22.04.2022, 16:58
Seine Mundwinkel umspielte ein Lächeln, als er ihre Finger auf seiner Haut spürte, das aber mit dem Verschwinden ihrer Berührung ebenso wieder verschwand. Er brummte nachdenklich, während er versuchte, sich ihre Position auf der Karte vors innere Auge zu rufen, um die Auswirkungen grob abschätzen zu können. Viel wichtiger war aber, was Skadi danach anmerkte und was ihm bislang vollkommen entfallen gewesen war. Mit einem tiefen, geräuschvollen Atemzug kehrte die Spannung zurück in seinen Körper. Er streckte sich und wehrte sich noch einen Herzschlag lang dagegen die Augen zu öffnen, ehe er kurzum an die Decke starrte. „Sieht du – noch ein Grund, hier nicht tatenlos rumzuliegen.“, begann er mit gespieltem Tatendrang und überstreckte den Kopf, um das Gesicht der Nordskov wieder sehen zu können. „So gerne ich hier liegenbleiben würde.“ Ein ehrliches, warmes Lächeln umspielte seine Lippen, ehe er sich aufrichtete.
Liam erhob sich. Langsam, wie sie bemerkte. Und dennoch. Skadi wandte nicht sofort ihren Kopf herum. Beobachtete ihn für einen Augenblick nur aus den Augenwinkeln. Man konnte ja fast meinen, dass er sich sehr gern aus dem Bett schälte, um sich an der Putzaktion zu beteiligen. Die Tage des faulenzenden Musikers waren wohl gezählt, hm? Das warme Lächeln auf seinen Lippen legte sich süßlich, warm auf ihre Brust. Zwirbelte ihre Mundwinkel hinauf und streckte die langen Finger der Nordskov in Richtung seines Bauches aus, um ihn daran zu hindern sofort aus dem Bett zu hüpfen. Was sein vor Schmerzen geplagter Kopf ohnehin nicht zulassen würde, wie sie wusste. „Ich bin froh, dass es dir wieder besser geht. Ich.. hab mir wirklich Sorgen gemacht.“
Er wollte sich selbst von den Dingen vergewissern. Wollte Rúnar wohlauf sehen und Alex sagen hören, dass sie es bis in den nächsten Hafen schaffen würden. Und vor allem wollte er Skadi nicht mit seiner Untätigkeit selbst von der Arbeit abhalten. Seelisch und moralisch bereitete er sich bereits darauf vor, sich zumindest irgendwie ein wenig nützlich zu machen, statt sich auf seinem Kater auszuruhen. Doch Skadis Griff hielt ihn davon ab, sein Vorhaben wirklich in die Tat umzusetzen. Nicht direkt zumindest. Er wandte den Kopf herum und schenkte ihr ein warmes Lächeln, während seine Augen ihre Züge erkundeten. Seine Antwort fiel dieses Mal weniger redselig aus. Stattdessen beugte er sich vor und stahl sich, wonach ihm die ganze Zeit schon gewesen war. Als seine Lippen sich von ihren lösten, drückte er kurz die Stirn an ihre, zog den Kopf dann zurück und schenkte ihr ein unverwüstliches, schräges Lächeln und ein ehrliches Geständnis.. „Ich hatte auch wahnsinnig Bammel.“
„So?“ Sie lächelte verschmitzt. Wünschte sich in diesem Moment, dass sie bereits Land in Sicht hatten, um mehr von dem zu genießen, was ihr die Lebendigkeit des Schiffes immer mehr verweigerte. Die kleinen Verstecke auf und unter Deck waren rar gesät. Die Augen zahlreicher, die jeden ihrer Schritte beobachteten. Es wurde Zeit sich wieder auszuleben. Die Beine auszustrecken. Zu tun worauf sie Lust hatte, ohne darauf zu achten, ob irgendjemand im Raum war, etwas wollte, mit ihnen sprach oder mit einer neuen Aufgabe aufwartete. Sie vermisste die Stunden, in denen sie quer Wald ein gelaufen waren. „Ich hab euch da wohl auch nicht gerade.. die Angst genommen.“, fügte sie halb lachend hinzu und senkte den Kopf. Bettete erst ihre Lippen auf seiner Schultern, dann ihren Kopf. Atmete tief seinen Duft ein und richtete sich auf. Löste ihre Hand von ihm - nicht ohne von seinem Bauch über seinen Brustkorb zu fahren und kurze an seinem Hals zu verweilen. „Wieso können wir nicht eigentlich schon irgendwo an Land in einer Taverne sitzen...“ Sie hätte so viel angenehmeres im Sinn, als gleich aus dem Raum zu spazieren und sich die Waffenkammer vorzuknöpfen. Der Anblick würde ihr nämlich definitiv nicht gefallen, das war ihr bereits jetzt klar.
In Wahrheit hatte sie ihm bewusst gemacht, was er zu verlieren hatte. Und wie hoch die Wahrscheinlichkeit war, dass es soweit kam. Liam sprach es nicht aus, lächelte stattdessen etwas blasser und fühlte ihrer Berührung nach, als sie sich an ihn lehnte. Wiedermal wurde ihm bewusst, wie sehr er es vermisst hatte. Und dass es nicht um irgendeine Berührung ging, nicht um den Verzicht, den das Leben auf See eben mit sich brachte. Es war ungewohnt, anders. Aber Liam hatte noch keinen Grund gefunden, es nicht zu genießen. Ihre Finger hinterließen ein Kribbeln auf seiner Haut. Er lehnte sich in ihre Hand, als sie an seinem Hals verweilte. „Meinetwegen könnten wir die Taverne auch überspringen.“, raunte er ehrlich und blickte ihr mit einem entbehrungsreichen Seufzen ins Gesicht. „Wir haben immerhin noch ein bisschen was nachzuholen.“ Ein Grinsen. Vorfreude gepaart mit Missmut. „Und deinen Geburtstag können wir dann auch noch gebührend feiern.“ Wie sie – oder was sie – genau darunter verstand, überließ er ihr.
Ihr Kopf kippte zur Seite, während sie ihn beobachte. Das leichte Zucken auf seiner Haut, das schmale Lächeln auf seinen Lippen, das sich augenblicklich zu einem Grinsen weitete. Seine Worte boten unfassbar viel Raum für Interpretation. Brachten die Nordskov wahrlich zum Lachen, ehe sie sich auf die Unterlippe biss und den Blick fest auf den seinen legte. „Bring mich nicht auf dumme Gedanken Casey...“, murmelte sie ihm entgegen. Beugte sich dann langsam voraus. Die Hand wieder auf seiner Brust. Die Augen auf seine Lippen gerichtet. „Nicht dass dir am Ende doch noch der Kopf platzt.“ Sie sah auf. Verharrte. Spürte dem Klopfen hinter seiner Brust nach, das sich wie Öl in ihr inneres Feuer goss. Schluckte, während sich bei jedem tiefen Atemzug sein Duft auf ihre Sinne legte. Zu lange hatte sie ihn gemieden. Es gemieden. Spürte, wie sich der Verzicht schlagartig dafür rächte und jeden Nerv in ihrem Körper taktierte. Es war vielleicht von Vorteil, dass Rúnar (oder Isala) frühzeitig das Bett verlassen hatte und die Geräusche vom Deck geschäftig genug klangen, als dass sie jemand in den kommenden Minuten vermissen würde. Einzig und allein zwei Menschen konnten diesen Augenblick stören, vielleicht sogar drei, wenn man Gregory dazu zählte. Der einzige Mensch, der einen Grund hatte das Lazarett häufiger zu betreten als jeder andere.
Wenn er ehrlich zu sich selbst war, hoffte er eigentlich, dass es längst zu spät war, sie nicht auf dumme Gedanken zu bringen. Dass sie von ähnlichem Verlangen erfüllt war wie er in ihrer viel zu kostbaren Zweisamkeit. Anders wäre ihr nächster Schritt mehr als arglistig gewesen. Ihn nur noch mehr zu rätzen, ihm den Kopf mit angenehmeren Gedanken zu benebeln als dem dumpfen Klopfen hinter seiner Stirn, nur um ihn dann auf später zu vertrösten. Vermutlich hätte Liam es sogar geschafft, daran etwas zu finden - aber mit Sicherheit nicht das, was ihm wirklich Freude bereitete. Seine Augen lagen fest auf ihren Zügen. Er ertrug ihre Nähe und letztlich umspielte zwischen kontrollierten Atemzügen ein verschmitztes Grinsen hörbar seine Mundwinkel. „Wir haben gerade Epogryphen überlebt. Ich glaube, das Risiko gehe ich ein.“ Das bedeutete aber auch, dass ihr Glück vermutlich komplett verzerrt war. Es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand nach dem Rechten sah. Aber das war Liam egal. Und wenn es nur reichte, ihr ein, zwei weitere kleine Geschenke mit in den Tag zu geben - es genügte ihm. Er wollte sich nicht mehr beherrschen. Wollte dem Trieb nachgeben, der sich unter Skadis Hand in seinem Körper ausbreitete wie ein Lauffeuer, wollte sie fühlen, schmecken. Er zog die Beine zurück auf die Pritsche und wandte sich herum, um im nächsten Moment der Distanz nachzugeben, die sie ihm gelassen hatte, um nicht gleich den Verstand zu verlieren, kostete bestimmt von ihren vollen Lippen und schob sich nach oben und damit auch zwangsläufig ihren Körper zurück in die Laken.
Sie hatten mehr als das überstanden. Eine Schiffsexplosion, die ganze Teile der Marinebesatzung regelrecht in alle Winde zerstreute. Chaos und Wachen in diversen Städten. Räuberbanden und düstere Gestalten. Selbst Kopfgeldjäger. Skadi schmunzelte wissend unter seinen Worten. Legte ihre Arme um seinen Hals, während sie seine Bewegungen spiegelte und ohne Wiederstand aufs Bett zurück glitt. „Mh.“, schnurrte sie leise, die Augen noch immer unverwandt in das Gesicht des Älteren gerichtet, dessen Lippen ihr immer wieder den Atem raubten. „Mir gefällt deine Abenteuerbereitschaft Casey.“ Ein leises Lachen stahl sich aus ihrer Kehle. Kletterte an Liams Wangen zu seinen Locken empor und verschwand in dem Lichtstrahl des Fensters über ihnen. Mit einer Bewegung zog die Nordskov den Körper des Musikers näher an sich heran. Schlang ihre Beine um seine Hüften, um jeden verbleibenden Zentimeter zwischen ihnen auszumerzen. Ihr war vollkommen klar, was sie hier tat. Und so, wie sie es in den funkelnden Augen ihres Gegenübers las, rannte sie an diesem Morgen keine verschlossenen Türen ein. Vielleicht würde sie ein wenig Rücksicht auf seine Kopfschmerzen nehmen. Doch das hing ganz davon ab, wie sehr er ihre Nervenenden strapazierte. Denn das war ein Talent, das der Musiker besaß wie selten jemand, den sie bisher so nah an sich heran gelassen hatte.
Wie hatte er es vermisst. Ihr wohliges Lächeln auf seiner Haut, ihre Finger, die die sich bestimmt in seine Haare schoben und die Bereitschaft, sich ganz dem anderen hinzugeben. „Ich dachte schon, du lobst jetzt meinen Arbeitseifer.“, hauchte er mit einem Lächeln gegen ihre Lippen, das bis zu seinen Augen reichte. Das Pochen in seinem Kopf verlor bei weitem gegen das Verlangen, das Skadi just in diesem Moment in ihm weckte. Die Einzige, die seine Aufmerksamkeit in diesem Augenblick verdient hatte, war sie. Für Kopfschmerzen hatte er auch später noch Zeit. Er ließ von ihren Lippen ab, wanderte an ihrem Hals hinab und suchte gleichzeitig mit einer Hand den Verschluss ihres Bustiers. Seine Lust sammelte sich in seinen Lenden, während er die Reise über ihren Körper fortsetzte, um sein stummes Versprechen zu halten. Dass Skadi ihn so vereinnahmte, hatte einen weiteren positiven Nebeneffekt – er hatte gar keine Gelegenheit, dem Schmerz in seiner Schläfe nachzufühlen. Und als es nicht mehr sein Verlangen war, das ihn benebelte, war es ihr Duft, der sich mit dem schweißigen Geruch ihrer beider Körper mischte, als er neben ihr zur Ruhe kam. Sein Körper fühlte noch immer ihren intensiven Berührungen nach, die ihm einen angenehmen Schauder über die Haut jagten.
„Mh... erst wenn du auch wirklich fleißig warst.“, hauchte sie ihm gegen die Lippen. Genoss die Wärme, die sich sprudelnd ihren Körper hinauf schraubte und jeden Winkel erreichte. Innerlich brannte sie womöglich lichterloh, fühlte sich fiebrig. Aufgedreht. Mit jedem Kuss und jeder Berührung mehr, mit der sich der Musiker in wechselnden Bahnen ihren Körper entlang hangelte. Ausgeblendet waren die Geräusche über ihren Köpfen, die Gefahr erwischt zu werden, während der Rest der Crew geschäftig ihren fahrbaren Untersatz rettete. Ihr Kopf war zum Bersten gefüllt mit lang zurückgehaltenen Träumen und Sehnsüchten, die sie nur noch gedämpft durch die Hände über ihren Lippen in die Außenwelt trug. Nur für Liam und niemanden sonst zu hören. - - - Tief ein und ausatmend umkreisten die dunklen Augen das zufriedene Gesicht auf der anderen Seite der Pritsche, das just ein warmes, wenn auch süffisantes Lächeln auslöste. „Hast du heimlich geübt?“ Nicht, dass sie wirklich davon ausging. Sehr wahrscheinlich war ihr Körper einfach nicht mehr an seine Küste gewohnt und ausgezehrt. Reagierte weitaus sensibler auf jede seiner Berührung, als er es damals getan hatte. „Das Lazarett können wir jetzt wohl von unserer Liste streichen, huh?“ Skadi grinste. Streckte sich noch einmal für einen langen, intensiven Kuss hinüber, ehe sie sich aufsetzte und nach ihrem Bustier fischte.
Die Worte der Nordskov verfehlten ihre Wirkung nicht. Obgleich es nur Geplänkel war, trieb sie seine Lippen zu einem noch breiteren Grinsen an, ehe er die Augen aufschlug und in das dunkle Braun blickte, das unweit seines Gesichtes ebenfalls zum Ruhen gekommen war. „Geburtstagsbonus.“, raunte er in die kleine Welt zwischen ihnen, die sich langsam aber unaufhaltsam wieder der Realität anschloss. Ein leises Lachen verließ seine Kehle schließlich und ließ ihn bei seiner nächsten Antwort zweifellos nicht abgeneigt klingen. „Ich wusste gar nicht, dass wir eine Liste haben.“ Jetzt eben schon - und auch, wenn er derlei Dinge wie Listen (meist an Ermangelung der Möglichkeiten, wenn man an all die Kreaturen dachte, die er irgendwo finden wollte) zuende brachte, wusste diese Liste mit besonderer Motivation zu bestechen. Ein letzter Kuss trennte ihre kleine Welt davon, sich in Luft aufzulösen. Langsam aber unaufhaltsam drang das Klopfen wieder zurück in seine Schläfen, doch Liam würde sich davon nicht wieder zurück in die Laken zwingen lassen. „Eigentlich sollten die Captains dir danken, dass du mir die Lebensgeister zurückgebracht hast.“ Er schmunzelte verschmitzt und löste den Blick von all der Kunst, die sie ihm zugewandt hatte, um sich selbst nach seiner Kleidung umzusehen. Vielleicht sollte er Talin oder Luc aufsuchen, um sich wieder einsatzbereit zu melden. Dann würde vermutlich allerdings eine genaue Untersuchung Gregorys folgen, um ihm das zu attestieren. „Wo fängst du jetzt an? Brauchst du Hilfe?“, erschien es ihm als bessere Alternative, als Greg vorzumachen zu versuchen, dass er wieder ganz auf den Beinen war, als er sich gerade das Hemd über den Kopf zog.
Leise klimperte das Metall der Laschen zwischen ihren Fingern. Verlor sich unter dem Rascheln des Lappens, den Skadi vom beistehenden Tisch aufsammelte und damit die Überreste ihrer angenehmen Zweisamkeit von ihrem Körper wusch. „Ich glaube sie sind schon dankbar genug, dass ihr mit eurer seltsamen Apparatur dafür gesorgt habt, dass wir die Vögel loswerden konnten.“ Spiegel und Licht zu benutzen, um die Biester zu blenden, war weiß Gott keine dumme Idee gewesen. „Und uns das Schiff nicht regelrecht unterm Arsch weggefault ist.“ Mit einem tiefen Seufzen landete der Lappen in einem beistehenden Eimer. „Ich muss mir unsere Waffenkammer anschauen und sehen, ob noch was zu retten ist. Und den Kanonen einen Besuch abstatten. Ich vermute, dass sie das meiste abbekommen haben.“ Skadi wandte sich herum und griff beherzt nach der Leinenhose auf der Pritsche. Zog sie sich flink über die Beine und verknotete die Laschen am Bund vor ihrem Bauch, ehe sie den Ledergürtel anlegte und die daran befestige Ledertasche zurecht zuppelte. „Ist vielleicht einfacher für dich, als über die Waten zu klettern oder sich an der Schiffswand abzuseilen, um die Außenwand zu schrubben.“ Ein Lächeln lag auf den feinen Zügen, als sie sich mit einem letzten Blick auf Liam abwandte und nach dem Eimer bückte. „Davon abgesehen... deine Gesellschaft hält mich vielleicht davon ab, die Götter und die halbe Welt beim Anblick der Waffen zu verfluchen.“ Auch wenn sie darüber lachte, wusste Skadi, dass es so oder so passierte. Ob mit oder ohne Liam neben sich.
Unschlüssig verzog er die Lippen und zuckte angedeutet mit der Schulter, während er seine Leinenhose verschnürte und sich zurück auf die Pritsche setzte, um sich seine Stiefel anzuziehen, die man ihm gestern Abend freundlicherweise ans Bett gestellt hatte. Hätten sie keine Idee gehabt, hätte sie jemand anderes gehabt – oder sie hätten jetzt keine Möglichkeit mehr, sich darüber Gedanken zu machen. Ob ihm deshalb Dank gebührte, wagte er zu bezweifeln. Immerhin war es keine Entscheidung gewesen, ob sie was taten oder nicht. Er blieb allerdings ihrer beider Vorsätze treu und sparte es sich, ihr abermals mit Bescheidenheit zu begegnen. So ungern er es sich eingestand – Skadi klang vernünftiger als es ihm lieb war. Fürs erste hatte er genug von Höhe und eine Arbeit auf stabilem Holz klang verlockender als alles andere. Er überlegte kurz, ob es sich anbot, vorher kurz eine kleine Dusche zu nehmen – sinnvoller war es aber vermutlich nach der Arbeit. Und wenn er sich tatsächlich Skadi anschloss, konnte er sich ein wenig zurücknehmen, wenn es nötig war. Er schmunzelte bei ihrer Vermutung, stellte die Schuhe auf und richtete sich auf. „Ich will dich aber gar nicht davon abhalten.“, gab er gut gelaunt zu. „Ich will dich so genießen, wie du bist. Unverfälscht und fluchend.“ Skadi galt ein ehrliches Zwinkern. Das konnte sie durchaus als Zusage verstehen, dass er ihr zur Hand gehen würde. „Geh‘ ruhig schon mal vor. Ich will noch eben nach Sineca sehen.“ Damit huschte er zuerst aus dem Lazarett hinaus, warf einen flüchtigen Blick nach links und rechts und machte sich dann auf die Suche nach Alex. Dass es der Ginsterkatze gut ging, hatte Alex ihm gestern noch versichert. Und da sie nicht bei seiner Hängematte gewesen war, erwartete der Lockenkopf sie förmlich bei seinem Freund.
Liam war als erster aus dem Raum verschwunden. Ließ eine Skadi zurück, die ihm mit einem schmalen Lächeln nachsah und tief Lufte holte, als auch die letzte Locke hinter der Wand verschwunden war. Sie sollte sich an Momente wie diese erinnern, wenn sie wieder einmal an allem zweifelte und sich in den dunklen Ecken ihrer Selbst vergrub. Um sich ins Gedächtnis zu rufen, dass ihre Ansichten einem Irrglauben erlagen. Dass es durchaus Menschen auf diesem Schiff gab, für die sie mehr war als ein gut funktionierendes Uhrwerk. Als ein Schutzschild, an dem sich die Außenwelt abreiben konnte. Und dennoch glitt ihr Blick nachdenklich durch den Raum auf das kleine Fenster auf der anderen Seite. Skadi versuchte gar nicht erst ihre Gedanken zu sortieren. Lauschte dem an- und abschwellenden Rauschen, bis sie sich zu dem Lederbeutel und ihrem neuen Dolch bückte und wortlos den Raum verließ. Der Abstecher zu den Schlafplätzen und zur Kombüse belebte ihre Glieder und fegte ihren Kopf auf angenehme Weise frei. Neue Gesichter, die ihren Geist auf anderen Pfade lenkten. Kurzweilige Gespräche, die sich um die kleinen Dinge des hier und jetzt drehten. Und dennoch hockte Skadi vor den Kisten und Regalen der Waffenkammer und brummte verstimmt. Vieles hatte deutlich mehr Rost angesetzt. Die Kisten waren entweder nicht richtig verschlossen oder bereits durchlöchert gewesen. Nicht umwickelte Waffen. Feuchte Schießpulverbehälter. Niemand hatte sich dessen wirklich verantwortungsvoll angenommen. Und eigentlich gab sie sich selbst die größte Schuld. Sie hätte es besser wissen müssen - bei der Marine hatte sie den sorgsamen Umgang mit dieser wertvollen Fracht gelernt. Und sich die letzten Wochen und Monate nur um ihren eigenen Bestand gekümmert. Um ihren kostbaren Bogen. Ihre Dolche und Wurfmesser. Selbst das Blaßrohr und die hauchzarten Pfeile, die Talin. und ihr auf der Kopfgeldinsel das Leben gerettet hatten.
Im ersten Moment hatte die Sonne unangenehm in seinen Augen gebrannt, doch alles am heutigen Tag war besser als Nebel. Sineca war bereits von Alex‘ Schulter gesprungen, bis der Lockenkopf bemerkt hatte, dass jemand von den Toten auferstanden war. Die Erleichterung stand ihm förmlich ins Gesicht geschrieben, als er seinen Freund wohlauf und auf den Füßen vorfand. Liam war in die Hocke gegangen und die zierliche Ginsterkatze augenblicklich an ihm empor zu seiner Schulter geklettert, um sich an seine Wange zu schmiegen. Auch die anderen schieben sichtlich erleichtert, als er versicherte, dass es ihm gut ging und sie sich schließlich alle wieder an die Arbeit machten. Er nahm sich eine der Lampen mit und verschwand wieder unter Deck, um sich ebenfalls nützlich zu machen, statt nur dabei zuzusehen. Um den Kopfschmerzen Herr zu werden, füllte er vorher aber noch seinen Wasserschlauch, verwahrte ihn an seinem Gürtel. In der Laternenkammer hörte er bereits, dass jemand bindet Kammer dahinter werkelte, stellte die Laterne ab und schob vorsichtig die Tür zur Waffenkammer auf, um sie Skadi nicht ausversehen gegen den Rücken zu rammen. „Hat das Fluchen schon angefangen?“, hörte er aus ihrem Brummen heraus und verstand alsbald auch, wieso. Etwas erschlagen presste er die Luft zwischen den Lippen hindurch und besah sich das Ausmaß vor ihren Augen. Die Waffenkammer war einer der Orte am Schiff, die er nicht häufig aufsuchte. Den Degen, den er nutzte, hatte er oben und pflegte ihn stiefmütterlich. Mit einem Seufzen löste er sich von der Überforderung beim Anblick dieses Chaos‘, fuhr Sineca kurz mit zwei Fingern über den Kopf und kniete sich zur Nordskov hinunter. „Wie ist dein Plan? Sollen wir nach und nach alles raus ins Licht räumen? Lässt sich dort vielleicht besser beurteilen als im Halbdunkeln. Irgendwas muss zu Retten sein.“ Er klang nicht so überzeugt, wie er gerne gewollt hätte.