29.03.2021, 14:46
Josiah nickte bloß. Sein Blick verlor sich für einen kurzen Moment in dem Nebelsud hinter Lucien, abseits der Reling, der immer noch wie ein Totentuch über ihnen allen lag, dann schnellte er herum und rannte los.
Seine Sinne waren auf das äußerste geschärft, als er versuchte, durch die dicke Suppe zu navigieren, ohne an Geschwindigkeit zu verlieren oder in andere Menschen oder vom Angriff gelöste Gegenstände zu rennen.
Immer mal wieder hörte er links und rechts Geräusche. Menschen, die herumhantierten, Rufe, Flüche. Er widerstand den Zwang, seinen Blick herumhuschen zu lassen. Er würde eh nichts sehen, rief er sich immer wieder in Erinnerung. Niemand sah hier wirklich etwas. Aber wer war ins Wasser gestürzt?
Verflucht. Vermaledeit! Das hatte ihnen gerade noch so gefehlt.
Für einen kurzen Moment kam in Trevor in den Sinn, aber den Gedanken verwarf er schnell wieder. Bei all seiner Unvorsichtigkeit war Trevor am Ende doch einer, dem es nicht an Können fehlte. Runar dann vielleicht, oder Greo? Ceallagh hatte er ja vorhin gehört, der konnte es nicht gewesen sein. Oder war einer von unten hochgekommen? Für einen kurzen Moment versuchte sich Josiah daran zu erinnern, wen er auf Deck zuletzt gesehen hatte. Dann tauchte der Hauptmast vor ihm auf und setzte Josiahs Reise ein Ende. Ruckartig kam er zum Stehen.
Lucien. Seine Haltung. Verflucht noch einmal.
Seine Finger tanzten kurz über die Seile, bis sie ihr Ziel fanden. Beherzt griff Josiah nach dem Halyard und begann, das Seil mit geübten Griffen zu lösen, während seine Gedanken erneut kurz zu Lucien glitten und dessen Verletzung. Links, rechts, links…
Mit einem Ruck schnellte das Seil nach oben und strafte Josiahs Unaufmerksamkeit. Der Mann fluchte auf, als das Segel an seinen Armen riss und ihn für einen kurzen Moment aus dem Gleichgewicht brachte. Ein stechender Schmerz in seinen Muskeln, das Gefühl von Kontrollverlust. Doch nur kurz, dann hatte er seine Beine wieder fest gegen den Boden gestemmt, atmete tief durch und lockerte seine Knie, während er sein eigenes Gewicht in das Seil legte. Die Lazy Jacks erzitterten kurz, als sie versuchten, das Segel in Zaum zu halten, während Josiah es Stück für Stück hinunterließ, bis endlich die letzte Latte geräuschvoll zur Ruhe kam. Josiah hielt inne.
Ein paar Augenblicke lang flatterte das Segel etwas hilflos umher, dann hatte der Wind es aber schon wieder gegriffen und die Kontrolle zurückgewonnen.
Das genügte Josiah. Ein letztes Mal – nahezu unbedeutend, gedanklich war er schon wieder auf und davon – ließ er seine Finger über den Knoten gleiten, dann machte er auf der Stelle kehrt und hastete weiter zum Focksegel.
Das Seil hatte sich rauer als sonst angefühlt – ein Ergebnis des Nebels oder spielten in seine Sinne inzwischen einen Streich? Josiah war sich nicht sicher. Er presste die Lippen aufeinander.
Das Deck wurde merklich nasser, und mehr als einmal verloren Josiahs Schuhe fast den Halt. Es ging langsamer voran, als ihm lieb war, aber trotzdem erreichte er den Fockmast ohne weitere Zwischenfälle.
Das kleinere Segel ließ sich ohne viel Gejammer reffen. Anstandslos glitt eine Latte nach der anderen aufeinander, bis es zufriedenstellend kleiner geworden war, und der Wind passte sich in einem fließenden Übergang an die neuen Umstände an. Als der letzte, sichernde Bogen mit dem Seil geschwungen war, wischte sich Josiah grob die Hände an der Hose ab und erlaubte sich einen kurzen Blick „über“ die Szenerie vor ihm – die aus kaum mehr als einer weißen, milchigen Substanz ein paar Meter vor ihm bestand. Wohin jetzt? Zurück zu Lucien, um in der nächsten Nähe für weitere Befehle zu sein? Hierbleiben, um die Segel schnell ansteuern zu können – schließlich würden sie sofort los schippern müssen, sobald sie ihren Mann wieder hatten? Sich auf die Suche nach eben diesen Mann machen, um im Notfall da mit anpacken zu können?
Der Nebel hatte die Crew binnen Sekunden in einzelne Gruppen zerteilt, und Josiah hasste es mit jeder verstreichenden Minute mehr. So sehr er eigentlich ein Einzelkämpfer war – jetzt waren alle gefragt. Im Team. Er schüttelte den Kopf, dann – kurzentschlossen – marschierte er los. Lucien hatte James und Soula in die Richtung der Netze geschickt, dass hatte er gehört. Sie würden damit an die Reling gehen, also wäre das auch in grob sein Ziel. Er hatte absolut nichts gegen James, aber er traute ihm auch nicht ganz zu, es nicht zu schaffen, sich bei dem Versuch, jemanden aus dem Wasser zu hieven, selbst im Netz zu verfangen und über Board zu gehen.
Ohne noch mehr Zeit mit Nachdenken zu vertrödeln ließ er sich wieder in einen Laufschritt fallen, grob auf die Reling auf steuerboardseitens zu haltend. Diesmal erlaubte er es sich, seinen Blick immer wieder gleiten zu lassen, doch der Nebel ließ ihm keinen Spielraum. Und als er an der Reling ankam, war er immer noch alleine. Dafür waren da Geräusche. Stimmen. Eine Stimme?
Josiah dachte nicht weiter darüber nach. Ruckartig wandte er sich ab und lief wieder los, in Richtung der Geräusche, eine Hand über der Reling schwebend – für den Fall der Fälle.
Als sich wenig später eine Gestalt aus dem Nebel hervor schälte, war Josiah fast schon erleichtert, als er sie erkannte.
„Tarón!“
Ruckartig kam er neben dem Kleindrachenbändiger zum Stehen.
„Hast…“ Sein Blick traf das Seil in seinen Händen und prompt brach er ab. Hatte er ihn gefunden?
[zuerst bei Lucien, James, Soula & Alex | dann alleine beim Hauptmast, gefolgt vom Flocksegel, Reling Steuerboards und schließlich bei Tarón]