22.09.2021, 14:16
Ein tiefes, gedehntes Seufzen galt Alex. Einen Augenblick lang überlegte er tatsächlich, ob seine Bemerkung einer Reaktion bedurfte – einer Reaktion, die mehr beinhaltete, als sein eindeutiges Seufzen und seinen Blick, der deutlich zeigte, dass es ihn nicht überraschte. Liam entschied sich letztlich allerdings dagegen im Angesicht der Lage. Nicht, weil er etwas Besseres zu tun hatte. Sondern, weil sie ihre Gedanken besser mit Sinnvollerem verschwendeten als amüsiertem Geplänkel. Obwohl – wenn sie hier wirklich noch draufgingen, dann besser mit Späßen als tottraurigem Ernst. Eine Reaktion des Captain ließ allerdings noch länger warten und die beiden Männer neben ihm an der Reling wurden zunehmend unruhiger. Ceallagh war still und konzentriert. Er bildete sich zwar nicht ein, den Blondschopf in ihren bisher eher wenigen Abenteuern gut zu kennen, aber still war mit Sicherheit eines der letzten Worte, die er im Normalfall für ihn verwendet hätte. Dann tat sich was. Liams Augenbrauen zogen sich abwartend zusammen. Tarón übernahm die Verhandlungen, vom Achterdeck kam Lucien gemeinsam mit Skadi in die Richtung der Reling.
Das gesamte Schiff schien aufzuatmen, als von Lucien endlich die Anweisung kam, den Anker zu lichten. Ceallagh ließ nicht lange auf sich warten und trat wie geheißen auf Rayon zu, um dem Befehl nachzukommen.
„Dann können wir uns schon mal Gedanken machen, was wir den restlichen Problemen entgegensetzen.“, murmelte er leise seinem Freund zu und ließ den Blick angespannt über das Deck wandern.
Alex brummte zustimmend. Zu durften nicht vergessen, dass dieser Nebel hier das einzige war, was ihnen gerade das Leben schwer machte. Kaum, dass sie den Nebel verlassen würden, würden sie vermutlich bereits wieder auf dem Speiseplan dieser riesigen Vögel stehen. Liams Blick blieb schließlich am mittleren Mast hängen, der zum Krähennest hinaufführte. Der desolate Zustand des Ausgucks blieb ihnen durch den Nebel von hier unten bislang noch immer verborgen – nur Isala und Skadi wussten, wie sehr ihnen diese Vögel bislang zugesetzt hatten.
„Shan- …aya!“, begann der Lockenkopf und fixierte das Steuerrad auf dem Achterdeck, bloß um überrascht festzustellen, dass es Greos Hutkrempe war, die er an dieser Position ausmachen konnte und nicht die Schwarzhaarige. Die aufkeimende Sorge wurde allerdings durch die angespannte Ruhe dort oben ziemlich schnell erstickt. „Ihr braucht jemanden oben, um uns hier herauszunavigieren, oder?“
Er spürte augenblicklich den entgeisterten Blick seines Freundes auf seinem Gesicht ruhen. Liam hingegen wich ihm aus und genehmigte sich zuerst einen tiefen Atemzug, um die eigene innere Unruhe, die mit diesem Vorschlag in ihm aufkochte, irgendwie im Zaum zu halten. Es war eine Selbstmordaktion. Um das zu wissen, brauchte er Alex‘ Blick nicht. Aber er hatte einen Plan. Naja, eine Idee vielleicht. Und es war ihm allemal lieber, selbst dort hochzusteigen, als jemand anderen in den Tod zu schicken.
„Sag mal, spinnst du?“, mischte sich Alex schließlich ein, als ihn die Tatsache allmählich störte, dass Liam ihn bewusst ignorierte.
„Ich habe einen Plan. Und für den Fall, dass der schief geht, brauche ich dich hier unten. Erinnerst du dich, als wir unter Will gesegelt sind? Als wir keine Kugeln mehr hatten?“
Alex‘ Stirn runzelte sich nachdenklich, ehe er zu verstehen schien. Sein Blick wanderte von den Kanonen am Achterdeck hinauf in den Nebel, wo das Krähennest sein musste.
„Dir ist klar, dass die Wahrscheinlichkeit, dich damit nicht zu treffen, nahezu bei Null liegen?“
Er musterte das Gesicht des Jüngeren genau; fast so, als könne er damit den Wahnsinn erkennen, der ihn offenbar ergriffen hatte. Oder den Hauch von Einsicht, dass sein Plan B kein guter Plan war. Wollte er wirklich wissen, wie dann Plan A aussah?
„Wenn alles glatt läuft, müssen wir’s nicht herausfinden.“ Liam schmunzelte freudlos, ehe er sich von der Reling abstieß und nach jemandem Ausschau hielt, den er erst beim zweiten Blick in der Nähe von Trevor erkannte. „Bereite alles vor, besprich es mit Talin. Nimm dir Leute zur Hand, die damit vielleicht Erfahrung haben könnten. Rym vielleicht. Oder Josiah.“
Seine Hand umgriff für einen Sekundenbruchteil zuversichtlich die Schulter seines Freundes und ein optimistisches Lächeln später war Liam bereits aufgestanden und steuerte auf die Tür zu, die unter Deck führte.
„Rúnar! Ich brauch‘ dich hier!“, rief er, öffnete die Tür und hielt sie in Erwartung des Hellhäutigen mit dem Fuß offen, ehe er die Treppe nach unten eilte. „Meinst du, wir bekommen irgendwo genug Licht her, um diese Vögel zu blenden? Es ist bewölkt, die Sonne hilft uns nicht. Wir bräuchten sogesehen eine Art… eigenen Leuchtturm oder sowas.“, überlegte er laut und brachte dem Jüngeren damit auch gleich seine Gedanken näher.