24.06.2017, 20:34
"LOS! SCHNELLER!", forderte der Leutnant die Männer auf, während er hinter sich Schritte und Flüstern registrierte. Was gesprochen wurde verstand er nicht. Der verpeilte Lockenkopf bewegte sich dort zwischen den nicht sachgemäß verstauten Kisten, dann Richtung Niedergang und schließlich die Treppe hinunter.
Was Enrique mehr vermutete als wusste und dem er sich dennoch sicher war, war, dass sich dort auch Kaladar befand.
Er verschwendete keinen weiteren Gedanken an den Schauspieler oder den Sergeanten. Der eine mochte den Anweisungen dieser Talin folgen oder sonst etwas tun wollen, unten stellte er keine Bedrohung für den Offizier dar, dem anderen vertraute er blind.
Stattdessen konzentrierte er sich darauf die Situation weiter in die Gewünschte Richtung zu lenken und seine Gedanken rasten voraus um mögliche Schwierigkeiten schon mit Lösungen zu versehen, ehe sie überhaupt auftraten.
Aus dem Augenwinkel bekam er mit, dass Yaris Scheitel auftauchte und dann ein, zwei mal kurz verschwand ehe er wieder an der Position war, in der ihn Enrique gerade so noch erspähen konnte. Warum auch immer. Bis jetzt hielt er durch und war wenigstens nicht nach unten gegangen.
Was genau wollten die anderen bloß im Frachtraum? Ihm war als habe er etwas Entscheidendes vergessen.
BLAM!
Der laute Knall eines Schusses dröhnte durch den Rumpf und übertönte hier auf dem Kanonendeck den Lärm der Gefangenen und der Mannschaft.
¿Qué cojones..?
Sofort schoss ihm ein neuer Plan nach dem anderen durch den Kopf, unausgegoren, oft bruchstückhaft, so schnell verworfen, wie aufgekommen oder für später beiseite geschoben und neu verwoben bis er sich für einen Fall entschieden würde oder müsste.
Grimmig späte er über das Deck, was, da es noch nicht aufgeklart war, gar nicht so einfach war. Er war nicht der einzige Offizier hier unten, und diese mal kam ihm Leutnant Ravenport zuvor:
„An Deck habe ich gesagt!“
Sein Befehl verstärkte, genau wie das geschnautzte "Oder soll ich euch Beine machen?!" Mac Murphys, Enriques. Dann sah der andere Offizier den Bootsmann missbilligend an, sagte aber nichts, sondern hielt Ausschau.
Der Dunkelhäutige musste bei diesem Anblick kurz grinsen, gaben die Beiden doch ein ungleiches Paar ab.
Der 3. Leutnant sah aus, als hätte er alle Zeit der Welt gehabt um sich anzuziehen und wäre nicht gerade erst aus der Hängematte geklettert.
Dagegen sah Bosun Mac Murphy aus, als ob er sich in so einer Situation eine Teufel um die Korrektheit seiner Uniform scherte, so lange er sie an hatte und seine Arbeit tat. Mac, wie ihn die Matrosen nannten, war also auch dieses Mal sein typisches Selbst, nicht aus der Ruhe zu bringen und zuverlässig wie immer.
"Gott ihr Vollidioten! Wie oft habe ich euch gesagt, dass ihr eure Pistolen sichern sollt. Ihr verdammten Hornochsen!", hörte er Kaladar plötzlich hinter sich.
"Bewegt eure volltrunkenen Ärsche endlich an Deck oder ich werde ungemütlich."
Mit einem kurzen Blick bekam er mit, dass der Sergeant sich so verhielt, als stünde dort unten immer noch Jones mit seinen Seesoldaten und nicht die Befreiten. Dann schnaubte er und wandte sich zu Enrique.
Mit einem aufgebrachten: "Dieses Pack ist so unfähig." trat Kaladar neben ihm. Der Dunkelhäutige nickte ihm kurz zu.
Derweil verschwand Ravenport, nachdem er alles notwendige in die Wege geleitet hatte, was er in solch einem Fall zu tun hatte - unter anderem jemanden auf die Unstimmigkeit anzusetzen - nach oben und überließ es dem Bosun dafür zu sorgen, dass auch alle anderen dort ankämen.
Gut, verhalte dich schön nach Vorschrift Ravenport, dich wäre ich nicht so leicht losgeworden.
Die Masse der Leute hatte sich gerade erneut in Bewegung gesetzt und angefangen sich nach oben zu orientieren, die Aufgänge zu füllen und auf das Deck zu ergießen, als eine dem Leutnant verhasste Stimme mehr als deutlich von oben zu hören war.
„WAS BEI DEN ACHT WELTEN IST HIER LOS??“
Harper.
Sein Blick richtete sich auf die Planken über ihm.
¡Joder!
Das war gar nicht gut, auch wenn die Besatzung auch ihm den Weg nach unten versperrte. So schnell hatte er mit dem Auftauchen des Kapitäns nicht gerechnet. Und auch den Fähnrich verfluchte er innerlich. Konnte der nicht mal ordentlich antworten?! Wenn Enrique ihn verstanden hätte, dann hätte der Leutnant wenigstens gewusst, was er zu erwarten hätte.
Er spürte wie ihm die Galle hochkam. Das Knäuel aus Wut, Hass und Verachtung dehnte sich aus, ließ ihn den Säbel schmerzhaft fest greifen und drängte sich scharf in seine Stimme.
Nein.
Für diesen Tyrann würde er sich nicht mehr verbiegen. Zorn legte sich auf seine Gesichtszüge und in seinen Augen lag ein Versprechen, finster und unheilverkündend.
"BEWEGT EUCH! IHR DA! DAS GILT AUCH FÜR EUCH! LOS, LOS, LOS!"
Nicht ahnend, dass er damit nicht der einzige war kam er zu dem Schluss, dass, sollte sich eine Gelegenheit ergeben den Kapitän der Morgenwind zu beseitigen, er sie ergreifen würde.
Während er sich auf die Ereignisse an Deck konzentriert hatte war Kaladar dem sich nähernden anderen Sergeanten entgegengetreten.
"Wieso stehen sie hier noch herum Sergeant? Haben sie Offizier de Guzmán nicht gehört? An Deck! Sonst werden die Saufbolde da unten nicht die Einzigen sein, denen eine Maßregelung blüht."
"Aber— Ich— Leutnant Ravenport—", versuchte Sergeant Dawson gegen Kaladars Anweisungen Einspruch zu erheben, wohl wissend, dass er, egal wie er sich entschied, zumindest einer Zurechtweisung nicht entgehen würde und wich einige Schritte sichtlich verunsichert zurück.
"Haron, Richards, bleiben sie hier!", befahl er, sich umdrehend und dem Sergeanten hinterher schauend, der sich an ihm vorbei schob und zwei seiner Männer packte, eben jenen mehr aus trotz, denn aus vernünftigen Gründen, hatte er den Befehl die Ursache des Schusses herauszufinden doch erst nach Enriques initialem Befehl erhalten und versuchte trotz allem weiter Richtung Niedergang zu spähen. Die beiden Gefreiten verhielten direkt am Fuße der Treppe, wagten es aber nicht, sich von Kaladar zu lösen.
Nach einem erneuten innerlichen Fluch trat der 2. Leutnant entschlossen vor. Angriff war auch hier die beste Verteidigung.
"WAS IST HIER LOS?!"
Der Soldat war sichtlich erleichtert, genau diesen Offizier anzutreffen und salutierte.
"Sir! Gut das sie hier sind, Sir, Leutnant Ravenport, wünscht zu—"
Ungläubig starrte er auf de Guzmáns mitgenommene Uniform und auch Enrique fiel erst jetzt auf, dass er sie seit dem Kampf mit Rawat nicht gerichtet hatte. Sein Gesicht verfinsterte sich weiter.
¡Mierda!
Das schloss einiges an Möglichkeiten aus. Auch wenn der Offizier diesem Mann keine Erklärung schuldig war würde er, soweit möglich, nicht ohne Netz und doppeltem Boden arbeiten. Dann konnte er eben nur einen Niedergang für die Ausbrecher frei halten. Seine freie Hand tat ganz von alleine das was möglich war um seine Kleidung herzurichten.
"Sergeant Dawson, beenden sie ihren Satz! Wir haben keine Zeit Maulaffen feil zu halten."
Erschrocken fuhr der Marinesoldat zusammen.
"Verzeihung Sir! Leutnant Ravenport wünscht zu erfahren, was es mit dem Schuss auf sich hat."
Enrique hätte Dawson so ziemlich Alles auftischen können aber die beste Lüge war eine, die der Wahrheit zum verwechseln ähnlich war, eine, die nicht er erfand, sondern der Andere sich selber eingab. Kurzerhand packte er den Sergeanten an der Schulter und zog ihn ran, wie als wolle er unbedingt, dass er ihn über den Lärm auch verstehe und sprach gerade so laut, dass auch Kaladar ihn hören konnte, so er noch auf Enrique achtete:
"Darum wird sich Sergeant Kaladar kümmern. Sie nehmen ihre Männer und sichern den vorderen Niedergang! Die Gefangenen versuchen auszubrechen aber behalten sie das vorerst für sich! Sie haben Erlaubnis im Notfall zu schießen. Das mir da keiner hoch kommt!", knurrte er und ließ ihn los.
Die Augen seines Gegenübers wurden groß, während er versuchte, das Gehörte zu verarbeiten.
"BEWEGUNG DAWSON!"
"Aye, Sir!", der Marinesoldat reagierte, wie der Drill es ihm eingab, salutierte erneut, rief "Los, mitkommen Männer!" und hastete durch das Chaos davon. Haron und Richards sahen sich verwirrt an und dann auf Kaladar, hatten sie den Befehl des Leutnants doch über den Lärm schlicht nicht verstanden.
Damit hatten sie wieder einen Moment Ruhe. Blieb nur zu hoffen, dass Dawson sich an den Befehl halten würde, nicht umdrehte, mitdachte und Verstärkung zu Enrique schickte oder auf irgendwelche Heldentaten wie hinuntergehe verfiel...
Jetzt musste er nur noch die Befreiten in seine Kajüte und vom Schiff bekommen ehe Irgendwer von oben herunter konnte.
Er zog sich etwas weiter als bis zum Fußende des oberen Niederganges zurück um den nach oben hastenden Männern die Sicht zu versperren, ehe er nach hinten rief:
"Deggeroy, Brown! Bringt die Gefangenen in mein Quartier!"
Hoffentlich verstand, wer auch immer derzeit alles auf der Treppe Stand das Zeichen und nutzte die Gelegenheit...
***
Darunter, in den Zellen, hielt ein glücklicher Narr kurzfristig den Schlüssel zu selbigen in der Hand, den Enrique gänzlich vergessen zu haben schien. Der kleine Fisch von Betrüger war zu versunken in diese plötzliche Freude und die daraus folgenden Möglichkeiten, als dass er den Schlüssel sofort benutzte oder dass er die kurze Handbewegung in der Zelle auf der anderen Seite des Ganges mitbekam. Und die Ausführung dieser Anweisung durch einen Gefangenen in seiner Nachbarzelle merkte er erst, als zwei Hände seinen Kragen packten und ihn gegen die Gitterstäbe zerrten.
"Her mit dem Schlüssel!", schnauzte der Andere, wartete eine Reaktion aber gar nicht erst ab, sondern packte das Gewünschte und wandt es ihm rücksichtslos aus den Fingern. Die Zeit drängte.
Danach war der Schlüssel in den Händen von Rawats Leuten und die hatte jener auch durch die Gitter unter Kontrolle.
Tarans Piraten wurden ruhig, was aber ob des von den anderen Insassen verursachten Lärms nicht weiter auffiel.
Da Enrique sie auf unterschiedliche Zellen verteilt hatte galt es als Erstes die eigenen Leute zu befreien. Und während unten die Fässer bewegt und oben die Besatzung an Deck getrieben wurde wurde zunächst Taran Rawat von seinem Kanonier befreit, und dann der Rest seiner Glücksritter, so sie sich auf der Morgenwind befanden.
Das Nächstwichtigste war, die eigenen Kampfkraft zu erhöhen. Also griffen sich jene, die zuerst ihrer Fesseln ledig waren, die Waffen der Toten und auch Shanayas Pistole fand auch ungeladen einen neuen Besitzer.
Rawats Männer waren trotz der langen Gefangenschaft recht fit, hatten sie doch keinerlei Probleme damit, anderen die spärlichen Rationen wegzunehmen und sich selbst einzuverleiben. Sie würden die Waffen also durchaus auch einsetzen können.
Und man mochte über ihren Kapitän sagen können, was man wollte, er wusste, was ihm zum Vorteil gereichen würde:
Seine Leute sammelten sich auf sein Geheiß um ihn und brachten jene mit, die bereit waren, sich ihm anzuschließen.
Sie stürmten nicht einzeln davon oder fingen an sich zu streiten (Einige erledigten noch eben schnell ein paar Rechnungen mit anderen Insassen, oder stoppten jene, die zu dumm waren, die Vorteile eines geordneten Vorgehens zu erkennen, aber da ging es nicht um interne Angelegenheiten) sondern zogen sich etwas zum vorderen Niedergang zurück.
Und er hieß sie warten.
Sollten diese Befreier ruhig erst mal machen, so konnte er so viele Männer um sich scharen, wie sie befreit bekämen, bis jene Eindringlinge anfingen sich zurückziehen. Sicher, er hatte ebenfalls noch mit dem Einen oder Anderen an Bord dieses Schiffes abzurechnen, vor allem mit diesen teufelsäugigen Dämon von Offizier, der es gewagt hatte ihn zu verletzen, aber was nützte das, wenn sie nicht vom Schiff oder es unter ihre Kontrolle bekämen?
Da kam ihm das auftauchen Shanayas sehr gelegen:
"Hey Matey! Wir wollen mit! Bringt uns zum nächsten sicheren Hafen und wir sind auf eurer Seite", rief er die junge Frau an.
Und Hilfe konnten die Schwarzhaarige und ihre Begleitung bestimmt gut gebrauchen.
{ Enrique auf dem Kanonendeck | sichert weiterhin den hinteren Niedergang bei Luciens ehemaliger Zelle und seiner Kajüte | erst neben Kaladar, dann wieder in der Nähe von Samuel, Yaris und Lucien |
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| Die Gefreiten Haron und Richards befinden sich noch in Skadis Griff |
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| Auf dem Gefangenendeck haben sich bereits etwa ein Dutzend Insassen befreit und um den Hühnen gesammelt und soweit es geht bewaffnet | Rawat wendet sich an Shanaya }
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| Die Gefreiten Haron und Richards befinden sich noch in Skadis Griff |
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| Auf dem Gefangenendeck haben sich bereits etwa ein Dutzend Insassen befreit und um den Hühnen gesammelt und soweit es geht bewaffnet | Rawat wendet sich an Shanaya }