13.10.2017, 00:56
Das laute Knistern durchströmte die Nacht und wenn man nur ganz fest die Augen schloss, konnte man sich ein kleines Lagerfeuer irgendwo am Waldesrand ausmalen. Mit einem halben Wildschwein über der zischelnden Flamme, die Nahrung und Schutz gegen die Dunkelheit spendete. Beinahe war Skadi versucht in eine ferne Welt zurück zu driften und hatte mit jeder voranschreitenden Minute Schwierigkeiten die Konzentration auf den Offizier zu richten, dessen Entsetzen einer faszinierenden Entschlossenheit wich. Nur wenig zogen sich die dichten Augenbrauen bei diesem Anblick zusammen, folgten den halb im Schatten liegenden Zügen des Dunkelhaarigen, ehe sie aus ihrem Blickfeld verschwanden. Irgendetwas brannte jäh auf ihrer Haut - ein Trugbild? Zumindest konnte sie behaupten, dass die Taubheit allmählich von ihren Zehen in ihrem Oberschenkel angekommen war, sich sogar allmählich von den Händen hinauf schlängelte und ebendort durch das sich nähernde Brennholz wie Nadelstiche in ihre Glieder bohrte. Fest biss die Nordskov die Zähne aufeinander, wagte es kaum ihren Kopf zur Seite zu drehen, um dem Offizier mit Blicken zu folgen und behielt seine schemenhafte Gestalt nur verschwommen im Augenwinkel. Tief in ihrem Herzen behagte es ihr ganz und gar nicht auf die Verbindung vertrauen zu müssen, die zwischen ihnen bestand. Darauf zu hoffen, dass er einen Weg zurück ins Trockene für sie fand und dafür Sorge trug, dass diese Nacht nicht ihre Letzte bleiben würde. In den letzten Jahren hatte sie nur auf sich selbst vertraut –aus guten Gründen niemanden an sich heran gelassen. Und nun fand sie sich auf einem vor sich hintreibenden Holzbrett wieder, umringt von Schutt und verschmorten Leichen und konnte kaum ihre Beine oder Arme bewegen. Fast schon enttäuscht drängte sich ein jähes Schnauben aus ihrer Kehle und drückte die Mundwinkel tief ins helle Fleisch ihrer Wangen. Bei allen Göttern, sie würde im Morast der Schuld versinken, wenn all das hier ein gutes Ende nahm. Diese Widergutmachung konnte sie ihm gegenüber gar nicht leisten – womit auch? Gefälligkeiten? Der Position als lebendes Schild? Skadi wusste doch nicht einmal ob ihre Wege sich nicht nach diesen und kommenden Ereignissen trennen würden. Zumindest im Leben Enriques gab es Menschen, zu denen er zurück wollte. Menschen, die ihm etwas bedeuteten und für die er all das auf sich genommen hatte. Doch davon war nichts mehr übrig geblieben – nur Trümmer und Asche, die allmählich gen Meeresgrund sickerte.
Warm drang der Atem des Dunkelhaarigen gegen ihre Schläfe, als er sich wispernd zu ihr hinab beugte. Zog die Aufmerksamkeit der dunklen Augenpaare auf sich, die jede seiner Züge durch den dichten Wimpernkranz zu fokussieren versuchten. Er hatte einen Plan? Kurz war die Jägerin versucht einem Abwehrreflex zu folgen, als sich die Klinge auf ihrer Jacke abzeichnete und deutlich spürbar über den Stoff ihrer Jacke huschte. Was zur Hölle hatte er damit nur vor? Aus ihrer Position heraus konnte sie die Sphinx am Rande des Chaos nicht sehen, konnte nur anhand der immer wieder in eine Richtung driftenden Blicke Enriques vermuten, dass ihm eine Ungereimt aufgefallen sein musste. Doch dann, als das helle Leuchten des brennenden Schiffteils in ihr Sichtfeld glitt, fiel es ihr wie Schuppen von den Augen.
“Du bist ein Genie.“, raunte sie sichtlich erstaunt und konnte ihren Blick kaum mehr von der schimmernden Klinge lösen, die unablässig auf und ab wankte. Geführt von schlanken Fingern, die in ihrer Erinnerung meist Schreibfedern oder Wettscheine zwischen sich trugen.
“Ich habe noch einen Dolch im Stiefel.“, fügte sie hinzu, dabei versucht den Rumpf zur Seite zu drehen und mit den Fingerspitzen nach dem Bund ihrer Schuhe zu fischen. Doch der stechende Schmerz ließ sie abrupt zurück weichen und die Augenlider fest aufeinander pressen. Schwarze Punkte schoben sich vor ihre Augen, trübten ihre Sinne und hinterließen ein heftiges Wummern unter ihrer Schädeldecke. Wieder kehrte die Übelkeit zurück, die sie bereits zuvor gefährlich nah an ihrem Kehlkopf gespürt hatte. War sie mit dem Kopf irgendwo aufgeschlagen und wusste es nicht mehr? Hatte die Explosion sie schlimmer getroffen, als bereits vermutet? Oder waren das die Nachwehen der Kopfnuss, die sie sich von einem der Piraten eingefangen hatte? Instinktiv wandte Skadi ihren Kopf von Enrique ab, die Lippen fest aufeinander gedrückt und kontrolliert atmend. Hoffentlich würde diese Tortur genauso schnell enden, wie sie begonnen hatte.
“Siehst du was?“
[im Wasser auf einem Wrackteil liegend | unmittelbar bei Enrique | in Sichtweite von Liam und bald auch Lucien |
| kurz vor der Ohnmacht ]