05.06.2019, 18:34
Seine Berührungen raubten ihr jeden noch so klaren Gedanken. Skadi versuchte nicht einmal genau zu verstehen, was den Lockenkopf dazu bewogen hatte, nun selbst über sie herzufallen. Denn es gefiel ihr auf eine Gewisse Art und Weise. Wenn sie sich sonst dagegen sträubte dominiert zu werden, hatte es bei Liam einen ungewöhnlich erregenden Charakter an sich. Es machte ihn für sie schier unwiderstehlich und ließ die Nordskov immer wieder gierig nach seinen Lippen suchen. Fixierte ihre Finger an seinem warmen Körper, den sie unablässig berührte, neckte und unter heftigen Atemstößen vibrieren ließ. Hatte ihr erstes Mal seicht und leidenschaftlich angefangen, waren sie nun mehr dazu übergangen, ungestümer und forscher zu sein. Ließen dem jeweils anderen kaum Raum für andere Gedanken, keine einzige Atempause, in der das aufgebrachte Herz nach Luft schnappen konnte. Wie ein einem Rausch verschmolzen ihre Leiber miteinander, wurden eins unter der dunklen Nacht, die hereingebrochen war.
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Schwer atmend lag Skadi auf dem kühlen Waldboden. Sah aus halb geöffneten Augen zu Liam hinauf, dessen Gesicht ebenso schimmerte wie ihres. Sichtlich erschöpft, aber glücklich. Nur halb bemerkte sie, wie der aufgeheizte Körper an ihre Seite glitt. Mit der flachen Hand über ihren Brauch strich, der sich unter den schweren Atemzügen hob und senkte. Unwirsch strich sich die Dunkelhaarige einzelne Strähnen aus dem Gesicht, während sie ihre Augen schloss und versuchte ihr Herz in einen sanfteren Takt zurück zu führen. Konzentrierte sich auf die Fingerspitzen des Älteren, die eine leichte Gänsehaut auf ihrem Körper freisetzten. “Du bist jetzt offizieller Wendigo Experte.“, brachte sie unter einem tiefen Atemzug hervor und spürte bereits das warme Lächeln auf ihren Zügen. Fuhr sich mit der Handfläche über die roten Züge und ließ dann mit geöffneten Augenpaaren den dunklen Schopf zur Seite gleiten. “Du schaffst mich Liam… du schaffst mich wirklich.“ Unweigerlich musste sie auflachen angesichts der Tatsache, dass sie weder mit diesem, noch dem vorherigen Mal gerechnet hatte. Schon gar nicht mit der feurigen Intensität, die er an den Tag legte und ihren Körper fast bewegungsunfähig zurück ließ. Ein Zittern durchfuhr ihre Glieder. Warnte sie davor, dass es bald zu spät sein würde, rechtzeitig am Schiff anzukommen, bevor sie müde am Feuer zusammen sank. “Ich glaube wir sollten langsam zurück… ich weiß nicht, ob ich eine dritte Runde schaffe, ohne direkt auf dir einzuschlafen.“, gestand sie mit deutlicher Belustigung in der Stimme. Rollte sich langsam auf und hielt bereits Ausschau nach den Wild in der Gegend verstreuten Kleidungsstücken, die Liam achtlos zur Seite geworfen hatte. Ihr kleines Lager erzählte wirklich Bände von dem, was gerade passiert war.
Er spürte, wie sich ihr Körper allmählich neben ihm beruhigte, ihre Atmung flacher wurde und auch sein Herz allmählich wieder in einen ruhigeren Rhythmus verfiel. Für den Augenblick war es ein unbeschreibliches Gefühl, einfach nur da zu liegen, während das Leben noch immer zwischen Kopf und Lenden kreiste. Als Skadis Stimme erklang – ähnlich erschöpft und genauso zufrieden, wie er sich fühlte – konnte er nicht anders, als kurz belustigt zu glucksen. „Gibt’s dafür auch einen Orden?“ Das war auch kein alltägliches Kompliment, doch er nahm es, wie es kam und konnte nicht bestreiten, dass es die Zufriedenheit in ihm noch ein wenig anfeuerte. Allmählich aber war er tatsächlich geschafft. Der Abend hatte sich gänzlich anders entwickelt, als er es sich vorgestellt hatte. Aber auf eine gute Art und Weise. Ein zustimmender Ton verließ seine Kehle. Auch das hatten sie vermutlich gemeinsam, zurecht allerdings, denn niemand konnte ihnen unterstellen, sie hätten sich heute zu wenig bewegt. Doch man hörte seiner Stimme das glückliche Grinsen an, welches trotz der geschlossenen Augen auf seinen Lippen lag. Seine Stirn war noch immer an ihre Schulter gelehnt, bis er das Beben ihrer Haut unter seiner Hand spürte und zufrieden aufsah ob der Tatsache, wie lange sie von ihrer Vereinigung zehren konnte.
„Das ist… eine sehr gute Idee.“, gab er ihr Recht und drehte sich von ihr weg auf den Rücken, ohne weitere Anstalten zu machen, direkt aufstehen zu wollen. Für den Augenblick war er rundum zufrieden, erschöpft und ausgelaugt. Gegen ein wenig Flüssigkeit hätte er auch nichts einzuwenden gehabt. „Ich glaube, ich werde heute Nacht sehr gut schlafen. Da können die anderen schnarchen wie sie wollen.“ Müde wischte er sich über das Gesicht und schmunzelte Skadi schließlich entgegen, die bereits ihre Klamotten zusammensuchte. Ein paar Herzschläge später hievte auch er seinen Oberkörper vom Boden, streckte den Arm und hatte damit zumindest schon mal sein Leinenhemd eingesammelt.
Liam verdiente allein dafür schon einen Orden, dass er die Nordskov aus ihrer Austernschale hervor gelockt hatte. Wäre er sich auch nur im Geringsten darüber im Klaren, wie ungewöhnlich diese Leichtigkeit war, mit der sie um ihn herum schlich, hätte er sich augenblicklich einen Orden an die nackte Brust pinnen können, die Skadi mit einem leichten Schmunzeln musterte. Es tat ihr sichtlich gut gedanklich gerade einmal zwischen Tapete und Wand zu stecken und sich in keine weitreichenden Theorien zu verwickeln. Der Casey Spross war vielleicht nicht der arbeitswütigste Mensch – allzu oft hatte sie die Stimme Enriques im Ohr, der sich zu Marinezeiten über die Faulheit einiger Soldaten beschwerte – doch Liam… der war irgendwie eine Klasse für sich.
Mit einem tiefen Seufzen wandte sich der hoch gewachsene Körper ab und verschloss klimpernd die letzten Verschlüsse ihres Bustiers. Steuerte dabei bereits direkt auf das kleine Lagerfeuer zu, dessen Flammen beachtlich hinab gebrannt waren und kaum mehr als einen kleinen warmen Schimmer entsandten. Vorsichtig schaufelte Skadi erst mit ihrer Schuhspitze etwas Erde auf die glimmenden Äste, ehe sie sich in die Hocke gleiten ließ und mit die letzten leuchtenden Funken mit dunklem Sand bedeckte.
“Bei der ganzen Bewegung und frischen Luft hätte mich alles andere auch gewundert.“, warf sie dem Lockenkopf als ungefragte Antwort auf seine Theorie entgegen und schenkte ihm ein verschmitztes Grinsen, das nur im Ansatz ihre Schulter überragte. Skadi selbst würde sich wohl in ziemlich wüste Träume flüchten, die ihr am darauffolgenden Morgen bittersüß in den Mundwinkeln hängen würden. Ganz davon abgesehen, dass sie weit vor Sonnenaufgang bereits wieder auf den Beinen wäre. Darauf vorbereitet sich dem schlimmsten Ereignis zu stellen, das seit dem Tod ihrer Familie und der seltsamen Nacht von vor 4 Tagen auf sie zukam. Skadi wusste nicht, ob es alte Wunden aufriss, erlaubte es sich aber nicht auch nur einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden, als sie sich aufrichtete und zu Liam zurück lief. Ihn fast schon wehmütig beobachtete, weil ihr schlagartig bewusst wurde, wie flüchtig dieser sorglose Moment zwischen ihnen gewesen war. Im Gehen trat sie kraftvoll auf das eine Ende ihres Speers, nahm die nach oben schnellende Spitze mit ausgestreckten Fingern entgegen und lief dann an dem Lockenkopf vorbei.
“Meinst du Greo hat uns noch etwas vom Abendessen übrig gelassen?“
Er gönnte sich noch einen Augenblick, in dem er einfach da saß, sein Hemd in der Hand und Skadi im Zwielicht der Glut mit einem sachten Schmunzeln beobachtete. Abermals blieben seine Augen an den Mustern auf ihrer Haut hängen und der junge Künstler beschloss, sich dieser Geheimnisse das nächste Mal wieder anzunehmen. Seine Neugier war definitiv nicht gestillt, eher vertagt durch die unerwartete Wendung, die ihr Ausflug genommen hatte. Nun blieb es abzuwarten, was die nächsten Tage bringen würden. Liam hatte bislang stets positive Erfahrungen mit derartigen ‚Beziehungen‘ gemacht, solange beide Seiten wussten, wo sie standen. Im Fall Skadi war nicht einmal entschieden, ob es eine einmalige (… zweimalige) Sache gewesen war, oder tatsächlich etwas Anhaltenderes daraus werden würde. Liam war nicht der Typ, der sich im Vorfeld darüber den Kopf zerbrach – es würde kommen, wie es kam. Der Unterschied, dass er dieses Mal allerdings das Schiff mit seiner Begleiterin teilen würde, war ihm durchaus bewusst. Doch bislang schrieb er diesem Umstand keine große Bedeutung zu. Vielleicht, weil er wirklich nicht glaubte, dass es ein Unterschied machte, ob man sich ständig sah oder sich die Wege relativ schnell wieder trennten. Vielleicht aber auch, weil er nicht darüber nachdenken wollte, dass es eben doch einen Unterschied machte. Skadi jedenfalls machte es ihm einfach, sich nicht damit zu beschäftigen.
Stattdessen war er mittlerweile ebenfalls wieder in seine Hosen geschlüpft und hatte seine Schuhe vom Stein gesammelt, während sich die Jüngere darum gekümmert hatte, die restliche Glut zu ersticken. Im letzten Licht glaubte Liam, abermals einen Schatten auf ihren Zügen zu erkennen, den er sich nicht erklären konnte. Doch er schwieg, schob es gedanklich abermals dem Zustand ihres Freundes Enriques zu und begnügte sich mit dem positiven Ergebnis im Vergleich zu ihrem abwesenden Zustand am Mittag. „Was denn, Luft und Liebe reicht dir nicht?“ Und natürlich der Fisch, der für zwei Personen allerdings einfach zu wenig hergegeben hatte. „Das nächste Mal gebe ich mir mehr Mühe beim Angeln.“ Man hörte ihm an, dass er es ernst meinte. Er bezweifelte, dass ihnen irgendjemand etwas aufgehoben hatte. Aber sie wussten immer noch, wo das Lager war und wo sie zumindest eine Kleinigkeit zu Essen herbekamen, mit dem sie sich bis Morgen über Wasser halten konnten. Liams Hand streifte kurz Skadis Schulter, als sie mitsamt des Speeres aufgeschlossen hatte, doch wenige Meter weiter schon war der Pfad ohnehin nicht mehr breit genug, um nebeneinander zu laufen. „Hast du alles?“, fragte er, als er ihr den Vortritt lassen wollte und wandte sich noch einmal kurz herum.
Sie hatte fast auflachen müssen bei seinen Worten, die lieblich über ihre Schultern krochen und kribbelnd an ihrem Nacken zwickten. Sofern sie wollte, konnte sie davon leben. Doch anders als zu den glorreichen Zeiten auf der Insel nahe Trithên, gab es immerhin ein Schiff, das nicht darauf wartete, bis sie aus ihrem triebgesteuerten Rausch erwachte und sich zurück an Deck bequemte. Ganz davon abgesehen, dass das hier wohl wenig mit Liebe gemein hatte. Vormachen brauchten sie sich beide wohl kaum etwas – geschweige denn dass sie sich überhaupt weitreichende Gedanken über jegliche Konsequenzen dessen machen würden.
“Ich bin eine sehr genügsame Frau.“, entgegnete die Dunkelhaarige daher mit einem Achselzucken und blickte mehr als selbstgefällig drein. Niemand konnte ihr bislang gegenteiliges behaupten und da Liam mit seinem ironischen Unterton die Kerbe, in die sie einschlug, mit einem leuchtend roten X markierte, kümmerte es sie nicht, ob er insgeheim vielleicht doch anderer Meinung war.
Seine darauf folgende Aussage ließ sie jedoch geistig innehalten. Fast schon ein bisschen abwesend den Kopf in seine Richtung heben, solange sie nicht vollständig zu ihm aufgeschlossen hatte. Beim nächsten Mal. Nachdenklich kippte der dunkle Haarschopf zur Seite, die dunklen Augenpaare im plötzlichen Dunkel auf den Schemen gerichtet, den sie als ihre Begleitung ausmachte und dessen Züge sie erst im fahlen Mondlicht erkannte, als sie gut eine Armelänge von ihm entfernt war. Skadi hatte sich bis jetzt keine Gedanken darum gemacht, dass dieses Beisammensein vielleicht eine einmalige Sache sein konnte. Nicht etwa, weil sowohl sie als auch der Lockenkopf es so wollte, sondern weil die Umstände es einfach nicht mehr zuließen. Niemand konnte so Recht sagen, was in den nächsten Tagen, Wochen oder gar Monaten auf sie wartete. Was sowohl aufregend, als auch beängstigend sein konnte. Würde ihr diese Leichtigkeit fehlen, die der Fremde in ihr wachrüttelte, ohne dass sie sich sonderlich dagegen wehrte? Oh ja. Und irgendwann würde ihr klar werden, wie sehr es in ihren Knochen deshalb zu kribbeln begann. Mochte es noch so leichtsinnig sein, ihm bereitwillig ihren verletzlichen Körper zu überlassen – Liam hatte nie den Anschein erweckt, als wollte er sie in eine Falle locken. Als wäre ihm je etwas daran gelegen, ihren Hintern ins nächste Gefängnis zu verfrachten oder den Haien zum Fraß vorzuwerfen. All das, was sie für gewöhnlich misstrauisch werden ließ, fehlte ihm gänzlich. Und sie verstand zur Hölle nicht wieso. Wieso, wieso, wieso, wieso, wieso…
Auf seine Frage blieb sie neben ihm stehend. Wandte sich auf den Zehenspitzen halb zur Seite und musterte ihn. Immer noch mit zur Seite gelegtem Kopf und einem undurchdringlichen Blick in den braunen Augenpaaren, der so viel und doch nichts bedeuteten konnte.
„Nein… “, flüsterte sie leise und sog tief die angenehm kühle Nachtluft ein. Bettete dann fast wie selbstverständlich die langen Finger ihrer Hand auf seiner Brust und lehnte sich voraus. Dem letzten Kuss entgegen, den sie ihm für diesen Tag und womöglich für die darauf folgenden von den Lippen stehlen würde. Entfernte sich nur widerwillig von der Wärme, die unter der weichen Haut seiner Lippen pulsierte. Lehnte ihre Stirn gegen seine, während sie immer noch auf den Zehenspitzen stand und die Augen geschlossen hielt. Den Moment, seinen Duft und die Geräusche um sich herum einsog, als wollte sie diese Erinnerung für immer in ihrem Gedächtnis konservieren. Für schlechte Tage. Für Träume, die ihr keiner nehmen konnte.
Erst nach einer gefühlten Ewigkeit ließ sie von Liam ab. Schenkte ihm ein fast schon verträumtes Lächeln, ehe sie sich abwandte und voraus auf den kleinen Trampelpfad trat. Wortlos. Weil es keiner zerstörerischen Kraft bedurfte, die diesen Augenblick durchtrennte wie eine Klinge. Es machte es am Ende weniger real… wenn sie anfing, darüber nachzudenken. Einen Sinn darin suchte, was sie tat oder eben nicht. Wenn dieses Chaos in ihr zunahm und eine Flucht kaum mehr Möglich sein würde.
Als Liam von einem ‚nächsten Mal‘ gesprochen hatte, hatte er nicht einmal explizit darauf angespielt, dass dieses ‚nächstes Mal‘ so verlaufen musste wie heute. Die letzten Tage hatten ihm gereicht, um für sich selbst zu entscheiden, dass er sie gut leiden konnte und das belief sich nicht bloß auf eine körperliche Ebene, obwohl sie auch darin erstaunlich gut harmonierten. Doch hätte man ihn gefragt, was er im Leben wichtiger fand – Liebe oder Freundschaft – hätte er sich für letzteres entschieden. Und als ‚Liebe‘ definierte er hierbei tatsächlich die pure Lust und Leidenschaft. Das, was eben passierte, wenn man den Dingen seinen Lauf ließ und doch nicht mehr war als ein flüchtiger Augenblick ohne Verbindlichkeit. Das, was einem in Erinnerung blieb und mit der Zeit verblasste, während Freundschaft über die Meere hinweg allgegenwärtig war. Skadis leises Flüstern ließen ihn im Zwielicht leicht die Stirn runzeln, denn er hatte nichts mehr entdecken können, was sie leichtfertig liegengelassen hatten. Der Lockenschopf wandte sich zu ihr herum, erwartete, dass sie an ihm vorbei zurück zu ihrer kleinen, verlassenen Feuerstelle treten würde, doch stattdessen überwand sie lediglich die kurze Entfernung, die zwischen ihnen gelegen hatte.
Und das, was folgte, fühlte sich stark wie ein Abschied an. Liam spürte ihre Finger auf den Leinen seines einfachen Hemdes, spürte, wie sich sein Herz dagegenstemmte, so lebendig, wie sie es nach ihrer letzten Zusammenkunft hinterlassen hatte. Die Berührung ihrer Lippen dauerte einen ewigen Sekundenbruchteil, ehe er das warme Gefühl ihrer Nähe an seiner Stirn spürte und den Moment an sich genoss, ohne sich über das ‚war‘ oder ‚werden‘ Gedanken zu machen. Er kannte diese Art von Abschieden, er hatte sie oft erlebt und war froh um jeden einzelnen. Es war der Moment, bevor jeder wieder seiner Wege zog und der gemeinsame Moment greifbar und gleichzeitig so unwirklich zurückblieb. Der Moment, in dem man wusste, dass man sich nichts schuldig war und es am nächsten Morgen nicht mehr mehr sein würde als eine verblassende Erinnerung, die man mit irgendjemandem auf der Welt teilte. Eine Erinnerung, von der man zehren konnte, zu der man sich an manchen Zeiten vielleicht sogar zurücksehnte, aber vor allem eines machte sie aus: Man bereute sie nicht. Und ihm fiel verdammt noch mal auch kein Grund ein, warum er das hier bereuen sollte.
Seine Finger hatten sich ganz automatisch um ihre Hüfte gelegt, verschmolz die beiden Körper zu einer lockeren, aber vertrauten Umarmung. Er würde diesen Moment wie jeden anderen in seinem Gedächtnis behalten, würde daran zurückdenken, wenn ihm danach war, an die Sinnlichkeit, die Vertrautheit, die sich zwischen ihnen eingestellt hatte. Er lebte zu sehr im Moment, als dass er ihm hinterher trauern würde. Für ihn war es selbstverständlich, dass kaum, dass sie sich trennten, wieder Normalität einkehren würde und niemand außer diesem Ort und ihrer beider Erinnerung Zeuge dafür sein würden, was geschehen war. Wie viel Zeit verging, bis es soweit war, konnte er nicht sagen. Nur langsam zog Skadi den Kopf zurück und ließ sich wieder auf ihre Füße gleiten, während Liam die Augen öffnete und zu den Schatten hinab sah, die ihre sanfte Kontur in die Dunkelheit zeichneten. Liam schwieg, während er das Gefühl nicht los wurde, dass da mehr hinter ihrem Blick war. Fast so, als wüsste sie mehr als er. Als wüsste sie doch bereits, dass sie die Sphinx nicht lange begleiten würde. Doch ausnahmsweise interessiere ihn dieses Geheimnis nicht. Die nächsten Tage und Wochen würden ihm ohnehin eine Antwort bescheren – nicht bloß in Skadis Fall. Und er hatte keinen Grund, an irgendeiner Entscheidung etwas ändern zu wollen. Denn er wusste, wie das Leben funktionierte. Es führte zusammen und es trennte. Und er kannte viele Arten von Abschieden. Das hier war einer der Schöneren, beschloss er für sich und folgte der hübschen Gestalt der Jüngeren auf den Pfad, der sie zurückführen würde. Zurück in den Alltag und raus aus dieser kleinen, heilen Welt, die sie zumindest für diesen Abend hatten genießen können.