27.03.2020, 15:01
Say goodbye to yesterday
And the battle's ragingBut we're gaining ground
So many years I fought alone
I don't know, how
Got the past replaying
But you numb the shout
And all this constant inner fight
It starts to calm
Nacht des 07. Mai 1822
Skadi Nordskov & Liam Casey
Es hätte auch alles bloß ein böser Traum sein können. Ein Traum, der etliche Nächte zurück lag, einen aber noch immer nicht losgelassen hatte. Es hätte tatsächlich ein Traum sein können, hätte ihn der Schmerz in seinem rechten Arm nicht bei jeder größeren Bewegung daran erinnert, dass es keiner war. Im Gegensatz zu einem Großteil der anderen vermutlich hatte es ihn nicht in das Dorf gezogen. Nicht einmal der Gedanke, all das Geschehene mit einem guten Tropfen Alkohol ein wenig in Vergessenheit zu rücken, hatte ihn in die Taverne gelockt. Stattdessen war er in der Abenddämmerung aufgebrochen, um ein wenig mit sich selbst allein zu sein, zu laufen, ohne ein wirkliches Ziel vor Augen zu haben und einen Augenblick den Trubel vergessen zu können, den der begrenzte Raum der Sphinx mit sich brachte. Irgendwann war er umgekehrt, doch statt zum Schiff zurückzukehren, hatte er sich auf halbem Weg – man konnte das Schiff am Horizont ankern sehen – im Sand niedergelassen. Ein kleines Lagerfeuer erhellte die Nacht um ihn herum, knisterte, während die Funken im Takt der Wellen durch die Nacht tanzten. Ein tiefer Atemzug löste sich aus seiner Kehle, ehe er sich langsam rücklings in den Sand gleiten ließ und gen Himmel spähte.
Es fühlte sich an, als wäre sie bereits um die ganze Insel gelaufen. Ihr Kopf pochte vor aufkeimenden Gedanken, die sie in einem weiteren Sprint zu ersticken versuchte. All diese Barrieren in ihrem Inneren - Skadi fühlte sich immer mehr, als würde es binnen weniger Tage einfach aus ihr heraus platzen und in einer schwarzen Lache vor Enriques Füße spülen. Er ignorierte sie noch immer. Mehr sogar als vor den Ereignissen des Überfalls. So kam es ihr vor. und selbst Liam war unauffindbar, nachdem sie sich aus ihrem Loch getraut und die anderen vom Schiff, aber nicht in die Stadt begleitet hatte. Unwirsch wischte sie sich die verbliebenen Tränen aus dem Gesicht, als ein Lichtschein in ihrem Augenwinkel aufblitzte. Übervorsichtig war sie in einen der naheliegende Büsche gehechtet. Nur um festzustellen, dass der Lockenkopf am Fuße des Feuers hockte. Tief in Gedanken versunken und ungewöhnlich melancholisch. „Hier bist du also, halb die ganze Insel nach dir abgesucht.“ Ein mattes Lächeln zeichnete sich auf ihren Lippen ab, während sie sich auf ihn zubewegte und neben ihm in den Sand gleiten ließ. „Alles... okay?“
Er bekam den genauen Gedanken, der ihn seither wachhielt, gar nicht mal richtig gefasst. Vielleicht war es das gewöhnliche Chaos, das einen heimsuchte, wenn einem bewusst wurde, dass man es zum gesuchten Verbrecher geschafft hatte. Vielleicht war es das Bewusstsein, dass er sich von der Freiheit, die er so sehr genoss, vorerst verabschieden konnte. Misstrauen war nicht unbedingt seine Stärke, aber den meisten Menschen auf dieser Welt war Kopfgeld weitaus wichtiger als das Leben dahinter. Vielleicht fehlte ihm auch einfach die Stimme an seiner Seite, die über diese untypischen Sorgen lachte und ihm versicherte, dass sich nichts ändern würde. Ein Geräusch hinter ihm hätte ihn aufschrecken lassen sollen. Aber bis ihm das in den Sinn gekommen war, hatte die Person ihr Versteck bereits wieder verlassen. Er sah auf, ohne den Kopf zu bewegen und ein Lächeln zeichnete sich auf seinen Lippen ab, als er die rundliche Nase im Schein des Feuers erkannte. „Das wusste ich nicht, tut mir leid. Ich hatte nicht vor, mich zu verstecken.“, versicherte er Skadi, die ähnlich erschöpft aussah, wie er sich fühlte. Vermutlich hatte sie die letzten Nachte ebenso wenig Schlaf gefunden wie er. Liam richtete sich auf und ein kurzes nachdenkliches Runzeln blitzte über seine Stirn, ehe er sachte mit der linken Schulter zuckte. „War schon mal besser.“, schmunzelte er wahrheitsgemäß, ehe er ihre Miene musterte. „Ein bisschen Heimweh schätze ich. Mehr nicht. Was ist mit dir? Du siehst erschöpft aus.“ Einen Teil ihrer Sorgen kannte er, teilte er.
Seine Entschuldigung schnitt sich ungewohnt schmerzhaft in ihre Brust. Diese Lethargie stand ihm überhaupt nicht. Fast schnaubend presste die Nordskov die vollen Lippen aufeinander und schob mit beiden Händen ihre Fußsohlen zusammen. Hatte sie dem Rumoren in ihrem Bauch entkommen wolle, schürte der Lockenkopf es geradezu. „Sind wir doch alle irgendwie.“ Was nicht einmal gelogen war. Die Nächte waren für alle, vor allem für die Verletzten hart gewesen. Skadi hatte da wohl, mit Ausnahme weniger Blessuren, eine große Ausnahme gespielt. Was sie allerdings zu seinem Heimweh sagen sollte... nun, es wäre nichts produktives, um es in Silben und vollen Sätzen heraus zu lassen. Womöglich destruktiver, als sie beabsichtigte. Somit blieb es hinter verschlossenen Lippen, wenngleich ihre Augen bei seinen Worten seltsam zu flackern begannen.
Vermutlich hatte sie Recht. Sie hatten nur unterschiedliche Arten und Weisen, damit umzugehen. Sie brauchten alle Zeit, um mit der neuen Situation umzugehen und zu verstehen, was es für die Zukunft bedeuten würde. Am Ende würde sich tatsächlich gar nichts ändern und all die Sorgen, die sie nun belasteten, wären umsonst gewesen. Liam stimmte ihr hörbar, wenn auch wortlos zu und schließlich versanken sie in Schweigen. Sein Blick verlor sich für einen Sekundenbruchteil im Schein des Feuers, ehe er Skadis Züge wieder von der Seite musterte. Da war mehr, als sie zugeben wollte, aber es überraschte ihn nicht. Sie wollte stark sein, sich vermutlich selbst etwas vormachen. Ohne ein weiteres Wort hob er die linke Hand und umschloss damit die Finger der Jüngeren. Sie mussten nicht reden, wenn sie nicht wollten. Aber sie sollte wissen, dass sie nicht allein war. „Sag mal…“, begann er schließlich nach einer weiteren Pause und bemüht um den üblichen Humor in seiner Stimme. „Wie wird man so ein Kopfgeld eigentlich wieder los? Nur rein aus Interesse versteht sich. Immerhin zählen wir jetzt vermutlich auch endlich zu den ‚bösen Jungs‘ wie es sich für Piraten gehört.“
Die Stille fühlte sich so unfassbar unangenehm an, dass Skadi nahezu erleichtert aufatmete, als Liams Fingerkuppen über ihren Handrücken fuhren. Auf seine Frage hin blinzelte sie erst irritiert. Umfasste dann sein Handgelenk mit den Fingern ihrer Linken und lehnte sich mit zusammengezogenen Augenbrauen voraus. „Ich glaube kaum, dass noch jemand von denen lebt, die dein Gesicht beschreiben könnten.“ Dafür hatte sie gesorgt. Wie sie es schon immer tat. Für jeden, der ihr wichtig war. „Wenn doch... würde ihr dir empfehlen an meiner Seite zu bleiben. Erhöht zumindest drastisch deine Überlebenschancen.“ Fast schon beiläufig zuckte die Dunkelhaarige mit den Schultern, wenngleich sie es durchaus ernst damit meinte.
Es fühlte sich gut an, nicht allein zu sein. Es war ein bisschen Normalität zwischen all den offenen Fragen. Vielleicht war er diesbezüglich tatsächlich einfach zu wenig abgehärtet. Vielleicht war er aber auch der einzige, der sich Gedanken darum machen musste, seine Liebsten nicht in Gefahr zu bringen, indem er ihnen einen unüberlegten Besuch abstattete. Nicht, dass das in den letzten Jahren oft vorgekommen wäre – aber nun hatte man ihm theoretisch die Möglichkeit genommen. Skadis Versuch, ihm die Sorge zu nehmen, nahm er mit einem Lächeln zur Kenntnis, ehe er -möglichst unauffällig – den Kopf senkte und einen Punkt im Sand begutachtete. Jetzt war vermutlich nicht der richtige Zeitpunkt, ihr zu offenbaren, dass er davon abgesehen hatte, seinen Gegnern gänzlich den Garaus zu machen. Vielleicht würde er es irgendwann mal beiläufig erwähnen, damit sie Bescheid wusste. Aber gerade wollte er ihrem sorgenvollen Gesicht nicht noch mehr Kummer bereiten. Als sie fortfuhr, wurde das Lächeln auf seinen Zügen wärmer. Dass sie besser auf ihn aufpassen konnte als er, war kein Geheimnis. Und der Gedanke, dass ihr offenbar tatsächlich etwas an seinem Wohlergehen lag, fühlte sich im Augenblick unheimlich tröstlich an. Wie ein Stück der Heimat, die im gerade so unfassbar fern schien. Trotzdem hinterließ es einen bitteren Beigeschmack. Dankbar strich er mit dem Daumen über ihren Handrücken. „Nicht, dass mir der Gedanke nicht behagen würde…“, versicherte er ihr mit einem leisen Schmunzeln in der Stimme, ehe er ernster wurde. „Aber hast du nicht schon genug, auf die du aufpassen musst?“ Vielleicht verstand sie, worauf er hinauswollte. Nicht nur, dass sie auf sich selbst achten musste, nein, sie hatte sich auch Enrique angenommen. Und Liam entging nicht, wie leichtfertig der ehemalige Offizier mit ihrem Pflichtbewusstsein spielte.
Für einen Moment zeichnete sich auf ihren Zügen völliges Unverständnis ab. Nicht nur, dass Liam da auf irgendwelche anderen Leute auf der Sphinx anspielte, auch tunkte er damit ihren Kopf in ein Fettnäpfchen, das ihr just die Brust zuschnürte. Als hätte er ihr einen Stich verpasst, löste sie ihre Finger von ihm. Ließ sich langsam in den Sand zurück gleiten und stützte sich mit der freien Hand im Rücken ab. „Muss ich das? Habe nicht den Eindruck, als wollte das irgendeiner.“ Das von euch klebte förmlich an ihrer Zungenspitze. Blieb jedoch unausgesprochen, während der dunkle Schopf in den Nacken glitt und die Augen auf den Sternenhimmel richtete.
Der Ausdruck, den er auf ihren Zügen weckte, war für ihn im ersten Augenblick schwer zu lesen. Als sie aber schließlich recht entschlossen ihre Hand aus seinem Griff löste, ahnte er, dass es keine Erkenntnis gewesen war, die er da gesehen hatte. Liam zog die Hand zurück und bettete sie wieder in seinem Schoß. Die Finger der Rechten kribbelten noch immer dumpf und unangenehm seit jener Nacht. Es war nicht seine Absicht gewesen, sie abzuweisen. Er sorgte sich lediglich um sie. Weil sie eben das, was sie aussprach, im Bezug auf Enrique nicht wahrhaben wollte. Aber selbst der Lockenschopf hatte anhand ihrer Reaktion verstanden, dass es nicht unbedingt das erbaulichste Thema war. Er wäre allerdings nicht Liam gewesen, hätte er nicht noch mehr dazu zu sagen gehabt. „Ich will nicht, dass du denkst, ich würde deine Gesellschaft nur genießen, weil du mir im Ernstfall den Arsch retten kannst, Skadi.“, begann er schließlich und spähte in die Richtung, in der sich das Licht des Dorfes erahnen ließ. „Und ich will auch nicht, dass du denkst, du müsstest mir derlei Angebote machen, um mich in deiner Nähe zu halten.“ Ein kurzes Zucken huschte über seine Mundwinkel, ein flüchtiger Blick in ihre Richtung, ehe er wieder gen Meer spähte. „Mir liegt was an dir. Nicht an deiner Vergangenheit oder deinen Fähigkeiten.“
Sie versuchte krampfhaft den Blick nicht vom Sternenhimmel anzuwenden. Schluckte für einen kurzen Moment, als Liam die Stimme erhob. Wieso musste er jetzt davon reden? Wieso mussten immer alle direkt so theatralisch werden? Nichts was sie tat oder sagte war dazu da, um irgendetwas zu beweisen. Oder um jemanden an sich zu binden, von dem sie zum einen wusste, dass es nicht funktionieren würde, und zum anderen selbst nicht wollte, dass er es tat. Nie hatte sie sich als Käfig für einen Vogel gesehen, der in die Wildnis gehörte. Und doch senkte sich langsam der Blick auf diesen Exoten, der ihr weder gänzlich in noch aus dem Kopf ging. Skadi musterte Liam schweigend. Versucht beherrscht, um sich den Knoten in ihrem Hals nicht anmerken zu lassen. Wieso sagte er auf einmal sowas? Und wieso fegt es jegliche Antwort aus ihrem Kopf und trieb diesen Schwall Hitze zurück in ihren Körper? Mit einem Seufzen kippte die Nordskov wieder voraus und zog einen brennenden Zweig aus dem Feuer. Offensichtlich um sich der unangenehmen Schwere dieses Gesprächs zu entziehen.
Vielleicht hatte er den bitteren Ausdruck in ihren Worten auch falsch verstanden. Das allerdings änderte nichts daran, dass es ihm wichtig war, dass sie wusste, was er ihr gerade offenbart hatte. Auf eine Antwort hatte er es gar nicht abgesehen. Es bedurfte keiner Antwort, selbst wenn es bedeutete, dass seine Worte viel Platz für Interpretationen ihrerseits behielten. Zum Glück machte er sich darüber keine Gedanken, denn sonst wäre vermutlich doch eine Antwort nötig gewesen. Irgendetwas, was ihm sagte, dass sie ihn richtig verstanden hatte. Dass er Zeit mit ihr verbrachte, weil er es gerne tat und nicht, weil er sich irgendeinen Vorteil daraus erhoffte. So funktionierte Freundschaft bei ihm. Bedingungslos. Weil man den anderen eben gernhatte. Weil er nicht damit gerechnet hatte, dass Skadi etwas entgegnete, kam ihm die Stille auch nicht schwerer vor als zuvor ohne sie. Vielleicht hatte sie in seinem Rücken auch mit den Augen gerollt über all die Worte, die er machte. Als er den Blick allerdings wieder herumwandte, wirkte sie eher nachdenklich als genervt. Liam rieb sich mit der freien Hand kurz die Augen, müde, aber wissend, dass er in dieser Nacht vermutlich auch nicht mehr Schlaf bekommen würde als die Nächte zuvor. Schließlich lehnte er sich zur Seite und zog seinen Seesack heran, mit dem er vorhin aufgebrochen war, kramte eine Flasche heraus und entkorkte sie. „Magst du einen Schluck?“, bot er Skadi den Rum an, um die Schwere etwas zu vertreiben. Außerdem brachte der Alkohol das Stechen in seinem Oberarm zum Schweigen.
Irgendwie war sie froh darum, seine Gedanken nicht lesen zu können. Bereits jetzt machte sie sein Verhalten vollkommen konfus. Worte hätten daran kaum mehr etwas verbessern können. Und die Nordskov konnte auf jene ohnehin gerade gut verzichten. Es reichte vollkommen zu wissen, dass es ihm halbwegs gut ging und seine Verletzung sich nicht entzündete. Nur für einen Sekundenbruchteil tanzte das dunkle Augenpaar an den oberen Rand ihrer Lider. Dann schüttelte sie schwach, aber deutlich erkennbar den Kopf. Nach diesem einen Abend war ihr nicht mehr nach Alkohol, ganz gleich wie leicht er all das Chaos in ihrem Kopf vergessen machen konnte. „Ich bin für die nächsten Monate davon geheilt.“, entgegnet sie und senkte den Blick auf das brennende Holz zwischen ihren Fingern, bis es zerbarst und in den hellen Sand hinab fiel. „Ich frag mich immer noch, ob wir zu leichtsinnig waren, um die Anzeichen übersehen zu haben...“ Sie brach das Schweigen mit solcher Ernsthaftigkeit, dass ihr selbst flau im Magen wurde.
Liam musterte die Flasche zwischen seinen Fingern einen Moment, kaum dass Skadi abgelehnt hatte. Es war nicht schwer, zu erraten, woher ihre plötzliche Abstinenz kam. Insgeheim bewunderte er sie dafür, derart rational zu handeln und sich ihren wachen Verstandes zu bemühen. Er hatte diese Vernunft nicht, obwohl er wusste, dass es die bessere Entscheidung gewesen wäre. Im Gegensatz zu seiner Begleitung also hob er die Flasche an die Lippen und nahm einen Schluck in der Hoffnung, den Schmerz in seinem Arm baldmöglichst zu betäuben. Auch ohne den Rum brach Skadi nun aber mit ihren Gedanken heraus. Und Liam war bereit, ihnen Rede und Antwort zu stehen, solange er konnte. Er nickte langsam, nachdenklich, ehe sich sein Blick von der Flasche löste und sich wieder auf das hübsche Antlitz Skadis legte. „Wir hätten eigentlich ahnen sollen, dass niemand einfach so Fremde auf eine Hochzeit einlädt.“ Eigentlich. „Aber was wir nicht ahnen konnten, ist, dass die sich eines ganzen Dorfes bemächtigen, um uns zu kriegen. All die Vorbereitungen - sowas plant man nicht eben an einem Abend bei einem Krug Bier. Sie mussten also wissen, dass wir kommen. Woher ist die Frage.“ Niemand war so gierig, ein ganzes Dorf für ein bisschen Kopfgeld zu opfern. Oder? „Meinst du, das bisschen Gold, was sie mit uns verdient hätten, war es wert, ein ganzes Dorf in Schutt und Asche zu legen mit diesen... Dingern?“
Nachdenklich starrte Skadi ins tanzende Feuer, während Liam ausholte und eine Frage aufflammen ließ, über die sie bisher noch nie einen Gedanken verloren hatte. Wäre Shanaya in der Lage sie ins offene Messer laufen zu lassen? Nein. Das wäre reichlich dumm und erschien ihr in Anbetracht ihrer Reaktion auf Talins, Luciens und vor allem Greos Verletzung unmöglich. Was war allerdings mit jemandem, der sie dazu manipuliert hatte dorthin zu segeln? Es gab Menschen, die durchaus dazu in der Lage waren. Kleine Hinweise einstreuten. Ideen in Köpfe pflanzten und lachend an den Strippen ihrer Puppen zogen. „Ich weiß nicht wie viel auf Lucien und Enriques Kopf ausgesetzt ist...“ Das war eine Lüge. Sie wusste es. Wenngleich sie es nicht wollte, weil es ihr das Herz zusammenzog. „…aber du hast das Dorf gesehen. Verarmt, heruntergekommen und sicherlich ein ziemliches Inzestloch. Wenn es nicht nur rein des Geldes wegen gewesen war, dann, weil es ihre Berufung ist und mehr Freude bereitet, als sie in ihrem Leben sonst haben. Wer weiß wer von den Anwohnern überhaupt noch im Dorf war, als es losging. Ich habe jedenfalls keine Kinder mehr gesehen.“ Mit Ausnahme des kleinen Bartolomew. Noch so ein Thema, das ihr gern die Luft abschnürte.
Obwohl es seine eigenen Worte gewesen waren, wäre er nie auf die Idee gekommen, dass jemand von ihnen sie verraten hätte. Er wollte keine Zwietracht säen, kein Misstrauen schüren. Zum Glück offenbarte Skadi ihm nicht, auf welchen Gedanken er sie gebracht hatte. Er hätte nämlich auch keinen Beweis dafür gehabt, dass es nicht so war. Keinen außer sein Vertrauen in die, die sich für diesen Kurs entschieden hatten. Im Bezug auf Kopfgelder kannte er sich absolut nicht aus. Alex hätte diesbezüglich vielleicht etwas zu sagen gehabt, aber ihm blieb nicht mehr, als zu vermuten und Skadis Aussage blind zu vertrauen. Auch seine Augen verloren sich kurzzeitig im Feuerschein, ehe er nachdenklich aufs Meer hinaussah. „Bemitleidenswert.“, flüsterte er bei dem Gedanken, Freude dabei zu empfinden, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen. Aber dass er damit ziemlich alleine war, wurde ihm zunehmend bewusst. „Aber dann hatten sie es vielleicht nicht einmal auf uns speziell abgesehen. An den richtigen Orten lässt sich mit allem Gold machen. Das ausgesetzte Kopfgeld wäre nur ein kleiner Bonus gewesen.“ Was noch widerwärtiger klang, als die bloße Absicht, Köpfe zu sammeln. Eine Insel, die davon lebte, ihre Besucher zu verhökern. Die Menschheit zeigte immer neue Abgründe.
Unweigerlich huschten die dunklen Augen zur Seite, als Liam etwas flüsterte, von dem die Nordskov nicht sicher war, gegen wen es sich tatsächlich richtete. Sie wusste dass Liam ein eher friedfertiger Zeitgenosse war und seine Skrupel besaß anderen und vor allen Unschuldigen das Leben zu nehmen. Wie wenig musste sie wohl eine wirkliche Freundin sein, dass ihr das erst jetzt wieder in den Sinn kam. „Vielleicht. Und egal ob es Zufall oder ein Attentat war - es ändert wohl nichts daran, dass wir noch mehr darauf Acht geben müssen wohin wir segeln und als was wir uns verkaufen.“ Für sie war das ein erneutes Versteckspiel. Selbst wenn es ihr zuwider war, konnte sie schlussendlich damit leben. Aber Liam? Die Dunkelhaarige hatte da so ihre Zweifel. „Tut mir leid.“ Dieser Versuch einer Entschuldigung fühlte sich erbärmlich an. Als könnte sie etwas für diese heillose Chaos. So war das Leben. Und doch tat es ihr Leid, dass es Menschen wie Liam und Greo mit hinein zog, die zu normal und ehrenhaft waren. Oder zumindest so wirkten.
Insgeheim hoffte er, dass Skadi übertrieb. Dass sie nicht hinter jedem unbekannten Gesicht einen Hinterhalt vermuten mussten. Liam gehörte gewiss zu der Art Mensch, die aus solchen Zwischenfällen nicht direkt etwas lernten. Umso wertvoller war es, dass ihm in Zukunft Menschen beistanden, die ihn davon abhielten, blind erneut in eine Falle zu laufen. Für sich beschloss er dennoch, es als Zufall zu verbuchen. Er glaubte fest daran, dass ein Großteil der Bevölkerung nicht ganz so verdorben war, wie das Leben ihn gerade glauben lassen wollte. Mit einem tiefen Seufzen gab er ihr Recht, blinzelte aber verwirrt, als sie sich dafür entschuldigte. Sie konnten alle nichts dafür. Und er war der letzte, dem sie etwas schuldig war. „Früher oder später werden wir vergessen sein. Und dann stehen uns die sieben Welten wieder offen.“ Er versuchte tatsächlich, es so zuversichtlich zu sehen, wie er klang. Mit einem angeschlagenen Lächeln wandte er das Gesicht zu ihr herum. Sie würden schon das beste aus der Situation machen. Etwas anderes blieb ihnen immerhin nicht übrig. „Und bis es soweit ist, steht es zum Glück nicht in unserer Verantwortung, wohin wir segeln.“
Skadi hoffte, dass Liam recht behielt. Selbst wenn ihr anerzogener Pessimismus oder vielmehr ihre gesunde Skepsis dagegen hielten wie tollwütige Hunde. Es musste sich gut anfühlen guter Dinge zu sein, oder nicht? Nicht jedes Problem dieser Welt glich sofort einem Felsen, der unermüdlich auf ihren Schädel presste, und überhaupt gab es nicht viel, dass einem die Freude an den Dingen nahm. Während Liam seinen Blick zu ihr herum wandte, verharrte die Nordskov kurz bei seinen brauen Augen, ehe sie es war, die zum Meer hinüber blickte. Schwer lag der Atemzug auf ihrer Lunge, doch es brachte wohl nichts sich weiter damit auseinander zu setzen. Ändern konnte sie ohnehin nichts daran. „Ob es uns passt oder nicht.“ Selbst hätte Skadi nicht gewusst wohin. Sie kannte diese Welt kaum und hatte Zeit ihres Lebens nur dort andere Orte kennengelernt, an die sie ihr Vater mitgenommen hatte. Alles ließ sich also problemlos an einer Hand abzählen. Und dennoch. Shanaya und den Kaptains die Entscheidung zu überlassen fühlte sich an wie eine anhaltende Ohnmacht - gebunden an Menschen, denen sie noch immer nicht wirklich vertraute. „SIch kann dein Heimweh also nur zu gut nachvollziehen.“
Wäre es doch bloß so einfach gewesen, der Zukunft all die Sorgen anzuvertrauen, die einen beschäftigten. Im Augenblick waren ihnen tatsächlich die Hände gebunden. Unabhängig von den kommenden Begegnungen lohnte es sich kaum, irgendwelche Entscheidungen zu treffen. Es blieb abzuwarten, wann und welche Informationen über den Vorfall auf der Insel an die Öffentlichkeit gerieten. Und dementsprechend würden sie dann handeln müssen. Aber es war nicht getan mit einem einfachen 'Sehen, was die Zukunft bringt'. Die menschliche Psyche funktionierte anders. Und ganz gleich, wie wenig sie sich mit dem Thema beschäftigen wollten - sie taten es doch, manchmal sogar ohne es selbst zu merken. Skadi klang unentschlossen bezüglich ihrer kommenden Routen. Dabei hatte sich herausgestellt, dass selbst an den ungefährlichsten Orten ein Hinterhalt lauern konnte. Manchmal hatte man scheinbar einfach Pech.
Ausgerechnet Skadi gegenüberzusitzen und über 'Heimweh' zu sprechen, kam ihm fast schon rücksichtslos vor. Sie war vermutlich tatsächlich eine von wenigen auf der Sphinx, die etwas hatten, dem sie hinterhertrauerten. Familie, Freunde, Heimat, wobei letzteres in seinem Fall kaum eine Rolle spielte. „Erinnerst du dich daran, dass du mich gefragt hast, wie ich zu meinem Vater Kontakt halte?“ Ein bitteres Lächeln huschte über seine Züge, als er den Blick wieder nachdenklich auf den Sand zwischen seinen Beinen senkte. „Mich lässt der Gedanke nicht los, dass er es vermutlich nie erfahren hätte. Meine Großmutter hätte sich vermutlich gewundert, warum plötzlich keine Briefe mehr kommen. Mich hat es nie gestört, kaum Kontakt zu ihm zu haben, seit wir getrennter Wege gegangen sind. Und jetzt sitze ich hier und weiß nicht einmal mit Sicherheit, ob er oder meine besten Freunde überhaupt noch am Leben sind.“ Er klang nicht zwingend niedergeschlagen oder derart deprimiert, dass man sich hätte Sorgen machen müssen. Es war viel mehr eine Überlegung, die ihm tatsächlich durch den Kopf ging. „Gegen das hier war alles zuvor irgendwie ein Kinderspiel.“ Liam lachte in Erinnerung an all die brenzligen Situationen, die er durchgestanden hatte. Keine davon hatte sich je so nah am Tod angefühlt.
Liams Worte rührten tiefer, als es ihm vielleicht bewusst war. Oder Skadi hatte in seiner Gegenwart die seltsame Angewohnheit entwickelt, äußerst empfindlich zu werden. An den Tränen konnte sie dennoch nichts ändern, die stumm ihre Wangen hinab perlten und die sie sich wortlos mit dem Handrücken entfernte. Sie konnte kaum den Blick zu ihm herum wenden, aus seltsamer Angst, dass es etwas Unaufhaltsames lostrat. Wenn allein schon die Bitterkeit in seinen Worten so viel in ihr aufwühlte, wollte sie nicht wissen, was der Anblick seiner niedergeschlagenen Miene in ihr ausrichtete. Und sie wollte nicht eiskalt werden. Nicht so, wie es ständig bei Enrique war, den sie immer in den Momenten zurück wies, in denen er ihr gefährlich nahe kam. „Durch Ereignisse wie diese wird einem erst wirklich bewusst, wie sterblich man doch ist.“ Sie sagte es, als hätte es jemals zur Debatte gestanden. Unterdrückte einen schweren Seufzer und atmete stattdessen so tief ein und aus, dass sie sich gefasst genug sah, um sich endlich zu Liam herum zu drehen. „Bereust du es? Dass du ihn nicht nochmal gesucht hast, meine ich?“
Eigentlich hätte ihm dieses Gefühl mehr als bekannt sein sollen. Vergänglichkeit, Sterblichkeit. Doch obwohl sein Schicksal so eng mit dem Tod verknüpft war, machte er sich darum keine Gedanken. Was brachte es schon? Vorsicht? Wehmut? Liam wollte das Leben genießen, unabhängig von dem, was in Zukunft vielleicht auf ihn wartete. Auf einmal aber kam ihm dieser Entschluss egoistisch vor, rücksichtslos denen gegenüber, denen etwas an ihm lag. „Nein.“, antwortete er dennoch langsam. Und er war selbst überrascht, wie wahr es sich auch dann noch anfühlte, als er es ausgesprochen hatte. „Wir sind beides Freigeister. Wer weiß, wo er sich gerade herumtreibt. Vermutlich wäre das eine Lebensaufgabe.“ Das Lächeln auf seinen Zügen war ehrlich, verblasste allerdings schlagartig, als er den Blick zu Skadi herumwandte und feststellte, dass sie Tränen in den Augen hatte. „Hey, was ist los?“ Doch er ahnte es bereits. Himmel, brachte ihn diese Sache tatsächlich so durcheinander, dass er derartig rücksichtlos mit Skadi umging? Er bereute, damit angefangen zu haben, ausgerechnet ihr gegenüber, die vermutlich nichts schmerzlicher vermisste als ihre Familie. „Komm.“, bot er ihr an und öffnete den linken Arm. Doch noch bevor sie sich dazu entschließen konnte, ihn abzuweisen, war er hinübergerückt, um sie in den Arm zu schließen.
Ihr Lächeln wirkte ein wenig gebrochen auf den Lippen. Es beruhigte sie, dass Liam seine Bindung zu seinem Vater nicht bereute, selbst wenn es noch bis eben danach geklungen hatte. Vllt reichte es aber auch schon, ihm eine Nachricht zukommen zu lassen. Etwas, dass er vielleicht eine Ewigkeit nicht mehr getan hatte. „Wahrscheinlich.“, entgegnete sie auf seine Vermutung. Rieb die Lippen fest aufeinander, ehe sie in Folge seiner weiteren Worte irritiert blinzelte und erst beim Anblick seines Gesichts bemerkte, dass ein weiterer Schwall lautloser Tränen ihre Lider verlassen hatte. Scheiße, sie wollte doch nicht so sentimental sein. Nicht, wenn es an ihm war, seine dunklen Gedanken heraus zu lassen, die er sich von ihnen allen am wenigsten erlaubte. Erhob die Nordskov gerade noch die Hand, um mit einem aufgesetzten Lachen die nett gemeinte Geste abzuweisen, zog sie bereits der warme Arm des Lockenkopfes an sich. Gefangen in seiner Umarmung und dem drückenden Gefühl in ihrer Kehle, ließ sie diese ungewollte Nähe über sich ergehen und bettete ihr Gesicht an seine Schulter. Wischte sich erneute mit dem Handrücken über die Wangen und seufzte schwer. „Nur einer dieser üblichen Tage... alles gut.“ War es das? Ehrlich gesagt fühlte es sich ganz und gar nicht so an. Erst recht nicht, wenn sie ihre Hand wie in diesem Moment fest in sein Hemd krallte und die Augen schloss. Als müsse sie sich darauf konzentrieren nicht laut loszuschreien. „Weißt du... wenn dir etwas passiert wäre... hätte ich jeden Moment bereut, in dem ich nicht bei dir gewesen wäre. Genauso bei Enrique... solltest du also jemals deine Meinung zu deinem Vater ändern...“ Was dann? Würde sie ihn begleiten? Würde sie das?