27.03.2021, 17:01
Irgendwo im Hintergrund hörte er jemanden Befehle bellen, was vermutlich der Kapitän war. Dann war zumindest der nicht über Bord gegangen. Nach wie vor verschleierte der Nebel ihm die Sicht. Es war ihm klar, dass die Chancen für halbherziges Rettungsmanöver schlecht standen, zumal die Schot zu leicht war. Egal, wie gut er sie zu bündeln und dann auszuwerfen versuchte, sie schien nicht annähernd in die Nähe der verlorenen Person zu reichen. War das der blonde Hänfling, den er da hatte rufen hören?
Unwillkürlich schüttelte er den Kopf und ließ einen Moment ernüchtert die Arme hängen. Er kam sich nutzlos vor. Sein Gesicht verzog sich zu einer etwas gequälten Miene, während er sich erneut die brennenden Ellenbogen rieb, dann schoss er die Schot sauber auf, hängte sie sich sicherheitshalber um (man wusste ja nie) und ging zu Shanaya hinüber. Er klappte den Mund auf, als ob er etwas zu sagen hatte, doch ihm fiel kein schlauer Satz ein. Sie wusste schließlich selbst, dass sie in einer misslichen Lage waren: man konnte kaum ein paar Meter weit schauen, Nebel, der Korrosion bewirkte, jemand war über Bord gegangen, irgendwo da oben trieb sich angriffslustiges Viehzeug herum und die Karten allein wussten, ob sie Gefahr liefen, eine Grundberührung zu erleiden. Ganz zu schweigen von dem Handelsschiff, was ebenfalls irgendwo da draußen vor sich hindümpeln musste.
Obgleich es auf dem Achterdeck nicht viel Sinnvolles zu tun gab, weigerten sich Greos Füße entschlossen, es zu verlassen und den anderen auf dem Hauptdeck zur Hilfe zu kommen. Was, wenn hier wieder etwas geschah?
Er griff nach der Scherschere – die Schusswaffe war ihm entglitten – und zuckte zusammen, als seine Finger über eine raue Oberfläche fuhren.
„Och nö. Nööö…“,
jammerte Greo entsetzt und schaute konsterniert auf seine Scherschere, deren sonst so blitzsaubere, stets geschärfte Schneiden von krümeligem, feinem Rost überzogen waren.
„Nö nö nö…“
Er löste sie von seinem Gürtel und hielt sie vor sich. Dazu fiel ihm jetzt erst recht nichts mehr ein. Sein Blick hingegen sprach Bände. Er guckte Shanaya an, als ob sie das große Unheil irgendwie rückgängig machen könnte. Er fasste den Verfall seiner liebsten Waffe als tiefe persönliche Kränkung auf, die ihn schier handlungsunfähig zurückließ. Sofort prüfte er den dunstigen Himmel nach einer Regung. Wenn jetzt was von dort oben auf sie herunterschoss, was sollten sie dann tun?
Resigniert klinkte er die Schere zurück an ihre Halterung und machte sich auf die Suche nach der vermaledeiten Kanone.
[Achterdeck | Shanaya | sucht die verlorene Kanone]