27.04.2021, 02:02
Rúnar war schon auf halbem Weg nach oben, als sie beide -- er und Calwah -- zusammenzuckten, als auf einmal Netze aus dem Nebel heraus neben ihnen herabfielen und gegen die Bordwand klatschten wie eine nasse, strähnige Mähne gegen einen Pferdhals.
Zieh dich daran hoch, wollte Rúnar dem anderen entgegenrufen, aber er verstand schon.
Während Rúnar weiter hochgezogen wurde, drehte er sich noch zwei Mal nach dem vermeintlich Schiffbrüchigen um -- nur um sicher zu gehen, dass dort nicht doch eine Herde schemenhafter Pferde mit brennen Augen auf dem Wasser stand und ihn dafür auslachte, was für ein Feigling er war. Aber das hätte er gesehen, denn jetzt -- sah er gar nichts mehr. Wenn er die Augen zusammenkniff, dann konnte er vielleicht noch den sanften Gang der Wasseroberfläche unter dem Nebel erkennen.
Umso besser konnte er dafür nun die Reling erkennen und die wiederum schemenhaften Umrisse der Crewmitglieder, die dahinter standen und ihn hinaufzogen. Der Nebel hielt sich an ihren Konturen fest wie Algen an einem Holzsteg, die mit jeder Bewegung des Wassers mitgingen, nur dass es bei den Männern die eigenen Bewegungen waren.
Rúnars Erleichterung, als er endlich den unteren Rand der Reling zu greifen bekam, wurde unsanft zerschossen und sein Dankesausruf im Keim erstickt, als schräg über ihm -- nun ziemlich gut sichtbar -- der Rücken von jemandem auftauchte, der offensichtlich unglücklich darüber war, dass sein Rücken da auftauchte. Es dauerte ein -- zwei -- drei Momente, bis Rúnars Kopf alles an seinen Platz gebracht hatte und sich der Anblick so bot, wie er ihn selbst dann nicht erwartet hätte, wenn die Crew die letzten Menschen in allen neun Welten gewesen wären.
In so schneller Sukzession, dass er ihnen selbst kaum folgen konnte, gingen Rúnar drei Gedanken durch den Kopf:
Erstens: Was in der Weltenschmiedin Namen ging da gerade vor sich?
Zweitens: Warum ging es vor sich?
Und drittens: Das hätte ich auch gerne.
Der Moment, in dem Tarón James wieder von der Reling wegzog und ein Streit ausbrach den Rúnar nur per Gehör mitbekam, lösten sich seine Gedanken (aus verschiedenen Gründen) wieder in Luft auf.
Rúnar zog sich weiter nach oben, bekam den oberen Teil der Reling zu fassen -- Calwah wurde unruhig und stapfte unsanft auf seinem Kopf herum, kletterte von da auf seine Schulter, versuchte seinen Arm hinaufzuklettern, aber hatte Schwierigkeiten mit dem nassen, labbrigen Hemd -- wahrscheinlich bemerkte er Taróns Aufgebrachtheit. Rúnar hingegen war hauptsächlich neugierig. Ehe er allerdings Weiteres tun konnte, griff jemand über die Reling in seinen Hemdrücken und zog ihn auf die Sphinx. Er versuchte gar nicht erst, graziös aufzukommen, ließ sich einfach über die Reling auf das Deck sinken.
Rúnar seufzte tief -- ihm war nicht bewusst gewesen, wie schön sich festes Material unter den Füßen und dem Hintern anfühlen konnte. Er sah hoch, in Josiahs Gesicht und auf Alex' Rückseite, der gerade noch dabei war, den anderen aus dem Wasser zu holen, gleichzeitig aber sehr eingenommen von dem Streit, der sich vor ihnen austrug. Soula stand direkt neben ihnen -- und Rúnar konnte sich langsam denken, worum es ging.
Er blickte nochmal zu Josiah, der ihm eine helfende Hand entgegenhielt. "Dankeschön", sagte er, aber mehr brachte er nicht hervor, bevor Calwah -- der neben ihm auf dem Deck saß -- fauchte und dann auf James zu rannte. Rúnar wollte ihn packen, aber die Echse war natürlich viel zu schnell.
{ erst im Wasser, dann an Deck | unmittelbar bei Josiah und Alex | in der Nähe von James, Tarón und Soula | in der Nähe von Per }