01.07.2017, 17:14
Shanaya warf einen kurzen Blick über die Schulter, erst skeptisch zu Aspen – der wie immer unbegeistert aussah – und dann zu der Treppe. Liam schien zumindest schon einmal unten zu bleiben, er warf das Fass also nicht einfach zur Seite und folgte ihnen unverrichteter Dinge. Es blieb also spannend, ob sie mit einem Knall verschwanden oder ob sie auf normalem Weg flüchten konnten. Irgendwie wäre es auch interessant gewesen, zu sehen, wie Talin reagierte, wenn Liam kein großes Bum verursachte... aber letztendlich war es ihr egal, so lange sie endlich von diesem Kahn runter kamen. Sie hatte alle hier ja wahnsinnig ins Herz geschlossen – aber man sollte ja aufhören, wenn es am schönsten war.
Also drehte Shanaya den Kopf wieder nach vorn, als Talin mit ihr gleichauf war. Die Worte der Blonden ließen Shanaya dann aber leicht eine Augenbraue anheben. Ah, sie bekam jetzt also eine Lehrstunde in Sachen Männer von ihrem Captain? Und über ihren Bruder... 'Wieso mein Bruder mit nur einem Kopf zur Welt kam'... Shanaya seufzte bei diesem Gedanken ergeben, eine Frage, die Talin vermutlich nicht beantworten konnte. So ein Mysterium wie die Frage, wieso ihr eigener Bruder ohne Hirn geboren wurde. Fragen, die die Menschheit beschäftigten. Sie sagte dazu jedoch vorerst Nichts – sie würde schon sehen, was Talin da zu berichten hatte. Vielleicht hatte sie ja auch irgendwelchen dunklen Geheimnisse parat, mit denen sie Lucien irgendwie erpressen konnte? Der arme Tropf, er wusste ja gar nicht, was da auf ihn zukam...
Die Bewegungen vor ihnen lenkten Shanayas Aufmerksamkeit dann aber genügend um, sodass sie diesen Gedanken erst einmal vergessen konnte. Skeptisch zog sie die Augenbrauen etwas zusammen, wog den Kopf zur Seite. Sie war sich ganz sicher, dass keiner der Gefangenen an den Schlüssel gekommen war. Sie hatte ihn Lucien gegeben, dieser hatte ihn an den Mann Nummer 1 mit Bart gegeben – der sich einen kuren Ringkampf mit dem guten Samariter geleistet hatte. Aber die anderen, in den anderen Zellen...? Da achtete man penibel darauf, dass dieses Pack den Schlüssel nicht bekam – und nun mussten sie sich damit rum schlagen. Talin packte nach ihrem Arm, woraufhin Shanaya leicht blinzelte und die andere Frau kurz musterte. Vermutlich war ihnen beiden danach, schnell zu verschwinden. Aber... Es gab wahrscheinlich schlimmeres, und bevor sie dazu kam, hatte Talin den Männern schon eine Antwort entgegen gerufen. Wunderbar. Die zwei Kerle aus Luciens Zelle waren ihr schon zu viel – aber jetzt noch mit anderen Gefangenen herum schlagen? Erschießen konnte sie sie ja nicht – man hatte ihr immerhin rücklings die Pistole entwendet! Da konnte sie dieses Mal nur auf die Marine hoffen, dass sie sich vielleicht in großer Zahl opferten, um ihnen die Verbrecher vom Hals zu halten. Oder sollten sie Aspen opfern? Und den Dieb! Sie hatten genügend Auswahl...
„Ihr dürft so viele Soldaten mitnehmen, wie ihr möchtet.“
Die blauen Augen legten sich kurz auf den Mann, der sie angesprochen hatte. Sie hoffte darauf, dass sie daraus einen Wettbewerb veranstalteten. Wer konnte in einer Minute die meisten Soldaten erledigen. Leider würden die Schiedsrichter dann schon in Sicherheit sein und nicht mit dem Schiff hochgehen. Aber das mussten sie ja nicht wissen. Auf Talins kleine Aufforderung, den Druck an ihrem Arm, nickte die Schwarzhaarige, folgte der anderen Frau mit schnellen Schritten. Bei der Treppe angekommen hielt Shanaya einen Moment inne, betrachtete den toten Mann, überlegte kurz, bis ihr Blick im spärlichen Licht auf die Pistole fiel, die am Boden lag. Hatte der etwa... vermutlich ja, auch wenn er wieder eine Pistole in der Hand hielt und sie beim besten Willen nicht hätte sagen können, welche 'ihre' gewesen war. Aber das erklärte den Schuss, der vorhin über das Deck gehalt war. Das Lächeln zog sich wieder auf ihre Lippen, mit dem sie kurz Talin musterte, die die anderen zur Eile antrieb, dann auf den Samariter – sein kurzer Höhenflug war wohl beendet? - und dann auf Lucien. Das würde sie sich merken! Ihr die Pistole klauen und dann einfach wegwerfen! Er war schon mal kein Gentleman, eindeutig. Ein weiterer Blick zu Talin, die kurze Frage, wo der grummelige Soldat und sein kleinerer Kumpane waren, ehe sie sich die Treppe nach oben bewegte. Solange sie Liam nicht hörten oder sahen, war es vermutlich noch sicher – aber sie wollte gern bereit sein, wenn der Dunkelhaarige auftauchte.
[Treppe zum Kanonendeck | Lucien, Talin, Yaris (Aspen & Sineca)]