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Von Hexen und Untoten
Szenen-Informationen
Datum 12 April 1822
Ort Kombüse der Sphinx
Tageszeit Mittag
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Crewmitglied der Sphinx
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#1
Von Hexen und Untoten
Mittag des 12. Aprils 1822
Gregory Scovell, Trevor Scovell & Liam Casey


Und damit hatte der Alltag die Sphinx wieder in fest in ihrem Griff, die sich langsam aber sicher immer weiter von Milui entfernte. Doch die zurückliegenden Tage hinterließen nicht nur schöne Erinnerungen, sondern auch einiges an Material und Gold, mit denen sich das Schiff wieder auf Vordermann bringen lassen sollte. Das Schiff schaukelte sanft im Schoß des Meeres in der Mittagssonne, als Liam sich mit einem ganz bestimmten Ziel unter Deck begab. Als er die Tür zur Kombüse öffnete, rechnete er bereits fest mit dem dunklen Gesicht Rayons, der drauf und dran war, mit den Vorbereitungen für das Essen zu beginnen. Doch statt des schwarzen Hünen blickten ihm die Gesichter Trevors und seines Bruders entgegen, die sich hier eine kleine Auszeit zu gönnen schienen. „Ist Rayon nicht da?“, fragte er in die Stille hinein, die sein plötzliches Auftreten offenbar hervorgerufen hatte. „Ich wollte ihn fragen, ob er Hilfe braucht.“ Liam schloss dennoch leise die Tür hinter sich, nachdem er den Raum betreten hatte und sah sich abermals nach ihrem Smutje um. Vielleicht verschaffte er sich im Lager auch einen Überblick über ihre Vorräte.
Trevor zuckte ertappt zusammen und sprang sofort von der Anrichte, auf der er es sich gemütlich gemacht hatte. Er öffnete gerade den Mund zu einer genialen Begründung dafür, warum er auf Rayons heiligen Arbeitsflächen herumlungerte, da stellte er fest, dass nicht der Smutje, sondern Liam durch die Tür spaziert war. „Oh“, sagte er also stattdessen und warf Greg einen kurzen Seitenblick zu, „hey Liam!“ Im nächsten Moment saß er schon wieder oben, grinste den Neuankömmling an und ließ die Beine baumeln. „Nein, ist er nicht und ja, braucht er.“ Er gluckste und schob Liam mit dem Fuß den Eimer Kartoffeln auf dem Boden zu, den er selbstverständlich nicht angerührt hatte, seitdem Rayon ihm den Rücken zugedreht hatte. Nicht, dass er faul gewesen wäre, oder so, wirklich nicht, normalerweise machte er immer, was Rayon ihm auftrug. Okay, fast immer. Na gut, fast immer und so fern es nicht Kartoffeln schälen war.
„Ich glaube, Rayon ist es gleich, wer von euch beiden die Kartoffeln schält. Mir übrigens auch.“ Der Schiffsarzt konnte sich das Grinsen nicht verkneifen und wartete gespannt ab, was Liam aus Trevors plumpen Versuch machen würde und hackte derweil weiter Kräuter klein.
Wenn er ehrlich war: Er hatte Hunger. Und wenn man beim Kochen half, fühlte man sich dem Essen einen Schritt näher. Davon abgesehen machte es ihm aber auch Spaß. Er hatte nicht umsonst provisorisch diesen Posten übernommen gehabt, bevor Rayon an Board gekommen war. Er wunderte sich nicht groß über Trevors Glucksen, sondern steuerte bereitwillig auf den Eimer Kartoffeln zu, der ihm angeboten wurde. Erst mit Gregorys Anmerkung dämmerte es ihm, dass sich der Jüngere gerade aus der Affäre ziehen wollte und er nur gerade recht gekommen war, um Trevors Aufgabe delegiert zu bekommen. Liam hob den Zeigefinger und wackelte damit zwei Mal in die Richtung des Jüngeren. „Du Fuchs.“, war sein Zeichen der Erkenntnis, doch es hinderte ihn nicht daran, sich den Eimer herzuziehen, mit der anderen Hand einen Hocker zu greifen und sich schließlich noch ein Messer zu holen, um mit dem Schälen zu beginnen. Immerhin würde er dasitzen und etwas Sinnvolles tun, wenn Rayon zurückkam. „Wisst ihr, was für heute geplant ist?“, fragte er nach kurzer Stille und sah kurz von den Knollen in seinen Händen auf. Nicht, dass er wählerisch war. Er nahm, was aufgetischt wurde. Allein schon, weil sie sich nichts anderes leisten konnten. „Habt ihr den Landgang genossen? Ich glaub, ich bin euch kein einziges Mal auf dem Fest über den Weg gelaufen.“ Ein wenig neugierig war er schon, welche unmöglichen Geschichten Trevor wieder erlebt haben würde.
Trevor lachte glücklich und deutete eine Verbeugung an, um die Vorführung seiner Manipulationskünste gebührend zu beenden. Dann nutze er flink Gregs kurzes Innehalten, um sich eines der noch intakten Kräuter von dessen Schneidebrett zu schnappen. Während er es seinem Bruder überließ, die kulinarischen Details ihres heutigen Essens zu erläutern, stopfte er die Pflanze durch die Gitterstäbe von Cirahs Käfig, der neben ihm auf der Anrichte stand. Das Zaunkönigweibchen kam zwitschernd angeflattert und pickte auch ein, zwei, drei Mal nach dem Grünzeug, allerdings vielleicht eher, weil Trevor ihr damit im Gesicht herumwedelte und weniger, weil es geeignetes Vogelfutter darstellte. Bestimmt würde Rayon sich nicht sooo sehr aufregen, wenn er sie rausließ, oder? „Du hast dich halt nur in den langweiligen Ecken herumgetrieben!“, grinste er auf Liams zweite Frage und vergaß den Vogel für einen Moment. Er beugte sich ein bisschen vor, um den verschwörerischen Effekt zu verstärken. „Oder kannst du ein neunbeiniges Ungeheuer, einen Untoten und einen Brief aus einer anderen Welt toppen?“
Gregory lachte leise darüber, wie Liam sich bewusst entschied Trevor die ungeliebte Arbeit anzunehmen, griff in die Schublade und legte dem Lockenkopf die Klinge hin, die eigentlich in den Händen seines Cousins seien sollte. „Was simples: Speckkartoffeln mit Kraut und — wie sagte er? — ungewöhnlicher Würzung.“ Ob das Kraut Cirah gut täte? Er wusste es nicht genau, wähnte es allerdings ungefährlich und ließ es Trevor durchgehen. Sollte er die kleine Dame jedoch herauslassen wollen, würde er die Hand auf den Käfig legen. Je weniger er die Aufmerksamkeit des jüngeren Scovells jedoch auf den Käfig richtete, um so leichter würde es Liam fallen, ihn auf andere Ideen zu bringen. Und die Frage war ideal, um Trevor zum Reden zu verleiten. Leider erinnerte sie ihn auch an ihren Verlust. Ob Liam den überhaupt schon mitbekommen hatte? Oder die Zusammenhänge? Nur aus dem Augenwinkel späte er zu ihm hinüber und schwieg, neugierig darauf, wie der andere auf die Frage antworten würde und wie Trevor seine Geschichte erzählen würde. falls der das nicht auf ihn abzuwälzen versuchen würde.
Mit der Erwähnung von ‚Speckkartoffeln‘ hatte Gregory – oder viel mehr Rayon – den Lockenkopf eindeutig am Haken. Kartoffeln waren immer, ganz gleich wie simpel es auch war, eine gute Wahl. In Verbindung mit Speck und Rayons Kochkünsten, perfekt und ein Grund, sich beim Schälen der Knollen ein wenig zu beeilen. Das Zwitschern im Käfig des Zaunkönigs ließ Liam aufsehen. Er bezweifelte, dass der Singvogel wirkliches Interesse an den Kräutern haben würde, aber es war nicht seine Aufgabe, das Tier vor Trevors Wohlwollen zu retten. Sineca hätte ihm vermutlich von alleine gezeigt, was sie von Grünzeug hielt. Da waren ihr die Nüsse, die Shanaya immer mit ihr Teile, weitaus lieber – vermutlich aber auch nur, weil sie so simpel über das Deck rollten. Die Möglichkeit, dass er sich hauptsächlich an den langweiligeren Orten rumgetrieben hatte, zog er mit einem Schulterzucken in Erwägung, grinste derweil aber vielsagend. Wenn er ehrlich war, gab es keinen Ort, von dem er das Gefühl hatte, ihn verpasst zu haben. Für ihn wäre es auch ein wunderbares Fest gewesen, hätte es nur die Musiker am Brunnenplatz gegeben. Als Trevor allerdings fortfuhr, wusste Liam wieder, weshalb er so neugierig auf die Antwort gewesen war. Auch, wenn das, was sie erlebt hatten, bei weitem nicht dem entsprechen würde, was der Jüngere ihm glauben machen wollte. Er wusste seine Fantasie zu schätzen und ein bisschen erinnere er ihn auch an sich selbst – nur eben weitaus extrovertierter und mitteilungsbedürftiger. „Ich hätte eine Hexe, einen Wendigo und ein unterirdisches Geheimversteck mitsamt Schatz zu bieten, aber du zuerst.“, zählte er an den freien Fingern seiner Schneidehand ab, ehe er den Eimer Kartoffeln mit dem Fuß ein Stück zur Seite schob und seinen Sitz drehte, um den Jüngeren besser im Blick zu haben.
„Was ist ein Wendigo?!“ Trevor beugte sich inzwischen so weit vor, dass jemand mit weniger ausgeprägtem Gleichgewichtssinn vermutlich kopfüber von der Anrichte gepurzelt wäre. „Und wie hast du das Geheimversteck gefunden, wenn es geheim war? Und unterirdisch? Musstest du buddeln? War da ein Kreuz auf dem Boden?! In welcher Farbe?! Und woher weißt du, dass die Hexe eine Hexe war, hat sie dich verhext?!“ Er hielt einen winzigen Moment inne, um Liam aus zusammengekniffenen Augen zu mustern. Dann wurden seine Augen plötzlich groß. „Bist du dir sicher, dass du noch lebst? Vielleicht hängt das zusammen mit deiner Hexe und meinem Untoten und du warst unter der Erde, weil du begraben wurdest, und deshalb haben Greg und ich dich die ganze Zeit nicht gesehen. – Greg“, sagte er etwas leiser an seinen Bruder gewandt, ohne Liam aus den Augen zu lassen, „Greg, essen Untote Kartoffeln?“
„Von einem Wendigo habe ich auch noch nichts gehö—“ Für mehr reichte Trevor's Pause nicht, dann musst Gregory lachen. Sein Bruder war mal wieder auf einen herrlich verworrenen Gedanken gekommen. Liam und untot — wie klasse! „Ich habe von Untoten gehört, die Blut trinken oder Gehirn fressen. Und es gibt Leute, die behaupten, Malzbier helfe gegen Geister. Aber Kartoffeln? Nein. Von Kartoffeln fressenden Untoten weiß ich nichts. Irgendwie scheint mir das aber auch unpassend.“ 'Woher hat Trevor das nur mit dem Untoten?', grübelte der Schiffsarzt. Alles andere konnte er sich erklären. Oder — moment. Ja. Das wäre eine Erklärung dafür. „Außerdem Trevor, Untote interessieren sich nicht für Geschichten. Also erzähl schon!“
Noch ehe Liam wirklich dazu übergehen konnte, Tevors erste Frage zu beantworten folgten in guter, alter Trevormanier noch zig andere. Der Lockenkopf blinzelte, während er versuchte, der Geschwindigkeit, mit der all das aus dem Jüngeren heraussprudelte, zu folgen. Und noch ehe er sich wirklich die Antworten zu seinen Vermutungen und Schlussfolgerungen überlegt hatte, zerschlug Gregory all die Geistesmühe seines Bruders und ermutigte ihn, die Geschichte zu erzählen. „Aber es würde zumindest erklären, weshalb ich dem Wendigo entkommen konnte.“, ließ es sich Liam aber nicht nehmen, Trevors Aufregung aufrecht zu erhalten und zuckte beiläufig mit der Schulter. „Allerdings fühle ich mich noch recht lebendig und werde weder von Blutdurst noch von Appetit auf Gehirne geplagt...“
„Malzbier?“, wiederholte Trevor und stellte sich einen halbdurchsichtigen Feuerbart mit einem Malzbier in der Hand vor. Er sah nichts sehr glücklich aus. Andererseits, er hatte Zeit seines Lebens immer grimmig geguckt, außer auf diesem einen Wanted-Plakat, auf dem ihm jemand (nicht Trevor) ein breites Grinsen mit vereinzelten, spitzen schwarzen Zähnen gemalt hatte. „Ja, könnte klappen.“ Er schüttelte den Kopf, um das Bild loszuwerden und im nächsten Moment grinste er wieder Liam an. „Na ja, wenn du dich tot fühlen würdest, dann wärest du ja auch nicht nicht-tot, sondern eben tot, weißte, das ist ja der Witz an der Sache. Aber okay, okay, mein Untoter! Also:“, er räusperte sich theatralisch. „Das war vor ein paar Tagen. Ich und Greg und Feuerbart sind auf dem Fest.“ Er sprang von der Anrichte, um die Geschichte durch die kleine Kombüse hüpfend darzustellen. „Überall sind bunte Buden und Essen und Musik und ich und Greg und Feuerbart, wir stecken mitten drin in dieser epischen Prügelei mit den Typen vom Juweliersstand!“ Plötzlich drehte er sich und sprang und boxte wild in die Luft, als würde er gegen mindestens zehn unsichtbare Gegner kämpfen. „Einen Wachmann hab ich schon ausgeknockt, da seh ich, wie Feuerbart dem anderen eine verpasst, WÄMM, mitten ins Gesicht!“ Trevors Faust hielt Zentimeter vor Liams Nase. „Der Kerl geht zu Boden und ich denke: Das war‘s mit ihm, das hat er nicht überlebt! Aber der ist ein Riese, mindestens zwei Meter groß und drei Meter breit und er knurrt und grollt und richtet sich wieder auf! Er kommt auf mich – mich! – zu und brüllt: DUUUUUUUU! DICH WERDE ICH FRESSEN! MUAHAHAHAHA!“ Das Lachen klang teils furchterregend und teils buchstäblich wie „Muahaha“. Aber mehr furchterregend, fand Trevor.
„Ich kann ihm direkt ins Gesicht sehen, Liam. Es ist eine einzige –“, er hüpfte flink hinüber zu Greg und legte ihm beide Hände auf die Ohren, sodass er zumindest theoretisch gesehen nichts von dem hören konnte, was Trevor gleich sagen würde, „eine einzige, blutige Masse!“ Er starrte Liam mit großen Augen an. „Seine Nase ist Brei, seine Lippen sind aufgeplatzt und die letzten Zähne in seinem Grinsen abgebrochen und rasiermesserscharf! Ich will gerade mein Entermesser ziehen –“, er sprang zurück und imitierte die erhobene Waffenhand, „da kommt Lissa mit einer RIESIGEN Holzplanke voller Nägel und sie brät ihm eins über, BÄÄMM!“ Er wirbelte um sich selbst, eine imaginäre Holzlatte schwingend, die, wäre sie echt gewesen, sowohl Liam als auch Greg und Cirah in einem Zug niedergestreckt hätte. „Ich kann mich gerade noch zur Seite werfen, bevor der Kerl mich unter sich begräbt! Und ich denke wieder jetzt ist es aus und WIEDER STEHT ER AUF! Sein Hinterkopf sieht noch hässlicher aus als sein Gesicht, er hat ein Loch darin, so groß!“ Trevor demonstrierte mit beiden Armen ein Loch, deutlich größer als sein eigener Kopf, was realistisch war, weil der Wachmann ja riesig gewesen war. „Und er ist fuchsteufelswild und brüllt und stürzt sich auf Lissa, um sie zu fressen! Ich bin zu weit weg, um ihr zu helfen, also muss ich improvisieren! Ich packe das nächstbeste, was ich kriegen kann“, er schnappte sich eine Kartoffel aus dem Eimer, „meinen Holzpantoffel! Und ich schmettere ihn mit aller Kraft nach dem Untoten, so!“ Die Kartoffel sauste zentimeterdicht über Liams Kopf hinweg und krachte scheppernd in eine Reihe von Töpfen und Pfannen, die an der gegenüberliegenden Wand hingen. „WÄMM! VOLLTREFFER! Der Untote dreht sich zu mir um und seine blutigen Glubschaugen verdrehen sich und dann – dann kippt er um.“ Und in Ermangelung eines zweiten Schauspielers, lies Trevor sich einfach selbst rücklings auf den Boden kippen.
Für den Schiffsarzt war Trevors Überlegung mehr als deutlich auf dessen Gesicht zu lesen, so dass er gar nicht anders konnte, als leise aufzulachen und dann, bei dessen unschlagbarer Logik bezüglich tot sein, wurde das Lachen noch etwas lauter. Seine Hand schob die Kräuter in die bereitstehende Schüssel, ehe er sich die nächsten griff. Fasziniert lauschte er den Ausführungen seines Bruders und nickte bestätigen zu dessen Einleitung. Dann drifteten seine Gedanken etwas ab, als er sich fragte, ob es dem anderen Wachmann genau so wie Cornelis ergangen war oder ob der wider erwarten überlebt hatte, doch kurz darauf musste er wieder Schmunzeln bei dieser herrlich inakkuraten Wiedergabe der Drohung dieses Fleischberges. Gutmütig hielt er inne und ließ sich die Ohren mehr schlecht als recht zuhalten. Blumige Beschreibungen von Verletzungen waren meist so übertrieben, dass er damit überhaupt keine Probleme hatte. Interessant würde es höchstens, wenn jemand sie sehr genau und absichtlich widerlich erklärte, denn dann würde Gregorys lebhafte Phantasie möglicherweise zuschlagen. So lachten seine Augen noch immer, als er seine Arbeit unterbrach, um sich zu Trevor umzudrehen, weil er ahnte, was kurz darauf auch geschah. Spielend duckte er sich unter den schwingenden Armen hindurch, verzog grinsend aber auch ein wenig schmerzhaft das Gesicht, als das Wurfgeschoss lärmend einschlug und griff gelassen nach den Schultern des jüngeren Scovells, um zu verhindern, dass der mit Kopf oder Kreuz auf die Kannte der Arbeitsfläche krachte, als jener sich fallen ließ.
„Ich kann's bestätigen. Ist alles wirklich passiert. Zwei Mal ist der wieder hochgekommen, obwohl bei jedem anderen hier auf dem Schiff längst die Lichter ausgegangen wären! Zum Glück hat ihm Lissa noch den dritten Schlag verpasst, sonst würde mein Bruder dir diese Geschichte nicht mehr erzählen können, so knapp verhinderte unsere überraschende Freundin nicht nur, dass der Riese seine Drohung war machte, nein!“ Längst benutzte er mindestens einen Arm um mit entsprechenden Gesten das Gesagte zu unterstützen und es Liam noch eindringlicher zu vermitteln, wenn Trevor sich nicht schon längst wieder auf die Anrichte geschwungen hat. Sowie der ältere aber beide Hände frei hatte, war er voll in seinem Element. „Denn vor ihrem ersten Schlag holte er bereits mit seiner mächtigen Keule aus, um Trevor zu erschlagen, der gestürzt am Boden lag. Alles was ich sehen konnte war, wie dieses Monstrum über ihm aufragte, dessen Waffe bereit, auf ihn niederzufahren und ihn in Brei zu verwandeln. Mir blieb fast das Herz stehen, wusste ich doch, alles, was ich hätte tun können wäre zu spät gekommen. Nein, ich konnte ihn nicht retten, Cornelis war zu dem Zeitpunkt bereits auf mysteriöse Weise verschwunden und auch Trevor wusste nicht, was er hätte tun sollen, lag er doch bereits am Boden, sein einer Knöchel übelst am Schmerzen, so schlimm dass er ihn nicht im geringsten belasten konnte. Ich habe es deutlich gesehen, hier, in seinen eigenen Augen, die Erkenntnis, jetzt ist es aus, ehe mit einem Schlag sich die Situation sprichwörtlich ins Gegenteil verkehrte: Denn da war sie, Lissa, unser Retter in der Not, mit ihrem roten, in der Sonne leuchtenden Haar, in diesem Moment der Erlösung überwältigend schön.“
Kurz holte er Luft, lächelte seinem Cousin zu und fuhr fort: "Du musst also bedenken, dass Trevor bei seinem lebensrettenden Wurf nur auf einem Bein stand, und auch das nur, weil Lissa ihm auf die Füße geholfen hatte. Und du hättest den Blick des Wachmannes sehen müssen, die Tumbheit, mit der er von Lissa abließ und nicht verstand, was vorgefallen war und das Unverständnis darüber, dass ein solch angeschlagener Gegner ihm noch so viel antun konnte. „Ich selber befand mich zu der Zeit selbst in einem Kampf verstrickt und konnte nicht eingreifen, sondern mich nur immer wieder mit einem Blick vergewissern, dass es noch Hoffnung gab. Aber es war nicht Trevors Holzschuh, der den Mann dann endgültig zu Boden warf — jedenfalls nicht allein — den trotz dieser scheinbar auswegslosen Situation bewahrte Lissa die Nerven, suchte sich einen weiteren Balken in den Trümmern und nutzte die Ablenkung für einen zweiten Schlag auf den Hinterkopf unseres Angreifers und streckte ihn endgültig nieder. Zu mindestens rührte er sich nicht, bis wir von dort verschwunden waren. Wir haben nicht nachgesehen, ob er jetzt wirklich tot war oder sich nicht doch noch regte, um sich vielleicht abermals und unerklärlich erneut zu erheben.“
Nachdenklich runzelte der Lockenkopf die Stirn, während die Klinge seines Messers für etwa die gleiche Zeit ein wenig langsamer Schale von Kartoffel trennte. Also fühlten sich Untote nicht tot, sondern untot? Aber kam untot nicht gleichzeitig auch lebendig gleich? Ein interessanter Ansatz, über den sich Liam noch nie wirklich Gedanken gemacht hatte. Wurden nicht all diese Rachegeister von Hass geplagt? War es das, was einen dazu veranlasste, sich untot zu fühlen? Wenn nur noch Hass übrig war und man sonst frei von Gefühlen war? Doch noch bevor er sich philosophisch den Kopf darüber zerbrechen konnte, begann Trevor wirklich zu erzählen, was geschehen war und seine Geschichte wäre weitaus besser auf irgendeiner Bühne aufgehoben gewesen als in der kleinen Kombüse der Sphinx. Einen begeisterten Zuschauer hätte er jedenfalls gehabt, denn der Jüngere schaffte es unweigerlich, den jungen Künstler mit sich durch die Erzählung zu reißen. Er zuckte zusammen, als Trevors Faust unvorhergesehen knapp vor seiner Nase zum Stehen kam, wagte es jedoch nicht, den Schausteller in seiner Darbietung zu unterbrechen. Irgendwann formte sich die Frage danach, wer Lissa war, in seinem Unterbewusstsein, doch bevor sie den Weg zu seinem Mund gefunden hatte - Gerade noch rechtzeitig zog er den Kopf ein, als einen Sekundenbruchteil später schon die Kartoffel klirrend in den Töpfen einschlug und Trevor unter lautem Scheppern theatralisch zu Boden ging. Liam blinzelte. Seine Hände fanden ganz automatisch den Weg zusammen und klopften trotz Messer und Kartoffel kurzen Beifall.
Die Show allerdings schien noch nicht vorbei, als Gregory sich nun über seinen Applaus hinwegsetzte und die Fortsetzung darbot. Der Lockenkopf fragte sich nicht einmal, weshalb Cornelis plötzlich verschwunden war, obwohl die Situation doch so brenzlig gewesen war – stattdessen hielt er sich eine Sekunde länger an Lissas Beschreibung auf, die Gregory ihm beiläufig entgegenwarf. Das klang nämlich irgendwie ähnlich wie die Hexe, die sich an Ryan vergriffen hatte. Rote Haare kamen immerhin nicht allzu häufig vor. Er stieg erst wieder ein, als der älter Scovell von seiner eigenen Schlacht berichtete und damit endete, dass ein weiterer Schlag neben Trevors Holzschuh nötig war, um den Hünen leblos am Boden zu halten oder zumindest die Zeit zur Flucht nutzen zu können. „Wow. Auch nicht schlecht.“, begann er langsam und musterte erst den Älteren, dann den Jüngeren der Brüder. „Der Typ war echt hartnäckig, was? Vielleicht war er ja auch von irgendeinem bösen Zauber besessen?“ Nachdenklich schoben sich seine Augenbrauen zusammen. „Diese Lissa… Die Hexe, die Ryan und mir über den Weg gelaufen ist, könnte auf ihre Beschreibung passen. Und sie hat’s immerhin irgendwie geschafft, unseren Meisterdieb zu bestehlen.“ Dass Gregory sie als Freundin bezeichnet hatte, war ihm längst wieder entfallen. Zu gut wollte gerade alles zusammenpassen. Vielleicht war ihr guter Ryan ja wirklich einem Zauber unterlegen gewesen? Liam musste unweigerlich schmunzeln bei diesem Gedanken.
Trevor befreite sich sofort wieder aus Gregorys Griff und verbeugte sich gebührend theatralisch vor Liam. Dann schwang er sich lachend zurück auf die Anrichte und und überließ seinem Bruder die Bühne. Die meiste Zeit hörte er gebannt zu, nur die Stelle, an der es um seine Fast-Zermatscht-werden-Erfahrung ging, bedurfte definitiv etwas dramatischer Untermalung. Er schnappte nach Luft, fasste sich erschrocken an die Brust, verdrehte die weit aufgerissenen Augen und streckte die Zunge heraus. Als Greg ihm zulächelte, war die Grimasse verschwunden und Trevor grinste unschuldig zurück. Er setzte schon zu einem Zwischenruf an, als Greg seine Künste im Pantoffelwerfen in Frage stellen wollte, aber zum Glück rettete der den Satz mit einem „jedenfalls nicht allein“. Also nickte Trevor stattdessen wichtig und bestätigend, was nicht im Mindesten im Widerspruch zu dem Grinsen in seinem Gesicht stand. Die letzte Sekunde von Gregs Unaufmerksamkeit nutzte er, um sich noch eines von den Kräutern zuschnappen. „‘Auch nicht schlecht‘?“, wiederholte er Liams Reaktion und verschränkte gespielt beleidigt die Arme vor der Brust. Einen Moment später jedoch verwandelte sich das in echte Empörung. „Hey, Lissa ist keine Hexe! Und schon gar keine Diebin!“ Vorwurfsvoll richtete er die Pflanze in Richtung von Liams Nase. „Okay, sie hatte einen ganzen Haufen seltsames Zeugs in ihrem Zelt rumfliegen. Aber es fliegt nicht wirklich, das sagt man nur so! Es sei denn, man wirft es, aber das ist dann keine Hexerei. Und außerdem sind das gar nicht ihre Sachen.“ Er hielt kurz inne, als ihm auffiel, dass das doch verdächtig nach Dieb klang. „Aber sie hat die Sachen nicht geklaut! Sie hat sie nämlich vorher gefragt, die Sachen, sie kann nämlich mit ihnen red–“ Diesmal stoppte er abrupt mitten im Satz und runzelte die Stirn.
Der Schiffsarzt nahm den Applaus wohlwollend zur Kenntnis, doch er griff nur den Faden auf. Für ihn war die Geschichte einfach noch nicht zu Ende und musste jetzt weitererzählt werden. Und auch wenn Trevor seine Grimasse schnell wieder verbarg, so hatte Gregory sie doch mitbekommen und er lächelte auch deswegen. Er konnte seinen Bruder immer noch in seinen Bann schlagen und sich darauf verlassen, dass er die Geschichten passend untermalte. „Hartnäckig ist ein passender Ausdruck für diesen Mann, dessen Hals eher dem eines Stiers geglichen hat als dem eines Menschen“, stimmte er Liam zu, nachdem Trevor mit seinem Ausbruch fertig war. „Und ich würde Lissa eher als gute Fee bezeichnen. Sie vollbringt nämlich echte Wunder, indem sie hilft, verlorene Gegenstände zu ihren Besitzern zurückzubringen. Und ja, Trevor hat recht: Es scheint wirklich so, als könne sie mit den Gegenständen reden. Außerdem bezeichnet sie sich als Alleshändlerin. Und wenn sie es schafft, den Besitzer von einem der Dinge zu finden, dann gibt sie ohne etwas zu verlangen, denn sie scheint vollauf damit zufrieden zu sein, dass ihr das gelungen ist. "Das würde ich weder als Hexenwerk noch als Diebstahl bezeichnen.“ Mahnend hatte er den Zeigefinger erhoben und blickte Liam streng an, dann lächelte er wieder. „Aber vielleicht solltest du uns von dieser roten Hexe mit diesen überragenden Fähigkeiten erzählen, damit wir das besser beurteilen können?“
Trevor wäre definitiv besser in einem Theater aufgehoben gewesen als auf einem Piratenschiff. Dort wäre er vermutlich wirklich aufgeblüht und hätte statt der genervten Blicke mancher auf dem Schiff wohl für alles Applaus und Zurufe geerntet. Liam ließ die nächste geschälte Kartoffel in die Schüssel gleiten und griff nach der nächsten, als ihm der Jüngere der Scovells fast seine Empörung in Form des Krautes ins Gesicht schlug, als er den Bogen zu seinen eigenen Erlebnissen spannte. Der Lockenkopf sah auf, doch noch bevor er sich überlegen konnte, wie er sich nun am besten aus diesem Missverständnis zog, sprach Trevor weiter und verstrickte sich zunehmend mehr in stimmigen Indizien. Die Augenbrauen des Musikers zogen sich nachdenklich zusammen. Dabei hatte er weder das Wort ‚Hexe‘, noch das Wort ‚Diebin‘ wirklich abwertend gemeint. Wer konnte sich das auch auf einem Schiff mit Verbrechern erlauben? Als der Jüngste ihrer Runde dann aber andeutete, dass diese Lissa angeblich mit Gegenständen sprechen konnte, vergaß er für einen Moment die Kartoffel in seiner Hand und blinzelte irritiert. Gregory schien die Entgleitung seiner Gesichtszüge nicht entgangen zu sein, denn just einen Augenblick später griff er die Wortwahl wieder auf und versuchte, etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Jedenfalls entlastete seine Beschreibung die geheimnisvolle Rothaarige wieder ein bisschen von den schwachen Vorwürfen, die er ihr gemacht hatte. Die Sache mit den sprechenden Gegenständen blieb aber weiterhin ein Rätsel. „Da gebe ich dir Recht.“, stimmte Liam Gregory und seinem Zeigefinger zu, selbst wenn es sich nur auf die Großzügigkeit bezog, mit der sie die Dinge wieder herzugeben schien. „Aber ich stelle es mir unheimlich mühevoll vor, Dinge zu sammeln und deren Besitzer irgendwo in der ersten Welt ausfindig zu machen. Woher will sie wissen, was wem gehört?“
Vermutlich lag da der sprechende Hund begraben. Liam war in diesem Moment nicht wirklich misstrauisch. Er wollte ihr nicht unterstellen, dass sie log, doch das wie interessierte ihn ehrlich und er hätte sich nun Ewigkeiten mit dem Gedanken beschäftigen können, hätte Gregory ihn nicht wieder an die Hexe erinnert, die offensichtlich doch nicht ihre Lissa gewesen war. „Uff. Allzu viel kann ich euch gar nicht über sie erzählen.“, begann er und kratzte sich kurz mit dem Gelenk seines Daumens am Kopf, ohne das Schälmesser dabei loszulassen. „Es war mehr Zufall, dass sie in uns hineingerannt ist. Ryan wusste ein bisschen mehr über sie, aber er wird mich vermutlich sowieso schon einen Kopf kleiner machen, wenn er erfährt, dass ihr jetzt auch wisst, dass er von einer Diebin bestohlen wurde. Wir hatten eigentlich vor, sie in eine ungestörtere Gasse zu bringen. Euch sind die ganzen Wachen auf dem Fest ja sicher auch aufgefallen? Dabei ist sie uns leider entwischt. Ryan ist ihr zwar gefolgt, aber ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, ob er sie in die Finger bekommen hat.“
Eine Fee! Trevor prustete los und verschluckte sich fast an dem Grünzeug, dass er probehalber in den Mund gesteckt hatte. Eine volle Minute rang er nach Atem und dann noch ein bisschen länger, weil er erzählen wollte, wie Lissa in einem Glitzerkleidchen aussehen würde. Schließlich hatte er sich immerhin so weit gefangen, dass er gleichzeitig atmen und grinsen konnte. „Na das erzählen sie ihr doch!“, erklärte er auf Liams Frage, als wäre nichts weiter dabei. Das Lachen behielt er einfach noch ein bisschen länger im Gesicht, weil sich damit das unangenehme Gefühl in seinem Magen so wunderbar ignorieren lies. Hexerei, Feenmagie, was auch immer – bei jeder anderen Angelegenheit wäre er restlos hin und weg gewesen. Aber bei Arannes Brief? Wäre Lissa doch nur eine stinknormale Botin, die eine Nachricht ohne Umwege vom Sender zum Empfänger brachte! Aber nein. „Nein, das wäre langweilig“, sagte er leise zu sich selbst und hörte auf, an dem Verband an seiner rechten Hand herumzuzupfen. Stattdessen sah er auf, mied bewusst den Blick seines Bruders und grinste Liam an, der inzwischen begonnen hatte, seine eigene Geschichte zu erzählen. Viel besser! „Hmmm“, machte er und tat einen Moment so, als würde er sehr ernsthaft nachdenken, nur um gleich darauf fröhlich mit den Schultern zu zucken. „Nein; nein, ich glaube nicht, dass ich versprechen kann, dass ich nix weitererzähle. Aber keine Sorge!“ Gekonnt beugte er sich gerade so weit vor, dass er Liam zuversichtlich die Schulter tätscheln konnte und dabei nur den Anschein erweckte, gleich von der Anrichte zu purzeln. „Ich pass auf dich auf!
Was hat sie ihm denn gestohlen, weißt du das? – Oh!“
Er schlug die Hände begeistert vor dem Gesicht zusammen. „Er hat – hatte! – ein Goldauge unter der Augenklappe, stimmt‘s, ja?! Ich wusste es!“ Seine Augen wurden noch größer. „Ist es ein magisches Goldauge?! Oder ein verhextes? Oder ist das dasselbe? Du hast noch nicht gesagt, woher du wusstest, dass sie eine Hexe ist!“
„Selbst wo sie ihr sagen, zu wem sie gehören, scheinen sie nicht zu wissen, wo sie hinmüssen. Wir mussten Lissa ja auch erst finden, um etwas für uns Bestimmtes zu erhalten.“ Ihm war leicht unwohl, als er zu Trevor sah, denn auch der wirkte befangen und so wählte er seine Worte mit Bedacht, wollte ihm die Bühne lassen, um von diesem Glücksfall zu berichten. So er denn wollte. „Oder würdest du sagen, sie hat uns gefunden? Immerhin kam sie dir überraschend zu Hilfe.“ Dann musste er lachen und tat das auch leise und vorsichtig. „Unser großer Dieb lässt sich bestehlen und verliert die Diebin? Hexe?, die das getan hat, gleich zweimal aus den Augen. Man könnte fast meinen, sie hätte ihm den Kopf verdreht. Und das wäre wahre Hexerei.“ Gespannt wartete er darauf, was Liam zu der Goldauge-Theorie und zur Hexen-Frage zu sagen hatte, während er zwei weitere Stängel Kräuter aus dem Vorrat nahm, um die von Trevor stibitzten auszugleichen. Ginge es nach ihm, könnten sie noch stundenlang so beisammensitzen. Er wäre restlos glücklich, wäre da nicht der Nachhall ihrer Auseinandersetzung am Strand. Er konnte nur hoffen, dass die Zeit auch diese Wunde heilte ...
Vielleicht hätte er es weniger hinterfragt, wäre er dabei gewesen. Liam war dem Gedanken an Magie und Zauberei nicht abgeneigt, doch er war kein naives Kind mehr, dem man alles verkaufen konnte. Er hinterfragte. Solange, bis die Wahrscheinlichkeit von Magie immer größer wurde. Diese Lissa klang tatsächlich magisch. Aber vielleicht hatte sie ihre Informationen von irgendwem erhalten und sich so sehr an Trevors Faszination erfreut, dass sie ihm seinen kindlichen Glauben gelassen hatte. Und vielleicht tat Gregory es ihr gleich, um das Kind zu bewahren, von dem sich der jüngere Scovell nicht lossagen wollte. Liam lächelte und hinterfragte nicht weiter. Stattdessen wog er nachdenklich den Kopf, um Trevor zu bedeuten, dass er ihn allmählich überzeugte. Das Geständnis des Jüngeren nahm er mit einem gut gelaunten Lächeln hin – er hatte nichts anderes erwartet. Und vermutlich hätte Ryan den grimmigsten Blick aufgesetzt, den er hatte, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen. „Dann verlasse ich mich auf dich.“, entgegnete er auf das heldenhafte Angebot und war gespannt, wie der Chaot das umsetzen wollte. Viel Zeit blieb ihm für die Antwort nicht, denn da hatte Trevor seine Gedanken bereits wieder kreisen lassen und ließ ihm keine Pause, um etwas zu antworten. Als Gregory sich einklingte, hob Liam bedeutend einen Finger. „DAS ist genau das, was mich stutzig macht. Schreit doch nahezu nach irgendeinem Zaubertrank.“ Ein Liebestrank war jetzt vielleicht zu viel des Guten, aber wer wusste schon, welcher Dinge sich Hexen und Zauberer bedienen konnten. „Allerdings stelle ich es mir ziemlich schwer vor, unserem schweigsamen Einsiedler irgendwas ins Glas zu mischen oder sowas. Was sie ihm gestohlen hat, kann ich dir übrigens nicht sagen. Und fragen wird auch schwierig. Also vielleicht ja doch sein Herz? Schien jedenfalls wertvoll genug, um auf Milui zu bleiben.“, schmunzelte er und warf die nächste Kartoffel in den Eimer. „Meinst du, er hat nur so getan, als würde er mit dem Auge nichts sehen und eigentlich sah er viel mehr, als wir uns vorstellen können, weil’s verhext war? Durch Stoff und Schubladen und… Wände?“ Tatsächlich ließ er einfach frei seine Gedanken kreisen, erweiterte den kleinen Spaß um Ryan noch ein bisschen und hatte längst wieder ausgeblendet, wie sehr Trevor auf eben solche Dinge ansprang. Aber zugegeben: Die Idee eines magischen Auges, mit dem man verborgene Dinge sehen konnte, war fast schon was für einen guten Roman.
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#2
„Sein Herz! Oder seinen Kopf?!“ Trevor schlug erst die Hände über dem einen und dann über dem anderen zusammen. „Oder beides! Dann hat er jetzt ein Loch mitten in seiner Brust – aber es ist bestimmt nicht so groß, das passt schon – und läuft kopflos rum.“ Mit großen Augen ging er rasch die kopf- und herzlosen Menschen durch, die ihm in seinem Leben bisher über den Weg gelaufen waren. Oh, die meisten davon waren nicht gelaufen – nicht mehr. „Dann ist er jetzt ein Untoter, oder?! Sie brauchte einen neuen, weil ich ihren letzten ausgeknockt habe, ganz bestimmt!“ Eigentlich war er sich sehr wohl bewusst, worauf die anderen beiden anspielten, aber Untote und Ehemänner waren ja eh fast dasselbe. „Genau, das meine ich!“ Er nickte eifrig zu Liams Theorie. „Vielleicht wollte die Hexe auch unterirdische Schätze suchen gehen so wie ihr?! Aber sie wollte sich keins von ihren eigenen Augen ausstechen, also hat sie gleich den ganzen Ryan mitgenommen! Ich hätte da ja kein Problem mit.“ Er angelte sich eine besonders große, unförmige Kartoffel aus Liams Eimer und hielt sie sich zu Demonstrationszwecken vor das rechte Auge. „Steht mir sogar, oder?“ Er lachte und testete, wie schief er den Kopf halten musste, damit er die Kartoffel über seinem zugekniffenen Auge balancieren konnte. Ganz schön schief. „Hey, vielleicht würde ich dann meinen einen Stiefel wiederfinden. Ich hab sogar eine Augenklappe! Stimmt‘s, Greg? … Irgendwo.“ Er runzelte kurz die Stirn, was die Kartoffel aus dem Gleichgewicht brachte. Er fing sie geschickt auf und zuckte er mit den Schultern. Die würde sich schon wieder anfinden – Augenklappen, Schuhe, Menschen, alles fand sich früher oder später wieder an. Hoffentlich.
„Wer weiß schon was diese Frau kann? Auf jeden Fall müssen wir warten, bis wir einen der Beiden treffen oder wiedertreffen. Wäre aber schon interessant, was sie dann erzählen.“ Entspannt lauschte Greg dem weiteren Gespräch der Beiden. Trevor war mit vollem Einsatz dabei, die Stimmung nicht gekippt. Alles war gut. ‚Zumindest an der Oberfläche ...‘ Grimmig verbannte er diesen Einwand aus seinen Gedanken. Es war alles gut oder würde es bald wieder sein. Punkt. „Die liegt in deiner Seekiste“, antwortete er dann seinem Bruder, „da wo sie hingehört. Im Gegensatz zu deinem Stiefel, da habe ich keine Ahnung. Wie wäre es, wenn du die Augenklappe aufzieht und dann deinen Schuh suchst? Vielleicht ist die ja auch magisch und du findest ihn wieder?“ Langsam schob er die Kräuter zusammen und in eine kleine Schüssel. Ihm war nur recht, dass das Gespräch anfing in eine andere Richtung zu driften. Er würde es Liam überlassen wohin. Das Thema wäre ihm gleich, wichtig war lediglich, das es Trevor gefiele.
Liam lachte bei dem Gedanken an einen Ryan, dem man das Herz gestohlen hatte, selbst wenn sich seine Vorstellung offenbar nicht mit der Trevors überschnitt. In diesem Fall war der Gedankengang des Musikers weitaus romantischer und weniger blutig als der des Jüngeren, der sich offenbar einfach nicht von den Untoten loseisen konnte. Zugegeben: Die Geschichte wäre weitaus spannender mit herz- und kopflosen Zombies, aber tatsächlich wünschte er Ryan dieses üble Schicksal nicht. In einem Roman hätte er definitiv Trevors Vorschlag bevorzugt – im realen Leben aber gönnte er dem Einäugigen lieber sein Glück, als ihm Unheil zu wünschen. Liam verkniff sich den Kommentar, dass Ryan sich damals ja immerhin auch kopflos an Deck der Sphinx begeben hatte und diese Naivität mit einiger Zeit in der provisorischen Zelle hatte bezahlen müssen. Dazu war der Fluss von Trevors Gedanken ohnehin viel zu einnehmend und – wenn man es genau nahm – eigentlich sogar recht schlüssig. Eine Hexe, die die Untoten zum Agieren brachte? Wenn man an die ganzen Geschichten über beispielsweise Draugr nachdachte, vielleicht ja doch gar nicht so unmöglich? Trevor brachte ihn mit seiner Darbietung wieder von seinem Gedanken ab. Er folgte seinem Griff nach der Kartoffel, während er eine weitere geschälte Knolle in den Eimer fallen ließ. „Kartoffelauge – findet Euch garantiert jeden Bodenschatz.“, gluckste er mit gesenktem Kopf und spähte von unten zu Trevor auf. Gregory stieg nun auch wieder ein und ließ Liam für einen Moment schweigend, aber schmunzelnd seiner Arbeit nachgehen. „Hast du mal im Lager im Stroh gesucht? Ich kenne einen kleinen, pelzigen Drachen, der dort gerne seine Schätze versteckt.“ Mit einer gehobenen Augenbraue dachte der Lockenkopf an die Ginsterkatze, die ihre Zeit nicht selten damit verbrachte, unbeaufsichtigte Dinge von A nach B zu schleppen.
„Nein, ist sie nicht“, widersprach Trevor unbekümmert, warf die Kartoffel in die Höhe und fing sie geschickt wieder auf, ehe Liam sie auf den Kopf bekam. „Gestern war sie in meiner Seekiste. Dann hab ich versucht, sie Cesarea aufzusetzen, aber sie war ihr viel zu groß, und dann hab ich in deiner Seekiste nach einer Schere gesucht und daaaann …“ Er fing die Kartoffel erneut, hielt inne und tippte sich betont nachdenklich damit gegen die Lippen. Hey, waren das rohe Kartoffeln oder rohe Bohnen gewesen waren, die Greg für giftig hielt? Hm. Ach, bestimmt wurde beides total gesund, wenn er nur genug von Rayons Grünzeug oben drauf häufte. Er gluckste und warf die Kartoffel erneut in die Höhe. „Ein pelziger Drache?!“ Es schepperte laut – die vergessene Kartoffel war mitten auf Gregs Schneidebrett gelandet. „Ups“, grinste Trevor ohne den geringsten Anflug von Reue und schnappte sich sein Spielzeug, bevor Greg auf die Idee kommen konnte, es zu beschlagnahmen. Er sprang schwungvoll von der Anrichte und war schon halb durch den Raum, bevor ihm auffiel, dass man den Satz auch anders betonen konnte. „Ein pelziger Drache?!“ Er fuhr herum und sah erst Liam, dann Greg und dann wieder Liam mit großen Augen an. „Du meinst Sineca? Kann sie Feuer speien?!“ Sein Blick wandelte sich von Erstaunen in pure Entzückung.
Greg schwankte zwischen Lachen und Seufzen und entschied sich für ersteres. Jetzt wusste er also, warum da mal wieder Chaos geherrscht hatte. „Na dann“, grinste er und brachte das Geschnittene in Sicherheit, ehe die Kartoffel es erwischen konnte. Da hatte Liam mal wieder was angerichtet. Aber hey! Er würde sich nicht beschweren. Immerhin würde das Trevor und die Ginsterkatze beschäftigen: Den Eine mit suchen und die Andere mit neue Verstecke finden. Heiter meinte er also: „Na geh schon! Lass nur die Kartoffel hier, damit du sie nachher essen kannst.“
Obwohl er mit einer derartigen Reaktion Trevors gerechnet hatte, zuckte er doch instinktiv zusammen, als die plötzliche Aufregung des jüngeren Scovell von lautem Scheppern begleitet wurde. Liam schmunzelte unscheinbar und freute sich innerlich darüber, das Leben des jungen Abenteurers zumindest für den Augenblick wieder etwas spannender gestaltet zu haben. Und wie erwartet kam er erst einige Herzschläge später auf die Idee, dass Liam nicht nur Drache erwähnt hatte, sondern auch das kleine, aber feine Wort pelzig. Der Lockenkopf sah auf, als er den Blick aus großen Augen auf sich spürte und zuckte vielsagend mit der Schulter, während er eine weitere Kartoffel schälte. „Ich hab’s noch nie beobachtet, aber das muss ja nicht heißen, dass sie’s nicht kann, oder?“, mutmaßte er und lächelte Trevor entgegen. „Wenn du’s beobachtest, gib mir Bescheid.“ Er bezweifelte, dass Trevor nun noch viel hier halten würde. Nicht nur, weil er die Aussicht darauf hatte, seinen verlorenen Stiefel oder die Augenklappe wiederzufinden.


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