03.05.2020, 20:46
Our path is laid with seeds we sow
Vormittag des 19. Mai 1822Alex Mason, Ceallagh Hayes & Trevor Scovell
Er war immer wieder aufs Neue überrascht, wie merkwürdig und ulkig manche Menschen aussehen konnten. Besonders hier, gut geschützt vor den verschlossenen Augen der Ordnungshüter, wo sich Hinz und Kunz zum Austausch von illegal erworbenen Waren trafen. Er fragte sich wirklich, wie manche von ihnen es schafften, sich im normalen Alltag unauffällig genug zu verhalten, um nicht direkt offen auf der Stirn zu tragen, dass sie dunkle Machenschaften für sich entdeckt hatten. Und damit meinte er nicht die harmlose Schmugglerei von Waren, die einem eigentlich gar nicht gehörten. Der Schwarzmarkt war ein heißes Pflaster. Ein Ort, an dem jeder jedem misstraute und gleichzeitig versuchte, jeden, der dümmer war als man selbst, übers Ohr zu hauen. Was Alex sich von seinem Ausflug hierher erhoffte, wusste er bislang selbst nicht. Irgendetwas interessantes eben, etwas, was er zu mehr Gold machen konnte, als es ihn im Einkauf kostete. Kurzum: Er suchte jemanden, der dumm genug war, sich mit seiner eigenen Masche schlagen zu lassen. Am Morgen hatte er beiläufig aufgeschnappt, dass neue Ware reingekommen war – da hatte er sich natürlich nicht lumpen lassen, selbst einen Blick darauf zu werden.
Mit verschränkten Armen schlenderte er mit finsterer Miene – Tarnung war alles! – zwischen den grimmigen Gestalten hindurch, blieb hier und da stehen und rümpfte missmutig die Nase, während er den betreffenden Händler abschätzig musterte. Er wusste ziemlich gut – wenn diese Kreaturen Schwäche witterten, stürzten sie sich wie Hyänen auf den möglichen Spitzel. Und wenn ihm etwas lieb und teuer war, dann war es gewiss seine eigene Haut. Alex wich einem Typen aus, der im vorherigen Leben mit Sicherheit mal ein Frettchen gewesen war und erhaschte einen Blick auf den nächsten Stand. Dank der käfigartigen Holzboxen wusste er genau, mit wem er es hier zu tun hatte. Amüsanter Weise war es sogar der hakennasige Kerl, der am Morgen sehr bestrebt gewesen war, seine Ware noch vor Sonnenaufgang in Empfang zu nehmen. Unscheinbar zuckte ein Grinsen in seinen Mundwinkeln. Da war er aber mal gespannt, um was es sich bei dieser wertvollen Ware so gehandelt hatte. Am Rande des Standes hatte der Händler kleinere, mit Leinen verhangene Türmchen gebaut – vermutlich aus weiteren Käfigen, die sich auch im hinteren Teil des kleinen Überbaus stapelten. Etliche Augen starrten ihm angstvoll entgegen, ohne dass er im Zwielicht erkennen konnte, um was es sich handelte, während andere Wesen wie Kreaturen von einem anderen Planeten wirkten. In einer Ecke standen gebündelt ein paar Elfenbeinstangen, daneben lag auf einem kleinen Kissen fast unsichtbar ein geschupptes, ovales Ding, von dem man ihm weißmachen wollte, dass es sich um das Ei eines Drachen handelte. Alex blieb stehen und beugte sich ein wenig nach vorne, um das handgroße Tier genauer zu betrachten, welches hastig eines der gliedrigen, behaarten Beine zurück ins Innere des kaum größeren Holzverschlages zog. Angewidert verzog er das Gesicht, als acht Augen hinter zwei erstaunlich großen Greifern zurückstarrten. Aber eines musste er dem Spinnentierchen lassen – die deutlich blaue Farbe war tatsächlich besonders, das Tier damit aber vermutlich auch mindestens so giftig und tödlich, wie es vorzugaukeln versuchte. Unauffällig hob der Lockenschopf die Augen aus seiner gebeugten Position heraus. Wie viel Chaos das Tierchen wohl verbreiten würde, wenn es – ganz zufällig – aus seinem hölzernen Gefängnis freikam?Er wurde abgelenkt, als sich zwei Gestalten an ihm vorbei an den Stand drängten. Eigentlich hatte er nur einen flüchtigen Blick für sie übrig, ehe er sich wieder dem dunkelblauen Spinnentier widmen wollte, doch etwas an ihnen war auffällig. Vielleicht war es die unpassend gute Laune, mit der man hier noch auffälliger war als ein buntes Pferd. Vielleicht war es aber auch das bärtige Gesicht des Älteren, welches ihm unangenehm bekannt vorkam. Alex vergaß selten ein Gesicht. Aber selten kam ihm die Erkenntnis so schnell wie jetzt, wo die Gelegenheit kaum passender sein konnte. Das Grinsen auf seinen Zügen wurde einen Hauch süffisanter.„Dem Geschäft immer noch nicht abgeschworen, hm?“Alex hatte sich längst wieder dem Tierchen vor sich gewidmet und rechnete damit, dass seine zwanglose Tavernenbekanntschaft von damals mit Sicherheit nicht mehr an ihn erinnern würde. Nachdem er das braune Exemplar nebendran ebenfalls einer flüchtigen Prüfung unterzogen hatte, sah er wieder auf und lächelte dem Blonden entgegen. Auch seinem Begleiter galt ein kurzer Blick, doch er kam ihm nicht bekannt vor. Im Bezug auf Schmuggler-Azubis hätte er dem Blondschopf auch irgendwie ein besseres Urteilungsvermögen zugeschrieben. So konnte man sich täuschen.