22.06.2018, 21:09
Vielleicht war seine Offenheit in dieser Situation kopflos, doch so war er nun mal – egal, ob ihm nun eine Talin gegenüber stand, von der er nicht mehr zu befürchten hatte, als dass sie ihm an Herz legte, die Crew am nächsten Hafen vielleicht zu verlassen (so jedenfalls hatte er sie bisher kennengelernt) oder einen harschen Seemann, dem in seinem Suff gerne auch mal die Hand ausrutschte. Er war immer so. Gerne hätte er behauptet, er wäre zu charakterstark und selbstbewusst, um sich zu verstellen, aber im Grunde war es reine Unüberlegtheit. Er befürchtete meist nichts, weil er nicht so weit dachte. Aber bisher war er so gut über die Runden gekommen und würde es auch in Zukunft so handhaben. Nicht, weil er sich wissentlich dazu entschied, sondern mehr, weil er einfach nichts daran ändern konnte. Der Ernst auf Talins Zügen war ein wenig geschwunden und auch auf Liams Lippen fand sich wieder an amüsiertes Lächeln ein, als die junge Frau antwortete.
„Von der Lautstärke her auf jeden Fall.“, gab er zurück.
Als sie fortfuhr, runzelte er kurz die Stirn, folgte ihrem Blick dabei aber aufs Meer. Abermals fiel ihm auf, dass er hier ganz sicher nicht in einer normalen Gruppe aus Piraten gelandet war. Denen zufolge jedenfalls, die er bisher einschätzen konnte. Die nächsten Tage würden aber ohnehin zeigen, wohin es mit dieser noch recht kleinen, frischen Gruppe gehen würde. Liam war gespannt, aber nicht darauf angewiesen.
„Du bist schon gut so, wie du bist.“, antwortete er schließlich mit einem hörbaren Lächeln, statt die Unterschiede zu normalen Piraten hervorzuheben und sah sie kurz an, ehe sich sein Blick abermals in den Wogen des Wassers verlor. So lange jedenfalls, bis ihn ihre Berührung wieder zurück ins Jetzt holte.
Ein wenig irritiert erwiderte er ihren Blick, lächelte dann aber wieder und zuckte etwas hilflos mit den Schultern.
„So bin ich einfach. Manchmal wär’s vielleicht gar nicht so verkehrt, den Mund zu halten, aber… Darin bin ich einfach nicht gut. Vielleicht sollte ich dir also eher danken, dass du mir nicht wie ein blutdurstiger Seeräuber die Zunge rausschneidest.“
Ein Zwinkern folgte, doch man sah seinem Gesicht an, dass er ihren Dank vernommen hatte. Schließlich seufzte er ein wenig erledigt, aber zufrieden mit seiner Situation.
„Und wo soll’s jetzt hingehen, wo du deinen Bruder wieder hast? Hast du einen Plan danach oder geht’s jetzt in erster Linie darum, mit ihm von der Bildfläche zu verschwinden?“
Interesse, ja, aber nicht an seiner Situation, sondern Interesse an ihrer Situation. Jetzt, wo sie ihr Ziel erreicht hatte, war es an der Zeit nach vorne zu sehen – die Frage war nur, ob sie einen nächsten Schritt geplant hatte, oder ob es von vornherein ein weiteres Stampfen werden sollte.