27.03.2017, 15:01
Es hätte ihn zumindest zeitweilig beruhigen sollen, dass der dunkelhäutige Leutnant nicht die Absicht zu haben schien, hier irgendjemanden zu irgendeinem Verhör aus den Zellen zu lassen. Zumindest nicht ohne genauere Erklärungen. Das hieß allerdings nicht, dass er es nicht früher oder später doch zulassen würde und daran war eben absolut gar nichts beruhigend!
Noch einmal huschten die grünen Augen zu dem Offizier vor der Tür, der jeden Funken Gelassenheit angesichts eines kommenden Kartenspiels verloren und ihn durch eine undurchdringlich ernste Miene ersetzt hatte. Dass es hierbei vor allem um irgendwelche Marineetikette ging, bekam Lucien zwar unweigerlich mit, doch es kümmerte ihn wenig. Unablässig ging ihm das Gespräch mit dem Dunkelhäutigen in dessen Kajüte durch den Kopf. Aber ganz gleich, welche möglichen Gründe er sich dabei ausmalte – von Informationen bis hin zu einer simplen Verwechslung – nichts davon ergab Sinn. Für einen Moment kam ihm sogar der Gedanke, es hätte etwas mit dem Leutnant der Renaissance zu tun, die damals das väterliche Schmugglerschiff versenkte. Aber besaß sie genügend Einfluss, um das hier zu veranlassen? Vor allem, da er nicht einmal wusste, wie viel Einfluss man innerhalb der Marine dafür brauchte.
Angesichts seiner Lage war es demnach wahrscheinlich nicht das Klügste, näher an die Gitterstäbe heran zu treten und damit das Risiko einzugehen, sich selbst zu verraten. Doch da es hier um ihn ging, trieb ihn das zu größtmöglicher Aufmerksamkeit und wenn der Leutnant beschloss, dass die Gruppe ihn abführen konnte, spielte es ohnehin keine Rolle mehr.
Was er dann jedoch sah, als sein Blick zurück zu den vier Neuankömmlingen wanderte, musste schlicht und ergreifend eine Halluzination sein. Lucien hatte sie vorher nicht bemerkt, die beiden kleineren Gestalten, die hinter ihren Kollegen den Gang entlang gekommen waren. Jetzt traten sie beide etwas nach vorn und während sein Blick nur kurz über die erste huschte, die sofort das Wort ergriff, blieb er an der zweiten unweigerlich länger hängen. Im nächsten Augenblick spürte er, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich und sein Herzschlag aus dem Takt geriet.
Sie sah anders aus, als in seinen Erinnerungen. Älter, reifer als damals. Ihre Züge hatten ihre Kindlichkeit verloren und das lange blonde Haar hatte sie sich scheinbar unter die Mütze gesteckt, die sie tief ins Gesicht gezogen trug, um beides zu verschleiern. Dennoch erkannte er sie auf Anhieb. Er hätte sie immer und überall erkannt. Ihr Gesicht, das er über 15 Jahre jeden Tag vor sich sah. Auch nach diesen drei Jahren, die seit ihrem Abschied vergangen waren.
Talin. Er sprach ihren Namen nicht laut aus und er hatte es einzig der unverhohlenen Ungläubigkeit über ihr Auftauchen zu verdanken, dass er auch sonst zu keiner Reaktion fähig war. Erst ein lautes Getöse an der Treppe zum nächsten Deck lenkte Lucien schließlich soweit ab, dass er den Blick von ihr lösen und die restliche Szenerie wieder wahrnehmen konnte. Er erinnerte sich wieder daran, wo sie sich befanden, wo vor allem er sich gerade befand und dass das hier sicher nicht der richtige Ort für einen Ausbruch ungläubiger Wiedersehensfreude war – nicht, dass er die gerade überhaupt empfand.
Vom nächsthöheren Deck her marschierte indes laut johlend eine Gruppe betrunkener Männer hinunter in den Zellentrakt und sorgten für genug Wirbel, dass Lucien die Gelegenheit beim Schopf ergriff und so nah an die Gitterstäbe und damit an Talin heran trat, wie es eben ging. Er konnte nicht sicher sein, dass der Leutnant und sein Sergeant ihn nicht beachteten – von seinen beiden sehr aufmerksamen Zellengenossen ganz zu schweigen – doch der Drang, mit ihr zu sprechen, war unbeschreiblich groß. Er musste sich vergewissern. Dass er sich nicht irrte. Dass sie keine Halluzination war. Wobei letzteres zumindest für sie das beste wäre.. Denn wenn sie wirklich hier vor ihm stand, dann ritt sie sich auf geradem Weg tief in die Scheiße und er hatte keine Möglichkeit, sie da wieder heraus zu holen. Aber wenigstens die drei anderen Wachen im Zellentrakt schienen von ihren besoffenen Kollegen abgelenkt genug, um nicht auf die Gefangenen zu achten.
„Was, bei allen acht Welten, machst du hier?!“, zischte er seiner Schwester so leise zu, dass es schon die Ohren eines Luchses gebraucht hätte, um ihn zu hören. Abgesehen von dem Attentäter vielleicht, der schließlich unmittelbar neben ihm auf dem Boden saß und das Schauspiel mit leiser Belustigung verfolgte.