07.01.2021, 12:38
Er hatte kaum zu Ende gesprochen, da riss ihm ein lauter, klagender Schrei die letzten Silben von den Lippen. Ein Schrei, der nicht zu einem Menschen gehörte, der auch kein Schmerzensschrei war. Sondern vielmehr an ein Raubtier auf Beutezug erinnerte. Das waren sie also – Ceallaghs unheilvolle Vögel. Und unheilvoll, danach klangen sie wirklich.
Das Lächeln war von den Zügen des Blonden verschwunden, sein Blick und seine Worte zeugten von Ernst. Doch Lucien verzog die Lippen nur zu einem Lächeln und nickte bestätigend. Ja, ab jetzt galt es. Jeder Handgriff wurde wichtig, jeder Fehler hatte Konsequenzen. Er spürte Adrenalin in sich aufsteigen, spürte, wie sein Puls sich beschleunigte. Wie etwas in ihm ohne Rücksicht auf Verluste darauf drängte, sich in die Klauen dieser Viecher zu werfen. Etwas Dunkles, das sich jeder Bestimmung entzog. Etwas geradezu Zerstörerisches. Gäbe es da nicht ein Leben zu schützen.
Ceallagh setzte sich in Bewegung, deutete seine der Gruppe an der Reling zugewandte Haltung als Aufforderung, sich ihm anzuschließen. Und genau so war es auch. Weit kamen sie allerdings nicht, als James' Ausruf Luciens Aufmerksamkeit auf die anderen lenkte. Der blonde Hüne an seiner Seite reagierte geistesgegenwärtig, huschte an ihm vorbei wie ein Schatten, währen der junge Captain im Gegenteil nur langsamer wurde und in wenigen Schritt Entfernung stehen blieb, um sich das ganze Elend mit vor der Brust verschränkten Armen anzusehen.
James hatte Trevor gepackt, der auf der Reling balancierte (Luciens Meinung nach sicher von den Wanten gehalten) und seinen Arm – weiß der Geier, warum – in den Nebel hielt. Ihr Frischling zerrte den Hampelmann von dort oben hinunter, der daraufhin prompt in den herannahenden Ceallagh stolperte.
Mit einem tiefen Seufzen fuhr sich der Dunkelhaarige mit der Hand über die Augen, ließ die Bewegung in einem Haareraufen enden. Gerade in dem Moment wandte sich Tarón mit ernstem Blick an ihn, löste sich aus dem undefinierbaren Knäul von Spinnern, die eigentlich anderes zu tun gehabt hätten, als sich über die Reling zu hängen und erlöste Lucien damit von diesem Anblick.
Er richtete die tiefgrünen Augen auf den Älteren, runzelte für einen Moment die Stirn. Ihnen würde die Sphinx, was? Sein Blick sank auf die unscheinbare Gerätschaft in Taróns Händen, dessen Holz angefressen wirkte. Das Eisen war unter einer matten, rostroten Schicht kaum mehr zu erkennen. Unter normalen Umständen hätte der junge Captain angenommen, Tarón hielte ihm einfach einen alten Taljenblock unter die Nase, doch was auch immer er ihm konkret damit sagen wollte – es schien bedrohlich genug zu sein, um die Stimme des alten Seemannes ins Wanken zu bringen. Und das war es, was Lucien aufhorchen ließ.
Er sah auf, folgte dem Fingerzeig mit den Augen und sah gerade noch, wie der Nebel nach Rúnar haschte, wie ein paar Fetzen weißen Dunstes sich nach Trevor ausstreckten, der ihm entrissen worden war, und zwei Schritte weiter eine Schwade in Greos und Josiahs Richtung wehte. Fast, als würde dieser Nebel gezielt versuchen, die zu erreichen, die ihm am nächsten waren. Als wäre er lebendig. Ein Zufall? Eine unwillkürliche Windbewegung, die ihn näher an das Deck des Schiffes trug und eben die zu erst streifte, die direkt an der Reling standen?
„Shanaya...“,
rief er laut über die Schulter, ohne den Blick von diesem Nebel zu lösen. Ihm entging hier irgendetwas. Etwas, das Tarón bereits bemerkt hatte, weil er sich das Ganze seit einigen Minuten genauer anzusehen schien. Aus dem, was er sagte, wurde Lucien nicht direkt schlau. Das einzige, was er innerhalb dieser wenigen Herzschläge unzweifelhaft begriff, war, dass der Ältere den Nebel für eine Bedrohung hielt und auch wenn dem 21-Jährigen noch so unwahrscheinlich erschien, was sein Gegenüber mit seinen Worten andeutete, traute er dessen Urteil weit genug, um innerhalb eines Sekundenbruchteils eine Entscheidung zu treffen. Es war dieses Beben in seiner Stimme gewesen, das den Ausschlag gab.
Und so sehr es Lucien widerstrebte – ein wie auch immer für sie gefährlicher Nebel machte es beinahe noch reizvoller, sich mitten hinein zu werfen – er war nicht bereit, dieses Schiff und Talins Leben zu gefährden. Also wandte er sich um, sah zu der Schwarzhaarigen auf dem Achterdeck hinauf.
„Dreh nach Nordwesten ab! Halte uns fern von diesem Nebel!“
Er wartete nicht darauf, ob sie der Aufforderung nachkam, sondern wandte sich wieder an Tarón und musterte dessen Züge mit ernster Miene.
„Was genau hat es damit auf sich?“
Mit einem leichten Nicken wies er auf den Taljenblock.