04.10.2024, 20:47
Gefühlte fünf Sekunden war Jón mit dem anderen Mann schweigend an Deck herum gehangen, ehe er schon das Bedürfnis hatte, etwas zu sagen.
Er war dem Kerl öfter schon über den Weg gelaufen. Zairym al-Said. War ja nun auch nicht schwer auf einem solch begrenzten Raum wie einem Schiff. Doch bisher hatten sie noch kein Wort gewechselt, außer vielleicht ein "Guten Morgen", oder so. Und das einzige was Jón über den anderen wusste, war, dass er desöfteren über der Reling hing.
Im orangenen Licht der untergehenden Sonne konnte Jón es nicht gut sehen, aber er glaubte zu erkennen, dass der arme Kerl noch immer etwas grün im Gesicht war.
"Wie geht's mit dem Seegang?", fragte Jón. Ernsthaft. Nicht um ihn zu verspotten.
Den Blick gelangweilt in die Ferne gerichtet, wartete er darauf, dass etwas passierte. Wenn er etwas festgestellt hatte, dann, dass eine Wachschicht an Board der Sphinx sehr langweilig werden konnte. Es passierte herzlich wenig, wofür er auf offener See wirklich dankbar war. Aber so Nahe an Land? Nur unter größter Anstrengung unterdrückte Rym ein Gähnen und schielte stattdessen zu dem Kerl, der mit ihm Wache schob. Er hatte keine Ahnung, wie der andere hieß. Er konnte ihm nicht einmal so schöne Namen geben, wie dem Kätzchen oder den Löckenköpfen. Allerdings glaubte er gehört zu haben, dass er irgendwie mit dem kleinen schüchternen verwandt war. So konnte er immerhin in seinem Kopf eine Verbindung für Herrn Undefinierbar herstellen.
Sein Blick wollte wieder in eine Richtung abschweifen, als er die Stimme des anderen Mannes hörte. Ryms Augenbraue zuckte überrascht und teils belustigt in die Höhe, während er noch einmal den anderen musterte.
Nah. So lange wir nicht wieder halsbrecherische Geschwindigkeiten aufnehmen oder die See sich für höhere und stärke Wellen entscheidet, komm ich schon klar. Ich fühl mich einfach auf so einer ‚Nussschale‘ nicht wohl, aber verrat’s dem Commodore nicht.“ Er lehnte sich gelassen an die Reling und sah in Richtung der untergehenden Sonne. „Macht dir das ganze Geschaukel nichts aus?“
Jón zuckte die Schultern. "Bin schon eine Weile unterwegs und bislang noch nicht", sagte er. "Aber vielleicht liegt's daran, dass ich auf Pferden aufgewachsen bin." Es war halb im Scherz -- ihm war bewusst, dass Reiten ein ganz anderes Gefühl war als Schifffahren. "Und du bist andere Kaliber gewöhnt als die Nussschale, oder wie darf man das verstehen?"
Er sah den Mann an, als hätte er seinen Verstand verloren, während er einen Moment überlegen musste, ob er je auf einem Pferd gesessen hätte. Nein, davor hatte er sich erfolgreich gedrückt. Die Vorstellung, dass diese genau so schaukelten wie ein Schiff, gefiel ihm überhaupt nicht. Deshalb schob er diesen Gedanken weit von sich, in eine dunkle, dunkle Ecke und konzentrierte sich lieber auf die andere Frage, wobei er allerdings nur ein Schnauben von sich gab, bevor er antwortete. „Jedes dieser fahrenden Bretter ist eine Nussschale für mich. Ob groß, ob klein, sie sind alle fürchterlich. Aber wie willst du dich in einer Welt bewegen, wenn du nur Wasser zur Verfügung hast? Bei all dem Viehzeug da unten, werde ich sicher nicht von Insel zu Insel schwimmen. Und außerdem würde dann auch nur meine Hübsche nass werden. Nein danke.“ Kurz glitt sein Blick über das Schiff, bevor ein Gedanke aus einer dunklen, dunklen Ecke wieder auftauchte und sich mit einer Geschichte vermischte, die er als Kind gehört hatte. Die Erinnerung ließ einen kurzen wehmütigen Ausdruck über seine Züge gleiten, bevor er den anderen wieder ansah. „Wenn du sagst, Pferde wären wie Schiffe, hast du schon ein mal ein - wie nannte sie es? - ein Kamel gesehen? Es soll sich schlimmer, als der schlimmste Wellengang anfühlen, auf ihnen zu reiten.“