30.03.2021, 18:06
Liams Blick wanderte über die abgehetzten, unschlüssigen Gesichter, ehe er wieder an Talin hängen blieb, die mit einem Mal noch einen Hauch bleicher wirkte als den Moment zuvor. Skeptisch zog sich eine Furche über seine Stirn, ehe er ihrem Blick zu ihren Händen und schließlich zum Dolch zwischen ihren Fingern folgte. Der Nebel, der sich durch die Spalten im Holz drückte, schlang sich förmlich um das einst schimmernde Metall und hinterließ eine rostigbraune Oberfläche. Was, bei allen Welten, war hier los? Überraschung zeichnete sich auf seinem Gesicht ab. Überraschung und Ehrfurcht und mit einem Mal verstand er – oder erahnte viel mehr – was die kleine Gruppe oben an Deck offenbar festgestellt hatte. Die kleine Gruppe unter Deck rutschte ein Stück enger beisammen und besah sich das Messer, doch einen Augenblick später wurde der Moment vom Klang der Alarmglocke unterbrochen. Der Lockenkopf riss den Kopf in die Höhe. Er ahnte nichts Gutes. Sein Puls raste und die Schwerelosigkeit in seinem Magen hinterließ eine unangenehme Übelkeit vor Sorge. Talin war die erste, die wieder zu ihrer Stimme fand und ihn damit beauftragte, sich mit den anderen weiter um Ablenkung und Stoff zu kümmern. Etwas in ihm wäre ihr am liebsten nach oben gefolgt, um sich selbst zu beruhigen, doch stattdessen nickte er abwesend, schluckte trocken und redete sich ein, dass die, die oben waren, alles unter Kontrolle bringen würden.
„Sei vorsichtig.“, warf er ihr hinterher, als würde es irgendetwas an der Situation ändern.
Es dauerte einen Moment, bis die Geschäftigkeit unter Deck wieder zunahm. Die Starre löste sich erst von ihm, als Rayon mit einem der aufgeregten Hühner im Korb wieder in der Tür erschien. Abermals fühlte sich sein Herz schwer an in seiner Brust. Er tat es nicht gern. Aber solange sie keinen anderen Plan hatten, konnte es ihnen vielleicht etwas bringen. Oder sie gingen so oder so drauf.
„Sehr gut.“, wandte er sich an den Dunkelhäutigen, während Gregory, Elian und Farley sich wieder an die Stoffe begaben.
Seine Hand streifte kurz Gregorys Schulter, weil ihm die Blässe auf seinen Zügen ebenfalls nicht entgangen war und er seine Sorge nachvollziehen konnte. Es fiel ihm erstaunlich schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Einen Gedanken, der sich nicht um Gesichter drehte, die scheinbar von Bord gegangen waren. Aus weiser Voraussicht behielt er den Blick gesenkt, musterte das totgeweihte Huhn in seinem Gefängnis und fing nur einen flüchtigen Blick seines Freundes auf, ehe er sich wieder umwandte und um einen Überblick bemühte. Den Nebel, der sich mehr und mehr fast schon lebendig um sie herum nach unten seilte, versuchte er so gut es geht zu verdrängen.
„Sobald ihr welche fertig habt, benutzt sie auch. Wer weiß -“
Rayon hinter ihm riss den Arm in die Höhe. Instinktiv und bereit wirbelte Liam herum, doch da war nichts außer einem Ausläufer des Nebels. Der Lockenkopf hob den Blick und stellte beunruhigt fest, dass sich mehr und mehr Nebelschlangen nach unten kämpften. Ungeduldig hoffte er auf Talins Rückkehr mit Informationen, obwohl sie gerade erst verschwunden war.
„Macht weiter.“, versuchte er sich und die anderen wieder anzuspornen. „Was auch immer es ist, ich würde es mir gerne erstmal aus der Ferne ansehen. Rayon, meinst du, es reicht, wenn wir das Huhn kurz vorher mit diesem Zeug hier einreiben? Ich weiß nicht, wie tödlich es über Federn und Haut wirkt. Und ich bezweifle, dass dieser Seefahrerschrecken gerne mit toter Beute spielt.“
Er hielt die Hand hoch, in der die Phiolen mit Skadis Gift lagen. Obwohl er dazu tendierte, optimistisch zu sein, sah man ihm die Zweifel an. Aber sie hatten keinen anderen Plan.
„Immerhin würde ihnen dann auch das Handelsschiff reichen.“, dachte er laut und blinzelte das Gift in seiner unverletzten Hand an.
Indes hatte sich eine der Schwaden an seinem anderen Ärmel heruntergehangelt Es hinterließ ein unangenehmes Gefühl wie eine Spinne auf der Haut, bis das Kribbeln an seiner Hand angekommen war und mit einem Mal einem Messerstich gleich in stechenden Schmerz überging. Im ersten Moment blieb ihm die Luft weg, während sich seine Linke krampfartig wieder um die Giftgläschen schloss und er die Augen aufriss. Instinktiv krallte er die Rechte in den Stoff seines Hemdes in der Hoffnung, diesen plötzlichen, diffusen Schmerz damit lindern zu können. Er biss sich auf die Unterlippe, um ein schmerzverzehrtes Stöhnen zu unterdrücken.
„Wir müssen hier, verdammt nochmal, raus.“
Zu ihrem Pech hielt das Schiff allerdings statt an Fahrt aufzunehmen.