Dieses Forum nutzt Cookies
Dieses Forum verwendet Cookies, um deine Login-Informationen zu speichern, wenn du registriert bist, und deinen letzten Besuch, wenn du es nicht bist. Cookies sind kleine Textdokumente, die auf deinem Computer gespeichert sind; Die von diesem Forum gesetzten Cookies düfen nur auf dieser Website verwendet werden und stellen kein Sicherheitsrisiko dar. Cookies auf diesem Forum speichern auch die spezifischen Themen, die du gelesen hast und wann du zum letzten Mal gelesen hast. Bitte bestätige, ob du diese Cookies akzeptierst oder ablehnst.

Ein Cookie wird in deinem Browser unabhängig von der Wahl gespeichert, um zu verhindern, dass dir diese Frage erneut gestellt wird. Du kannst deine Cookie-Einstellungen jederzeit über den Link in der Fußzeile ändern.



Like a Letter printed in Red
Lucien & Skadi
Szenen-Informationen
Charaktere Gast
Datum 6 April 1822
Ort Hafenviertel von Mîlui
Tageszeit abends
Crewmitglied der Sphinx
für 0 Gold gesucht
dabei seit Nov 2015
Zitat hinzufügen Zitieren
#1
Like a Letter printed in Red
Auf der Suche nach ein bisschen Ärger


Skadi & Lucien
06. April 1822 | Abends | Hafenviertel von Mîlui


In dem kleinen Wirtshaus nahe der Hafenanlage war noch nicht viel los. Nur zwei andere, reichlich traurige Gestalten teilten sich den ansonsten leeren, schummrig beleuchteten Schankraum, als der junge Captain von draußen herein kam. Der eine lag mit dem Gesicht auf seinem Tisch, eine Hand an der Flasche, die ihm beim Einschafen geholfen hatte. Der andere saß an einem Platz im hintersten Winkel, wo es noch dunkler war, und zog eine spärlich bekleidete junge Dame mit üppig ausgestattetem Ausschnitt näher an sich. Aber es war auch noch früh am Abend und ehe er sich versah, würde es hier von Seemännern auf Landgang und üblem Gesindel nur so wimmeln.
Im Moment war Lucien die Stille allerdings mehr als Recht. Er schenkte den beiden Fremden keine Beachtung, steuerte die Theke an, hinter der ein gelangweilter Wirt ein paar Bierkrüge trocknete und erst den Blick hob, als der Dunkelhaarige sich mit einem leisen Seufzen auf einen der Barhocker hatte fallen lassen. „Na? Beschissenen Tag gehabt?“ Es stand ihm wohl ins Gesicht geschrieben, denn er ließ Lucien gar keine Zeit, darauf irgendetwas zu erwidern.
Noch während er sprach, stellte er den Krug vor ihm auf die Theke und wandte sich der Rückwand des Ausschankes zu, auf dem sich in einem langen Regal Flasche um Flasche reihten. „Da hilft'n Whisky.“ Der junge Captain zweifelte ganz ernsthaft daran, dass er ausgerechnet hier guten Whisky fand – aber was verstand er schon davon?

Schon überredet.“, gab er mit einem fast dankbaren Unterton in der Stimme zurück, wartete kurz, bis der Krug zur Hälfte gefüllt war und der Wirt die Flasche wieder absetzte, bevor er danach griff und ihn an die Lippen hob. Kurz vorher zögerte er jedoch. „Nimm dir auch einen.

Er konnte jetzt gut jemanden gebrauchen, der ihm beim Trinken Gesellschaft leistete.
Hu, gleich so beschissen, ja?“ Der Wirt verzog kurz mitfühlend die Lippen und schenkte sich dann selbst von seinem Whisky ein. Dann hielt er den Krug hoch und Lucien stieß mit ihm an.



Ziellos steuerte der hoch gewachsenen Körper der Nordskov durch die Straßen Mîluis, ohne die vorbei hetzenden Bewohner auch nur eines Blickes zu würdigen. Eigentlich hatte sich nach ihrer ausgiebigen Jagd in den Wäldern nur deshalb in die Stadt zurück begeben, um sämtliche Gassen, Spielunken und Läden nach dem blonden Lockenkopf abzusuchen, der jedoch unauffindbar schien. Mit einem Seufzen machte Skadi also auf dem Absatz kehrt und schlenderte mit den Gedanken fernab dieser Realität in Richtung Hafen hinab. Blieb unvermittelt vor einer der zahlreichen Tavernen stehen, als ihr ein alter Mann totternd vor die Füße stolperte und ihm nur mit einem weiten Ausfallschritt ausweichen konnte.
Erhobenen Hauptes stakste der hagere Kerl von dannen. Streckte der Dunkelhaarigen mit unverständlichem Gebrabbelt seine Faust entgegen, die Skadi mit einem faszinierten Ausdruck auf den Zügen besah und den dunklen Haarschopf zur Seite kippte. Die Menschen auf dieser Insel hatten doch alle einen an der Waffel. Tief seufzend wandte sie sich wieder zum Gehen und war bereits auf halbem Wege an der Holztür vorbei, als ihr irgendetwas ins Auge fiel. Ein Schatten, der sich binnen weniger Sekunden ins Innere der Taverne schlich und den sie nur knapp aus den Augenwinkeln bemerkt hatte. Mit zusammengezogenen Augenbrauen wandte sich die Nordskov also herum, feilschte mit sich, ob sie dem Impuls nachgeben sollte oder sich lieber zurück auf den Weg zur Sphinx begab. Doch Enrique, ebenso wie Liam würden irgendwo in der Gegend herum schleichen und genauso wenig aufzufinden sein wie Talin. Und irgendwie dürstete es ihre Kehle gerade nach etwas Flüssigem.
Mit einem lauten Knarzen drückte sie die schwere Holztür ins Innere der Taverne. Schlüpfte leise durch die Öffnung und stand etwas irritiert inmitten des leeren Schankraums. Fernab der Innenstadt tummelte man sich wohl erst weit nach Feierabend in den Lokalen und kippte sich Liter für Liter an Rum, Bier und Hochprozentiges hinter die Binde. Einzig und allein drei Gestalten nebst des Barmannes erfüllten den Raum mit, zugegeben, etwas „kläglichem“ Leben. Und doch war es eine bestimmte Silhouette, die ihr verdammt bekannt vorkam. Auf federleichten Füßen schritt die Dunkelhaarige schweigend an den vereinsamten Stühlen und Tischen vorbei. Ließ sich wortlos auf dem Hocker neben Lucien nieder und musterte ihn aus den Augenwinkeln.

Wow… das war wohl deine dunkle Wolke vor der Tür, was?



Als das Knarzen der schweren Eingangstür das Kommen eines weiteren Gastes ankündigte, den das Verlangen nach einer befeuchteten Kehle in die armselige Spelunke gelockt hatte, sah Lucien nicht einmal auf. Er kippte den Whisky hinter, stellte den Krug ab und verzog fast schmerzhaft das Gesicht, als sich der Alkohol durch seinen Mund, seine Kehle und seinen Magen brannte und einen selbst für seine Vorlieben geradezu wiederlich torfigen Geschmack auf seiner Zunge hinterließ. Der erste tat immer weh.
Der Wirt grinste selbstgefällig. "Das Zeug ist verdammt gut, wa? Brennt einem dem Kopf weg."
Statt ihm darauf eine ehrliche Antwort zu geben, stellte der Dunkelhaarige sein Trinkgefäße unmittelbar in Reichweite des Mannes - oder vielmehr der Flasche auf der Theke.

"Gib mir einfach noch einen."

Der Wirt lachte trocken auf und schenkte nach. In diesem Moment knarzte der Hocker unmittelbar neben Lucien und ließ ihn den Kopf gerade so weit drehen, dass er die Person aus den Augenwinkeln mustern konnte, die sich einfach ungefragt neben ihn setzte. Für einen Herzschlag lag dem jungen Captain eine alles andere als freundliche Begrüßung auf der Zunge - dann erkannte er die schlanke Gestalt neben sich und auf seine Lippen stahl sich ein flüchtiges, aber distanziertes Lächeln.

"Skadi." Er griff nach dem inzwischen wieder vollen Krug. "Ich hoffe, du hast sie draußen gelassen. Sie ist gerade nicht sehr willkommen..", erwiderte er mit einem Anflug von Selbstironie. „Willst du auch einen?

Mit einem leichten Kopfnicken wies er auf die Flasche, die der Wirt noch immer in der Hand hielt. Wohl in Erwartung dessen, ob die junge Frau den Mumm hatte, sein Gebräu zu probieren.



Lucien kippte sich das Zeug wie Saft in den Rachen. Entweder hatte er einen Stahlmagen oder eine sehr hohe Schmerzgrenze. Manchmal fragte sich Skadi, wieso es Menschen immer wieder zum Alkohol hin trug. Er machte nichts auf Dauer besser, zugegeben aber auch nicht zwangsläufig schlimmer. Ganz offensichtlich war jedoch, dass man für einen kurzen Augenblick den Berg an Problemen vergaß, den man mit Unmengen an Spanngurten am Rücken mit sich herum trug. Als er ihren Namen über seinen Lippen gleiten ließ, wandte sie den dunklen Schopf ein wenig mehr herum und spürte, wie sich bereits ein sanftes Zucken in ihren Mundwinkeln einnistete.

Sie hat sich mit meiner in eine dunkle Gasse verzogen und wird wohl die nächsten Stunden reichlich beschäftigt sein.

Ob sie ihn gerade aufmuntern und zu einem Lachen bewegen wollte? Womöglich war das ein Teil des Planes, den ihr Unterbewusstsein gerade vor sich hin schmiedete. Doch nichts davon kam an die Oberfläche, während sie zu dem Barmann hinauf blickte und bei Luciens Frage nickte. Wenn das Zeug genauso ungenießbar war wie das, was sie sich mit Talin hinter die Binde gekippt hatte, konnte sie sich den Rest des Tages mal wieder getrost klemmen. Aber hey… wenn ihr Captain dafür mal diese schlechte Miene ablegte, sollte ihr das Recht sein. Und angesichts dessen, was in 2 Tagen auf sie wartete, war sie ohnehin gewillt den Gedanken daran vorerst zu verdrängen.

Ich bin nicht hier um Tee zu trinken.

Wobei ihr ein Bier auch vollkommen ausgereicht hätte. Geräuschvoll sauste der zweite Krug auf den Tresen. Füllte sich Herzschlag um Herzschlag mit dem rotbraunen Getränk, bis Skadi ihn in eine Hand nahm und anhob.

Skål.

Alles was folgte war ein kurzer Seitenblick. Dann rann bereits der Alkohol brennend ihre Kehle hinab und ließ sie kurz schmerzvoll das Gesicht verziehen. Der Geschmack war absolut widerlich.

Wow… ihr Draveans steht wirklich auf hartes Zeug.“, gestand die Dunkelhaarige unter einem kurzen Husten und schenkte dem Barmann ein verzogenes Lächeln, der lachend auf ihren Ausrutscher reagierte.



Die mehr als zweideutige Antwort der jungen Frau entlockte Lucien ein ehrliches Lachen. Sie kam ihr mit einer solch unverfälschten Leichtigkeit über die Lippen, die ihm wieder einmal zeigte, dass sie die gleiche Art von unschicklichem Humor teilten. Das, was die feinen Herrschaften pikiert die Nase rümpfen und ein unschuldiges Bauernmädchen erröten ließ. Zumindest das ein oder andere auf Kelekuna.

"Hört, hört..."

Mit einem unmissverständlich Wink der freien Hand bedeutete er dem Wirt, Skadi auf seine Kosten einen Krug Whisky einzuschenken und griff aus der gleichen Bewegung heraus nach der Geldkatze an seinem Gürtel. Darin gerade genug Geld, um einen sehr erfüllten Abend zu verbringen. Das klimperne Ledersäckchen landete vor dem Wirt auf dem Thresen, damit der ja nicht auf die Idee kam, ihre Kehlen trocken werden zu lassen, dann griff der Dunkelhaarige wieder nach seinem Krug, drehte sich auf seinem Hocker leicht seiner neuen Gesellschaft zu und hob auf ihren Trinkgruß hin seinen eigenen Whisky. (Dass es ein Trinkspruch war, schloss er rein intuitiv aus ihrer damit einher gehenden Gestik. Er kannte ihn nämlich nicht.) Der scharfe Schnapps brannte sich ein weiteres Mal durch seine Kehle, entlockte Lucien ein leichtes Schaudern. Aber er tat schon nicht mehr so weh, wie der erste.
Fast simultan kehrten die beide Krüge auf die Theke zurück und ohne Umschweife machte sich der Wirt daran, sie wieder zu füllen. Zunächst den Luciens, dann hielt er über dem Skadis inne und warf ihr einen belustigt fragenden Blick zu. "Na, noch einen?" Auch die tiefgrünen Augen des jungen Captains wanderten zu der Jägerin zurück. Er zweifelte nicht daran, dass sie die kleine Herausforderung annehmen würde, die im der Stimme des bärtigen Mannes gelegen hatte.

"Früh übt sich.", erwiderte er schließlich auf ihre Feststellung zu ihm und seiner Schwester. Ein kleines Schmunzeln lag dabei auf seinen Lippen. Dann jedoch kehrte er zu ihren Begrüßungsworten von vorhin zurück. "Was ist denn der Grund für deine 'dunkle Wolke'."

Er hatte schon so eine leise Ahnung...



Sein Lachen vibrierte im Raum, durch ihren eigenen Kehlkopf und rückte die schlaffen Rippen in ihrem Brustkorb zurecht. Ein Schmunzeln legte sie auf die feinen Züge der Jägerin. Strahlte für einen Herzschlag bis in die dunklen Augenpaare hinauf, ehe sie sich dem angebotenen Krug zuwandte und unter dem herben Geschmack des Rums die Mundwinkel verzog.
Wie zu erwarten erntete sie einen amüsierten Blick, den sie fast schon stur entgegnete. Ihre Kehle brannte und jammerte. Doch sie würde sich weiß Gott nicht nachsagen lassen, dass sie ob dieser Tatsache den nicht vorhandenen Schwanz einzog. Zwar würde sie selbst dann noch ihr Gesicht wahren, wenn sie die Öffnung des Kruges mit ihrer flachen Hand verschloss und klar stellte, dass sie lieber den guten Fusel trank, statt sich noch einmal dieses Zeug in den Rachen zu schieben. Doch eine leise Stimme in ihr flüsterte ihr etwas zu, was stark danach klang, sich dem Angebot hinzugeben. Nicht um sich zu beweisen, sondern um des Captains Willen. Was auch immer DAS schon wieder bedeuten sollte.

Könntest du denn einer Lady wirklich etwas abschlagen?“, entgegnete die Nordskov dem Wirt mit einem verschmitzten Lächeln und nickte dann mit einem Augenzwinkern bestätigend auf seine Frage.

Ganz sicher hielt sie sich weder für eine Lady, noch für jemanden, dem man besonders gefallen wollte. Ihr Leben lang hatte es wenn überhaupt nur einen Mann gegeben, der ihr das so offen ins Gesicht gesagt hatte. Und der weilte seit 5 Jahren schon nicht mehr auf dieser Erde. Skadi machte also keinen Hehl daraus, dass sie um diesen Umstand wusste. Es interessierte sie auch schlichtweg nicht. Schön zu sein war kein Talent – Menschen bedeuteten weit mehr als ihre bloße Hülle.

Ich sollte mir merken, nie mit euch in einen Wettstreit zu treten. Sonst liege ich noch wehrlos unter dem Tisch.

Für einen kurzen Augenblick musterte sie den Dunkelhaarigen aus den Augenwinkeln. Wirkte gleichsam amüsiert wie skeptisch. Seit ihren ersten Tagen auf der Sphinx hatte sie die Vermutung gehabt, dass bei den Geschwistern mehr in der Vergangenheit vergraben war, als man es zumindest Talins fröhlicher Gestalt anmerkte. Doch mit jedem weiteren Tag zeichnete sich dieses Gefühl als immer klarere Form der Realität ab. Nichts Ungewöhnliches an Deck dieses Schiffes – ein jeder hatte schließlich sein Päckchen zu tragen.
Dennoch verwunderte es die Nordskov dass sich die zwei nach dieser endgültigen Widervereinigung nicht pausenlos verbal wie körperlich in den Armen lagen. Dass die Stimmung nicht positiver war. Dass nach all dem, was sie auf sich genommen hatten, noch immer dunkle Wolken über ihren Köpfen hingen. Wolken die seit dem Tod Cornelis auch über ihr Einzug hielten. Mit einem tiefen Seufzend wandte sich Skadi dem Krug zu. Fuhr nachdenklich mit den Fingerspitzen über die raue Oberfläche.

Ich wusste, dass er irgendwann Ärger machen würde…“, murmelte sie leise und schnaubte. Sie wollte nicht wütend auf den Rotbart sein. Und doch war sie es. Wann immer sie Enrique oder Scortias in die Augen sah und ihre tief sitzende Traurigkeit und Wut entdeckte. “… aber das es so sein wird… mit euch Männern hat man manchmal nichts als Ärger… so ein Dummkopf.

Kurz legte sich ein Schatten über ihre Züge. Dann nahm sie bereits den Humpen in die Hand und setzte ihn an ihre Lippen. Ließ den Rum das Zittern ihrer Nerven betäuben und alsbald schnell ihre Blutbahn erreichen.
Geräuschvoll sank der Krug wieder auf den Tresen hinab. Ruhte wenig später dort allein, als sich Skadi erst abwesend über die Lippen leckte und dann den dunklen Haarschopf zu Lucien herum wandte.

Manchmal würde ich mir wünschen, dass mir einfach alles gleichgültig ist.



In die tiefgrünen Augen trat unverhofft ein zwiespältiger Ausdruck. Belustigung auf der einen Seite – ein unauffälliges, aber unleugbar amüsiertes Leuchten, als Skadi die Herausforderung des Wirts annahm und sich mit offenherzigem Geschäker nachschenken ließ. Nichts anderes hatte der junge Captain erwartet, auch wenn ihm ihre Gründe nicht ersichtlich waren. Gleichzeitig jedoch ließ sich der nachdenkliche Unterton in seinem Blick nicht verleugnen.
Er nahm sich aus der Situation heraus, beobachtete nur von außen, während sich in seinem Kopf die Gedanken im Kreise drehten. Wann war Skadi eigentlich mit Talin unterwegs gewesen? Seit wann vertrug seine kleine Schwester überhaupt so viel Alkohol, um mit der Jägerin – zumindest danach klang es – halbwegs Schritt halten zu können? Letztere war es, der er eine gewisse Robustheit in diesem Sinne von vornherein geradezu unterstellt hatte. Talin hingegen... Aber wahrscheinlich hielt er sich wieder einmal zu sehr an das vierzehnjährige Mädchen aus seiner Erinnerung, als an die junge Frau, die sie nun war.
Für einen Moment wandte er den Blick von Skadi und dem Wirt ab, hob dabei seinen nunmehr vollen Krug an die Lippen und trank einen kräftigen Schluck – vor allem, um den Frust zu verbergen, der sich möglicherweise auf seinen Zügen offenbarte. Erst, als die Dunkelhaarige sich wieder an ihn wandte, neigte Lucien leicht den Kopf und richtete den Blick auf seine neue Trinkgefährtin.
Augenblicklich verschwand der Frust, hinterließ nur zustimmende Belustigung. Doch er ließ den Gedanken fallen – vor allem, weil er ihn nicht weiter zerdenken wollte – und beobachtete stattdessen, wie Skadi sich ihrem Krug zuwandte und so tief seufzte, dass seine Mundwinkel verdächtig zuckten. Als Kinder hatten sie immer behauptet, bei einem so tiefen Seufzen starb irgendwo eine Elfe.

Ich gehe mal so weit und behaupte, du meinst Cornelis? Oder Enrique? Ich habe nämlich von beiden erwartet, sie würden irgendwann Ärger machen.

Es schwang nichts Negatives in seiner Stimme mit. Sein Kommentar bewegte sich vielmehr – zumindest im Falle des Lieutenants – auf geradezu freundschaftlich spöttischer Ebene. Er rechnete auch immer noch damit, dass Enrique ihm auf seine ganz typisch verworrene Art noch das ein oder andere graue Haar wachsen ließ.

Aber falls du dich auf Cornelis' Ableben beziehst... Ich hatte eher den Eindruck, er ist dir nicht ganz geheuer... Kann es dir dann nicht eigentlich egal sein?

Wieder warf er der jungen Frau einen Seitenblick zu, dieses Mal fragend, und hob den Krug an die Lippen, ohne zu trinken.



Luciens Miene wandelte sich innerhalb der letzten Augenblicke so oft, dass Skadi es nicht einmal mehr intensiv verfolgte, um irgendetwas daraus lesen zu können. Er machte es ihr ohnehin nicht einfach in seine Gedankenwelt hinab zu steigen, wenngleich seine Erscheinung offen und ehrlich wirkte. Zumindest, wenn sie sich mit ihm unterhielt. Wie es bei anderen aussah war ihr gleichgültig. Daran etwas zu ändern lag weder in ihrer Macht, noch in ihrem Interesse. Und dennoch ahnte sie, dass vieles hinter den leuchtend grünen Augen verborgen blieb, die sie für einen Moment intensiv musterte. Dass Lucien zeitgleich süffisant lächeln konnte, während er seinen Gegenüber innerlich regelrecht zerfleischte. Irgendwie kribbelte dieser Gedanke kurzweilig in ihren Nervenbahnen. Machte sie positiv nervös und hinterließ ein tiefes und vielsagendes Lächeln in ihren Mundwinkeln.
Bis zu jenem Moment indem er sie an Cornelis erinnerte und ihr ein abgekämpftes Seufzen entlockte. Ärger machen war das eine. Das Leben eines anderen zu zerstören und eine Kettenreaktion sondergleichen auszulösen, weil man verdammt noch eins glaubte der gewiefteste Pirat dieser Welt zu sein eine ganz andere.

"Wäre es dir egal, wenn Talin an solch einer Situation zerbrechen würde?"

Bitter entwich dieser Vergleich ihren Lippen, während die dunklen Augenpaare Luciens Miene unvermittelt aus den Augenwinkeln ansahen. Denn eben SO verhielt es sich bei ihr und Enrique. Ganz gleich wie egal ihr der Rothaarige war, so galt das auf keinen Fall für den Dunkelhaarigen Wirbelwind, der bis vor wenigen Tagen noch gebrochen und schluchzend in ihren Armen gelegen hatte. Ganz gleich welches Versprechen sie Enrique auf der einsamen Insel gegeben hatte, hasste sie Cornelis regelrecht dafür, dass er all das zu verantworten hatte. Ob das in jenem Moment gerecht oder fair war, stieß bei der Nordskov auf taube Ohren.

"Ich schätze wohl nicht."

Der Tonus ihrer Miene wurde weicher, nahm mehr den Ausdruck von Müdigkeit an. Skadi versteckte nicht, wie sehr sie die letzten Tage ausgezehrt hatten. Psychisch wie physisch. Sie sehnte sich so sehr nach Ablenkung, dass sie sogar kurzweilig überlegt hatte, an geheimen Untergrundkämpfen der Stadt teilzunehmen. Zumindest ihrem Körper musste sie gestatten all den Frust von sich abzuschütteln, wenn sie schon niemanden hatte, der ihre Emotionen aufsaugte. Sie verpuffen ließ wie Luft und ihr diese Leichtigkeit zurück gab, die damals noch in jeder Faser ihres Körpers vibriert hatte.
Beiläufig kramte sie nach dem kleinen Geldbeutel in ihrer Hüfttasche und schob den leeren Krug mit einem Nicken zum Barmann hinüber.

"Also erschieß ihn bitte nicht, wenn er Ärger macht.", fügte sie mit einem schiefen Schmunzeln auf den Lippen hinzu. "Meine medizinischen Fähigkeiten reichen leider nicht aus, um jemanden wiederzubeleben."

Und sie gäbe einiges darum, es zu können. Säße wohl kaum hier, wenn dem so wäre. Mit einem knappen Nicken dankte sie dem Barmann für den gefüllten Krug vor ihrer Nase und drückte ihm schweigend die Münzen in die Hand. Nippte dann an ihrem Rum und wandte sich dann in einer fließenden Bewegung auf dem Hocker herum.

"Da ich nicht davon ausgehe, dass wir hier eine Mädchenrunde eröffnen und du mir deine Probleme beim gemeinsamen Haareflechten anvertraust... worauf hast du Lust?"

Und sie ließ sich gerade für nahezu alles begeistern - trug es dem Braunhaarigen in keinster Weise nach, dass er ihr alles aus der Nase zog, während er sich in Schweigen hüllte. Immerhin hatte sie keine Erwartungen an ihn, wie es ihre offene und sichtlich entspannte Miene verdeutlichte. Sie selbst hatte die Wahl ihre Gefühle für sich zu behalten, sah jedoch absolut keine Notwendigkeit darin. Wenigstens wusste er jetzt woran er war und was er von ihr in Zukunft erwarten konnte, wenn er das Thema Enrique betrachtete.



Hinter seinem Whisky verdüsterte sich der Ausdruck in den tiefgrünen Augen für einen Moment. Was für eine Frage. Selbstverständlich wäre es ihm nicht egal. Es gab nichts, das ihm weniger gleichgültig war, als das Glück seiner kleinen Schwester – und jedem, der es wagte, ihr auch nur ein Haar zu krümmen, riet er inständig, zu rennen. So weit und so schnell ihn seine Beine trugen. Niemals stehen zu bleiben. Immer einen Blick über die Schulter zu werfen. Denn er würde ihn finden. Früher oder später. Es gäbe nichts anderes, das ihn von dieser Jagd würde abhalten können, bis die Rechnung beglichen war. Nichts, aber auch gar nichts. Mit diesem Gedanken... konnte Lucien wahrscheinlich besser verstehen, was die Jägerin so unglaublich wütend, so hasserfüllt machte. Und in ihr das Verlangen weckte, alles dafür zu tun, damit der Mensch, der ihr am Herzen lag, wieder glücklich sein konnte.
Er stieß ein leises Seufzen aus – bei dem wohl auch irgendwo auf dieser Welt eine Elfe starb – und nickte schließlich zum Zeichen, dass er begriff. Dann genehmigte er sich einen großen Schluck seines Whiskys und warf der Nordskov einen Seitenblick zu, während sie in ihrer Tasche nach ihrem Gold kramte. Auf seinen Lippen erschien daraufhin ein kleines Lächeln.

Keine Sorge. Über den Punkt sind wir inzwischen hinaus...“, meinte er fast gelassen. Eine Gelassenheit, die sich über die Bitterkeit in seinem Inneren seltsam befremdlich und zugleich wohlig vertraut anfühlte. Ja. Das konnte er gut.
Dafür müsste er schon gewaltig Scheiße baun.

Der junge Captain hob erneut den Krug. Doch bevor er trinken konnte, durchkreuzte ein breites Grinsen seinerseits sein Vorhaben. Zwar schluckte er das Lachen, doch es spiegelte sich ganz offensichtlich in seinen Augen wider.

Nicht? Verdammt schade.

Und damit kippte er den Rest seines Whiskys hinter, stellte den leeren Krug wieder auf dem Thresen ab und ließ sich ihr Angebot noch einmal durch den Kopf gehen. Schließlich winkte er dem Wirt und bedeutete ihm mit einem Fingerzeig, noch einmal nachzuschenken.
Schon nach dem zweiten spürte er die Auswirkung des schnell getrunkenen Alkohols. Ein Krug mehr konnte das eigentlich nur besser machen.

Weißt du was?“ Er griff nach dem Gefäß und wandte sich nun ebenfalls seiner Trinknachbarin zu. „Für mich klingt das verdammt danach, als täte uns beiden etwas Ablenkung gut. Was hältst du davon, wenn wir das Zeug hier hinter kippen und uns einen Ort suchen, an dem ein bisschen mehr los ist.

Er hob den Krug mit einem kleinen Lächeln und in den tiefgrünen Augen erschien ein unergründlich Ausdruck, der flüchtig aber eindeutig über die Erscheinung der Jägerin wanderte. Ganz genau wie Skadi war der Dunkelhaarige für so gut wie alles zu haben.



Lucien verstand. Ohne ein weiteres Wort, weil es wohl kaum mehr bedurfte. Instinktiv hatte sich Skadi des stärksten Mittels angenommen, das man sich ihm gegenüber zu Nutze machen konnte. Und als Frau war die Nordskov nach wie vor noch emphatisch genug, um diese feste Bindung zwischen den Geschwistern zu begreifen und zu spüren, ohne sie leibhaftig gesehen zu haben. Femininer Instinkt. Die wohl größte Waffe, die sie von Geburt an besaß.
Luciens darauf folgende Worte lockte die braunen Augen unweigerlich zu sich herüber. Ließen sie prüfend über seine Miene tanzen und erlaubten es der Nordskov mit einem halben Schmunzeln auf den feinen Zügen tief durchzuatmen. Zwar glaubte sie dem Dunkelhaarigen durchaus, immerhin hatte er keinen Grund sie diesbezüglich anzulügen. Dennoch wusste sie genauso gut, dass Enrique ein komplizierter Mensch war, der manchmal unergründliche Dinge tat und deshalb missverstanden wurde. Seine mangelnde Kommunikation hätte ihn nicht zum ersten Mal in Schwierigkeiten gebracht und seine immer noch sehr direkte und befehlsähnliche Redeweise machte es ihm nach wie vor auf der Sphinx nicht einfach.
Dennoch hob Skadi in einer stillen Abmachung ihren Krug, prostete dem jungen Kapitän zu und nahm einen kleinen Schluck nun mehr weniger intensiv schmeckenden Rums. War wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis der Alkohol wohlig warm durch ihren Körper strömte und den Ausgang dieses Abends in einen dichten Nebel hüllte.
Und wenn sie Luciens brummendem Lachen lauschte, konnte sie wohl getrost davon ausgehen, dieser Gesellschaft etwas Angenehmes abgewinnen zu können. Allzu oft lachte der Dunkelhaarige zumindest nicht – wirkte in gewisser Weise gern so ernst und nachdenklich wie Enrique.
Somit zierte ein amüsiertes Grinsen ihre vollen Lippen, intensivierte sich bei jedem seiner Worte, bis es ein kleines Grübchen in ihrer Wange hinterließ.

Diese Idee könnte mir durchaus gefallen.“, entgegnete die Nordskov sichtlich vergnügt und ließ die dichten Brauen für einen kurzen Augenblick tänzelnd in Richtung ihres Haaransatzes hinaufschnellen.

Fast schon als wollte sie sich dem eindringlichen Blick Luciens entgegen stellen, der definitiv nicht unbemerkt geblieben war – er machte aber auch kaum den Anschein, als wäre das seine Absicht gewesen.
Laut schlugen die zwei Krüge aneinander, als Skadi dem Jüngeren zuprostete und den Rum mit nur einem Zug ihre Kehle hinab gleiten ließ. Das kurzweilige Brennen ignorierte sie, fokussierte sich auf die fließenden Bewegungen, die sie von ihrem Hocker hinab und das Tongefäß auf den Tresen gleiten ließ.

Dann verschwenden wir mal keine Zeit…

Eigentlich war es schon fast unnötig mit solcher Energie an ihren Ausflug heran zu gehen und sich mit einem breiten Grinsen Lucien entgegen zu lehnen. Doch Skadi fühlte sich – höchst wahrscheinlich dank der Unmengen an brennendem Alkohol – dazu beflügelt auf federleichten und tanzenden Sohlen nach einer neuen Beschäftigung zu suchen. Ganz gleich welchen Ausmaßes.

… denn die Nacht ist noch jungfräulich.

Ein herzhaftes Lachen entglitt ihrer Kehle und ließ den hoch gewachsenen Körper der Nordskov zurück weichen und zwischen den Tischreihen hindurch in Richtung Eingangstür schreiten. Beinahe konnte man den Eindruck gewinnen, dass sie ungewöhnlich aufgeweckt und lebenslustig wirkte.

Komm schon… oder muss ich deinen hübschen Hintern hier hinaus tragen?“, mit einem intensiven Blick wandte sich Skadi zu Lucien herum, kaum dass sie die Tür kraftvoll ins Rauminnere gezogen und den schmalen Körper durch den Spalt geschoben hatte. Wartete mit einem leisen Schnalzen der spitzen Zunge darauf, bis sich der junge Kapitän auf einige Armlängen genähert hatte und verschwand dann leise hinaus.



Skadis vergnügtes Lächeln war ansteckend – und Lucien ließ sich mitreißen. Ihre Krüge stießen aneinander und um die unergründlich tiefgrünen Augen bildeten sich amüsierte Lachfältchen. Sein Blick ruhte auf der Jägerin, die den Inhalt ihres Bechers hinter stürzte, noch bevor er den seinen überhaupt an die Lippen setzte. Beobachtete, wie sie mit einer fließenden Bewegung von ihrem Hocker glitt und ihr Verhalten sich wandelte. Mit einem Mal wirkte sie unbeschwert und abenteuerlustig. Schlicht und ergreifend bereit für das, was die Nacht ihr bieten könnte. Nicht die Jägerin, die sie war, sondern vielmehr eine junge Frau auf dem Weg zum nächsten Fest.
Seinen Blick nahm sie dabei mit solcher Gelassenheit hin, wie es nur jemand tat, der für jeden Spaß zu haben war. Und der das Terrain kannte, auf dem er gewohnheitsmäßig spielte. Als sie sich zu ihm lehnte, der Tatendrang in den dunklen Augen, konnte sich der Dunkelhaarige dem nicht mehr entziehen – selbst, wenn er gewollt hätte. Die Gedanken an Talin, an Enrique und die Schatten, die hinter dem Horizont auf Lucien lauerten, rückten in den tiefsten Hintergrund seines Unterbewusstseins. Machten der aufgeregten Bereitschaft Platz, zu nehmen, was da kam. Eben jene Bereitschaft, die Skadi ausstrahlte, die in ihrem Lachen erklang und ihre Bewegungen beflügelte, als sie zur Tür lief.

Also schön.

Die Worte galten nur ihm selbst, waren kaum eine wirkliche Antwort auf ihre gescherzte Drohung. Mit einem Schmunzeln setzte er den Krug an die Lippen, stürzte den gesamten Inhalt hinunter. Dann stellte er das Gefäß ab, griff nach dem Beutel mit seinen restlichen Münzen und rutschte von seinem Hocker. Die ganze Zeit über ließ er Skadi dabei nicht aus den Augen, begegnete ihrem intensiven Blick unerschrocken und folgte ihr schließlich bis zur Tür, durch die sie bereits hinaus schlüpfte. Der Alkohol brannte sich warm und verlockend durch seine Adern, machte die Welt um ihn herum etwas weicher. Etwas weiter entfernt.
Draußen vor der Tür umfing ihn kühle Nachtluft, beschwichtigte die Wirkung des Whiskys ein wenig, sodass er sie zwar spürte, aber nicht sofort sein Gleichgewicht einbüßte. Genau der richtige Zeitpunkt, um weiter zu ziehen. Und was eignete sich für ihrer beider Stimmung besser, als die besonders verrufenen Ecken des Hafenviertels? Lucien schob den Geldbeutel in seine Gürteltasche, verschloss sie sorgsam und warf seiner dunkelhaarigen Begleiterin dabei einen Seitenblick zu. Ein Grinsen auf den Lippen.

Ich kenne einen Ort, der dir gefallen könnte.



Er sollte häufiger lächeln. Mit diesem letzten Gedanken war sie zur Tür in die Nacht hinaus getreten. Hatte sich mit ausgestreckten Armen und einem tiefen Atemzug der aufkommenden Nacht entgegen gestreckt und fast schon selbstverständlich das breite Lächeln auf ihren Zügen zugelassen. Wie schnell die trüben Gedanken doch verblassten, wenn sie sich in guter Gesellschaft befand. Nicht zum ersten Mal hatte sie jemand mit ungewohnter Leichtigkeit dazu ermuntert, dem üblichen Verdrängungstrieb nachzugeben. Sich mit jeglicher Hingab in die Ablenkung hinein zu stürzen, die sich ihr bot, ohne dass sie auch nur einen weiteren Gedanken an die Folgen verschwendete. War sie schon immer so gewesen? Skadi wusste es nicht.
Versuchte jedoch genauso wenig es zu ergründen, als sie sich auf den Zehenspitzen zu Lucien herum drehte und dessen Miene mit einem verschmitzten Gesichtsausdruck in Augenschein nahm. Die dunklen Gestalten in den Ecken und um sie herum ignorierte sie geflissentlich. Wie so oft, wenn sie sich auf etwas konzentrierte, das von weitaus größerem Interesse für sie war.

Ein Ort der MIR gefallen könnte?“ Beinahe wäre ihr ein Lachen über die Lippen gehuscht, wand sich jedoch nur als amüsiertes Glucksen aus ihrer Kehle heraus und hinterließ ein sanftes Blitzen in den dunklen Augen. “Da bin ich aber mal gespannt…

Skadi machte sich keine Gedanken darüber, was der Dunkelhaarige tief in seinem Inneren wirklich von ihr hielt. In welche Schublade er sie verfrachtete oder ob er überhaupt der Typ war, der Menschen aus anerzogenem Pragmatismus in Kategorien einordnete. Letztlich zählte für sie die Offenheit, die er ihr gegenüber immer wieder an den Tag legte und mit einer solchen Selbstverständlichkeit einforderte, dass es sich kaum anfühlte, als stünde sie einem, oder vielmehr IHREM Kapitän gegenüber.

…aber wehe du verschacherst mich an irgendeinen schmierigen Fleischberg. Dann muss ich dich leider übers Knie legen, mein Lieber.

Ein breites Lächeln zierte jäh ihre Züge, weitete sich zu einem amüsierten Grinsen und Auflachen, während sie ihm folgte. Dann und wann huschte das dunkle Augenpaar auf ihre Umgebung. Beobachtete die Umstehenden eher beiläufig, als dass sie versuchte sich auf Gesichter oder Landmarken zu fokussieren. Die Arme entspannt an ihren Seiten, der Schritt beschwingt und federleicht. Nichts an der Nordskov erweckte den Anschein, als wollte sie sich just in ein tiefgründiges Gespräch verwickeln lassen.



Ihre Antwort entlockte Lucien ein amüsiertes Auflachen. Von der Seite her warf er ihr einen kurzen Blick zu, versuchte tatsächlich, sich das Szenario für einige Sekunden vorzustellen und kam zu dem eher scherzhaften Ergebnis, dass ihre Idee – die sie ihm ja eigentlich ausreden wollte – wahrscheinlich lukrativer war, als sie dachte.

Nur, um erst das Gold für dich einzustreichen und den Herren, der so dumm war, hinterher auszurauben, sobald du ihn ins Reich der Träume verbannt hast.

Das Grinsen auf seinen Lippen, das er der Jägerin zuwarf, zeugte davon, dass er die kleine Geschäftsidee doch nicht ernsthaft in Betracht zog. Kurz darauf bogen sie jedoch in eine spürbar dunklere Gasse ab und der erheiterte Ausdruck verschwand. Wirkte stattdessen jungenhaft unschlüssig, während die tiefgrünen Augen über die schäbigen Haus- und Kellereingänge huschten, die hier und da die Mauern durchbrachen.

Das Problem ist... dass ich von diesem Ort bisher nur gehört habe, aber noch nicht dort gewesen bin.



Skadi blinzelte für einen Moment verdutzt, ehe ihr Körper aus purer Gefühlsexplosion ein Glucksen kaum unterbinden konnte. Damit hätte sie jetzt nicht gerechnet. Und sein Vorschlag war durchaus im Bereich des Machbaren.

Du bringst mich schwer in Versuchung, Dravaen.

Erwiderte die Nordskov mit einem sanften Stupser in seine Seite und folgte ihm wortlos in die Gasse. Sonderlich vertrauenswürdig wirkte der düstere Schatten der hohen Hauswände wohl kaum. Und ein knapper Seitenblick verriet ihr, dass der Jüngere wohl ähnliches dachte, wie sie selbst.

Und was für ein Ort soll das sein? Oder bleibt das ein Geheimnis, bis wir angekommen sind?

Auf ihren Zügen thronte noch immer ein sanftes Lächeln. Bis auf weiteres sah sie keinen Grund darin zu glauben, dass der Dunkelhaarige sie in eine Falle lockte.



Nicht weit von ihnen, nur etwa zehn Schritte voraus, bemerkte eine düstere Gestalt das Kommen der beiden Piraten und drückte sich mit grimmig-abweisendem Gesicht tiefer in den Schatten eines Hauseingangs. Vor seinem Mund glühte etwas in der Dunkelheit auf. Kurz danach erhob sich weißer Rauch in die Luft. Lucien bemerkte ihn früh, beobachtete ihn jedoch nicht länger als nötig und wirkte darüber hinaus alles andere als angespannt, als er den Blick nach ihrem geradezu kumpelhaften Knuff in seine Seite wieder seiner Begleiterin zuwandte. Nicht zuletzt mochte das an dem Alkohol liegen, der sich wohlig warm durch seine Adern fraß und seinen Körper ungewohnt leicht werden ließ.

Wenn uns zu langweilig wird, können wir uns das ja als Option offen lassen.“, gab er mit einem Grinsen zurück und zuckte im gleichen Moment mit der Schulter. „Ich hab bisher nur ein paar versoffene Kerle beim Pokern drüber reden hören. Irgendwo hier in der Stadt soll es eine Art... hm...“ Er suchte augenscheinlich nach dem passenden Wort und senkte ob des möglichen Zuhörers unwillkürlich die Stimme etwas. „... Untergrund geben? Ein Ort, an dem sich das ganze Gesocks an Dieben, Spielern und Säufern trifft. Reichlich Gelegenheit, schnelles Geld zu machen, wette ich.



Nur kurz folgte sie seinem Blick in die Schatten. Bemerkte die blasse Rauchsäule und verweilte ein wenig länger auf ihr, während Lucien sprach und ihr dann, mit gesenkter Stimme ein tiefes Brummen entlockte. Lucien sprach von einer Untergrundtaverne. Voller Menschen, die gern als Abschaum der Gesellschaft betitelt wurden und von denen sich Skadi in den meisten Fällen fern hielt. Aus gutem Grund. Wieso Lucien glaubte, dass ihr ein Ort wie dieser gefallen würde? Sie wusste es nicht, stellte unausgesprochene Vermutungen an und tat letztlich nichts anderes als die dunklen Augen in einem beharrlichen Lächeln auf ihren Lippen zur Seite zu richten.

Braucht es für einen solch geheimen Ort nicht einen geheimen Eingang und einen... Türsteher?

Erneut richtete sie ihren Blick auf jene Stelle, an der noch vor wenigen Augenblicken ein Mann gestanden haben musste - so sie die Rauchsäule und das kurze Aufblitzen richtig interpretierte. Und irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los, dass dieses Augenpaar nicht das einzige zu sein schien, dass auf sie gerichtet war.



Dieses Mal konnte er sich ein kleines Schnauben nicht verkneifen. Weniger, weil das, was sie sagte, keinen Sinn ergab – das tat es nämlich sehr wohl – sondern vielmehr... sollte es wirklich so einfach sein? Sollten sie nur wenige Schritte, nachdem sie ihr Vorhaben, einen spannenderen Ort ausfindig zu machen, in die Tat umsetzen wollten, bereits auf den Eingang zu jener Untergrundspielwiese gestoßen sein? Dann sollten sich deren 'Betreiber' beim Verstecken wahrscheinlich mehr Mühe geben.

Wir können ja einfach mal klopfen...“, meinte er mit der geradezu unbefangenen Gelassenheit eines kleinen Jungens, warf Skadi einen kurzen, weiterhin amüsierten Seitenblick zu und brachte die letzten Meter mit zielstrebigeren Schritten hinter sich.

Der Türeingang war inzwischen leer, der Mann samt Glimmstengel verschwunden – wahrscheinlich nach drinnen. Das Gebäude selbst, zumindest das Erdgeschoss – bestand aus brüchig grauem, grob behauenem Feldstein. Die zweite Etage dagegen lediglich aus Holz. In den Fenstern brannte kein Licht. Die tiefgrünen Augen wanderten von der Fassade wieder zurück zur Tür, dann hob er die Linke und klopfte drei mal kräftig dagegen. Im ersten Moment geschah überhaupt nichts. Dann brummte jemand auf der anderen Seite ein grimmiges:

Wer da??



Skadi fühlte sich jäh wie ein kleines Kind, das kurz davor war, einen Klingelstreich zu begehen. Jede Faser ihres Körpers wollte auflachen und mit einem Glucksen hinter der nächsten Ecke in Deckung gehen. Bisher hatte der Alkohol allerdings noch nicht vollends eingeschlagen, sodass sie Lucien mit gemächlichem Schritt folgte und instinktiv die Waffen an ihrem Körper zählte. Sicher war sicher, wenn sie sich auf dieses kribbelnde Abenteuer mit dem Dunkelhaarigen einließ. Dumpf hallte der Schlag seiner Hand auf dem Holz erst in der Luft, dann in ihrem Körper nach. Ließ sie in einem breiteren Stand schräg neben ihm innehalten und die Gasse ins Visier nehmen. Selbst die dunkle Stimme am anderen Ende ignorierte sie vorerst. Versuchte dem Gefühl nachzugehen, das sich kribbelnd ihren Nacken hinauf schob, ehe sie sich herum wandte und über Luciens Schulter auf die Tür blickte.

Zwei gelangweilte Streuner, die nach etwas Ablenkung suchen.

Als ob der Kerl sie vorhin nicht gesehen hätte!
Crewmitglied der Sphinx
für 0 Gold gesucht
dabei seit Nov 2015
Zitat hinzufügen Zitieren
#2
Wie auch Skadi schien der Dunkelhaarige die Blicke förmlich im Nacken zu spüren, die sie aus dunklen Räumen durch kalte Glasscheiben hindurch beobachteten. Hinter ihnen und über ihnen. Und wie die Jägerin erinnerte er sich in diesem Moment bewusst an das vertraute Gewicht der Waffen, die an seinem Gürtel und in seinem Stiefel steckten. Bereit, jederzeit gezogen zu werden und einen großkotzigen Schläger auf Abstand zu halten. Die grimmige Stimme hinter der Tür bestätigte ihm nur, dass das in den Kreisen, in denen sie sich zu bewegen gedachten, unbedingt nötig war. Dennoch entlockte Skadis Antwort ihm vielmehr ein erneutes, breites Grinsen, als dass er tatsächlich vorsichtig wurde. Der anerkennende Blick, der der Dunkelhaarigen galt, schien ein saloppes 'schön gesagt' auszudrücken, bevor die Stimme hinter der Tür erneut antwortete.
Verzieht euch. Hier gibt’s keine Ablenkung für Leute wie euch.“ Lucien schnaubte leise, schüttelte kurz den Kopf.

Leute wie uns? Was glaubst du denn, sind wir für 'Leute'?



Dieser Moment war absurd. Sie standen hier in irgendeiner zwielichtigen Gasse, klopften an der Tür eines scheinbar verlassenen Hauses und baten um Einlass bei einem Kerl, der durchaus dazu in der Lage schien, sie beide dem Erdboden gleich zu machen. Zumindest wirkte die tiefe, bassige Stimme, als stünde ein Berg von Mensch hinter dem sicheren Holz. Ein Kerl der sie, dem Tonus seiner Stimme nach, wohl für bekloppt hielt. Was vielleicht auch zu kleinen Teilen stimmte.
Skadi bezweifelte nicht, dass der pure Alkohol aus ihr Sprach und Lucien unentwegt dieses spitzbübische Grinsen an die Mundwinkel tackerte, das faszinierend ansteckend war. Wieder einmal musste sie sich unter seinem Blick ein Glucksen verkneifen. Starrte mit erhobener Augenbraue auf die Tür, ehe sie einen Schritt zurück setzte und auf die Fenster über ihren Köpfen blickte.

Vielleicht glaubt er ja, dass wir dem, was da drin auf uns wartet nicht gewachsen sind.

Ein Schnauben ertönte hinter der Tür. Fast als stimmte ihr der Fremde wortlos zu. Bis er erneut die Stimme erhob und ein Wummern ertönte. “Ich sagte verzieht euch.“ Das war reichlich unpräzise und taugte der Nordskov nicht als Antwort. Mit einem Seufzen streckte sie die Arme aus und verkeilte die langen Finger auf den Hüften.

Hast du das gehört Lucy... der glaubt wohl echt, dass wir kleine Waschlappen sind. Dabei könnte er so verdammt viel Geld mit uns verdienen, dass er nicht mehr in so ner Barrage wohnen müsste.

So musste es sich also anfühlen Trevor zu sein. Ohne Filter vor Kopf und Mund und mit beschwingtem Herz und Leib. Was für ein großartiges Gefühl!



Ihre Bewegung lenkte Luciens Blick für einen Moment auf Skadi, die einen Schritt zurück trat und das Gebäude genauer in Augenschein nahm. Die dunkle Stimme hinter der Tür wiederholte ihre mürrische Aufforderung noch ein Stück unhöflicher und der junge Captain musste sich ein leises Glucksen verkneifen. Das blieb ihm in der nächsten Sekunde ohnehin im Halse stecken.
Stattdessen hob er eine Augenbraue, warf seiner Begleiterin einen halb skeptischen, halb amüsierten Blick zu. Wohl nicht sicher, ob er 'Lucy' als Spitznamen jetzt beleidigend finden, oder noch beeindruckt über den Versuch sein sollte, seine Identität zu wahren. Sofern es tatsächlich so ein Versuch war. Wenn nicht, würde er nach diesem kleinen Abenteuer noch ein ernstes Wörtchen mit Skadi wechseln müssen.
Er stieß ein erneutes, fast trotziges Schnauben aus und wandte sich wieder der unhöflichen Tür zu.

Ob wir dem gewachsen sind, oder nicht, kann er ja mal getrost uns überlassen.“, meinte er und klang nun fast ein bisschen ungeduldig – nur der offensichtliche Schalk in den tiefgrünen Augen verriet, dass er nach wie vor viel zu erheitert über diese Situation war, als sich wirklich zu ärgern. Außerdem hatten Skadis Worte ihn auf eine Idee gebracht, die dem grimmigen Türsteher vielleicht half, seine Ansicht etwas zu lockern.

Vielleicht glaubt er ja auch, dass wir gar kein Geld dabei haben...

Er ließ seine Gürteltasche aufschnappen und zog seine Geldkatze wieder hervor, bevor er ein Stück näher an die Tür trat und die Stimme etwas senkte, dabei einen geradezu kumpelhaften Ton anschlug.

Hör mal, mein Freund. Wir sind nur zwei Durchreisende. Wir machen keinen Ärger, unser Gold sitzt locker und wir sind auf der Suche nach ein bisschen geselliger Unterhaltung, dem ein oder anderen Spielchen und einem guten Tropfen, um uns angemessen die Kehle zu befeuchten. Und der hier...

Er fischte einen Achter aus dem Beutel in seiner Hand, ließ ihn auf die Schwelle fallen und trat sofort mit dem Stiefel darauf, damit er gar nicht erst in die Dunkelheit davon hüpfen konnte. Dann schob er ihn mit dem Fuß durch den Spalt unter der Tür.

...ist für dich, wenn du uns einen Ort zeigen kannst, an dem wir das alles bekommen.“, schloss er leichthin.



Sie schenkte ihm ein bloßes Achselzucken auf seinen sichtlich missmutigen Gesichtsausdruck. Ganz schien es, als gefiele ihm dieser mit Bedacht gewählte Spitzname nicht. Zugegeben. Sie hätte weitaus kreativer sein sollen. Doch so erhoffte sich ihr Unterbewusstsein insgeheim, dass der Jüngere sich dadurch schneller angesprochen und sie sich im späteren Vollrausch in der Lage fühlte, sich diesen falschen Namen merken zu können. Schweigend beobachteten die braunen Augen die Bewegungen ihres Begleiters, dessen Einfall ihr den Ausdruck von kurzweiliger Bewunderung auf die Züge legte. Nicht anders war das breite Grinsen zu interpretieren, das fast einem anerkennenden Schulterklopfen gleichkam. Er hatte ja bereits auf der Morgenwind gezeigt, dass er ein schlauer Kopf war, doch das hier entfachte eine kribbelnde Vorfreude in ihren Adern. Lediglich die nachfolgende Stille dämpfte das Trommeln ihres Lebensmuskels. Nur das leise Kratzen von Metall auf Holz erklang und verschwand binnen Sekunden im Dunkel der Gasse. Offensichtlich hatte der rauchende Kerl die Münze aus dem Türspalt gepuhlt.
Kanalisation.“ Kam es raunend hinter dem Holz hervor. Dann folgten Schritte, die stetig leiser wurden. Bis nach einem lauten Knall wieder beengende Stille Einzug hielt. Das unangenehme Kribbeln in ihrem Nacken war jedoch just verschwunden.

Und das war‘s jetzt?“, murmelte die Nordskov mit hinauf schnellender Augenbraue und einem scharfen Schnalzen. “Bleibt uns wohl nichts anderes als... einen Weg... dorthin... zu... finden.

Stück für Stück trat die Jägerin rückwärts in die Gasse zurück, die braunen Augen auf die Dunkelheit links von sich gerichtet und mit aufkeimenden Erinnerungen an einen ganz speziellen Eingang in die Unterwelt.



'Kanalisation'
Und Rumps. Immer noch lag Luciens Blick auf dem Spalt unter der Tür, durch den die Goldmünze gerade verschwunden war. Etwas perplex, zugegeben.
Erst Skadis Worte, die ihm in diesem Moment aus der Seele sprachen, brachten ihn dazu, den Kopf zu heben und zu der Jägerin hinüber zu sehen.

Er hätte uns wenigstens sagen können, wie wir da hin kommen.“, stimmte er zu und trat schließlich einen Schritt zurück, wieder auf die Gasse hinaus.

Skeptisch huschte sein Blick über die Fassade nach oben, dann zu den im Dunkeln liegenden Fenstern, hinter denen jedoch keine Bewegung zu erkennen war. Wer auch immer diese Menschen waren, sie hatten ihn und Skadi wieder sich selbst überlassen. Woraus der junge Captain schlussfolgerte, dass sie ihnen auch kein Haar krümmen würden, solange sie sie nicht auf irgendeine Art und Weise provozierten. Zum Beispiel, indem sie sich als Spitzel herausstellten – oder so etwas.
Die grünen Augen kehrten zu seiner Begleiterin zurück, deren Aufmerksamkeit jedoch in die Dunkelheit der Gasse gewandert war.

Und deute ich deine Tonlage jetzt richtig, wenn ich vermute, du hast da eine Idee?

Ein flüchtiges Schmunzeln begleitete seine Worte.



Ein breites Grinsen zeichnete sie auf ihren Zügen ab, kaum dass sie den dunklen Haarschopf zu Lucien herum wandte und kurz mit den Augenbrauen zuckte.

Mh… vielleicht?

Was nicht bedeutete, dass ihre Idee sonderlich praktikabel war. Dafür musste sie sich an den Weg erinnern, den sie vor wenigen Stunden – sie glaube, dass es nicht mehr als ein Tag her war, als das ganze emotionale Chaos losgebrochen war – mit Liam in den Untergrund verschwunden war. Zu diesen sehr unartigen Kindern, die ihr Grinsen noch eine Spur tiefer in die Wangen trieb.

Na, Lust auf ein kleines Abenteuer im Dunkeln?

Für einen Moment lehnte sich die Nordskov ihrem Kapitän entgegen, schien fast auf eine Antwort zu warten, um sich dann letztlich bereits in Bewegung zu setzen und mit gesenktem Blick nach dem Anzeichen einer Treppe oder Untergrundluke zu suchen.

Wenn mich nicht alles täuscht…“, murmelte sie leise, aber für Lucien in ihrem Rücken noch deutlich vernehmbar.
Müsste einer der Zugänge nicht weit von hier sein."

Etwas das sie mehr hoffte, als dass sie es so genau wusste. Doch was machte das schon für einen Unterschied, nicht wahr? Das Adrenalin in ihrem Blut würde es ohnehin nicht zulassen, dass sie aufgab und den Rückweg zum Schiff antrat. Sie brauchte diesen Nervenkitzel, der sich gerade kribbelnd in ihrer Kehle bemerkbar machte und sich als warmer Flaum in ihrem Magen ausbreitete.
Und kaum dass sie um die nächste Häuserecke bogen, entfloh der jungen Nordskov ein Siegeslaut. Da klaffte es. Das dunkle Loche, das nur wenige Stufen neben ihnen hinab in das Herz dieser Stadt führte. Mit einem kurzen Blick zurück umriss Skadi die Silhouette Luciens. Sog angespannt und aufgeregt die stickige Luft der Gasse ein und leckte sich über die Unterlippe.

Und… bereit?



Neugierig geworden von ihrem grüblerischen Unterton zog es den Dunkelhaarigen näher an Skadi heran. Ihre anrüchige Einladung entlockte ihm ein nun etwas breiteres Schmunzeln.

"Sonst wäre ich ja nicht hier."

Um nicht zu sagen: Das war ja schließlich Ziel des Ganzen.
Wie er schon vermutet hatte, schien die Jägerin eine wage Idee zu haben. Nach dem Woher fragte Lucien jedoch nicht. Als sie sich suchend umsah, sich auf den Weg zur nächsten Biegung machte, folgte er ihr. Da er jedoch keine wirkliche Ahnung hatte, wonach sie Ausschau hielt, glitt sein Blick eher beiläufig über alles, was auch nur annähernd nach 'unten' führte. Doch er fand keinen Gulli, keinen vergitterten Schacht zwischen eng stehenden Gebäuden. Nicht einmal eine Kellertreppe, die mehr hätte sein können, als das.
Dann, plötzlich, gab seine Begleiterin einen siegreichen Laut von sich, der Lucien prompt den Blick auf sie richten ließ. Begeisterung schlug ihm entgegen, steckte ihn an und in seinem Inneren flammte erneut sanft kribbelnde Vorfreude auf. Sein Herzschlag nahm Fahrt auf, sein ganzer Körper reagierte mit Adrenalin auf eine möglicherweise bevorstehende Gefahrensituation. Die schiere Gier danach brannte in den tiefgrünen Augen.
Mit einem Nicken trat er neben Skadi, machte sich dann daran, die wenigen Stufen nach unten zu nehmen und den Gang zu betreten, der sie weiter hinunter führen würde, blieb am Fuße der Treppe jedoch noch einmal stehen. Nach nur wenigen Schritten türmten sich die Wände zu einem beklemmend engen Gang auf, drängten das wenige Licht der Straße ganz und gar zurück, bis Lucien kaum mehr erkennen konnte, wie weit es hinein ging – geschweige denn, die eiserne Gittertür, die am Ende des schmalen Weges nur angelehnt in ihren Angeln ruhte.

"Hast du irgendwas, um Licht zu machen?", raunte er seiner Begleiterin über die Schulter zu, während er vorsichtshalber die Hand an die Ziegelmauer neben sich legte.



Jeder Muskel in ihrem Körper zitterte vor Anspannung. Es war schon fast absurd, wie sehr sie sich auf dieses Abenteuer freute und wie mit jeder verstreichenden Sekunde das Leuchten ihrer Augen an Stärke gewann. Wie vor wenigen Tagen, als sie mit Liam einen dieser Gänge betreten und sich vollkommen in ihrem Element gefühlt hatte. Auf der Jagd.
Nur wiederwillig hielt sie inne, als Luciens Körper zu seiner Salzsäule erstarrte und er, so schien es ihr, unsicher vor dem klaffenden Loch des Korridors stand. Mit ausgestreckter Hand an der Mauer, die ihn stützte. Hatte er etwas Angst in der Dunkelheit? Unmöglich! Mit erhobener Augenbraue kippte der dunkle Schopf der Nordskov zur Seite, während sie seine Miene fixierte, die kurz darauf über seiner Schulter aufblitzte. So ganz wurde sie aus seiner Reaktion nicht schlau. Haderte, ob es einfach nur der Wunsch nach Kontrolle war oder die Ungewissheit der Schwärze, die gähnend vor ihnen ihr Maul öffnete. Mit klopfendem Herzen schälte sie sich kommentarlos an ihm vorbei in den Gang. Blieb im Halbdunkel stehen, um den Blick prüfend in die Dunkelheit zu richten und etwas hinter dem Gitter zu erspähen. Doch blieben sowohl sonderbare Schatten, als auch seltsame Geräusche aus. Kein Grund, um sich in die Hose zu machen.

Nein. Aber unsere Augen werden sich wohl schon an die Dunkelheit gewöhnen.

Sie klang so zuversichtlich, als sie den Kopf zu Lucien herum wandte und seine Silhouette musterte. Das Grinsen auf ihren Zügen war zu keiner Zeit verebbt.



Ohne wirklich hinzusehen, spürte er Skadi zu ihm aufschließen. Kurz darauf trat sie an die Gittertür heran, auf die auch Luciens Blick nach wie vor ruhte. Er lauschte, wie sie, in die Dunkelheit hinein, doch bis auf die Antwort der Jägerin hörte er absolut nichts. Wenn hier unten irgendwelche illegalen Aktivitäten stattfanden, dann wahrscheinlich tiefer im Herzen der Stadt, wo man sie nicht so leicht aufspürte. Glücklicherweise jedoch hatte er eine Jägerin bei sich.
Die grünen Augen huschten wieder zu der jungen Frau und erneut flackerte ein belustigtes Schmunzeln im Halbdunkel auf. Sie sagte das einfach so dahin..

Wenn ich mir wegen dir die Rübe an einem Ziegel anhaue, hänge ich dich an die Reling vom Achterdeck.“, erwiderte er.

Doch das gedämpfte Lachen in seiner Stimme machte mehr als deutlich, dass er ihr eine Kollision mit einem Ziegel weder übel nehmen würde, noch wirklich glaubte, er könne sie einfach so an die Reling hängen.

Dann los. Irgendwann hören wir schon, wo die Feier stattfindet.

Er drückte die Tür mit einem kräftigen Schubser nach innen auf und nickte Skadi kurz zu, um ihr zu bedeuten, vorzugehen. Wenn sie dann laut 'au' rief, konnte er dem Ziegel vielleicht noch ausweichen.



Sie schenkte ihm ein abschätziges Grunzen bei seinen Worten und ließ spielerisch die Augenbrauen nach oben tanzen. Natürlich nahm sie ihn nicht sonderlich ernst, nicht wenn er dreinsah wie ein kleiner Junge, der zu viele Apfelplundern verdrückt und jetzt aufgekratzt wie ein kleines Erdhörnchen durch die Gegend starrte.

Du sollst auch deine Rübe nicht da hing hängen, wo sie nicht hingehört, Lucy.“, entgegnete sie ihm mit triefendem Humor und lachte.

Beinahe verwunderte es sie, wie schnell die Stimmung von vor wenigen Minuten gänzlich verflogen war und nahtlos in einem unausgesprochenen Einverständnis mündete. Wenn das hier zur Gewohnheit werden sollte, konnte sie sich glücklich schätzen. Dann war ihr Geist nicht der einzige auf der Sphinx mit einem riesigen Riss.
Kaum trat Lucien mit seinen Worten voraus und hielt das eiserne Tor gleich einem Gentleman geöffnet, lösten sich Skadis Füße von selbst vom verdreckten Boden. Leise knirschte der Sand und Staub unter ihren Sohlen und hallte dumpf im Gang auf und ab, während sie immer tiefer in den Bauch der Stadt vordrangen. Mit klopfenden Herzen und unbändiger Vorfreude auf das, wonach sie sich sehnten.
Immer wieder bogen sie in eine nächste Abzweigung und so ganz wusste Skadi nicht, ob sie angesichts ihrer leichten Trunkenheit problemlos zurückfinden würde. Allerdings bemerkte sie als erste die kleinen Zeichen an den Wänden, die sich mit fortschreitendem Weg immer häufiger auf den kalten und klammen Mauern abzeichneten. Da hatte sich jemand unfassbar viel Mühe gegeben, den Weg zur Arena zu markieren. Wie nett.
Und noch ehe das gleißende Licht von Fackeln sie erreichten, erhoben sich Kampfeslaute vor ihnen am Ende des Korridors. Mit einem Funkeln in den Augen wandte sich Skadi zu Lucien herum, der dicht hinter ihr lief und den sie fast mit der Drehung ihres Oberkörpers mit der Faust gegen den Brustkorb schlug.

Schätze wir sind da.

Nur noch wenige Meter. Dann eröffnete sich ihnen ein Anblick, der wohl in unzähligen Romanen und Legenden beschrieben wird. Ein Ring aus Feuer erhellte die kleine „Arena“, die bevölkert war von dunklen Gestalten jeglicher Form und Farbe. Zumeist Männer, wie Skadi mit geschürzten Lippen erkennen musste, während sie bereits die Treppenstufen in das hohe Gewölbe hinab lief.



Sein leises Lachen folgte der Jägerin, als sie durch die Tür schlüpfte. Darauf wusste er beim besten Willen nichts zu erwidern, außer vielleicht: Recht hatte sie. Aber nicht sollen und nicht tun waren bekanntlich zwei grundsätzlich verschiedene Dinge. Sicherlich sollte er seine Rübe auch nicht in irgendwelche illegalen Machenschaften stecken, die hier unter der Stadt vor sich gingen. Und sie waren trotzdem drauf und dran, genau das zu tun.
Immerhin sein Kopf blieb heile, während sie sich durch die Dunkelheit schoben. Ihre Schritte knirschten leise auf dem schmutzigen Boden und unter seinen Fingern, die ihn an der Ziegelwand entlang führten, rieselte der Mörtel aus den Fugen. Auf den Weg achtete der Dunkelhaarige kaum. Zu sehr lenkte ihn das stetig kräftigere Klopfen seines Herzens ab. Sein Blut rauschte in seinen Ohren, dröhnte in der Stille und in seinem Magen kribbelte die Vorfreude.
Irgendwo am Rand seines Bewusstseins dachte Lucien noch darüber nach, wie erschreckend leicht ihm der Umgang mit Skadi fiel. Kein langes Gerede, kein Gefrage, kein Ausgelote. Sie schienen den gleichen, bissigen Humor zu teilen und waren dem, was hier unten wartete – ganz gleich, was es sein würde – offensichtlich beide sehr zugetan. Doch der Gedanke verschwand, als ihm bewusst wurde, dass das Rauschen in seinen Ohren längst nicht mehr das einzige war, was er hörte. Das Gröhlen einer Vielzahl von Stimmen drängte durch die Gänge, durchmischt mit Anfeuerungsrufen und lautem Ausbuhen. Am Ende des Ganges flackerte Licht durch einen Torbogen.
Skadi blieb stehen, hätte dem jungen Captain beinahe eine über gebraten, der gerade so stehen blieb, um nicht in sie hinein zu laufen. Sein Blick begegnete dem ihren und noch bevor sie es laut aussprach, wussten sie wohl beide, dass sie ihr Ziel erreicht hatten.

Sieht ganz so aus!“, erwiderte er mit einem Grinsen.

Und wieder setzten sie sich in Bewegung, betraten schließlich das Gewölbe hinter dem Durchgang und fanden sich am Rande einer ausgelassenen Menge wieder, die sich in wogenden Wellen in der Halle drängte und, wie es schien, eine halbe Hand voll freier Flächen in ihrer Mitte bildete. Gerade noch so erhaschte Lucien einen Blick auf zwei halb nackte Männer, die sich mit drohend erhobenen Fäusten umkreisten, ehe er die Stufen so weit herunter gelaufen war, dass die Köpfe der Umstehenden die Sicht versperrten.
Ohne zu zögern schloss er zu Skadi auf, griff nach ihrem Handgelenk und nickte mitten hinein in die Menschenmenge.

Da drinnen. Komm mit.

Über den Lärm der Menschen hier musste er seine Stimme erheben, doch niemand sonst achtete auf sie. Er zog die Jägerin mit sich, bis sie zwischen den ersten massigen Leibern in die Menge eintauchten und er sie los ließ, um sich bis zu einem der „Ringe“ hindurch zu zwängen.



Der Lärm. Das flackernde Licht. Alles brannte sich so scharf in ihr Bewusstsein, dass sie für einen Moment den Atem anhielt um die Szenerie vollständig in sich aufzusaugen. Fast ekstatisch entlud sich das Zittern ihrer Muskeln, als warme Finger ihr Handgelenk umschlossen. Hätte sie mit einer Drehung ihres Kopfes nicht das Gesicht Luciens im Wechselspiel von rotem Licht und Schatten erkannt, hätte sie ihm wohl blind ihre Faust gegen den Kehlkopf gepresst.
Fast schon widerwillig ließ sie sich von ihm tiefer ins Getümmel mitreißen und vermied tunlichst die Umstehenden mehr zu berühren, als irgend notwendig. Die meisten Leiber stanken bis zum Himmel. Nach Schweiß, Rum und einer seltsamen Mischung aus… Moschus?
Blinzelnd wandte sich der dunkle Haarschopf herum, als sie einen hochgewachsenen Mann am äußeren Rand des Ringes passierten, der so gar nicht in diese Szenerie zu passen schien. Seine Schuhe glänzten im aufgeregten Spiel der Fackeln und machten den Anblick der anderen noch schäbiger, als sie ohnehin schon waren. Die langen, gepflegten Finger strichen über einen frisch geschnittenen Bart, der bei weitem mehr Körperpflege kannte, als Skadi ihrem eigenen Leib zukommen ließ.
Nun war sie es, die ihre Finger um Luciens Unterarm fest zog und mit schierer Vorfreude in den Augen die grünen Iriden fixierte, die sich herum wandten. Mit tanzenden Augenbrauen nickte sie zu dem Mann hinüber, der verhalten grinsend den Kampf beobachtete.  

Wonach sieht der für dich aus?



Lärm, Licht, Hitze und Gestank – all das registrierte der 21-Jährige kaum. Die Eindrücke mischten sich zu einer gefährlich gewaltbereiten Mixtur, die sich wie Gift durch seine Haut bis in seine Adern brannte. Es war diese Gier nach Schmerz und Blut in den Augen der Männer, die sich um die Kämpfenden reihten, von der sich der junge Captain anstecken ließ. Die etwas in ihm weckte, das nur darauf gewartet zu haben schien.
Sein Herz geriet für einen Moment aus dem Takt, als sich die gleiche Gier durch sein Innerstes fraß. Und dabei war ihm beinahe gleichgültig, ob er nur zusah oder selbst einzustecken hatte. Bei allen Welten, wie sehr sehnte er sich in diesem Augenblick nach Kampf, Blut, Zorn und Gewalt. Der Alkohol in seinen Adern ließ es in ihm nur zusätzlich brodeln.
Skadi war es, die ihn wieder zur Besinnung brachte. Er riss den Blick von den Kämpfenden los, sah fast eine Spur widerwillig erst zu ihr, bevor sich sein Verstand zurück meldete und er fragend die Stirn runzelte. Er konnte sie über den Lärm hinweg kaum verstehen, doch ihr Nicken war eindeutig und den Rest spann er sich aus den Bewegungen ihrer Lippen selbst zusammen.
Er folgte also ihrem Blick und jetzt, da er darauf aufmerksam gemacht worden war, wunderte Lucien sich, wie er diesen Mann hatte übersehen können. Er stach heraus wie der Fuchs aus einer Horde Hühner.

Wie der, der hierbei das meiste Geld verdient.“, sprach er aus, was ihm als erstes durch den Kopf ging. Wobei er sich zu der Jägerin hinüber beugen musste, um sicher zu gehen, dass sie ihn tatsächlich verstand. Und nicht jeder andere mithörte.

Wieso? Was glaubst du, wer er ist?



Irgendwie war alles viel zu einfach. Der Weg nach unten. Unbewacht und still. Das laute Kampfgebrüll und die obszönen Rufe, die über die Köpfe davon schwirrten und den Kampfdurst verstärkten, der sich ihre Kehle hinab schlich. Es war zu einfach sich ins Getümmel zu stürzen. Teil der Masse zu werden, die sich allesamt einer Straftat hingaben. Und niemand nahm von ihnen auch nur irgendeine Notiz.
Skadis Herz klopfte aufgeregt und quetschte sich immer wieder kraftvoll zwischen ihre Rippen. Mit leuchtenden Augen hielt sie den Blick ihres Gefährten im Visier. Nahm seinen Duft war, als er sich zu ihr hinüber lehnte und ihren ersten Gedanken verbalisierte. Der Kerl steckte voll mit Geld. Ob auf Grund seiner zwielichtigen Abendbeschäftigung oder weil er ein angesehener Bürger der Stadt mit viel Einfluss und Ansehen war.

"Womöglich der, der uns nicht nur hier behalten und reich machen, sondern uns direkt IN den Ringen schicken könnte."

Sie klang dabei so aufgekratzt, dass sich ihr Atem beschleunigte und die Unterlippe unter einem Biss ihrer Vorderzähne verschwand. Alles an ihrer Ausstrahlung schrie danach nicht nur Teil der verschwitzten und grölenden Zuschauer zu sein.



Ein vorwitziges Schmunzeln formte sich auf Luciens Lippen, der der Jägerin immer noch auf geradezu vertrauliche Weise nahe war – um sie über den Lärm hinweg verstehen zu können.

Klingt, als wärst du ganz heiß darauf, dich zu schlagen.

Weder Frage noch Vorwurf schwangen in seiner Stimme mit. Es war eine reine Feststellung, gefärbt von gewaltbereiter Vorfreude. Die gleiche Gewaltbereitschaft, die er auch in ihren Augen erkannte. Ein Glühen, dem sie beide sich in ihren Alltag auf der Sphinx eher selten hingaben. Sei es, weil sie es unterdrückten oder weil ihnen die Gelegenheit fehlte. Doch jetzt bot sich ihnen diese Gelegenheit.

Das wird aber nicht klappen, wenn wir ihn nur nett darum bitten...

Die tiefgrünen Augen huschten zurück zu jenem Mann, der mit distanzierter Arroganz über das Getümmel herrschte. Mit Sicherheit ließ dieser Mann nur vorher sorgfältig ausgewählte Kämpfer in den Ring. Außer...

Ich hab eine Idee. Komm mit.

Wieder griff der junge Captain nach Skadis Unterarm, schob sich mit ihr zwischen ein paar Umstehenden hindurch, die kaum Notiz von ihnen nahmen und gröhlend in Richtung des Ringes starrten. Näher heran an ihr gemeinsames Ziel. Die Stimmung um sie herum war derart aufgeladen mit Gewalt – es brauchte nur einen winzigen Anreiz, um in unmittelbarer Sichtweite dieses reichen Typens eine Schlägerei anzuzetteln. Ein Rempler hier, ein Schubser da... Und mit ein bisschen Glück reichte das, um die Aufmerksamkeit auf den Blutdurst der Jägerin zu lenken. Eine Frau im Ring sorgte sicherlich für herausragende Quoten.



Woher er das wohl nur annahm? Nicht, dass sie verneinen würde. Ganz im Gegenteil. Mit einem Schulterzucken und breiten Grinsen auf den Lippen erschien es der Jägerin sogar Antwort genug. Davon abgesehen, brauchten sie ohnehin einen guten Plan. Denn ähnlich wie Lucien glaubte sie kaum, dass sich hier etwas mit gut gemeinten und wohl formulierten Worten ausrichten ließ. Taten sprachen mehr als tausend Worte, war dem nicht so? Und so wie der Kapitän gerade an ihrem Unterarm zerrte, verstand sie sofort, welcher Gedanke ihm durch den Kopf geschossen war. Statt sich hinter ihm klein und unauffällig zu machen und in seinem Schatten unterzugehen, stolperte und taumelte sie unkontrolliert von rechts nach links. Raunte hier und da eine Entschuldigung, bis sich lange Finger um ihr Handgelenk krallten und sie ruckartig zurück zogen. Direkt aus Luciens Umklammerung. „Hey! Hast du keine Augen im Kopf, du Winzling?
Spucke spritzte gegen ihre Wangen und brannte jäh auf ihrer Haut. Der Atem, der ihr augenblicklich um die Nase schlug roch nach Alkohol und irgendwas Verfaultem. Angewidert rümpfte Skadi die Nase und versenkte ihr Knie in der fremden Magengrube. Verpasste dem Kerl kurz darauf eine schallende Backpfeife und brüllte über den Lärm der Kämpfe hinweg.

Grabbel mich noch einmal an du Schwein oder ich prügel dir deine schlechte Manieren aus dem Leib.



Während er ihnen beiden einen Weg durch die Menge bahnte, lagen die grünen Augen unverwandt auf dem Gesicht des Mannes, der über die Szenerie im Ring wachte. Noch nahm er keine Notiz von ihnen, doch angesichts der Tatsache, dass Skadi sich mit Rempeleien hinter ihm kaum zurück hielt, war das nur noch eine Frage der Zeit.
Urplötzlich entglitt ihm ihr Handgelenk, zwang ihn zum Stehenbleiben. Er drehte sich um, suchte in der Menge der Leiber nach ihr und fand sie nur zwei Schritte hinter ihm. Jemand hatte die Jägerin zurück gerissen, forderte nun offenbar Vergeltung für ihren rüden Durchmarsch und diese wenigen Augenblicke hatten gereicht, damit sich zwei Zuschauer zwischen ihn und seine Begleiterin hatten schieben können, die in ihrem Fokus auf den Ring allerdings noch nichts von der sich anbahnenden Schlägerei bemerkten. Noch nicht. Alles eine Frage der Zeit, denn Skadi leistete ganze Arbeit.
Lucien machte keine Anstalten, wieder zu ihr zu gelangen. Auch nicht, als sein Blick auf einen zweiten Mann fiel – möglicherweise ein Kompagnon des ersten – dessen Gesichtsausdruck zu einer unheilverkündenden Fratze verzerrt war. „Ich geb dir gleich Prügel, Weib!“, raunzte er über seinen in die Knie gehenden Mitstreiter, schubste einen Unbeteiligten aus dem Weg und ging unbeherrscht vom Alkoholrausch auf die Jägerin los.
Und damit trat er eine Kettenreaktion aus Gewalt los. Der Unbeteiligte stolperte in den Zuschauer eine Reihe vor ihm, bevor er stürzte. Der wiederum fand die Störung alles andere als unterhaltsam, wandte sich um und erspähte lediglich Skadi und ihre Kontrahenten, ging kurzerhand davon aus, dass sie das gewesen sein mussten und warf sich ebenfalls dazwischen, um irgendwem eine zu verpassen. Innerhalb von Augenblicke lenkte der Tumult die Blicke der Umstehenden auf sich, ein Kreis bildete sich. Wenn auch ein sehr kleiner.
Auf Luciens Lippen stahl sich ein süffisantes Lächeln. Er musste nicht mal etwas tun. Außer vielleicht… Sein Blick huschte hinüber zu dem geschniegelten Typen und auch dessen Aufmerksamkeit lag inzwischen auf der Prügelei außerhalb des eigentlichen Ringes. Schon hob er eine Hand, um ein paar Wachposten heran zu winken, als der junge Captain sich in Bewegung setzte, sich bis zum Rand des kleinen Kreises vorkämpfte und dabei brüllte:

Zehn Achter, dass die Kleine alle drei fertig macht.

Irgendjemand griff die Wette begeistert auf, ein paar der Umstehenden lachten verächtlich, boten dagegen. Und das Winken am Rande seines Blickfelds wurde unvermittelt zu einem Stoppsignal. Er wartete.



Augen wandten sich herum. Fixierten den Hünen und kurz darauf die Nordskov, sie mit erhobener Augenbraue über ihre Schulter sah und ein kaum sichtbares, aber nicht weniger amüsiertes Lächeln auf den Zügen trug. Ihr Plan war aufgegangen, zu gut, wenn sie ehrlich sein sollte. Kaum ging der Erste unter einer heftigen Schnappatmung zu Boden, kehrte erneut Bewegung in die Umstehenden. Wo sich eine Person heraus schälte, kam wenig später die Nächste. Scheiße. Mit einem Ausfallschritt tauchte sie unter dem Hieb des Zweiten hinweg, trat ihm mit einer Drehung ihres Oberkörpers kraftvoll seitlich gegen den Brustkorb und verfrachtete ihn, taumelnd und womöglich mit einer angeknacksten oder gar gebrochenen Rippe, gegen den sich aufrappelnden Leib seines Kumpanen. Schreiend und fluchend lagen sie übereinander, schlugen und schupsten sich gegenseitig zur Seite, als bereits der Nächste auf die Jägerin zugeeilt kam. Mit einem Ruck sah Skadi zur Seite, wich knapp einem Faustschlag aus und stolperte. Staub kräuselte sich in der Luft, als sie rücklings zu Boden fiel. Lautes Gelächter durchdrang den Kreis der Zuschauer. Gefolgt von Buhrufen und dem Schrei nach mehr Manneskraft. “Schafft die Frau da weg… das ist doch langweilig.
Skadi schenkte keinem dieser Herren eine Sekunde ihrer Aufmerksamkeit. Ihr Blick blieb wie gebannt auf das vor Wut und Alkohol verzerrte Gesicht des Fremden über sich gerichtet, der sich zu ihr hinab beugte und nach ihrer Kehle griff. Doch alles, was sich auf den Zügen der Dunkelhaarigen widerspiegelte, war ein berauschtes Grinsen.

Ups… Da hast du mich wohl überrumpelt.

Ruckartig riss sie ihre Arme über ihren eigenen Kopf. Brachte seinen Schwerpunkt aus dem Gleichgewicht und hinterließ ein widerliches Knacken in der Luft, als sie mit ausgestreckten Armen Kopf und Kiefer herum drehte. Bewusstlos rollte der Hüne zur Seite, gefolgt von dem schmalen Körper der Jägerin, die ruckartig auf ihren Versen hockte und zu den zwei Herrschaften auf der anderen Seite hinüber starrte.

Habt ihr‘s bald mal?!

Die Belustigung troff aus jedem ihrer Worte heraus, zog das amüsierte Grinsen bis in den letzten Winkel ihrer Wangen und färbte das Gesicht ihrer Kontrahenten in ein hässliches, vor Wut getränktes Rot.



Schafft die Frau da weg, dass ist doch lagweilig!“, brüllte irgendjemand gar nicht so weit von Lucien entfernt. Wie zur Antwort ging eine kleine Welle durch die Umstehenden, die näher an Skadi und ihre Kontrahenten zu drängen schien. Jedoch auch unvermittelt wieder abflaute und sich zurück zog, als die Jägerin ohne viel Federlesen ihren dritten Gegner bewusstlos zu Boden schickte.
Ein kleiner, stämmiger Kerl unmittelbar neben dem Dunkelhaarigen stieß ein Wutschnauben aus – wohl, weil er sich durch die Versager weiter vorn in seiner männlichen Ehre nicht ausreichend vertreten fühlte und die Sache lieber selbst in die Hand nehmen wollte – und war drauf und dran, sich nach vorn zu schieben, als Lucien ihm unvermittelt die Faust vor den Solarplexus rammte und mit einem kühlen Lächeln zurück in die Reihe verwies. Immerhin überragte er ihn um fast zwei Köpfe, was wohl der einzige Grund war, weshalb er sich von einem 21-Jährigen aufhalten ließ.
Zwar hatte der junge Captain nicht die Befürchtung, Skadi käme mit noch einem Kontrahenten nicht genauso gut zurecht, wie mit den ersten Dreien, doch seine Aufmerksamkeit hatte während des kurzen Kampfs die ganze Zeit auch auf jenem Mann gelegen, der das Schauspiel mit neugierigem Blick beobachtete und sich nun in Begleitung zweier riesiger Hünen durch die Umstehenden schob.
Der Großteil der Zuschauer konzentriere sich voll und ganz auf die Geschehnisse innerhalb des offiziellen Rings. Doch in ihrem kleineren Kreise hier richteten sich nun aller Augen auf ihn, als er auf die freie Fläche zwischen die Leute trat und den Blick auf Skadi richtete. Ihre beiden noch wachen Gegner hatten sich derweil aufgerappelt, wurden jedoch von einem der Hünen wirksam davon abgehalten, wieder auf sie los zu gehen.
Du scheinst es ja kaum erwarten zu können, dir dein hübsches Gesicht verunstalten zu lassen“, bemerkte er in zwar gewählter Ausdrucksweise, aber doch nicht so gestochen, wie sie Leute von höherer Geburt pflegten. Er schien also aus einfachen Verhältnissen zu kommen, auch wenn er nicht mehr so aussah. Mit kritischem Interesse musterte er die Jägerin ein mal von oben nach unten, dann zuckte in seinem Mundwinkel ein Lächeln. „Ich wette, ein paar der Männer hier würden nur zu gern sehen, wie man dich wieder auf deinen Platz verweist. Habe ich nicht Recht?

Für seine Frage hob er die Stimme deutlich an, damit jeder ihn hören konnte, und die Umstehenden antworteten mit hämischem Gröhlen.



Spuckend und fluchend erhoben sich die beiden Männer, ohne auch  nur einen Schritt auf sie zuzugehen. Fast genügsam sah die Nordskov ihnen dabei zu und wischte sich mit dem Handrücken über den Mundwinkel. Je länger sich die Herrschaften Zeit ließen, desto lächerlicher wurde es. Immer mehr Augen richteten sich auf ihre Auseinandersetzung. Sie spürte jeden einzelnen Blick wie kleine Nadeln in ihrem Körper, ohne sich auch nur einmal herum zu drehen. Und erst als der hoch gewachsene Schatten sich umringt von seinen Begleitern aus der Menge schälte, entspannten sich die Muskeln der Dunkelhaarigen, die kurz den Kopf im Nacken kreisen ließ. Absolut unbeeindruckt, obgleich jede Faser ihres Körpers zum Zerreißen gespannt war und ihr Blut vor Kampfeslust überschäumte.

"Ich bezweifle, dass es einen fähigen Mann unter ihnen gibt, der dazu in der Lage wäre."

Mit einem Mal klang Skadi derart selbstgefällig, dass sie fast ihrer eigenen Worte wegen auf den Boden spucken wollte. Doch all das diente letztlich dem Zweck, die Stimmung aufzuheizen und sich das nötige Zubrot zu verdienen, dass sie für die Crew und das Schiff brauchten. Oder nicht? Für einen Sekundenbruchteil huschten die dunklen Augen zur Seite und erspähten Lucien in der Menge. Mit einem Ausdruck auf den Zügen, den sie derart spiegelte, als verschmelzen ihre Gedanken und ihr aufblühendes Temperament.

"Vielleicht ist es an der Zeit den Herrschaften zu zeigen, auf welchen Platz SIE gehören."

Fast schien es, als wollten sich die ersten wütend aus den Reihen lösen, sich auf sie stürzen oder ihre Krüge nach ihr werfen. Doch eine erhobene Hand des Mannes und die Meute trat zurück in die Wogen aus Trunkenheit und angestauter Verachtung.



Skadi beherrschte das Schauspiel perfekt. Wobei Lucien nicht einmal beschworen hätte, dass es nicht mehr als das war. Denn wie er ließ sie sich ganz von der aufgepeitschten Stimmung mitreißen, ging gänzlich über in die Bereitschaft, zu kämpfen und Blut zu vergießen. Ähnlich eines Berserkers im Rausch des Schlachtgetümmels.
Über die Lippen des jungen Captains huschte ein Lächeln, in dem siegessichere Zufriedenheit und das Verlangen nach einem Kampf lagen, als die Jägerin provozierend die Stimme erhob. Sie wählte die richtigen Worte, trug die richtige Haltung zur Schau, die von selbstgefälliger Überzeugung sprach. Ein Ausdruck, der den schlanken Mann hämisch grinsen ließ. Er schien der festen Überzeugung zu sein, ihr ihre Siegesgewissheit aus den athletischen Gliedern prügeln zu lassen.
Lucien begegnete Skadis Blick, in den tiefgrünen Augen eine merkwürdig düstere Gier. Er nickte ihr zu, nur einmal kurz, ehe sie sich wieder an den Mann wandte, der über den Ring zu entscheiden hatte. „Wir werden sehen...“ Der Alte schnaubte spöttisch, nickte dann, als er seine Entscheidung fällte, und hob die Hand, ohne seinen Blick von der Jägerin zu lösen. Mit einem Wink zu den beiden Hünen, die ihn begleiteten, wies er sie an, Skadi Richtung Ring zu eskortieren. Einer der beiden war tatsächlich so unbedacht, sie am Oberarm zu packen, um sie mit sich zu zerren. Gleichzeitig schien der Kampf im Ring für beendet und der Sieger erklärt worden zu sein. Denn nun teilte sich die Menge vor ihnen und ließ die kleine Prozession durch.
Lucien griff nach seiner Geldbörse, schob sich parallel zu der entstandenen Schneise auf den Kampfplatz zu, um an dessen Rand in Sichtweite zu bleiben, und suchte bereits denjenigen in der Menge, der die Wetten entgegennahm. Es wurde Zeit, ein bisschen Gold zu verdienen.


Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste