13.02.2017, 20:25
Es war leicht, Talin große Reden zu schwingen, dass sie nicht einfach drauf los rennen sollte... deutlich schwieriger war es, den eigenen Drang auszublenden, eben genau das zu tun. Ihr war deutlich bewusst, dass über ihnen eine große Anzahl von Marinesoldaten auf sie... warteten. Und genau da lag wohl der einzige Punkt, wieso hier noch so ruhig stand – äußerlich zumindest. In ihrem Kopf hatte sie schon zwei Hände voll Soldaten umgelegt, ein Schloss aufgebrochen, den gesuchten Bruder in die Freiheit entlassen und sich selbst gefeiert. Gut, gerade hing sie beim letzten Punkt fest, ohne einen von den ersten erledigt zu haben. Aber die ersten Schritte waren getan, und wer sollte sich ihr jetzt noch in den Weg stellen?
Auf ihren Lippen lag jedenfalls ein vielsagendes Grinsen, als Talin den Blick zu ihr wandte. Vielleicht wurde das ja auch ein Wettrennen, wobei die andere Frau vermutlich gewonnen hätte – immerhin würde sie ihren Bruder wohl irgendwie erkennen – und andersherum. Während Shanaya selbst einfach an ihm vorbei gerannt wäre, die Gänge hoch und runter. Vielleicht Grund Nummer zwei, wieso sie hier noch stand, die Arme inzwischen vor der Brust verschränkt hielt und wartete. Und weiter wartete... und langsam aber sicher schon ihre gesamte Geduld aufgebraucht hatte. Immerhin schaffte Liam es, sich endlich zu zeigen – wäre Aspen zeitgleich aus seiner Kiste erschienen, wäre die Schwarzhaarige vermutlich ohne Vorwarnung los gerannt. So musste sie sich weiter in Geduld üben, grinste nur über die beiden Säufer in ihrer Nähe und beobachtete dabei jede Kisten einzeln, als könne jeden Moment ein Blondie heraus springen.
Es dauerte nicht lang, bis auch der letzte von ihnen endlich aufrecht stand, die vierte Uniform unter ihnen präsentierte. Ganz automatisch trat Shanaya einen Schritt vor, riss sich aber zusammen und blieb wieder stehen, die hellen Augen auffordernd auf ihre drei Begleiter gerichtet. Aspen sprach von Schritten, von Licht und Talin fügte noch etwas an, woraufhin Shanaya leise brummte. Nicht nicht zustimmend, nur ungeduldig. Irgendwie zwischen die Warterei mischte sich Hunger – und auch wenn sie irgendwo in den Taschen dieser Uniform ein paar Stücke Dörrfleisch verstaut hatte... davon würde sie in diesem Moment wohl nur noch mehr Hunger bekommen. Was für eine verzwickte Situation. Und die Gefangenen bekamen sehr wahrscheinlich auch Nichts vernünftiges, ein Tauschgeschäft viel also auch flach. Mehr zu sich selbst nickte die Schwarzhaarige auf den Vorschlag, die beiden Männer sollten vorgehen. Das war vermutlich das Beste, auch wenn ihr danach war, einfach jedem Soldat mit dem Fuß voran ins Gesicht zu springen. Die junge Frau schüttelte den Kopf, hob kurz die Arme, streckte sich, wobei die Mütze leicht verrutschte und atmete tief durch. Für einen Moment waren die Soldaten 'Freunde', keine Feinde. Zumindest nicht, wenn sie nicht sofort eine Kugel im Kopf stecken haben wollte. Und das wäre zugegeben... nicht das, was sie damit erreichen wollte. Sie beugte sich dem also, ließ es sich trotzdem nicht nehmen, direkt auf die Treppe zu zugehen. Sie hatten genug geplant, genug vorbereitet und in Kisten verharrt. Sie brauchte Bewegung, etwas zu tun, ein bisschen Aktion... Und etwas zu essen. Trotzdem beherrschte sie sich sprach möglichst leise zu ihren Begleitern.
„Er wird sicher nicht allein in einer Zelle sitzen, auch wenn er dich vielleicht erkennt sollten wir auf die Anderen aufpassen.“
Kurz glitt der helle Blick zu Talin, ohne dass die Schwarzhaarige dabei stehen blieb. Sie konnte nicht mehr auf einer Stelle stehen, und auch wenn sie die Treppe nicht direkt hoch stürmen würde, so ging sie doch zügigen Schrittes darauf zu, blieb erst wieder stehen, als sie den Blick nach oben wenden konnte – und sich dann schweigend an Liam und Aspen wandte, um sie vor zu lassen. Vielleicht doch keine so schlechte Idee, ansonsten wäre sie nun sicher schon irgendwo zwischen unter einem Haufen aus Marinekerlen, auf der Suche nach einem Gesicht, dass sie nicht kannte. Aber jetzt schlug ihr Herz schnell genug, um den beinahe gierigen Ausdruck in ihren Augen anzufachen. Sie wollte da jetzt hoch!
[Morgenwind Frachtraum | Aspen, Talin & Liam]