22.04.2022, 16:55
I have waited for the sun to rise
Vormittag des 18. Juni 1822Skadi Nordskov & Liam Casey
Das erste, was sich zurück in sein Bewusstsein kämpfte, war ein Stechen in der Schläfe. Mit einem leisen Ächzen drehte er sich von der Seite zurück auf den Rücken. Die Hängematte kam ihm ungewöhnlich hart vor an diesem Morgen und auch die Geräusche waren irgendwie anders als sonst. Er fühlte sich wie nach einer durchzechten Nacht. Nur fehlten die Erinnerungsfetzen an eine ausgelassene Feierei. Stattdessen war da Rúnar, eine Lampe und ein Drache. Langsam, ohne die Augen zu öffnen, wollte er die Hand heben, um sich die Augen zu reiben, zog sie aber rasch zur Seite, als er an etwas an seiner Bettkante hängen blieb und wählte somit doch den Schnellstart. Es dauerte einen Herzschlag, bis sich der Schleier vor seinen Augen legte und er Skadi erkannte, die in einer augenscheinlich eher unbequemen Lage mit dem Oberkörper auf der Bettkante zu schlafen schien. „Skadi…“, murmelte er. Beim Umsehen verstand er auch, weshalb sich seine Hängematte heute so komisch angefühlt hatte. Das Lazarett. Die Vögel. Rúnar. Ihr improvisierter Plan. Dann fehlte etwas in seinen Erinnerungen. Die Suche danach verhinderte der Kopfschmerz, also ließ er es bleiben. Stattdessen kniff er noch einmal die Augen zusammen und richtete sich auf. Der Anblick Skadis hinterließ ein blasses Lächeln auf seinen Lippen. Vorsichtig, ohne die Absicht, sie zu wecken, streckte er die Hand aus und fuhr ihr sanft übers Haar. Er hatte ein schlechtes Gewissen. Ihre Nacht konnte unmöglich erholsam gewesen sein.
Krallen streckten sich nach ihr aus. Spitz und schuppig. Sie wich gerade noch rechtzeitig zur Seite, bevor der Vogel ins Geländer krachte und dicke Holzsplitter in die Luft stoben. Isala schrie in ihrem Rücken. Ohrenbetäubend. Und als sie sich herum wandte, den Blick weit geöffnet, berührte sie etwas am Hinterkopf. Schlagartig löste sich ihre Hand vom Bett und schnellte um das Handgelenk des Musikers. Zog es in einer ruckartigen Bewegung zur Seite, in der sie Liam beinahe mehr als unsanft aus dem Bett katapultierte. Wie ein erschrockenes Reh starrte sie zu ihm hinüber. Mit aufgerichtetem Oberkörper und vor Adrenalin pochendem Herzen. Und realisierte erst Sekunden später, dass sie geträumt hatte. Dass sie wohl neben Liam eingeschlafen war, als sie das letzte Mal nach ihm hatte sehen wollen. Augenblicklich lockerte sie ihre Finger, ließ von ihm ab und schluckte betroffen. „Tschuldige... hab ich dir weh getan?“ Ihre Augen wanderten von seinem verzerrtem Gesicht auf den Rest seines Körpers - weitgehend unversehrt, wenn man von seiner Hand absah.
Er hatte sich das anders vorgestellt. Zugegeben – hätte er einen Moment länger darüber nachgedacht, wäre ihre Reaktion vermutlich nicht ganz so überraschend ausgefallen, wie sie es jetzt tat. Mit brummendem Schädel, unheimlich schweren Gliedern und einer benebelten Erinnerung, die nicht damit herausrücken wollte, was die letzten zwölf Stunden passiert war. Im Grunde hatte er Skadi noch nicht einmal richtig berührt, als sie schon hochfuhr und seinen gesamten Körper nur an seinem Handgelenk herumwendete. In erster Linie, weil Liam ihrer Bewegung nachgab, um weitere Schmerzen oder gar einen Bruch zu verhindern. Noch ehe er es gänzlich realisiert hatte, fand er sich ungemütlich zusammengefaltet am Fußende wieder. Der Schreck stand der Nordskov förmlich ins Gesicht geschrieben. Liam bemühte sich um ein Lächeln. Er brauchte einen Moment, bis sich seine Züge wieder entspannten und er nicht mehr damit rechnete, im nächsten Augenblick tatsächlich noch mehr davonzutragen als erhofft. „Alles gut. Jetzt weiß ich wenigstens, dass ich nicht träume.“ Oder tot war. Seine Stimme klang etwas atemloser als sonst, doch das unangenehme Ziehen ließ bereits nach. Möglichst unauffällig rieb er sich das betroffene Handgelenkt mit der anderen Hand, zog die Beine unter seiner ungemütlichen Position heraus und setzte sich auf. „Ich wollte dich nicht wecken. Hast du die ganze Nacht dort gekauert?“ Er war sichtlich berührt, aber auch sein schlechtes Gewissen war ihm deutlich anzusehen, als er eine einladende Geste auf die Pritsche machte, die er für die Nacht wohl sein Eigen genannt hatte.
Sie wollte sich erheben. Mit beiden Händen vom Rand des Bettes abstützen, um ihm zurück auf seine fünf Buchstaben zu helfen. Doch Liams Lächeln nagelte sie an Ort und Stelle fest. Der Schreck saß wohl für einen Bruchteil von Sekunden in ihrer beider Knochen. Somit seufzte sie. Etwas erleichtert, dass sie ihn nicht gänzlich vom Krankenbett geschleudert und ihm irgendwas gebrochen hatte. Seltsame Vögel und eine unkooperative Handelsschiffsbesatzung reichten wohl für die nächsten paar Tage. Zumindest würde sich Skadi in nächster Zeit nicht über zu wenig Abenteuer beschweren - wenn sie es je zuvor getan hätte. „Ich wollte nur sicher gehen, dass du nicht doch noch das Gift aus dem Schrank abbekommen hast.“, brummte sie kleinlaut und presste die Lippen aufeinander. Taktierte ihn mit ihren Blicken, damit er sehr genau wusste, wie dumm es gewesen war, sie nicht sofort zu sich zu rufen. Gregory hatte sie bereits die Leviten gelesen, nachdem er sie endlich in die Vorkommnisse eingeweiht hatte. Liam selbst war dafür zu schwach und größtenteils bewusstlos gewesen. „Und dabei hatte ich gedacht, dass dieser Platz der beste Aufbewahrungsort für meine Gifte ist... vielleicht sollte ich doch nicht mehr Trevor als Maßstab für meine Sicherheitsstandards nehmen.“ Auch wenn der Anflug eines Schmunzelns über ihren Mundwinkel zuckte, schnipste sie Liam tadeln gegen die Brust. Kletterte bei seiner Geste bereits über die Bettkannte und ließ sich schwer seufzend neben ihm auf der Pritsche nieder. „Wie geht's dir? Du hast gestern furchtbar ausgesehen.“
Skadis Züge machten kein Geheimnis daraus, dass sie verstimmt war. Liam erinnerte sich zwar nicht genau daran, aber irgendetwas in seinem Gedächtnis regte sich und sagte ihm dass sie das Thema bereits hatten. Der Lockenkopf verzog die Lippen, nahm sich aber vor, das Thema gar nicht weiter zu vertiefen – im Gegensatz zu Skadi, die ihn zwar mit neckendem Unterton, aber ohne Zögern der Gefahr gleichsetzte, die Trevor allgemein für allerlei Dinge verbreitete. „Als die Sphinx fast gekentert ist, ist alles Mögliche aus den Schränken gefallen. Es war Pech, mehr nicht.“, zeigte er leise Reue und gab scherzhaft ihrem Tadel nach. Als sie nach seinem Befinden fragte, verengte er die Augen und blinzelte ein paar Mal, um seine Antwort genauer auszuloten. „Ich fühle mich, als hätte ich drei Nächte durchgemacht. Ohne Schlaf. Und ohne dem Alkohol auch nur einmal abzuschwören.“ Er rieb sich die Stirn, doch die Kopfschmerzen ließen sich dadurch mit Nichten vertreiben. „Wie lange war ich weg?“ Skadis ‚gestern‘ entschärften seine schlimmsten Befürchtungen zwar bereits, aber er wollte sicher gehen, dass es nicht wirklich drei Nächte gewesen waren. „Und Rúnar. Wie geht es Rúnar?“
Wenn er nur die Kopfschmerzen waren, konnte er sich in ihren Augen mehr als glücklich schätzen. Im besten Fall hatte er sich ihr hochprozentiges Kamillenfläschchen einverleibt. Andernfalls hätte sie wohl wahrhaftig Himmel und Hölle in Bewegung setzen müssen. „Das Glück des Straßenköters, was?“, schob es sich mit einem hörbaren Schmunzeln zwischen ihren Lippen ins Freie, ehe sie ihm liebevoll mit dem Ellenbogen in die Seite pikste. „Ich schätze einen halben Tag und die ganze Nacht.“ Ehrlich gesagt hatte sie dank des Nebels ein wenig das Zeitgefühl verloren. Es konnte auch gut sein, dass Liam nur die Nacht über kaum ansprechbar gewesen war und mehr als nur seinen Rausch ausgeschlafen hatte. „Dem geht’s… ganz okay.“ Ihr Blick wanderte zur Bestätigung auf das gegenüberliegende Bett. Allein die zerknüllten Laken zeugten von dem warmen Körper, der noch vor wenigen Stunden dort geschlafen hatte. Vielleicht hatte er aber auch seinen Platz mit Isala getauscht. Skadi war sich selbst nicht mehr wirklich sicher. Es war einfach so unfassbar viel passiert, dass die Stunden völlig verschwammen. „Lust auf nen Tee? Vielleicht hilft das ein wenig gegen deine Kopfschmerzen?“ Die dunklen Augen wanderten zurück auf die feinen Furchen auf seiner Stirn. Irgendwo in ihrem Fundus musste sie noch ein paar Kräuter verstaut haben, die der Nebel nicht dahin gerafft hatte.
„Scheinbar.“, schmunzelte er und zuckte machtlos mit der Schulter. Skadis Gemüt schien sich allmählich zu beruhigen und er war froh, dass es so war. Es ging ihm verhältnismäßig gut und das letzte, was er wollte, war, ihr Sorgen zu bereiten. „Ich hab‘ dir doch schon mal gesagt: Unkraut vergeht nicht.“ Es war kein Wunder, dass er sich derart erschlagen fühlte. Nach so viel Schlaf war das fast schon vorprogrammiert. Liam runzelte abermals dir Stirn, weil ihn das Gefühl überkam, irgendetwas vergessen zu haben. Das besserte sich auch nicht, nachdem Skadi ihm versichert hatte, dass Rúnar noch an einem Stück war. „Das… beruhigt mich.“ Sehr sogar. Er hätte nur schwer damit leben können, den Jüngeren auf dem Gewissen zu haben. Das Risiko waren sie beide eingegangen - aber hoffend, es nicht zu bereuen. Ein wohliger Laut verließ seine Kehle, als sie Tee vorschlug. Sein Mund war trocken. „Ja, das klingt gut.“, nickte er und lächelte ihrer besorgten Miene entgegen. „Es geht mir gut, Skadi. Gib mir zwei, drei Stunden und ich bin wieder ganz der Alte. Naja. Vielleicht auch fünf… Aber spielt auch keine Rolle.“ Zuversichtlich drückte er ihre Hand. Mochte sein, dass er wiedermal mehr Glück als Verstand bewiesen hatte - aber sie lebten. Das war es, was zählte.
Zwei, drei Stunden. Skadi schnaubte. Konnte sich das schmale Lächeln dennoch nicht verkneifen, als sie sich langsam vom Bett schob. Liam hatte wirklich Nerven. „Wenn nicht, stopf ich dich mit so vielen Kräutern voll, dass du die nächsten Jahre nicht mehr krank wirst.“ Innerlich desinfiziert, würde man vielleicht sagen. „Und ja… das war eine Drohung.“ Auch wenn es weder wie eine klang noch aussah. Denn mit einem breiten Grinsen neben seinem Bett zu stehen, hatte wenig von tadelnder Strenge. Und dessen konnte sich die Nordskov nur all zu leicht bedienen. Das wussten sie beide. „Bin gleich zurück.“ War das letzte, dass sie an ihn wandte, ehe sie auf dem Absatz Kehrt machte und zur Kombüse verschwand. Rayon hatte noch etwas Restwasser vom Frühstück über. Und mit dem kleinen Rest aus ihrem Vorrat in einem der Krüge, kehrte sie wieder zurück. Schob mit dem Fuß die Tür in den Raum, um mit ausgestreckter Hand durch den Spalt zu schlüpfen.
„Ich bin doch kein Braten.“, brummte er gutmütig, hob dann aber in demütiger Geste die Handflächen, als Skadi den Ernst ihrer Drohung klarstellte. In seinen Mundwinkeln hockte noch immer ein Schmunzeln, als er ihr nachsah und Dankbarkeit für die Leichtigkeit empfand. Der Lockenkopf zwang sich zu einem tiefen Atemzug und schloss die Augen, ehe er sich das erste Mal überhaupt richtig im Lazarett umsah. Wie es aussah, waren sie tatsächlich erstaunlich gut aus der Situation gekommen. Mehr Glück als Verstand – ein Motto, dass der Sphinx wohl am Heck klebte wie Muscheln an modrigem Holz. Und trotzdem – irgendetwas war da, was er vergessen hatte. Etwas, was ihm wichtig war, auf das er aber partout nicht kommen wollte. Als Skadi zurückkehrte, sah er auf. „Danke.“ Eine kurze Pause entstand. „Was ist mit dir? Hast du gestern etwas abbekommen?“, schob er dann leise besorgt hinterher und sah sie an. Es war alles drunter und drüber gegangen. Sie hatten keine Zeit gehabt, etwas anderes zu tun, als sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Und das war auch gut so gewesen. Und während er ihre feinen Züge inspizierte, die selbst das Veilchen nicht entstellen konnte, dämmerte ihm, was er vergessen hatte. Plötzlich sprang er auf, bereute es im gleichen Moment allerdings wieder, als die Welt unangenehm zu schwanken begann. „Ich muss was holen.“, erklärte er, während er mit zugekniffenen Augen darauf wartete, dass sich sein Kreislauf an den Positionswechsel gewöhnt hatte.
„Nein. Was ein Wunder ist... wenn man sich Isala so anschaut.“ Seufzend ließ sich die Nordskov auf der Bettkannte nieder, den warmen Becher in Liams ausgestreckten Hände platzierend. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie nicht sonderlich darüber nachgedacht, was passiert war. Mit wie viel unverschämten Glück sie gesegnet gewesen sein musste, um mit nicht mehr als ein paar Schnittwunden von umherfliegenden Holzsplittern davongekommen zu sein. Der Vogel war so nah gewesen. Er hätte nur von einer gezielten Bewegung seines spitzen Schnabels oder seiner Klauen Gebrauch machen müssen, um sie in zwei Teile zu zerhacken. „Hab nur einen Dolch verloren, der wahrscheinlich noch immer im Bein von diesem Federvieh steckt.“ Was ein durchaus verschmerzbarer Verlust war, den sie mit einem fast schon erleichterten Schmunzeln hinnahm. „Aber dafür kann ich dir gern im Detail erzählen, wie dieses Tier aussah, falls du es malen willst. Beeindruckend war es definitiv... so etwas... hab ich noch nie zuvor...“ Doch weiter kam Skadi nicht. Realisierte die plötzliche Bewegung neben sich und streckte bereits eine Hand schützend vor ihm aus, als er zu taumeln begann. Mit zusammengezogenen Augenbrauen musterte sie ihn. Wartete, bis sein Stand bei weitem fester war, bevor sie sich zurück zog. Ein Wunder, dass er nicht den ganzen Tee auf dem Krankenbett verschüttet hatte. „Muss das unbedingt jetzt sein? Kann das nicht zwei drei Stunden warte, bis du nicht mehr umkippst wie ein Neugeborenes, das noch nicht laufen kann?“
Auch, wenn er sich nichts anmerken ließ, fiel ihm zweifellos ein Stein vom Herzen. Wie schlimm es Isala erwischt hatte, hatte er gestern gar nicht überschlagen, als sie ihre Hilfe angeboten hatte. Letztlich zeugte ihre Bereitschaft, sich trotzdem nochmal zum Vogelfutter ernennen zu lassen von viel Mut. Und einer ordentlichen Portion Lebensmüdigkeit. Seine Mundwinkel zuckten aussagelos, als sie fortfuhr und vielleicht war gerade das der Punkt, der ihm die Erinnerung ins Bewusstsein rief. Das Angebot, ihm die Epogryphen aus der Nähe zu beschreiben, nahm er im Grunde nur noch oberflächlich wahr, ohne den Inhalt dahinter wirklich aufzunehmen. Den Ärger, der in der Stimme der Nordskov mitschwang, als er mehr schlecht als Recht auf den Beinen stand, konnte er sogar nachvollziehen. Aber brachte ihn nicht mal ansatzweise dazu, von seinem Vorhaben abzuhalten. „Nein. Kann es nicht.“, beteuerte er mit ungewohntem Nachdruck in der Stimme, ohne dass das Lächeln von seinen Zügen verschwand. Das Wanken ließ nach und auch der Tunnel um sein Sichtfeld herum zog sich zurück, als er Skadi den Becher wieder in die Hand drückte, ohne auch nur einen Schluck genommen zu haben. „Bin gleich zurück.“
Er verschwand in Richtung der Kajüten. Dort angekommen, kniete er sich vor seine unverschlossene Truhe und zog einen kleinen Kalender hervor, auf dem die Tage abgestrichen waren, seit sie wieder in See gestochen waren. Nach einer kurzen Versicherung warf er ihn zurück in das Chaos der Truhe und holte stattdessen einen kleinen Beutel hervor, mit dem er sich zurück zu seinem Ausweichquartier begab. Langsam setzte er sich wieder neben Skadi auf die Pritsche, einen etwa anderthalb Hand hohen Beutel in der Hand, der oben mit Lederriemen verschlossen war. An diesen Riemen hing – ebenfalls mit dünnem Leder befestigt - eine lederne Messerscheide, aus der ein nicht prunkvoll, aber einfach verzierter Griff aus Kirsche ragte. „Ich, ehm.“, druckste er kurz herum, ehe er den Blick zu Skadis verdutzem Gesicht hob und ihr ein warmes Lächeln schenkte. „Enrique hat es in Silvestre ausgeplaudert und… Ich habe die Tage gezählt, weil auf See die Zeit ja oftmals verschwimmt.“ Sie mochte eine Verspätung also hoffentlich zu entschuldigen wissen. „Alles Gute zum Geburtstag.“, kürzte er schließlich ab und reichte ihr den Beutel, der randvoll mit Honigbonbons gefüllt war.
Es erschien ihr schleierhaft, wieso er so dermaßen darauf erpicht war, JETZT etwas holen zu müssen, was keine Beine bekam und vom Schiff sprang. Doch sie ließ ihn einfach machen. Sah ihm schweigend, wenn auch skeptisch nach und ließ sich dann schwer seufzend rücklings aufs Bett fallen. Hörte die dumpfen Stimmen über sich auf dem Deck durch die dicken Bohlen vibrieren. Zählte die Furchen in der Decke und schmunzelte tief in sich hinein. Sie war glücklich. Zum ersten Mal seit Wochen. Nein. Seit Monaten. Fühlte sich frei und unbeschwert. Sie hatten den Angriff überlegt. Weitesgehend unbeschadet. Jón war aufs Schiff gekommen, etwas, dass sowohl sie selbst als auch Rúnar vollkommen unvorbereitet getroffen hatte. Enrique ging es gut. Talin und Lucien waren wie eh und je. Und Liam... ein Gedanke an ihn und Skadi dreht sich tief durchatmend auf die Seite. Schloss die Augen und spürte der Wärme nach, die er auf den Laken zurückgelassen hatte. Ihr Streit war schon in den Hintergrund gerückt und dermaßen lächerlich, wenn sie so darüber nachdachte. Auch wenn ihr klar war, dass er schneller wiederkehren konnte, als ihnen lieb war. Dafür waren sie in diesem Punkt ihrer beider Leben einfach zu unterschiedlich. Es brauchte eine gefühlte Ewigkeit, bis Liam zurück war. Skadi hatte sich indes wieder auf den Rücken gerollt und den Tee zur Sicherheit mit einer Hand auf ihrem Bauch platziert. Erhob sich, als sich die Tür leise knarzend vom Rahmen entfernte und beobachtete, wie Liam ans Bett heran trat.
Mit einem Beutel in der Hand. Beiläufig schob sie den Krug von sich auf die oberen Seite des Bettes. Starrte auf die Messerscheide, dann auf den Beutel, dann hinauf zu Liam. Hatte sie sich gerade verhört? „Für mich?“ Es war vielleicht eine rhetorische Frage, doch die Nordskov schien in diesem Moment zu perplex, um etwas anderes zu erwidern. Wie gebannt sah sie zurück auf den Beutel. Nahm ihn behutsam entgegen und schluckte. Enrique wusste, wann sie Geburtstag hatte? Sie selbst hatte es vollkommen vergessen. Wie war es also möglich, dass irgendwer sonst daran dachte? Eine Weile herrschte Stille in dem kleinen Raum. Skadi war zu sehr gebannt von dem Geschenk, das recht schwer in ihren Händen wog. Traute sich kaum den Lederriemen zu öffnen, der spielend leicht unter ihren Fingern nachgab. Helles Gold eröffnete sich im Inneren des Beutels. Wohlig duftend. Behutsam nahm sie eine der Perlen zwischen die Finger, hob sie vor ihr Gesicht und schnupperte daran, ehe sie zwischen ihren Lippen verschwand. Der Geschmack von Honig legte sich um ihre Zunge und hinterließ ein wohliges Brummen und breites Lächeln auf ihren Zügen. „Danke... das... wäre nicht nötig gewesen.“ Sie hielt ihm den Beutel entgegen, in einer stillen Geste, dass er sich daran bedienen sollte. Stellte dann den Beutel neben sich aufs Bett und löste die Messerscheide vom Rest. Der Griff war mit feinen Ornamenten versehen. Feinste Handarbeit, wie sie mit einem näheren Blick erkannte. Fast als könne sie mit einer falschen Bewegung etwas zerstören, zog sie an dem Griff und starrte mit offenem Mund auf das schimmernde Metall. Hatte sie geglaubt, dass das aufbereitete Kirschholz bereits kostbar gewesen sein musste, blieb ihr beim Anblick der Klinge regelrecht die Spucke weg.