05.03.2017, 14:37
Als Shanaya schon loszog, um an der Treppe Position zu beziehen, gingen Talin plötzlich verschiedene Szenarien durch den Kopf, was allein schief gehen könnte, wenn das andere Mädchen jetzt vorstürmte. Und diese Angst fand die Blonde sehr wohl berechtigt. Ihr war die Ungeduld und der Tatendrang im Blick der Schwarzhaarigen nicht entgangen und die Ungewissheit bereitete ihr Sorge. Zum Glück schien sie im Moment noch auf ihren Verstand zu hören und so folgte Talin ihr zur Treppe. Ihre Schritte waren gewollt langsam, damit sie nicht alles ruinierte und ihr Blick huschte immer wieder zwischen ihren Begleitern hin und her. Sie nahm wahr, wie auch Aspen sich zur Treppe begab, wie Liam sich zu einer der kleineren Kisten aufmachte und Seneca dort versteckte. Eine gute Idee, denn wenn sie die Katze dabei hatten, fielen sie sicher noch viel mehr auf. Wieder schossen ihr verschiedene Möglichkeiten durch den Kopf, wie das dort oben ablaufen würde, doch sie verdrängte diesen Gedanken einfach. Sie hatte die Möglichkeit entdeckt zu werden, dadurch eingeschränkt, dass sie Aspen und Liam vorschickte. Sie selbst würde sich einfach hinter dem Größeren halten, um ihr Äußeres zu verdecken. Zwar versteckte die Uniform und das Band um ihre Brüste größtenteils ihre Rundungen, aber leider waren sie immer noch da. In solchen Momenten fragte sie sich wirklich, wie sie ein Jahr lang unter Rondo hatte dienen können, ohne aufzufallen.
Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als ihr auf einmal eine kleine Kiste in die Hände gedrückt wurde. Kurz stutzte sie, nahm den Gegenstand aber automatisch entgegen, bevor sie ein tiefes Seufzen ausstieß. Liam schien ganz ähnliche Gedanken gehabt zu haben wie sie. Die Kiste verdeckte ihren Oberkörper ganz wunderbar, machte es ihr aber auch schwer an ihre Waffen heranzukommen. Zu Not würde sie also die arme Katze einfach fallen lassen müssen, sollte es zum Äußersten kommen. Der Gedanke behagte ihr zwar nicht, aber sie schwieg dazu, nickte den anderen nur einmal zu und folgte dann den beiden Männern nach oben und in ein einigermaßen helleres Licht.
Von Lucien und ihrer eigenen Zeit auf See, wusste sie, wie sie auftreten musste, um als Mann und als Seefahrer durchzugehen. Gefangenen gegenüber zeigte man nie eine Schwäche, weshalb man hoch erhobenen Hauptes, gelangweilt und gleichgültig an ihnen vorbei ging. Das einzige Problem dabei war, dass sie sich an die aufgestellten Regeln nicht hielt. Sie hielt den Kopf gesenkt, um nicht erkannt zu werden und ließ den blaugrünen Blick suchend von der einen in die andere Richtung gleiten, ganz wie ein Grünschnabel, der noch nie das Elend und den Gestank von gefangenen, schlecht behandelten Menschen gesehen hatte. Aber eigentlich versuchte sie unter diesen von Dreck starrenden Gestalten ihren Bruder auszumachen, was sich in dem schummrigen Licht doch als schwieriger gestaltete.
Viel zu schnell, als das sie jede einzelne Gestalt in den Zellen hätte untersuchen können, kamen sie bei den Marinesoldaten an, die hier Wache hielten. In den letzten Tagen hatte sie ihre freien Minuten dazu genutzt die Marinesoldaten im Umgang miteinander zu beobachten. Immer liefen sie kerzengerade rum und salutierten vor so gut wie jedem, dass war ihre Entdeckung dabei gewesen. Ach, und sie hielten sich für wichtiger, als alle anderen, aber wenn jemand bedeutendes kam, dann katzbuckelten sie schön. Wenn es weiter nichts war, dass konnte sie doch sicher auch.
Kurz schloss sie die Augen, straffte die Schultern und nahm die Haltung an, von der sie dachte, dass die von ihr erwartet wurde. Ihr ging durch den Kopf, wie schwer es wohl mit der Kiste sein würde, vor diesen Männern zu salutieren, aber da sprach Aspen auch schon. Talin blieb wie angewurzelt hinter ihm stehen, biss die Zähne sehr fest zusammen und unterdrückte nur mit viel Kraft ein Stöhnen. Egal wie locker die Soldaten an Land auch waren, sobald sie in die Nähe ihres Schiffe kamen, schienen sie immer einen inneren Schalter umzulegen und voller Verpflichtungen zu sein. Das Aspen gerade etwas falsches getan hatte, schien sich auch noch einmal durch die Reaktion des schmächtigen Kerls zu bestätigen. Salutieren schien einfach immer eine gute Lösung zu sein, dass sollte sie sich merken.
In all den Szenarien, die sie sich vorgestellt hatte, was schief laufen könnte, hatte sie immer Shanaya oder sich selbst gesehen. Wie sie unbedacht vorstürmten, wie sie als Frauen erkannt wurden. Aber sie hatte ihre Gruppe nie allein nach nur ein paar Worten scheitern sehen.
Ein leises Zischen entwich ihren Lippen und sie trat Aspen unsanft gegen die Wade, als wolle sie ihn für sein Verhalten maßregeln. Hoffentlich verstand er diesen Wink nicht nur durch ihre, sondern auch durch die Reaktion des kleineren Marinesoldatens. Oh, wie sie sich jetzt ärgerte, dass sie nicht doch voran gegangen war, dass sie schweigend hinter den beiden Männern stehen musste und nicht eingreifen durfte. Das Bedürfnis Aspen gleich noch einmal zu treten, unterdrückte sie gerade so.
Sie ließ ihren Blick zu dem anderen Marineangehörigen wandern, der offensichtlich mehr zu sagen hatte, wenn sie den Blick des misstrauischen Knilchs richtig deutete. Also entweder nahm er das ganze nicht so eng, was es ihnen erleichtern würde, doch noch aus der Situation raus zu kommen oder der Gefangene, der sich zum Kartenspiel angeboten hatte, hatte trotz seiner Situation große Überredungskünste. Mit leicht gehobener Augenbraue wandte sie sich daher dem Mann hinter den Gitterstäben zu und...erstarrte. Ihr Herz setzte einen schlag aus, der Griff um die Kiste verstärkte sich und ihre Finger vergruben sich ins Holz. Ihr Blick glitt einmal an der Gestalt auf und ab, nahm alles mit geschärften Sinnen wahr, den abgemagerten Körper, die zerlumpten Kleider, bevor ihre Augen schließlich auf dem Gesicht haften blieben. Sie wusste nicht, woher sie die Gewissheit nahm, denn immerhin hatte sie ihren Bruder seit 3 Jahren nicht gesehen, aber hinter dem Gestrüpp aus Haaren und Bart erkannte sie ihn. Lucien. Sie erkannte seine Augen, diesen grünen Blick, der jetzt skeptisch auf Aspen ruhte. Bei allen Welten, sie standen genau vor seiner Zelle! Er war zum Greifen nahe, sie hatten es geschafft ihn zu finden. Ihre Gedanken liefen Amok und ihr Herz raste wie verrückt, schlug ihr im Hals. Dass sie einen Schritt zur Seite in seine Richtung getan hatte, bekam sie erst gar nicht richtig mit, bevor ihr Gehirn schließlich wieder beschoss richtig zu arbeiten. Schnell senkte sie den Kopf, blieb aber näher an den Gitterstäben stehen, da es zu auffällig wäre, sofort wieder zurück zutreten. Ihr Blick glitt zur Seite, suchte den von Shanaya und gab ihr zu verstehen, das sie ihn gefunden hatte. Na hoffentlich, fing die schwarzhaarige jetzt nicht an, sofort Radau zu machen.
[Zellentrackt der Morgenwind | hinter Aspen und Liam, neben Shanaya, näher bei Lucien und in der Nähe vom Rest]