lediglich die Angst, die Anspannung, sie ein weiteres Mal irgendwo in einer Gasse zu finden und dieses Mal zu spät zu sein, die sich jetzt, da er sie lebendig vor sich hatte, irgendwie entladen musste. Doch wie immer schluckte er die Dinge, die ihm auf der Zunge lagen, schüttelte nur den Kopf und sah Shanaya schließlich wieder an, knirschte leise mit den Zähnen, bevor er wieder sprach.

„Geht es dir gut? Glaubst du, du schaffst es zurück zum Bordell, wenn du damit fertig bist?“


Shanaya spürte diese innere Unruhe, die sie dazu verleiten wollte, vor dieser Situation zu flüchten. Wäre das mit dem verletzten Bein und einem Lucien, der sie vermutlich nicht so einfach davon kommen lassen würde, nicht schier unmöglich. Und selbst wenn… ewig hätte sie nicht vor ihm flüchten können. Trotzdem wich sie seinem Blick kurz aus, schloss selbst die blauen Augen und hob sie erst wieder an, als der Dunkelhaarige mit kalter Stimme etwas erwiderte. Shanaya lag nicht einmal eine Erwiderung auf den Lippen, unter seinem Blick schluckte sie lieber alle Worte herunter, die sie nun hervor gebracht hätte. Was hätte sie auch sagen sollen? Shanaya wusste nicht, was sich in diesem Moment in Luciens Gedanken abspielte – und vielleicht war das auch besser so. Sie saß nur still da, drückte inzwischen eines der Tücher auf die Wunde, die sie fast zu Ende versorgt hatte. Sie musste nur noch das Ende verknoten…
Schließlich war es jedoch Lucien, der den Blick abwandte. Eine Bewegung, die es Shanaya ermöglicht hätte, tief durchzuatmen, was sie jedoch nicht tat. Sie spürte dem aufgeregten Schlagen ihres Herzens nach, änderte dabei nichts an ihrer Position, in die sie ein wenig hinein gesackt war. Sie verstand dieses schmerzhafte Ziehen nicht, dass sich durch ihren Körper zog, ihr ein wenig die Luft nahm. Warum verschreckte es sie so sehr, dass Lucien so reagierte? Es hätte ihr egal sein können, immerhin hatte sie ihr Entscheidungen getroffen und musste damit leben. Trotzdem… Sie schluckte, senkte bei Luciens Blick jedoch nicht den Blick, hielt im Stand. Tja. Wie ging es ihr?

„Ich...“ Shanaya setzte an, biss sich dann jedoch leicht auf die Zunge und seufzte dann leise. „Mein ganzer Körper fühlt sich ein bisschen… wackelig an.“ Eine erneute, kurze Pause.

„Ich bleibe wohl am besten noch etwas hier, bevor ich zurück humpele...“

Noch einmal versuchte sie sich an einem Lächeln, auch wenn sie nicht glaubte, dass das bei dem Mann in diesem Moment viel bezwecken würde. Aber ohne ständige Pausen würde sie den Weg wohl erst einmal nicht schaffen, die Erschöpfung stand ihr in diesem Moment schon ins Gesicht geschrieben. Ihr gingen noch so viele Fragen an den Dunkelhaarigen durch den Kopf, aber sie hielt sich zurück, sparte sich ihre Kräfte für den besagten Rückweg.

„Hier in der Nähe ist eine Taverne, vielleicht bleibe ich da eine Nacht...“

Sie sprach mehr zu sich selbst, trotzdem laut genug, dass Lucien sie verstehen können würde. Dabei glitt ihr blauer Blick kurz zu der Tür, ehe sie sich wieder vorsichtig an den Älteren wandte.


Noch während er die eingeschüchterte Frau ein Stück von der Tür wegschob, meinte er zu spüren, wie die Temperatur um einige Grad sank. Nicht, dass das wirklich der Fall gewesen wäre, aber er wollte sicher nicht mit der kleinen Königin tauschen, wenn der wütende Commodore dort drin auf sie traf. Und ehrlich gesagt, wollte er es sich auch nicht einmal vorstellen. Deshalb konzentrierte er sich auch auf die junge Schneiderin, die immer noch vollkommen verstört zur Tür ihres Ladens sah. Es kostete ihn einiges an Zeit und guten Willen, die Frau soweit zuberuhigen, dass sie ihm auch wirklich zuhörte. Er sprach, er schmeichelte, er gurrte und schließlich schien sie ihm zu glauben, dass sie dafür sorgen würden, dass sie ihren Laden wieder bekam. Mit keinem Wort erwähnte er eine Entschädigung oder dass der Raum aufgeräumt sein würde, aber sie schien zufrieden mit dem Gedanken bald wieder hinein zu können, ohne eine verletzte, zickige Königin. Und er wäre ein Narr, ihr noch irgendwelche andere Ideen in den Kopf zu setzen.  Die Frau verschwand ein paar Sekunden später Richtung Hauptstraße, um sich dort etwas zu Essen zu holen und sich so zu beruhigen, wie sie meinte. Er glaubte nicht, dass sie den Stadtwächtern bescheid geben würde, was hier vorgefallen war, aber mit Sicherheit würde sie darüber mit einer bekannten Marktverkäuferin tratschen. Denn wann hatte man es einmal mit einem Derwisch in kleiner Frauengestalt zu tun, die nach Nadel und Faden verlangte?
Rym hielt die Schneiderin nicht auf, sondern atmete kurz einmal durch und wappnete sich in den Raum zu treten. Wenn Shanaya tot in der Ecke lag, dann würde er seinem Commodore nur dabei helfen, die Leiche zu beseitigen, doch dieses Problem stellte sich offensichtlich gar nicht. Es war immer noch merklich unterkühlt in dem dunklen Raum, als der Mann eintrat und er konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen, als er Shanayas letzte Worte hörte.

„Wie ich sehe, lebst du doch noch, kleine Königin. Aber es könnte schwer werden, zu der Taverne zu humpeln, vor allem weil bald ein paar Gaffer hier sein werden.“

Er verschränkte belustigt die Arme hinter dem Kopf und zuckte gleichzeitig mit den Schultern, während er in Luciens Richtung sah.

„Die kleine Schneiderin ist auf den Markt gegangen, um zu tratschen. Also sollten wir den Arsch der Kleinen hierrausbringen. Wie willst du es machen, Commodore?“


Ob Shanaya es ahnte oder nicht – Ryms spontaner Auftritt rettete sie in diesem Moment. Lucien stockte bei ihrer Antwort für einen Augenblick der Atem, raubte ihm jedes Wort von der Zunge. Der Zorn, der wie ein Hammerschlag in ihm hochkochte, war drauf und dran, sich in einer einzigen Explosion zu entladen. Da saß sie ernsthaft vor ihm – vor ihm, der ihr versprochen hatte, dass sie nicht mehr allein sein würde – und redete davon, wie sie erst einmal in einer Taverne unterkommen würde, bevor sie dann morgen zurück zum Schiff humpelte. Was, bei den Titten einer verdammten Meerjungfrau, glaubte sie denn, würde er jetzt tun?! Schön, sie war noch am Leben, er ging dann schon mal vor? Wir sehen uns dann morgen? Doch Zairyms Worte hielten ihn auf. Nicht, weil sie so etwas wie Vernunft in ihm weckten und es das Sinnvollste wäre, zeitnah zu verschwinden, um keine weitere Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Es fühlte sich eher so an, als hätte er gerade mit aller Kraft eine Bogensehne gespannt und in genau dem Moment, in dem er sie losließ, kitzelte ihn jemand im Nacken. Er verriss. Mit einem Laut, der an unterdrückter, frustrierter Wut kaum zu überbieten war, wandte Lucien sich ab, machte einen halben Schritt in Richtung Tür und brachte damit eher zufällig als gezielt Ryms Gestalt zwischen sich und die Schwarzhaarige. Um die aufwallenden Gefühle nur irgendwie unter Kontrolle zu bringen, fuhr er sich mit beiden Händen übers Gesicht, raufte sich einen Augenblick später die Haare und sog Luft in seine wütend brennenden Lungen. Sie machte ihn wahnsinnig. Ganz ernsthaft. Sie machte ihn wahnsinnig.
Ohne Shanaya auch nur anzusehen, wandte er sich an sie. Sein Tonfall noch ein Stück unterkühlter, als zuvor.

„Sieh zu, dass du fertig wirst. Wir gehen jetzt zurück zum Bordell.“

Mit einem Seitenblick zu Rym ließ der Dunkelhaarige die Arme sinken.

„Zu Fuß, selbstverständlich. Sie kann selbst laufen. Bis hier her hat es schließlich auch gereicht, nicht wahr?“

Und dieses mal richteten sich die tiefgrünen Augen wieder direkt auf Shanaya. Ein Ausdruck der Provokation darin, der ganz und gar nichts Spielerisches mehr an sich hatte. Oh, er würde sie nicht selbst laufen lassen. Jedenfalls nicht die ganze Strecke. Doch er war in diesem Augenblick zu wütend, um auch nur ein freundliches Wort für sie zu erübrigen.


Gerade hatte Shanaya den Blick von der Tür abgewandt, als sie erneut aufging. Ein heller Lichtschein ließ die junge Frau kurz blinzeln, ehe sie erkannte, wer den Raum betreten hatte. Der kuschelbedürftige Söldner, der sich direkt an sie wandte. Shanaya wog nur leicht den Kopf, setzte dann mit einem „Was machst du hier?“ nach. Worte, für die sie nur Luft und Zeit fand, da Lucien nicht auf ihre Worte antwortete. Dafür ging sie auf den Rest seiner Worte nicht ein. Ihre hellen Augen ruhten auch nicht lang auf dem Dunkelhaarigen, sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Lucien – unter dessen Blick sie fast noch ein wenig mehr auf ihrem Stuhl zusammen sackte. Ohne sich dessen bewusst zu sein, hoffte die junge Frau auf irgendeine Antwort, auf eine Zurechtweisung. Aber nichts dergleichen folgte, Lucien wandte sich einfach ab. Und das stach tiefer in ihrem Inneren, als es vermutlich jedes laute Wort getan hätte.
Die Schwarzhaarige biss fest die Zähne aufeinander, schloss kurz die Augen und versuchte mit einigen ruhigen Atemzügen ihr aufgeregt schlagendes Herz zu beruhigen. Sie verstand diesen Kerl nicht. Er wollte, dass sie auf sich aufpasste, wollte sie jetzt aber zurück zum Bordell laufen lassen? Inzwischen ruhte ihr Blick wieder auf der Wunde, die frisch vernäht war. Die schneidende Stimme des Mannes ließ sie kurz den Blick zu ihm wenden, ohne den Kopf zu bewegen. Er stand in der Tür. Aufbruchbereit. Sie brauchte nicht mehr lang… die Aussicht, den ganzen Weg zurück zu humpeln erschien ihr aber doch nicht sehr verlockend. Sie verknotete trotzdem den Fäden, der die Wunde zusammen hielt. So gut es eben mit vor Erschöpfung zitternden Fingern ging. Sie reagierte nicht auf die Worte, die ihr Captain an den anderen Mann wandte, erst, als sie seinen Blick auf sich spürte, drehte sie den Kopf zu ihm herum. Sie erwiderte den Blick aus den grünen Augen so fest es ihr möglich war, einen hauchzarten, rebellischen Ausdruck im eigenen Blick. Einige Herzschläge hielt sie dem Stand, ehe sie sich wieder herum wandte, nach dem bereit gelegten Verbandszeug griff und begann, die Wunde zu umwickeln. Kein dicker Verband, nur ein dünner Schutz, bis sie… irgendwo anders war. Sie wollte sich einfach nur hinlegen.
Als nächstes erhob sich die Schwarzhaarige gerade so weit, dass sie ihre Hose wieder ganz anziehen und verschließen konnte. Ihr war schwindelig, was sie damit zu überspielen versuchte, dass sie kurz die Augen schloss. Wie weit war es bis zum Bordell? Das würde sie doch wohl schaffen! Fest entschlossen, aber trotzdem erschöpft, griff sie nach ihrer Krücke, richtete den Blick auf die beiden Männer, wobei sie Lucien etwas länger musterte.

„Wenn es das ist, was du willst.“

In ihrer Stimme lag eine Mischung aus Herausforderung und müder Resignation. Sie konnte sich denken, dass ihr Captain sie nicht Kurs auf die Taverne nehmen würde – also durfte er sich auch nicht wundern, wenn sie diese ‚Herausforderung‘ annahm, den ganzen Weg zum Bordell allein zurück zu legen.


Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste