19.11.2020, 10:56
Das Gefühl der Hilflosigkeit war ihr entgegen geschlagen und Talin hatte die junge Frau ruhig und beruhigend angelächelt. Zumindest hoffte sie das. Nachdem sie Isala erklärt hatte, wie sie ihre Geschwindigkeit messen konnte, war der Blick der Blonden immer wieder zwischen ihr und dem Schiff vor ihnen hin und her geglitten, mit dem Gefühl, schon jetzt aufgeholt zu haben. Dabei war das völlig unsinnig. Doch nachdem sie immer wieder ihre Geschwindigkeit gemessen hatten und eine knappe halbe Stunde vergangen war, bemerkte Talin, dass sie wirklich aufholten und ihr Herz schlug wie wild. Sie hatte versucht abzuschätzen, wie lange sie noch ungefähr brauchen würden, aber hatte nicht damit rechnen können, dass sie in nicht einmal einer weiteren Stunde das andere Schiff so gut wie eingeholt hatten.
Talins Blick glitt über das Meer, erst zu dem Schiff, dann zu dem Nebel, der sie unausweichlich einzuholen schien und dann schließlich zu ihrem Bruder, der oben auf dem Achterdeck stand. Ihr Herz schlug immer noch wie verrückt, ihre Hände waren, auch wenn sie es niemals offen zugeben würde, ein wenig schwitzig vor Nervosität. Es war eine Sache, in einer Nacht und Nebel Aktion ein Marineschiff zu überfallen, aber ein Angriff auf offener See? So etwas hatte sie zwar schon mitgemacht, aber meist in der Abgeschiedenheit der Kombüse. Niemals war sie so offen bei einem Angriff dabei gewesen. Und genau aus diesem Grund fiel es ihr auch nicht schwer, ihrem Bruder das Kommando zu überlassen. Für einen Augenblick dachte sie daran zurück, wie sie herausgefunden hatte, dass ihre Heimatinsel nur deshalb so florierte, weil sie sich mit Schmuggel über Wasser hielten. Was während der Zeit passierte, als die Männer auf See waren, darüber hatten sie immer mal wieder gesprochen, sogar geprahlt und Talin war sich nicht sicher, ob dabei nicht auch von Schlachten und Überfällen die Rede war. Sie hatte ja niemals zuhören dürfen oder vielleicht war es ihr in dem Moment einfach entfallen. Aber so wie Lucien die Situation regelte, glaubte sie wirklich, darauf vertrauen zu können, dass er wusste, was er tat.
Ein kleines Grinsen schlich sich auf ihre Lippen, als sie nach oben sah, wo der Dunkelhaarige sich gerade aufhalten musste. Sie konnte sich vorstellen, wie er dort stand und den genauen Moment abzupassen versuchte, in dem sie das andere Schiff am besten angreifen sollten. Für einen Augenblick wandte sie den Blick ab, sah auf das Handelsschiff und spürte, wie ihr rasender Herzschlag einen Moment aussetzte. In diesem Augenblick fiel ein Schatten auf sie und ruckartig sah Talin wieder hoch, direkt in die Augen ihres großen Bruders. Ihr Grinsen wurde breiter, als sie seinen Blick und seine Worte mit einem Nicken bestätigte. Sie wandte sich ab, sah für einen Moment in die Dunkelheit des Türrahmens vor ihr, bevor sie tief Luft holte und nach unten rief.
„Skadi! Feuer!“
[An der Tür zum Mannschaftsdeck | in der Nähe von Lucien | ?]