14.04.2017, 10:46
Noch bevor sich die Situation weiter zuspitzen konnte, wurde sie von einem lauten Tumult gesprengt, der sich zielstrebig auf sie zubewegte. Lallender Gesang, schallendes Gelächter und eine ganze Reihe Obszönitäten drangen an Samuels Ohren und ließen keine Zweifel daran, dass hier gerade einige sturzbesoffene Marinesoldaten schnurstracks auf dem Weg zu ihm waren. Der Bärtige schüttelte ungläubig mit dem Kopf anhand dieses gehäuften Aufkommens von Disziplinlosigkeit, die er seit seiner Ankunft auf der Morgenwind noch nie auf diese Art und Weise hatte beobachten können. Diese Nacht war zweifelsohne anders als alle vorherigen. Während er sich also eher über die sechs Neuankömmlinge, die viel zu tief in den Humpen geschaut hatten, amüsierte, schien auf De Guzmán das Gegenteil zuzutreffen. Dieser schien langsam die Contenance zu verlieren, auch wenn er nach wie vor versuchte, diesen Umstand nach Möglichkeit zu verbergen. Samuels Aufmerksamkeit richtete sich jedoch nicht auf die neu hinzugekommene Gruppe, sondern vielmehr auf seinen jüngsten Zellengenossen und den Blondschopf, der ihn augenscheinlich erkannt hatte - und das zurecht, denn prompt nutzten diese die entstandene Unruhe und die Tatsache, dass der Leutnant sich mit den Betrunkenen abgeben musste, um ein paar geflüsterte Worte auszutauschen, deren Inhalt er - obwohl in unmittelbarer Nähe zu dem Jüngeren, der anscheinend auf den Nachnamen Dravean hörte - aufgrund des Lärms auf dem Zellentrakt leider nicht verstehen konnte.
Das änderte jedoch nichts daran, dass er durchaus in der Lage war, eins und eins zusammenzuzählen. Diese vier angeblichen Soldaten hatte er noch nie zuvor gesehen. Sie waren zwar von den Betrunkenen als Neuankömmlinge bezeichnet worden und das mochte durchaus zutreffen, aber ihr Verhalten war dennoch äußerst verdächtig und Samuel hielt es für äußerst unwahrscheinlich, dass die Marine solche Grünschnäbel direkt auf eines der für den Gefangenentransport wichtigsten Schiffe schicken würde. Hinzu kam, dass der Blondschopf und sein Zellengenosse, den sie angeblich zum Kapitän bringen sollten, sich offenkundig vertraut waren. Mit rechten Dingen zugehen konnte diese ganze Geschichte also sicher nicht.
Nun richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf Geschehen vor der Zelle. Sein Interesse galt dabei aber nicht dem allgemeinen Verlauf der Szenerie - die Situation war längst viel zu interessant geworden, als dass er noch auf sein eigenes Vergnügen bedacht gewesen wäre -, sondern vielmehr dem Verhalten der vier angeblichen Soldaten. Und auch wenn er nach wie vor nicht jedes Wort verstand, schien es ihm doch so, als würde das gezielte Einflussnehmen auf die Betrunkenen dazu führen, dass die Situation immer mehr außer Kontrolle geriet. Vielleicht waren auch alle zehn Verbündete? Das schien ihm kaum möglich, immerhin waren Jones und seine Kameraden schon länger auf diesem Schiff. Besonders der Kleinere, Schwarzhaarige fiel ihm nun auf, der zuerst mit dem Unruhestifter Filan sprach - der kurz darauf lauthalt kundtat, gegen einen der Gefangenen kämpfen zu wollen - und sich dann an einen der anderen Trunkenbolde wandte, nachdem De Guzmán und Nordskov in einer unglücklichen Verkettung von Umständen zu Boden gegangen waren.
Das Verhalten des Schwarzhaarigen konnte er jedoch nicht weiter beobachten, denn aus den Augenwinkeln sah er, wie sein zweiter Zellengenosse sich ein wenig zu Dravean lehnte und das Wort an ihn richtete - was an sich schon eine Kuriosität war. Dessen Worte waren laut genug gesprochen, um auch an seine Ohren zu gelangen und sie deckten sich mit seinen eigenen Beobachtungen. Vorsichtig machte nun auch er einen Schritt auf den jüngeren Gefangenen und den Blondschopf, der immer noch verdächtig nah bei ihm stand, zu.
"Wenn ihr euch weiter so verdächtig verhaltet, riskiert ihr beides völlig umsonst", murmelte er und behielt dabei die Szenerie außerhalb ihrer Zelle im Auge.
[ An der Zellentür | mit Talin, Lucien und Yaris ]