30.06.2019, 23:25
Es hätte ihm tatsächlich leidgetan, hätte er ihre Zeichnung bloß aufgrund der fehlenden Übung ihrerseits nicht erkannt, doch von dieser Bürde befreite ihn Skadi zum Glück, als sie das Wesen als Tapir benannte, was selbst mit diesem Namen noch wunderbar in eine Sagengeschichte gepasst hätte. Mit seinem neuen Wissen bedachte er das Tier erneut, konnte sich aber nicht daran erinnern, je eins zu Gesicht bekommen zu haben. Ob nun, weil sie scheu waren oder einfach bislang nicht dort gelebt hatten, wo er unterwegs gewesen war. „Noch nie gehört.“, gestand er und setzte es gedanklich auf die Liste der Dinge, die er in seinem Leben irgendwann noch sehen wollte. Die war ohnehin bereits viel zu lange, als dass er sie je fertig bekommen würde. Mit neugieriger Miene bedachte er Skadi in diesem Augenblick, die fast selbstverständlich abermals von ihrer Familie zu erzählen begann. Das Lächeln auf seinen Lippen blieb unscheinbar, beobachtete, wie sie eine Strähne aus ihrem Gesicht wischte und konnte nicht anders, als sich über diesen Funken Vertrautheit zu freuen, den sie ihm entgegenbrachte. Liam schwieg und nickte vielleicht einen Augenblick zu spät, als sie sich fragend an ihn wandte, weil seine Gedanken ein wenig gehinkt hatten. „Stimmt. Wie groß werden die? Habt ihr sie gejagt?“ Von der Form her jedenfalls hätten sie wunderbar ein Wildscheinersatz sein können, nur dank der fehlenden Hauer weniger gefährlich. „Was habt ihr überhaupt so gejagt?“, schob er die Frage hinterher, nahm zwar den Stift wieder zwischen die Finger, machte aber vorerst keine Anstalten, eine neue Zeichnung anzufertigen. Stattdessen blickte er interessiert zu Skadi hinüber.
Irgendetwas ging ihm durch den Kopf, während sie auf eine Antwort wartete. Seine braunen Augen hingen einen Moment zu lang auf ihren Zügen und entlockten Skadi für einen kurzen Moment ein ungewohntes Räuspern. Somit riss sie sich also wieder von seinem Anblick los. Hob mit nachdenklich verzogenen Lippen die ausgestreckte, flache Hand neben sich auf knapp 50 Zentimeter, um dann kurz darauf 10 Zentimeter weiter hinauf zu gleiten. "Ausgewachsene Tiere schwanken ungefähr zwischen hier und hier.", erklärte sie ihm und zog die langen Beine zurück an den schmalen Körper. "Gejagt habe ich sie aber nie, eher beobachtet und einer kleineren Gruppe sogar immer wieder ein paar Früchte auf dem Boden auslegt als ich noch kleiner war." Ein warmer Ausdruck überzog ihre feinen Züge ob dieser Erinnerung. Ließ ihre Wange auf eines ihrer Knie gleiten, und die fröhlichen, dunkelbraunen Augen zu Liam zurück gleiten. "Es sind einfach so schöne Tiere. Jeder von ihnen hatte sogar einen Namen. Ehrlich gesagt bin ich ganz froh drum, dass sie irgendwann verschwunden sind, bevor mein Vater sie jagen konnte. Ich glaube ich hätte ihn nicht so leicht an einen Baum binden können." Ein Auflachen übertünchte die Wahrheit, die sich für einen Sekundenbruchteil in ihre Brust schob. Gott sei Dank lenkte Liam sie allerdings mit einer erneuten Frage ab, die den schmalen Körper der Nordskov gänzlich aufrichtete. Just fühlte sie sich an ihre Unterhaltung mit Greo erinnert und musste unweigerlich schmunzeln. "Hauptsächlich diverse Hirscharten und Böcke. Unter anderem auch Schweine, Riesenhörnchen und Hühnervögel., gab sie ihm dieselbe Antwort wie dem Hünen im Wald, nach dem sie diesen absolut hässlichen Vogel geschossen hatte. "In absoluten Ausnahmefällen auch Affen und Schlangen." Nun allerdings hob Skadi ihren linken Arm und deutete auf zwei blasse, aber deutlich sichtbare Kreis runde Narben auf ihrem Unterarm. "Das passiert, wenn du dich mit dem falschen Affen anlegst." Langsam drehte sie den Ellenbogen nach innen und entblößte eine dritte und vierte Narbe auf der Unterseite. Der Biss des Tieres war deutlich zu erkennen und hatte einmal ihren kompletten Arm durchbohrt. "Hätte mich mein Bruder nicht verteidigt, wäre ich wohl dabei draufgegangen."
Hundegröße also, jedenfalls wenn man einen Hund vor Augen hatte, der zu etwas zu gebrauchen war, ganz gleich ob nun als Wachhund, Jagdhund oder anderes. Und als Skadi berichtete, sie nicht gejagt, sondern eher gepflegt zu haben, wanderte das warme Lächeln ganz von allein auf seine Lippen und bis zu seinen Augen hinauf. Kaum vorzustellen, dass sie die Tapire vermutlich eher verjagt hätte, statt ihren Vater Jagd darauf machen zu lassen. Skadi, die sich besonders am Anfang hart und unnahbar gegeben hatte und nun neben ihm saß wie ein kleines Mädchen, das es nicht mit ansehen konnte, dass derartige Tiere auf ihrem Teller landeten, obwohl es doch so viel darüber zu schwärmen gab. Mit einem Grinsen auf den Lippen rempelte er sie freundschaftlich an, erwiderte ihren Blick, ohne den kurzen Schatten darin zu bemerkten und lachte leise. „Du bist schon gut so, wie du bist.“, gab er offen zu, ehe er der nächsten Antwort lauschte und sich ein Bild von ihrer Heimat zu machen versuchte. Dass Schlangen wirklich gut essbar waren, bezweifelte er noch immer. Aber vermutlich bloß, weil er sich nie wirklich gut genug damit ausgekannt hatte, um die giftigen von den harmlosen zu unterscheiden. Da hatten sie lieber die Finger von gelassen. Als sie seine Aufmerksamkeit auf ihren Arm lenkte, musste der Lockenschopf im fahlen Licht etwas genauer hinsehen, konnte dann aber die verheilten Bissnarben erkennen, die ihr damaliger Angreifer hinterlassen hatte.
„Wirklich? Ein Affe?“, fragte er überrascht, als er die Hand hob und sie sachte um ihr Handgelenk lehnte, um sie davon abzuhalten, den Arm direkt wieder wegzuziehen. Bislang war er nie groß in Berührung mit größeren Affen gekommen, zum Glück, wie ihm jetzt kam, denn bei Skadi klangen die pelzigen Gesellen ganz und gar nicht nach Spaß. „Deshalb nur in Ausnahmefällen? Das scheint ja gerade nochmal gut gegangen zu sein. Aber sie haben keine Jagd die Kinder aus dem Dorf gemacht, oder?“ Er hatte gerade das Gefühl, Affen aus einem ganz neuen Blickwinkel zu sehen. Allerdings ging es hier auch nicht um die kleinen Arten, wie es schien – dazu waren die Narben viel zu groß.
Liams Worte hallten so warm und weich zwischen ihren Rippen wieder, dass sie selbst auf sein kurzes Anrempeln nur mit einem verschmitzten Lächeln reagieren konnte und sich irgendwie seltsam an ihrem Platz vorkam. Da dieses Gefühl allerdings wie ein warmer Sommerregen auf ihre Seele prasselte, genoss sie die stetig wachsende Vertrautheit zwischen ihnen. Schenkte Liam einen offenen und herzlichen Ausdruck auf den feinen Zügen, den sie eigentlich als begraben geglaubt hatte. Der Musiker war in der Tat ein Hexer. Er verbrachte seltsame Dinge und tat im Grund genommen nichts spektakuläres dabei. Unweigerlich musste sie sich eingestehen, dass sie den Lockenkopf mochte. Weitaus mehr als den Großteil der Crew - was so gesehen auch keine Herausforderung darstellte. Dennoch verbrachte sie gern Zeit mit ihm. Egal auf welche Weise. Und es käme ihr jetzt bereits seltsam vor, wenn er von heute auf morgen verschwinden würde.
"Ja... ich kann mich nur verschwommen an alles erinnern. Gerade stand ich noch auf einer Aussichtsplattform der Ruinen... und schwups..." Sie hob den freien Arm in die Luft und zuckte nicht einmal zurück, als Liams warme Fingerkuppen ihr Handgelenk umschlossen. Sie vertraute ihm. Blind, wenn man es genau nahm. Was vielleicht naiv war - immerhin konnte er genauso gut ein ziemlich perfides Spiel mit ihr treiben und eine Maske aufsetzen, die alles in den Schatten stellte, was sie an Schauspielerei bereits gesehen hatte. Doch sie brauchte diese Unbeschwertheit, die er in ihr auslöste. Brauchte dieses "Ich nehme dich wie du bist" und "ohne Reue". Er tat ihr gut. Und sie würde sich diese Bindung durch keinen Gedanken dieser Welt kaputt reden.
"Ich glaube wir sind in irgendwas hinein geraten. Normalerweise reagieren Affen nicht so brutal. Zumindest nicht, wenn man sie in Ruhe lässt. Und da wir sie an diesem Tag definitiv nicht gejagt haben... waren sie höchst wahrscheinlich mit ihren Babies unterwegs." Oder es war gerade Paarungszeit. Wer wusste das schon so genau.
Im ersten Moment noch hatte sein Blick auf ihrem Unterarm geruht, ehe er mit einer langsamen Bewegung seine Hand zurückzog und gleichzeitig den Blick zu ihrem Gesicht hob, während sie bereits weiter zu erzählen begonnen hatte. Es musste ein furchtbares Erlebnis gewesen sein für ein Kind. Das, was er bisher gehört hatte, klang insgesamt nicht danach, als hätte die Jüngere eine unbeschwerte und einfache Kindheit gehabt, doch Liam war nicht der Mann, der sie jetzt danach fragen würde. Das, was er zwischen den Zeilen mitbekam, reichte ihm vollkommen und war im Grunde schon mehr, als er erwartet hatte. Doch er wollte sich nicht darüber wundern, nahm es, wie es kam und begegnete ihr mit der gleichen Offenheit. Und auch, wenn die Reaktion verständlich gewesen wäre, wenn Skadis Annahme zutraf, würde er bei seiner nächsten Begegnung mit einem Affen vielleicht einen Moment darüber nachdenken, was er tat. „Ich glaube, ich hätte mich eine Zeit lang nicht mehr in den allein Wald getraut.“, vermutete er und verzog nachdenklich die Lippen. Unweigerlich musste er an den Tag denken, an dem er, kaum dass er mit seinem Vater aufgebrochen war, über Bord gegangen war und den Neuanfang zumindest ein paar Tage verflucht hatte. „Sollte ich jedenfalls demnächst mal wieder auf einen Affen stoßen… Ich überlege mir zwei Mal, ob ich mich mit ihm um eine Banane streite.“, zog er die Konsequenz mit einem Feixen, ehe er wieder nach dem Stift griff und Skadi erwartungsvoll anblickte. „Wie sieht’s aus? Noch eine Runde?“, fragte er und setzte die Spitze des Stiftes wieder aufs Papier. Was dabei rum kam, hatte eine Schwanzflosse, die ebenso an eine Meerjungfrau erinnern konnte, einen rundlichen Körper mit verhältnismäßig kleinen, klobigen Flossen und einer großen, rundlichen Schnauze. Seekühe sah man doch öfter Mal auf See.
Furcht. Unangenehm hallte dieses Wort in ihr nach und ließ kurze Erinnerungsfetzen an die Oberfläche gleiten. Skadi konnte von sich behaupten, dass ihr ein Großteil dessen aberzogen worden war. Angst hatte sie vor nichts. Meistens glich es eher einem leichten Unbehagen und brennenden Kribbeln im Bauch. Wann immer also ein Mensch zu Recht in Panik versetzt wurde, geschah bei Skadi Gegenteiliges. Der Selbsterhaltungstrieb sprang an und brachte ihren unbeugsamen Willen zum Vorschein. Sich einer Sache zu beugen käme ihr niemals in den Sinn. So schmerzhaft die Erinnerungen an damals auch waren. Ihr Vater hatte ihr die Furch, die sie damals verspürt hätte, gründlich ausgetrieben. Selbst wenn es bedeutete sie an einen Baum zu fesseln - tief im Wald und Mutterseelen allein. "Glaube ich dir.", entgegnete sie ihm mit einem matten Lächeln und seufzte leise. "Aber wenn man sich seiner Angst nicht stellt, verfolgt sie einen, bis sie ihr großes Maul aufreißt und das Leben verschlingt, das du ohne sie hättest haben können." So ungefähr hatte es ihre Mutter immer ausgedrückt, wenn Skadi mit schmollendem Mund und deutlich entnervter Miene auf dem Dach der Hütte gehockt hatte. Nur um das Verhalten ihres Mannes in Worte zu fassen, der darin nicht sonderlich gut war.
Mit einem Auflachen stellte sie sich just Liam mit einer Banane in der Hand vor. Und einem kleinen Äffchen auf seinen Schultern, dass schimpfend am anderen Ende der gelben Frucht zog. "Am besten wirfst du sie ihm einfach vor die Füße und ergibst dich... vielleicht hast du auch Glück und Sineca eilt dir zu Hilfe."
Nickend beantwortete sie seine Frage und machte es sich wieder auf seiner Schulter gemütlich. Wandte die dunklen Augen auf die langen Finger seiner Hand, die schwungvoll Linien zu Papier brachten. Eine Weile schwieg sie zu seinem Kunstwerk, spitzte die vollen Lippen nachdenklich und wandte sie dann immer noch überlegend auf seine Haut hinab. Schloss für einen Moment die Augen und kramte in ihren Erinnerungen. "Das ist eine Seekuh oder?" Presse sie knapp über der warmen Haut Liam an die Oberfläche und hob mit einem geschlossenen und einem geöffneten Auge den Kopf.
Skadi verlor kein Wort darüber, dass es ihr ähnlich ergangen war, doch Liam war sich nicht sicher, ob sie selbst entschieden hatte, sich nicht erst einmal von ihrem Schock zu erholen, oder ob ihr schlicht die Möglichkeit genommen worden war. Auch, was sie danach sagte, brachte da nicht mehr Aufschluss, kam ihm aber sinngemäß sehr bekannt vor. Sein Blick verlor sich für einen kurzen Moment auf ihrer Nasenspitze, ohne sie wirklich anzusehen, während er langsam nickte. Liam war gewiss kein Mensch, der sich von Angst von irgendetwas abhalten ließ. Er war leichtsinnig und bereute lieber im Nachhinein, als etwas nicht versucht zu haben. Und trotzdem gab es Dinge, denen man nicht gewachsen war und denen man auch niemals gewachsen sein würde. „Aber manchmal reicht es, ihr ins Gesicht zu lachen, statt sie besiegen zu wollen.“, fügte er seine Gedanken an. Angst war nichts Schlechtes. In den meisten Fällen war sie begründet. Was man daraus machte, war das Entscheidende. Liam wusste, dass er manche Ängste niemals los werden würde. Aber er war fest entschlossen, sich nicht von ihnen überwältigen zu lassen. Doch statt weiter über Ängste zu philosophieren, wandte er sich wieder ihrem kleinen Spiel zu, nahm unbewusst wohlwollend die Wärme ihrer Finger und den Hauch ihres Atems an seiner Schulter wahr und zeichnete eine Seekuh aufs Papier, die Skadi nach kurzem Überlegen tatsächlich erriet. „Korrekt!“, beglückwünschte er sie und besah sich ebenfalls nochmal kurz Seine Zeichnung, ehe er den Kopf leicht in ihre Richtung wandte. „Böse Zungen behaupten, dass der Mythos der Meerjungfrauen auf sie zurück geht. Verzweifelte Seemänner, die felsenfest behaupten, einer Meerjungfrau begegnet zu sein, sollen bloß dem Anblick einer Seekuh erlegen gewesen sein.“
Ihr ins Gesicht lachen, darüber hatte sie noch nie so genau nachgedacht. In ihrer Heimat begrüßte man den Tot während der Folter so. Mit einem Lächeln und Lachen, um keine Angst zu zeigen. Um selben im letzten Atemzug für seine Ideale und Werte einzustehen und kämpfend unterzugehen. Doch Skadi verstand, dass es Menschen gab, die in so vielen Dingen anders waren als sie. Denen Ängste nicht als etwas Abnormales vorkamen, sondern Formen des Selbsterhalts. Als kleines Mädchen hatte sie sich dann und wann gewünscht jemand anderes zu sein. Nicht jeden Tag aufs neue von ihrem Vater geprüft und abgehärtet zu werden und einfach nur mit ihren Schwester am Strand zu liegen und ihnen beim Singen und Streiten zuzuhören.
Somit verschwand ihr Lächeln von den Lippen und machte einem nachdenklichen Ausdruck Platz. Just in diesem Moment hätte sie gern tief hinter die Fassade aus warmen braunen Augen gesehen. Gewusst was dem Lockenkopf durch den Kopf spukte. Welche Ängste ihn plagten um vielleicht dem Gedanken nachzuhängen, sie ihm in einer anderen Realität von der Schulter ziehen zu können. Doch das lag nicht in ihrer Macht. Das einzige das sie ihm geben konnte war sie selbst. Mit all ihrer Ehrlichkeit, ihrer Loyalität und Aufmerksamkeit.
Für einen Moment rutschten die langen Arme um seinen Oberkörper. Umklammerten ihn locker, während der dunkle Haarschopf abgelenkt auf seine Zeichnung fiel. Sie bemerkte nicht einmal, wie sie sich an ihn kuschelte. Rückte erst von dem Jungen Musiker ab, als er ihr ein ziemlich widerliches Bild in den Kopf pflanzte. “Irgh... dein Ernst?!“ Etwas angewiderte schwankte der Blick aus dunkelbraunen Augen zwischen Liams Zügen und der Seekuh hin und her. “Die müssen sehr einsam und verzweifelt gewesen sein.“ Mit einem energischen Kopfschütteln versuchte sie die Gedanken abzustreifen. Seufzte jedoch angesichts der Tatsache, dass sie wohl nie wieder einen langjährigen Seemann betrachten konnte , ohne just an Seekühe erinnert zu werden.
“Da finde ich die Geschichte zu denen hier ja viel besser.“ Murmelt sie, entzog Liam seinen Stift und kritzelte einen Rochen aufs Papier. “Man bezeichnet sie auch als Vögel des Meeres. Hast du jemals einen von ihnen aus dem Wasser springen sehen? Erst glaubst du deinen Augen nicht... und dann... kommt dir die Idee gar nicht mehr so dumm vor, dass sie in manchen Kulturen die wiedergeborenen Seelen von Seefahrern sind.“
Manchmal waren Ängste sogar beflügelnd, ließen einen Dinge schaffen, die man nie für möglich gehalten hätte. Liam musste sich selbst nicht anlügen, doch die meiste Zeit kitzelte sie ihn unangenehm in der Magengegend und feuerten ihn so nur noch mehr an, etwas durchzuziehen. Was ihn durchhalten ließ, war dabei meistens Alex gewesen, der der Gefahr mit einem ähnlich breiten Lachen ins Gesicht geblickt hatte wie Liam selbst. Alleine konnte man nicht alles schaffen. Manchmal brauchte es eben einfach eine Hand, die bereit war, gemeinsam ins Verderben zu schreiten und es – komme was wolle – niemals zu bereuen. Und selbst, wenn es an Bord der Sphinx nicht unbedingt Freundschaft war, die sie alle verband, sie hatten zumindest dasselbe Ziel, das sie vereinte und gemeinsam nach vorne blicken ließ, ungeachtet, ob dort das Glück oder der Untergang wartete. Als sich Skadis Arme um ihn legten wie ein Mantel, fühlte es sich für den Augenblick fast so an wie früher. Unbesiegbar und allem gewachsen, was in der Dunkelheit seiner Gedanken lauerte und sich in Anbetracht der Gegenwart zurück in die Finsternis verzog. Selbst, wenn es nur ein Moment war, in dem die Einsamkeit in weite Ferne rückte und ihn in der Geborgenheit der neuen Bekanntschaften zurückließ. Er hob seinen freien Arm automatisch nach oben, legte ihn quer über Skadis, der seine Brust umschloss in einer Geste, über die er keine Sekunde nachdenken musste. Die Bekanntschaft mit der Nordskov war längst nicht mehr derart oberflächlich, wie Liam es normalerweise auf Schiffen pflegte. Beschränkt auf die großen Themen und bedeutungsloses Geplauder; das, was Menschen eben hören wollten. Aber es schien ihnen beiden gut zu tun und das war alles, was zählte.
Ihre Reaktion nahm er mit einem Lächeln entgegen und nickte abermals, um ihr zu verdeutlichen, dass er nicht spaßte. „Wer weiß, wie lange sie auf See waren. Und wie viel Rum sie intus hatten.“, mutmaßte er und überließ ihr schließlich wieder bereitwillig den Stift, um ihre Hand beim Zeichnen zu beobachten. „Ein Rochen, ja.“, bestätigte er und dachte kurz nach. „Vielleicht ja der Seefahrer, die sich kurz davor auf eine Seekuh einlassen wollten.“, hielt er mit einem Glucksen für möglich. „Es ist schon beachtlich, was da draußen alles existiert. Und ich bin mir sicher, dass wir von einigem nicht einmal etwas gehört oder gesehen haben.“
Wie viel musste ein ausgewachsener Seebär wohl an Rum zu sich nehmen, um den Körper einer Seekuh für eine Meerjungfrau zu halten? Das bestätigte wohl ihre jahrelange Ahnung, dass die meisten Seefahrer latente Alkoholiker sein mussten, wenn ihnen die Unmengen, die ihre gerade an Krügen und Fässern vorschwebten, nicht zum sofortigen Tot beitrugen.
“Ich weiß gerade nicht wer mir mehr Leid tun soll, der Seemann oder die Seekuh.“
Doch weiter kam sie nicht mehr. Verfing sich just in ihrer Zeichnung und den Worten die Liam darauf hin herab regnen ließ und ihr einen belustigt schockierten Laut entlockte. “Eeeew. Du zerstörst gerade den schönen Gedanken den ich im Kopf hatte.“ Während sie gerade noch an schillernde Rochen dachte, an denen das glitzernde Wasser bei ihrem Sprung durch die Wasseroberfläche abperlte - wandelte sich ein seltsam schreiender Mund an ihre flache, helle Unterseite.
Mit einem heftigen Kopfschütteln versuchte sie das Bild loszuwerden und umschloss wortlos Liams Oberarm. Bettete im selben Atemzug ihre Wange gegen seine Schulter. Grübelte eine Weile schweigend über seine Worte und wusste, dass sie in ihr einen Wunsch wachrüttelten, den sie zuvor nie gekannt oder viel mehr zugelassen hatte. Sie wollte die Welt sehen. Mehr über all das erfahren, was ihr nun wie einem kleinen Kind offen stand. Als Mädchen war sie bereits verträumt den Gedanken nachgehangen, dass es noch viel mehr dort draußen gab, als ihre kleine Insel und die Familien, die sie bewohnten. Doch mit den Jahren hatte sie unter der wachsenden Verantwortung und den Aufgaben, die ihr Vater ihr gab, verlernt zu träumen. Band sich an das Leben und die Menschen, die sie so sehr liebte und beschützen wollte.
“Ich habe das Gefühl, dass wir genau das ändern werden. Zumindest einen kleinen Teil davon.“ Flüsterte sie fast schon verheißungsvoll unter dem Schmunzeln eines Abenteurers. Ließ die langen Finger versetzt Stück für Stück über Liams Arm, seinen Ellenbogen und Unterarm hinab zu seiner Hand gleiten und zwischen seine Finger hindurchfahren. “Ein bisschen freue ich mich schon darauf.“, gestand sie leise. Starrte auf ihre verwobenen Hände ohne sie wirklich wahr zu nehmen. Wandte sich dann mit einem amüsierten Gesichtsausdruck an Liam und lächelte verschmitzt. “Zur Sicherheit organisiere ich auch lieber ein paar Bananen, um dir einen Affenbiss zu ersparen.“
Nun war es an ihm, die Lippen zu verziehen und vehement zu versuchen, seiner bildhaften Fantasie ein Ende zu setzen, bevor sie Skadis Worte in ein anschauliches Bild verwandeln konnte. Ähnlich wie bei seinem Gespräch mit Ryan, als sie gemutmaßt hatten, dass es irgendwo sicherlich auch erlaubt war, sein Nutzvieh zu ehelichen. Die Jüngere schien einen ähnlichen Kampf zu führen, selbst wenn er sich inzwischen auf die majestätischen Rochen bezog, die sich nach und nach zu Geistern vergilbter Seemänner wandelten. „‘Tschudige.“, bemerkte er mit einem schiefen Grinsen, als sie sich an ihn hängte, um das wirre Bild gefangener, verlorener Seelen abzuschütteln. Und schließlich spürte er ihre Wange wieder an seiner Schulter, während sein Blick für den Moment wieder in die Weiten des Nachthimmels schweifte. Er konnte sich nicht einmal annähernd vorstellen, wie viel es da draußen wirklich gab. Dinge, deren Existenz man aufgrund zu weniger Sichtungen bezweifelte oder für Legenden hielt. Dinge, die noch nie vor ihnen ein Mensch überhaupt zu Gesicht bekommen hatte. Immer, wenn er über so etwas nachdachte, kam er sich unheimlich unbedeutend vor. Winzig in Anbetracht dessen, was sie alle umgab. Und trotzdem hielten sich die Adligen mit ihren nichtigen Problemen für den Mittelpunkt der Welt. Es gab so viel mehr von mehr Wert, als Macht jemals für ihn haben würde. Als Skadi – vielleicht ähnlich beeindruckt von diesem Gedanken – zu flüstern begann, zeichnete sich ein mattes Lächeln auf seinen nachdenklichen Zügen ab. Nur flüchtig nahm er wahr, wie ihre Finger seinen Arm hinunterwanderten, bis sie zaghaft aber entschlossen zwischen seinen hindurch glitten und ein wohliges Gefühl in seiner Magengegend heraufbeschworen.
Ohne den Kopf zu drehen fiel sein Blick für einen Sekundenbruchteil auf ihre Hand, lauschte nur beiläufig der kindlichen Vorfreude in ihrer Stimme, ehe sich der Griff um ihre Hand etwas später kaum merklich festigte. Liam wollte sich gar nicht ausmalen, wie einsam die letzten Jahre für sie gewesen sein mussten. Umringt von Menschen, bei denen man ständig nur Gefahr lief, entdeckt und verraten zu werden. Mit wenigen Ausnahmen vielleicht, wenn er bedachte, dass sie ihr Schicksal nun an ihren einzigen Anker zu hängen versuchte, der ihr seid der Explosion der Morgenwind geblieben war. „Pah, ich kämpfe da schon drum, keine Sorge. Wäre doch gelacht, wenn ich einem Affen keine Banane wegnehmen könnte.“, ließ er sich von seinen Gedanken nichts anmerken und blickte lieber entschlossen drein. Vielleicht nicht unbeschadet, aber siegreich. Und zur Not würde Skadi ihm sicherlich den Hintern retten. „Aber hey.“, begann er dann, hob die andere Hand und umschloss damit für einen kurzen Moment auch die andere Seite der Hand, deren Finger mit seiner verwoben waren. „Das klingt doch glatt danach, als hättest du ein neues Ziel für dich vor Augen.“ Mit einem zuversichtlichen Ausdruck in den Augen blickte er zu ihr hinüber und schätzte, dass ihr die Tragweite ihres Vorschlags gar nicht so bewusst gewesen war. „Ein ziemlich Gutes, wohlbemerkt.“
Eines, was auch ihn seit etlichen Jahren durch die Erste Welt trieb und glücklich machte. Zu gerne hätte er ihr in diesem Augenblick angeboten, sie bei diesem Vorhaben zu begleiten, stattdessen aber schwieg er lieber. Er war unzuverlässig, sprunghaft, was seine Entscheidungen betraf. Er war kein Mann für solche Angebote. Aber er würde sie mit Vergnügen begleiten, solange sie denselben Weg hatten. Liam schluckte trocken, als ihm abermals die ausstehende Entscheidung vor Augen rutschte, ob er bleiben oder gehen wollte. Doch so einfach sie auch in Momenten wie diesen erschien – er wusste, dass mehr daran hing. Konsequenzen, die er mit sich vielleicht nicht vereinbaren konnte und über die ihm nur Talin Klarheit bringen konnte. „Meinst du, Drachen lassen sich auch mit Bananen gnädiger stimmen?“, begann er schließlich wieder und strich ihr abwesend mit den Fingern über den Handrücken, ehe er wieder aufsah. Der nachdenkliche Ausdruck auf seinen Zügen war noch nicht gänzlich verschwunden, doch das Zucken in seinen Mundwinkeln verriet bereits wieder, dass er seine Frage nicht ernst meinte - nicht ernster jedenfalls als ein Kind voller Träume.