04.01.2021, 01:09
„Hm?“
Zuerst reagierte Trevor kaum auf Josiahs Ruf. Er konnte den Blick nicht von dem Schiff vor ihnen losreißen. Die winzigen Männchen darauf rannten aufgeregt hin und her, wuselten über das Deck und die Wanten hinauf und hinunter, aber es war unmöglich zu erraten, was sie planten. Tja. Dann eben die Überraschung!
Als er sich schließlich umwandte, hatte sich bereits eine kleine Menschentraube um Josiah gebildet. Sofort war das fremde Schiff vergessen.
„Was ist los?“
Trevor drängelte sich zwischen Rúnar und James an die Reling.
„Ist das mein –?!“
Entweder war sein Fass im Nebel verschwunden und ein weiteres, deutlich älteres und mitgenommeneres an seiner Stelle daraus aufgetaucht, oder aber der Nebel hatte Trevors Fass auf magische Weise innerhalb von Sekunden verrosten lassen. Trevor entschied sich ohne lange zu überlegen für die logischere Option.
„Mein Fass! Was hab ich euch gesagt?“
Er fuchtelte aufgeregt mit den Händen.
„Wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse! Wir brauchen –“
Gerade noch rechtzeitig zog er den Kopf ein, um Taróns Wurfgeschoss zu entgehen. Was war das, ein Taljenblock?
„Genau das war mein Plan!“, erklärte er inbrünstig und verschwieg, dass seine Überlegungen nicht unbedingt vorgesehen hatten, ein Tau an den Taljenblock zu knoten. Er hätte einfach aufs Geratewohl den Nebel mit Dingen beworfen. Aber so war es natürlich viel besser!
Gespannt beugte er sich über die Reling und beobachtete, wie Tarón nach einigen Herzschlägen versuchte, dem Nebel das Eisenstück wieder zu entreißen. Widerwillig wanden sich die Nebelarme um ihre Beute, ließen sie erst im letzten Moment wieder ziehen. Das Weiß war jetzt so dicht, dass Trevor nur noch die Hand hätte ausstrecken müssen, aber er scherte sich nicht darum. Der Taljenblock in Taróns Händen war von einer rostbraunen Schicht überzogen.
„Heilige Göttin“, murmelte Trevor.
Das Strahlen in seinen Augen verriet, dass es nicht als Hilferuf gemeint war. Ohne zu zögern streckte er die Finger aus und rieb über den Rost. Dann glitt seine Hand weiter zu dem Tau, an dem das Salzwasser ebenfalls schneller als gewöhnlich seine Spuren hinterlassen hatte.
„Da hast du dein Riechsalz“, grinste er und hielt Rúnar die roten Finger unter die Nase. Zwar kein echtes, aber sein Freund sah aus, als könnte er gerade jedes bisschen gebrauchen. Und bald hatten sie vermutlich mehr als genug!
„Mann, was der Nebel mit einem ganzen Schiff anstellen könnte, wenn es länger drin ist! Wir haben so viele Nägel und Töpfe und Waffen und Kanonen und ...“
Letztere fielen ihm ein, weil in diesem Moment der zweite Kanonenschuss ertönte. Aber Trevor war viel zu aufgeregt damit beschäftigt, sämtliche potenziell rostbaren Gegenstände in seiner Umgebung aufzuzählen, um sich weiter damit zu beschäftigen.
„Hey, meint ihr, wir können auch rosten? Ich mein, man sagt doch ‚Wer rastet, der rostet‘, stimmt das?“
Er war inzwischen bei seinen eigenen Händen angekommen.
„Warum weiß ich das eigentlich nicht?“
Der Kampf gegen das Salzwasser war bei einem Leben auf See alltäglich, aber verglichen mit dem, was der Nebel in ein paar Sekunden angerichtet hatte, doch eher gemächlicher Natur. Und Dinge konnten ja nicht nur rosten, sondern auch verfaulen oder verrotten oder mit Glibberpilzen überzogen werden oder oder oder –!
Luciens Stimme verriet ihm, dass er seine Antworten vermutlich sehr bald bekommen würde. Das andere Schiff steuerte in den Nebel! Trevor stürzte gerade noch rechtzeitig an die Reling, um zu sehen, wie sich die Nebelschwaden wieder glätten. Von dem fremden Schiff war nichts mehr zu sehen. Schon war er drauf und dran, Luciens Befehl Folge zu leisten, als dessen Bedeutung ganz zu ihm durchdrang. Segelfläche reduzieren? Langsamer werden? Pah! Es gab wichtigere Dinge herauszufinden! Außerdem hatte sich Lucien ja wohl ganz explizit an Tarón gerichtet, nicht wahr? Er versicherte sich kurz, dass der Captain auf dem Weg zu ihnen stehengeblieben war und sich stattdessen mit Ceall unterhielt. Mit einem Satz war Trevor auf der Reling, verschränkte den linken Arm in den Wanten, lehnte sich vor und streckte den rechten über Bord. Der markerschütternde Schrei eines Vogel erklang, aber da war Trevors Hand bereits im Nebel verschwunden.
[bei Josiah, Tarón, James, Rúnar und Isala an der Reling | später auf der Reling, den rechten Arm im Nebel]