25.04.2017, 19:11
Aus seinem Versuch, die übrigen noch ein wenig aufzuhetzen, hatte er sich ohnehin nicht viel versprochen. Aber Liam wäre nicht Liam gewesen, wenn er sich diesen Spaß in dieser angespannten und bedrohlichen Situation hätte verkneifen können. Liam wäre ebenfalls nicht Liam gewesen, wenn er dabei nicht auch ein wenig vernachlässigt hätte, worum es sich eigentlich zu kümmern galt. Zugegeben – er hatte eigentlich kaum mit großer Gegenwehr gerechnet. Nicht zuletzt, weil sich auch ihr Einbruch ins Hafengebäude als eher einfach herausgestellt hatte. Und das sagte immerhin der, der dabei eine Streifwunde davon getragen hatte, die ihn genauso gut auch hätte umbringen können. Als sich Kaladar in seinem Griff zu winden begann, blinzelte er verdutzt zu ihm hinunter und zog den Arm etwas fester an. Als aber auch das den Soldaten nicht zum Stillhalten bewegen konnte, sondern eher zu einer recht gewagten Aussage verleitete, seufzte er innerlich und festigte den Griff um den Knauf seines Dolches. Immerhin hatte er ihn vorgewarnt. Noch bevor er sich selbst allerdings von der Idee überzeugt hatte, jetzt einfach kurzen Prozess zu machen (was eindeutig die schlauere Wahl gewesen wäre), war er auf der anderen Seite durchaus gespannt auf das, was auf seine Worte folgen würde. Bloß heiße Luft, wie es immer war? Oder hatte der Kleinere vielleicht wirklich etwas drauf? Liam war schlichtweg nicht der vorsichtigste. Deswegen auch nahm er die Betrunkenen noch immer nicht für voll (haha, im Kampf jedenfalls nicht) und war sich ihrer Überzahl ziemlich sicher. Spätestens, wenn Shanaya und Talin die Zelle geöffnet hätten. Dann würde sich das Ganze wohl ohnehin von selbst regeln. Die Gefangenen hatten sich bestimmt für einiges zu rächen.
Damit also ließ er den Griff um Kaladar zwar nicht lockerer, sah aber davon ab, ihm die Klinge des Dolches noch tiefer in den Hals zu drücken – das übernahm er selbst schon ziemlich gut bei seinem Versuch, sich zu befreien. Ein kleines Handgelange entstand, bei dem Liam versuchte, sich den Spaß nicht direkt zu vermasseln, in dem ihm der Dolch doch ausrutschte – bis es letztendlich aber auch für ihn ernst wurde. Der Soldat schaffte es, seinem Griff zu entkommen, schob sich an ihm vorbei und kaum hatte er sich versehen, hatte er auch schon einen kräftigen Schlag ins Gemächt einzustecken. Seine Lungen pressten die Luft zwischen zusammengebissenen Zähnen nach außen, während sich der Lockenkopf getroffen zusammenkauerte. DAS war eindeutig unfair gewesen. Einen Moment später fand er sich auch schon auf dem Boden wieder. Und das musste er ihm lassen – mit unfairen Mitteln konnte er umgehen. Aber was hatte er auch von einem Soldaten der Marine erwartet? Liam lag leicht seitlich, verlagerte sein Gewicht mit einem angewinkelten Bein und presste noch immer die Lippen fest aufeinander, während sich der Schmerz weiter durch seine Lenden zog. Seine Hand klammerte sich um den Dolch, der dank seiner unglücklichen Position im Augenblick allerdings eher nutzlos war. In Wahrheit sah er seine missliche Lage gerade aber als geringeres Problem als das Pochen seiner Lendengegend. Als sich Kaladar schließlich zu seinem Ohr hin beugte, fixierte er die feinen Gesichtszüge aus den Augenwinkeln. Ach, er wollte das Spiel umdrehen? Na, das hatte er sich so gedacht. Ohne Vorwarnung nutzte Liam den wenigen Platz, der ihm blieb, um die wenigen Zentimeter auszuholen und dem siegessicheren Soldaten über ihm eine Kopfnuss zu verpassen, die sich gewaschen hatte. Und tatsächlich – die Überraschung reichte, damit er sich unter ihm heraus auf den Rücken rollen konnte, wo er sich abermals kurz in seinen Schmerzen suhlte, bis er sich auf die Beine kämpfte. Sein Schädel brummte wohl ebenso sehr wie es der des Soldaten tun musste, der ihnen eben noch so großzügig seine Hilfe angeboten hatte. Doch bevor er sich wieder seinem Gegner widmen konnte, war erst ein Ausfallschritt gefragt, der zumindest alles wieder in die richtige Position rückte. Das war ausnahmslos eine Frauenmasche gewesen. Und eigentlich war keine Rache groß genug, um diesen hinterlistigen Angriff auszugleichen.
Um sie herum war das Chaos ausgebrochen. Die Gefangenen grölten und pöbelten. Lange hatten sie nicht mehr Zeit, sie mussten sich beeilen, wenn sie von diesem Schiff herunterkommen wollten. Das war selbst dem Chaoten wohl bewusst. Trotzdem trat er langsam an seinen Sparringspartner heran. Groß verwunderlich wäre es nicht gewesen, wenn ihm die Worte, die er ihm eben noch ins Ohr geflüstert hatte, gänzlich entgangen wären, doch zu Liams eigener Überraschung klingelten sie noch immer in seinem Köpfchen nach.
„Wenn du uns helfen willst, hier rauszukommen, dann mach dich nützlich, Mädchen. Ansonsten verfüttere ich dich vielleicht wie deinen Offizier an die hungrige Meute.“
Oh, bewies er da nicht gerade wieder einen 1A-Piraten? Er war ein unheimlich großes Talent darin, andere zu beleidigen. Denn auch, wenn ihn eine Vorahnung beschlichen hatte, wusste er damit nicht so recht umzugehen. 'Mädchen' bezog sich dabei mehr auf die unheimlich feminine Art und Weise, wie er ihn ausgeschaltet hatte. Für einen kurzen Moment hielt er dem auf dem Boden liegenden Soldaten die freie Hand entgegen, als wolle er damit ihre Abmachung besiegeln – unter den wachsamen Augen Sinecas jedenfalls, die sich noch immer auf etwa doppelte Größe aufgebauscht hatte und fauchend die spitzen Zähne zeigte, während sie kurz den Kopf am Bein des Piraten rieb. Lange blieb Kaladar nicht Zeit, sich zu entscheiden, da begab sich der Lockenkopf schon wieder in Angriffsbereitschaft, um den torkelnden Angriff der beiden Betrunkenen entgegenzunehmen, die auf sie zuwankten. Die Ginsterkatze hatte sich mit zwei gezielten Sprüngen an seinen Kleidern emporgearbeitet, um dem ersten von ihnen mit gespreizten Pränkchen entgegezuhüpfen.