18.06.2021, 17:35
Tatsächlich konnte Soula dann auch wieder schmunzeln, als James sich theatralisch ans Herz fasste und ihr einen eindeutig negativ behafteten Blick zuwarf. Es fühlte sich wie eine erneute Genugtuung an. Vor ihm sollte sie sich allerdings in Acht nehmen, das war klar. Nur war Soula kein wehrloses Mauerblümchen und das blieb ihm nun hoffentlich auch deutlich im Gedächtnis. Zu sagen hatte sie allerdings nichts mehr. Sie hatte deutlich gemacht, was sie von der ganzen Situation hielt und es war nicht nötig dem noch irgendetwas hinzuzufügen. Soula entspannte sich aber erst wieder, als James mit dem Neuling im Nebel verschwunden war.
Diese ganzen Ereignisse müsste Soula erst mal ein bisschen sacken lassen, bis sie sich darüber im Klaren werden würde, wie sie die Situation einschätzen wollte. Prinzipiell vertraute sie auf diesem Schiff, außer Loki, (noch) niemandem wirklich. Soula war immer noch voreingenommen, mit einem gewissen Misstrauen, das sie Piraten gegenüber hegte. Auch wenn sie ein paar wenige Stunden schon mit dem ein oder anderen Crew-Mitglied verbracht hatte, war sie es nicht gänzlich losgeworden. Ein gesundes Maß an Misstrauen war aber sicher auch ziemlich gesund. Bestimmt!
Als sie das dumpfe Geräusch der Taue hörte, die auf Holz fielen, hatte Alex für einen kurzen Moment ihre Aufmerksamkeit. Sie erwartete ein Schmunzeln, ein Grinsen, wie sie es sonst bisher bei ihm gesehen hatte. Doch für diesen Augenblick, nachdem er die Worte ihr gegenüber ausgesprochen hatte, verschwand es und zeigte ihr nur wieder, dass sie absolut gar nichts über die Menschen in dieser Crew wusste. Soula nickte ihm lediglich zu, bevor Alex seine Stimme erhob, um die ganze Crew davon in Kenntnis zu setzen, dass alle wieder an Bord waren. Dafür, dass Rayon ihr erst vor kurzem stolz erzählt hatte, wie gut das Schiff in der Werft in Schuss gebracht wurde, war jetzt nur zu hoffen, dass es nicht zu sehr in Mitleidenschaft gezogen wurde. Wenn sie sich wieder an das Kreischen erinnerte, waren sie sicher noch weit davon entfernt, wieder aufatmen zu können.
Ihr Blick lag für einen Moment auf Tarón. Es interessierte sie sehr, warum er es getan hatte und sie überlegte kurz, ob die Frage in die aktuelle Situation passte oder ob sie diese nicht lieber für später aufheben sollte.
„Warum hast du das getan?“, fragte sie dann doch mit leiser Stimme, als sie neben Tarón getreten war. Es konnte viele Gründe gehabt haben und es war völlig in Ordnung, wenn es etwas war, was er ihr noch nicht erzählen wollte. Auch wenn es bis zu einem gewissen Punkt schön war, wenn man beschützt wurde, glaubte Soula leider kaum, dass Tarón es irgendwie wegen ihr persönlich gemacht hatte. So gut kannten sie sich noch nicht, oder täuschte sie sich hier erneut?
Kurz darauf hörte sie wieder die Schreie der Vögel. Sie sah zum Krähennest und dabei fiel ihr auf, dass sie inzwischen weiter sehen konnte, als noch zuvor. Der Nebel schien durch den aufkommenden Wind weiterzuziehen. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, wie Rúnar sich an der Reling hochzog, dann folgte sie seinem Blick, als er auf das Schiff zeigte. Soula hatte sich während dem ganzen Chaos nicht gemerkt, wo das Schiff nun hätte sein sollen oder wo die Sphinx sein sollte. Sie hatte keine Ahnung davon, wie man ein Schiff segelte und sie wusste auch nicht wie schnell oder langsam sich ein Schiff fortbewegen konnte. Deswegen zog Soula nicht direkt den Schluss, dass das Schiff, auf das sie zuvor Jagd gemacht hatten, nicht an Ort und Stelle sein durfte und dass daran etwas seltsam war. Für sie war nur klar, dass sie das Schiff, auf das sie zuvor geschossen hatten, nun definitiv eingeholt hatten.